Die Frauenbewegung ist bei all ihrer Differenziertheit historisch und aktuell wie kaum eine andere Emanzipationsbewegung in pazifistische Traditionen eingebunden.(1) Sie artikuliert in zunehmendem Maße eigene Friedensstrategien. "Heute wie damals stehen feministische Positionen im Spannungsfeld zwischen einer Betonung der Gleichheit von Frau und Mann - mit der daraus abgeleiteten Forderung nach gleichen Rechten - und der Betonung eines Andersseins der Frau, das mit einem moralischen Überlegenheitsanspruch die männliche Wert- und Weltordnung in Frage stellen will. Das ist auch und besonders da der Fall, wo es um Gewalt und Macht, um Krieg und Frieden geht."(2)
Es ist falsch, von einem ganz und gar spezifischen Beitrag der Frauenbewegung zu den Vorstellungen von einer friedlichen Welt und vom Weg dorthin zu sprechen. Einige Akzente und Elemente sind jedoch nicht zu übersehen:
wegen der in den meisten Kulturen etablierten 'militärfernen' Rolle der Frau sind von Frauen und feministischen Organisationen viele 'häusliche', aus dem Familienleben stammende Zielvorstellungen in die pazifistische Bewegung eingebracht worden;
gleichzeitig, und das ist vielleicht am wichtigsten, haben Frauen vermitteln können, daß es viel mehr Formen des konstruktiven Auslebens von Aggressivität gibt, als bisher überhaupt im allgemeinen Blickfeld liegen. Es geht vor allem auch um reifere Formen der Konfliktaustragung - an deren Beginn der Satz stehen könnte: take the toys from the boys(3)
Der 'Pazifismus' der Frauenbewegungen und ihre Friedensstrategien sind also letztlich, auch wenn es hier die großen und sympathischen Vereinfacherinnen gibt, von einem beträchtlichen Realismus gekennzeichnet. Er beruht auf den besonderen Erfahrungen mit Gewalt, Macht und Unterdrückung, mit deren gröbsten, aber auch subtilsten Formen und mit den entsprechenden 'Gegenstrategien der Unterdrückten'.
Friedensstrategien, die nicht berücksichtigen, daß angesichts des noch vorhandenen ungeheuren Gewalt- und Konfliktpotentials auf diesem Planeten gerade nach einem Zurückdrängen von militärischen Formen der Auseinandersetzung 'Kampf' noch lange Zeit ein Element von Zivilisation, auch von Weltzivilisation sein wird, haben sicher keine Chance.
Ein weiteres Moment: die Sicht des politischen Kampfes aus der Perspektive des Familienlebens, der unmittelbaren zwischenmenschlichen Beziehungen, die Herstellung einer Gedankenverbindung zwischen der 'großen' und der 'kleinen' Politik tragen die Gefahr der Naivität in sich. Das Bewußtsein von diesem Zusammenhang bei Einsicht in die vielen Zwischenschritte und Verbindungsstufen, also das Wissen um die hochgradige Vermitteltheit zwischen subjektiven Handlungen und objektiven Strukturen ist aber, das zeigt sich immer wieder, bei 'Frauen in der Politik' besonders ausgebildet, ja inzwischen ein 'parteiübergreifender', eigenständiger Faktor in der Politik geworden.(4)
Schließlich: die Frauenbewegung hat als organisierte Bewegung viele einfallsreiche, sozusagen entwaffnende Formen des Einwirkens auf Regierungen und Parlamente erfunden und bringt damit auch eigenes Organisationswissen in die Kämpfe für Frieden und Abrüstung ein. "Jedenfalls haben wir aus den vielen Erfahrungen gelernt, daß wir die Kurzform revolutionärer Theorien nicht anwenden können: Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Das sind alles unbrauchbare Formeln für Frauen, die Männer lieben und Söhne haben, die zu Männern werden."(5)
Herrad Schenk führt folgende Schwerpunkte des feministisch-pazifistischen Engagements auf:
2. Krieg ist nur eine, wenngleich besonders destruktive, Art der Gewalt - feministisches Engagement in der Friedensbewegung muß auch heißen, die Beziehungen zwischen den verschiedenen Formen der Gewalt (kriegerische Gewalt und Alltagsgewalt, Gewalt zwischen Männern und Gewalt von Männern gegen Frauen, Gewalt, deren Opfer Frauen werden und solche, die sie selbst ausüben usw.) herauszuarbeiten, ihre Wurzeln in den sozialen Institutionen aufzuspüren und anzugehen.
3. Der Krieg nutzt die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung aus; er baut auf ihr auf - also bedeutet feministisches Engagement in der Friedensbewegung eines Auseinandersetzung mit der Auswirkung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung im militärischen Bereich und ihren Zusammenhängen mit der Arbeitsteilung im Frieden. Frauen dürfen sich nicht mit der Verweigerung des Dienstes mit der Waffe und der vorsorglichen Verweigerung der Hilfsdienste im Krieg begnügen. Sie müssen den Mechanismus selber zerstören, der bewirkt, daß Frauen, wo immer sie hingestellt werden, willig kompensatorische, stützende, ergänzende Funktionen übernehmen, ohne einen Einfluß auf den Gesamtzusammenhang zu haben.
4. Die Waffen und Organisationsstrukturen, die das Gesicht des modernen Krieges prägen, sind ein Produkt männlich dominierter Wissenschaft und Technik - also bedeutet feministisches Engagement in der Friedensbewegung auch die Auseinandersetzung mit Technokratie, Expertokratie, Bürokratie, ganz allgemein mit den Gesetzmäßigkeiten, die sich im öffentlichen Bereich nach der Abspaltung und Ghettoisierung des weiblichen Prinzips in den privaten Bereich entwickelt haben.(6)