09 FRIEDENSSTRATEGIEN UND SZENARIEN: ZUR SOZIOLOGIE DER FRIEDENSBEWEGUNG

09.3 Der Lysistrata-Effekt: Frauenemanzipation und Pazifismus

Die Frauenbewegung ist bei all ihrer Differenziertheit historisch und aktuell wie kaum eine andere Emanzipationsbewegung in pazifistische Traditionen eingebunden.(1) Sie artikuliert in zunehmendem Maße eigene Friedensstrategien. "Heute wie damals stehen feministische Positionen im Spannungsfeld zwischen einer Betonung der Gleichheit von Frau und Mann - mit der daraus abgeleiteten Forderung nach gleichen Rechten - und der Betonung eines Andersseins der Frau, das mit einem moralischen Überlegenheitsanspruch die männliche Wert- und Weltordnung in Frage stellen will. Das ist auch und besonders da der Fall, wo es um Gewalt und Macht, um Krieg und Frieden geht."(2)

Es ist falsch, von einem ganz und gar spezifischen Beitrag der Frauenbewegung zu den Vorstellungen von einer friedlichen Welt und vom Weg dorthin zu sprechen. Einige Akzente und Elemente sind jedoch nicht zu übersehen:

Der 'Pazifismus' der Frauenbewegungen und ihre Friedensstrategien sind also letztlich, auch wenn es hier die großen und sympathischen Vereinfacherinnen gibt, von einem beträchtlichen Realismus gekennzeichnet. Er beruht auf den besonderen Erfahrungen mit Gewalt, Macht und Unterdrückung, mit deren gröbsten, aber auch subtilsten Formen und mit den entsprechenden 'Gegenstrategien der Unterdrückten'.

Friedensstrategien, die nicht berücksichtigen, daß angesichts des noch vorhandenen ungeheuren Gewalt- und Konfliktpotentials auf diesem Planeten gerade nach einem Zurückdrängen von militärischen Formen der Auseinandersetzung 'Kampf' noch lange Zeit ein Element von Zivilisation, auch von Weltzivilisation sein wird, haben sicher keine Chance.

Ein weiteres Moment: die Sicht des politischen Kampfes aus der Perspektive des Familienlebens, der unmittelbaren zwischenmenschlichen Beziehungen, die Herstellung einer Gedankenverbindung zwischen der 'großen' und der 'kleinen' Politik tragen die Gefahr der Naivität in sich. Das Bewußtsein von diesem Zusammenhang bei Einsicht in die vielen Zwischenschritte und Verbindungsstufen, also das Wissen um die hochgradige Vermitteltheit zwischen subjektiven Handlungen und objektiven Strukturen ist aber, das zeigt sich immer wieder, bei 'Frauen in der Politik' besonders ausgebildet, ja inzwischen ein 'parteiübergreifender', eigenständiger Faktor in der Politik geworden.(4)

Schließlich: die Frauenbewegung hat als organisierte Bewegung viele einfallsreiche, sozusagen entwaffnende Formen des Einwirkens auf Regierungen und Parlamente erfunden und bringt damit auch eigenes Organisationswissen in die Kämpfe für Frieden und Abrüstung ein. "Jedenfalls haben wir aus den vielen Erfahrungen gelernt, daß wir die Kurzform revolutionärer Theorien nicht anwenden können: Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Das sind alles unbrauchbare Formeln für Frauen, die Männer lieben und Söhne haben, die zu Männern werden."(5)

Herrad Schenk führt folgende Schwerpunkte des feministisch-pazifistischen Engagements auf:

(1) Brinkler-Gabler 1980; Mitscherlich 1985; Schenk 1983
(2) Schenk 1983, 82
(3) nehmt den Jungens das Kriegsspielzeug weg
(4) vgl. Frauen gegen Rechtsradikalismus, Frankfurter Rundschau v.2.3.90
(5) Helke Sander, Über die Beziehungen von Liebesverhältnissen und Mittelstreckenraketen, in: Courage, 4, 1980, 21
(6) Schenk 1983, 168f


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