Zu den Idealen der bürgerlichen Revolution gehörte auch die Utopie einer künftigen friedlichen Industriegesellschaft mit einer vernünftigen Arbeitsteilung der sie tragenden Gruppen: "Ich glaube, alle Klassen der Gesellschaft würden sich bei nachfolgender Organisation wohlbefinden: Die geistige Macht befindet sich in den Händen der Wissenschaftler; die weltliche Macht liegt in den Händen der Eigentümer; die Macht, diejenigen zu benennen, welche die Funktion großer Menschheitsführer auszüben berufen sind, obliegt allen."(1)
Solche Elitenvorstellungen sind, darauf hat etwa H.J. Sandkühler hingewiesen(2) , zunächst einmal charakteristisch auch für humanistische und pazifistische Bewegungen innerhalb des Bildungsbürgertums. Bis in die Gegenwart dominieren Vorstellungen eines gerechten Weltfriedens unter der Vorherrschaft benevolenter Kultureliten vor allem in den großen internationalen staatlichen und nicht-staatlichen Organisationen. Die Kraft dieser Utopie, geschöpft aus der 'abendländischen' Tradition, ist wohl nicht zu unterschätzen.(3)
Ein Ausschnitt aus dieser Tradition: "Die Geistesgeschichte der Neuzeit vereinigt mit der Friedensbotschaft des Christentums die humanistisch erfaßten Überlieferungen des klassischen Altertums und entwickelt daraus eine eigene, moderne Auffassung internationaler Gemeinschaft. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts tritt der Führer der älteren Humanisten Erasmus von Rotterdam als Vertreter der Friedensidee bedeutsam hervor, im 17. ein zweiter Niederländer, der Vater des Völkerrechts, Hugo de Groot (Grotius), dessen Werk 'De jure belli et pacis' im Jahre 1624 erschien. Ihm folgten in Deutschland noch im 17. Jahrhundert Samuel Freiherr von Pufendorf und Christian Thomasius. In Frankreich vertrat der berühmte Fénélon durchaus pazifistische Gedanken...Neben ihm sind Männer wie Pascal, Boileau, La Bruyère, Pierre Bayle zu nennen, in England der Philosoph John Locke. In die gleiche Zeit fällt die für die Zukunft so folgenreiche, noch in der Gegenwart religiös, humanitär und politisch bedeutsame Quäker-Bewegung. Im Jahre 1693 erschien William Penn's 'Essay on the present and future peace in Europe'."(4)
Das Bildungsbürgertum ist eine interessante, bestimmende Schicht der zivilen Gesellschaft in Deutschland, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts an Bedeutung gewinnt, indem sie, wegen der verspäteten kapitalistischen Industrialisierung, manche Utopien und Möglichkeiten des heraufkommenden Industriezeitalters ausspinnen kann, bevor der harte Alltag einer expansiven Profitwirtschaft auch sie in die Prozesse der Rationalisierung und Bürokratisierung einspannt.
Den Angehörigen des Bildungsbürgertums ist gemeinsam, daß sie eine akademische Ausbildung besitzen:
Die zweite wichtige Gruppe sind die Angehörigen der freien Berufe: Ärzte, Rechtsanwälte sowie Schriftsteller, Journalisten, Künstler und Redakteure.
Vondung zählt dann auch noch 'Randgruppen' hinzu: die katholischen Geistlichen, Volksschullehrer, Ingenieure und Techniker, freischwebende Adelige, die Boheme, geistige und politische Führer der Arbeiterbewegung.
