09 FRIEDENSSTRATEGIEN UND SZENARIEN: ZUR SOZIOLOGIE DER FRIEDENSBEWEGUNG

09.4 Christen: der auf die Erde geholte Gottesfrieden als realpolitische Strategie

Die 'friedensstiftende' Tradition des Christentums und die enorme institutionelle Bedeutung der Kirchen machen diese Gruppe zu einem der wichtigsten Faktoren in der modernen Friedensbewegung. Konzeptionell, 'grundlagentheoretisch' und auch bezüglich ihres Praxisbegriffs ist 'theologische Friedenswissenschaft' hochentwickelt.(1) Zusammen mit anderen religiösen Gruppen haben pazifistische Christen das Prinzip 'global denken, lokal handeln' mit am konsequentesten realisiert.

Andererseits hat sich in der christlichen Tradition ein vielfältiges und höchst widersprüchliches Verhältnis zu Macht und Herrschaft, zu 'hoher Politik' und 'Obrigkeit', ja zu Gewalt und Krieg herausgebildet. Diese Traditionen reichen von der Subversivität der urchristlichen Gemeinden über das weltliche Herrschaftshandeln des Papsttums und andere Arrangements mit staatlicher Macht bis zu neueren Praktiken christlichen Ungehorsams(2) und ausgefeilten theologischen Begründungen des Verhältnisses von christlicher Friedensveranwortung und politischem System.

Noch 1948 konnte sich die Amsterdamer Gründungsversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen, auch wenn im Gründungsdokument der Satz 'Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein' steht, auf keinen gemeinsamen Standpunkt einigen: "Da sind zunächst jene, die die Überzeugung haben, daß, wenn der Christ auch unter bestimmten Umständen wird in den Krieg ziehen müssen, ein moderner Krieg mit seinen allumfassenden Zerstörungen niemals ein Akt der Gerechtigkeit sein kann. - Das es gegenwärtig unparteiische, übernationale Instanzen nicht gibt, so meinen andere, militärische Maßnahmen seien das letzte Mittel, um dem Recht Geltung zu verschaffen, und man müsse die Staatsbürger klar und deutlich lehren, daß es ihre Pflicht ist, das recht mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt. - Wieder andere lehnen jeden kriegsdienst irgendwelcher Art ab und sind überzeugt, daß Gott von ihnen verlangt, bedingungslos gegen den Krieg und für den Frieden Stellung zu nehmen, und nach ihrer Meinung müßte die Kirche im gleichen Sinn sprechen."(3)

Zugleich ist anzumerken, daß, im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg, während des Zweitens Weltkriegs der Zusammenhang zwischen kirchlichen Organisationen über die Fronten hinweg nicht zerriß; hier blieb eine Basis für den internationalen Friedens- und Entspannungsprozeß erhalten, welche die heutige Rolle internationaler nicht-staatlicher Organisationen vorwegnahm.

Die zweitausendjährige Erfahrung mit der Verwandlung von Ohnmacht in Macht im Interesse transzendentaler Werte hat die Vertreter der kirchlichen Institutionen für das Hineintragen 'normativer Innovationen' in den Orientierungs- und Handlungshorizont der Regierenden besonders kompetent gemacht.

Gerade im aktuellen politischen Geschehen - dazu gehören der qualitative Sprung in der Entspannungspolitik ebenso wie die Umbrüche im 'realen Sozialismus' - ist über kirchliche Kreise die wirkungsvollste Vermittlung zwischen sozialen Bewegungen und staatlich-politischen Entscheidungsträgern gelaufen. (Schon Helmut Schelskys Formel aus den fünfziger Jahrren von den Evangelischen Akademien als 'institutionalisierter Dauerreflexion' hatte auf die besondere Rolle hingedeutet, die kirchlichen Institutionen als Vermittlungsinstanz zwischen 'Freiräumen' und 'System' zukommt.) Dieses Spannungsfeld bringt es selbstverständlich mit sich, daß der christlichen Friedensbewegung sowohl 'Zuspätkommen' als auch 'Vorpreschen' vorgeworfen werden konnte.(4)

Unbestreitbar ist, daß im Schutz der Kirchen (mit weltweit unterschiedlichen Akzenten: z.B. hierzulande stärker im evangelischen, in Lateinamerika im katholischen Kontext) und eng verbunden mit bestimmten theologischen Strömungen (z.B. Befreiungstheologie) bedeutsame Beiträge zur Friedensforschung entstanden sind.(5)

Die christlich geprägte Friedensforschung - die ja auch mit den alten, allzu engen Bündnissen zwischen Altar und Militarismus fertig werden mußte - hat nicht zuletzt einen besonderen historischen Ernst in die Aufarbeitung der jüngsten geschichtlichen Perioden gebracht, vom faschistischen 'Militär-Industrie-Nationalismus-Komplex' bis zur Remilitarisierungsdebatte der fünfziger Jahre. Ein anderer mit der christlichen Tradition verbundener Aspekt ist die Exploration von Möglichkeiten der nicht-militärischer Verteidigung: "Ich will jetzt vielmehr untersuchen, ob und wie mit Hilfe von gewaltfreiem Widerstand ein so hoher Aufenthaltspreis (für den potentiellen gegnerischen 'Besatzer', HJK) zustande kommt, daß diese Methode allein eine ausreichende Verteidigung darstellt...Hier im Kreis evangelischer Gemeindeglieder kann ich es direkt sagen, daß hinter des Kaufmanns ('Aufenthaltspreis', HJK) als Motivation die Überlegungen eines gewissen Zimmermanns aus Nazareth stehen..."(6)

Von nicht zu überschätzender Bedeutung ist außerdem die 'weltkirchliche Perspektive' in den meisten christlichen Friedensaktivitäten.
Verlangt wurde immer nicht nur "eine friedenswissenschaftlich fundierte Einschätzung des Charakters östlicher Bedrohung für die Menschen im Westen", sondern auch eine gleichermaßen "fundierte Einschätzung des Charakters der westlichen Bedrohung für die Menschen im Osten" und eine "detaillierte Prüfung der Interessen und Absichten, die mit militärischen und militärpolitischen Planungen im Kontext des Abschreckungssystems verbunden sind"(7) . Vor allem aber die friedensgefährdenden Potentiale des Nord-Süd-Gegensatzes sind im Ökumenischen Rat der Kirchen, in den konfessionellen Weltbünden und auch von Papst und Bischofssynode immer wieder ins Bewußtsein der Weltöffentlichkeit getragen worden. Außerdem sind in diesen Fragen die Kontakte zum UNO- und UNESCO-System kontinuierlich ausgebaut worden.

Die Formel 'global denken, lokal handeln' hat im christlichen Kontext noch eine weitere Evidenz, weil im religiösen Wissen sowohl der globale als auch der lokale Denk- und Handlungshorizont durch die Bedeutungsgehalte dessen, was mit 'Gott' und 'Seele' gemeint ist, so tief dimensioniert wird, daß enorme moralische Intensitäten freigesetzt werden, die zweifellos den grenzüberschreitenden, menschheitssolidarischen Charakter der modernen Friedensbewegung insgesamt geprägt haben.

Man sollte deshalb auch sehr genau auf die Utopien, die Vorstellungen von einer friedlichen Welt hören, die im christlichen Raum artikuliert werden. Sie sind nämlich durch einen am Machbarkeitskriterium jahrtausendelang geschulten 'realistischen Idealismus' geprägt. "Die Kirche muß also gegründet sein auf zwei gleichberechtigten Säulen. Auf der einen Seite bedarf sie der amtlichen Struktur; sie bedarf dessen, was in der katholischen Schultheologie die 'successio apostolica' genannt wird: die apostolische Nachfolge im Sinne einer institutionellen Kontinuität der Kirche, um in der Geschichte fortzuexistieren und in der heutigen Gesellschaft relevant zu sein. Auf der anderen Seite aber bedarf die Kirche der Propheten, sie bedarf der 'successio prophetica', um ihren Auftrag im Hier und Heute adäquat erfüllen zu können." - Und Greinacher betont, "daß der Schrei nach Gerechtigkeit und die prophetische Antwort darauf eine unabdingbare politische Dimension" haben. "Man kann nicht in der Öffentlichkeit eintreten gegen Unterdrückung und Ausbeutung und Ungerechtigkeit und für Gerechtigkeit und Frieden und Freiheit und Gleichheit eintreten und gleichzeitig meinen, dies sei ein unpolitischer Vorgang."(8)

Für die vorherrschende liberale christliche Geisteshaltung, zusätzlich geprägt von Diskursen mit Wissenschaft und Politik, steht in der Bundesrepublik vor allem Carl Friedrich von Weizsäcker: "Friede ist die Fähigkeit der Menschen, miteinander zu leben. Familien, Dörfer, Städte, Staaten bedürfen des inneren Friedens; in Jahrtausenden der Kulturentwicklung haben sie ihn schlecht und recht geschaffen und erhalten. Frieden in den Staaten war im Grundsatz rechtlich geboten und geschätzt. Friede zwischen den Staaten war nicht rechtlich geboten. Krieg war und ist ein völkerrechtlich anerkannter Zustand; in diesem Sinne des Wortes ist Krieg eine Institution. Es hat den Ruhm und Glanz der Kriege gegeben; aber auch von dem unsagbaren Elend des Kriegs berichten die Zeugen der Jahrtausende. Alte Religionen kündigen ein Friedensreich an. In der neuzeitlichen Aufklärung entstand die Hoffnung, durch eigen Reifung der Kultur die Institution des Krieges zu überwinden. Heute ist die Schreckensvision aufgestiegen, der nächste imperiale Krieg könnte die Menschheit und die belebte Natur auf der Erde vernichten. Sie ist als verdrängte Angst auch in den Seelen derer, die nicht an sie glauben wollen. Haben wir eine Zukunft?"(9)

In solcher Sicht auf die Weltrealität sind das Positive und das Bedenkliche christlicher Friedensstrategien unauflöslich miteinander verbunden. Es ist die Ergebenheit in ein Schicksal, das ohnehin in der Hand eines Höheren liegt, zu verspüren; es ist aber auch das aufs Allgemeine gebrachte sittliche Empfinden 'aller Menschen guten Willens' ausgedrückt, gewissermaßen als Grundschicht für jede Art von Friedensaktivität einschließlich der gesunden Skepsis gegenüber Halbgöttern in Weiß, Schwarz und mit Brille.(10)

(1) Birckenbach 1983; Baadte 1984
(2) Th.Ebert in Birckenbach 1983
(3) zit. in: Baadte/Boyens/Buchbender 1984, 15f
(4) vgl. Rajewsky in: Birckenbach 1983
(5) vgl. vor allem Forschungsstelle der Evangelischen Studiengemeinschaft (FESt)
(6) Theodor Ebert, Soziale Verteidigung, Waldkirch 1983, Bd.2, 177
(7) Birckenbach 1983, 9
(8) N.Greinacher, 'Wer Ohren hat zu hören, kann die Schreie der Menschen hören'. Die prophetische Dimension der Theologie der Befreiung führt zu einer demokratischen Kirche, Frankfurter Rundschau v.14.4.1990, 10
(9) C.F.v.Weizsäcker 1988, 16
(10) wie Hanne-Margret Birckenbach es bezüglich des Autoritätsanspruchs von Ärzten, Pfarrern und Wissenschaftlern in der Friedensbewegung ausdrückt, Birckenbach 1983, 11


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