Auch wenn wir uns auf die beiden ersten, die Hauptgruppen des Bildungsbürgertums konzentrieren, sind Verallgemeinerungen über ihr Verhältnis zu Friedensfragen problematisch. Zu deutlich ist ihr Engagement im Umfeld der beiden Weltkriege im Gedächtnis. "Ungefähr zehntausend Pazifisten waren am Vorabend des ersten Weltkrieges in der deutschen Friedensbewegung organisiert. Es war, da die Arbeiterbewegung unter ihrem damals noch geltenden Dogma des Klassenkampfes unbedingt Abstand hielt, eine rein bürgerliche Bewegung, geprägt von linksliberalen Honoratioren, die sich als oppositionelle Minderheit gegenüber dem wilhelminischen Militär- und Obrigkeitsstaat empfand. Und wie in bürgerlichen Honoratiorenvereinigungen üblich, bestand die Majorität der Mitglieder aus wenig aktiven Sympathisierenden. Die Protagonisten der Friedensbewegung mußten es mindestens in Kauf nehmen, belächelt zu werden, wie es den beiden Vorkämpfern einer pazifistischen Völkerrechtslehre, Walther Schücking und Hans Wehberg, im akademischen Umkreis geschah."(6)
Der Schock des Kriegserlebnisses veränderte zwar die öffentliche Akzeptanz und erweiterte den Aktionsradius, doch was Carl von Ossietzky über diesen Strang der Friedensbewegung zu sagen hatte, klingt nicht sehr schmeichelhaft: "Die Sentimentalität von einst ist robustem Deklamatorentum gewichen, die freundliche Predigt der (Bertha von) Suttner den haßerfüllten Expektorationen wilder Männer. Dazu sind gestoßen Fanatiker und Sektierer aller Art, Projektenmacher mit dem Kardinalsrezept für alle Weltübel, Allerweltsreformer, die das Fleisch verabscheuen, infolgedessen Muskelkraftt und alles Maskuline überhaupt...Die Politiker sind zwischen Querulanten und wunderlichen Heiligen in der Minderzahl. Sie haben das Ihrige getan, aber es ist ihnen bisher nicht gelungen, die Bewegung als solche an den Realitäten zu orientieren."(7)
Was damals alles noch 'gären' mochte und in diesem Zitat auch etwas ungerecht behandelt wird, hat sich zweifellos 'an den Realitäten' der letzten fünfzig Jahre geklärt. In den folgenden Schlagworten kommt die heutige vielschichtige Stimmungslage von Pazifisten dieser sozialen Herkunft durchaus adäquat zum Ausdruck:
Vor allem ist, wie gesagt, der Gedanke der Gerechtigkeit und einer globalen friedlichen Rechtsordnung, eines Friedensvölkerrechts(9) , dem Bildungsbürgertum besonders nahe. Das moderne Völkerrecht ist ja in gewisser Weise entstanden, um dem sich herausbildenden Weltmarkt ein Untergerüst der Vertragssicherheit zu verschaffen, das über die zwischenstaatlichen Beziehungen - obgleich Staaten die Subjekte des Völkerrechts bleiben - hinausreicht. Das moralische Gewissen im Völkerrecht will verrechtlichen, daß 'zwischen' den Staaten eine nicht mehr territorial einzugrenzende Realität - zunächst des Handels und Wandels - heranwächst, in welcher es dann vor allem die schlimmsten Folgen von grenzüberschreitender Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu mildern gilt.
"Mir scheint, daß unser dringendstes Ziel die Wiederherstellung des Konzepts der kollektiven Maßnahmen für Frieden und Sicherheit der Charta ist, um die Vereinten Nationen stärker zur Ausübung ihrer wichtigsten Funktionen zu befähigen. Das Fehlen eines effektiven Systems der kollektiven Sicherheit im Völkerbund hat - neben anderen Faktoren - zum Zweiten Weltkrieg geführt. Obwohl wir uns heute einer stark veränderten Weltlage gegenübersehen, benötigen die Regierungen mehr denn je ein funktionierendes System der kollektiven Sicherheit, dem sie wirklich vertrauen können. Ohne ein solches System werden sich die Regierungen gezwungen sehen, über ihre eigenen Sicherheitsbedürfnisse hinaus aufzurüsten und dadurch die allgemeine Unsicherheit zu vergrößern. Ohne ein solches System wird die Weltgemeinschaft auch fernerhin nicht die Macht besitzen, um sich mit militärischen Abenteurern, die das gesamte System des internationalen Friedens bedrohen, auseinanderzusetzen, und die Gefahr einer Ausdehnung und Eskalation von lokalen Konflikten wird entsprechend ansteigen. Ohne ein solches System wird es weder eine verläßliche Beteiligung noch einen Schutz für die Kleinen und Schwachen geben. Und ohne ein solches System könnten alle unsere Anstrengungen auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet, die ebenfalls ihres eigenen kollektiven Antriebs bedürfen, sehr wohl ins Stocken geraten."(10)
Es versteht sich fast von selbst, daß aus der Schicht des Bildungsbürgertums stammende friedensstrategische Anregungen im allgemeinen recht passend auf die Mentalität der Regierenden (die sich sozial aus der gleichen Schicht rekrutieren) zugeschnitten und deshalb auch am ehesten 'angenommen' werden. Solche Friedensstrategien gehen meist mit einer emphatischen Bejahung der Rolle der UNO einher.(11)
Es ist kaum zu überschätzen, daß sich heute, im Gegensatz zur Zeit vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, große Teile des Bildungsbürgertums (zu denen ja auch die Wissenschaftler, die Wortführer der christlichen Friedensbewegung usw. gehören - s.u.) durchaus mit den pazifistischen Traditionen, die im 18. und 19. Jahrhundert begründet wurden, identifizieren. Ja es findet sogar so etwas wie eine Renaissance, eine produktive Rückbesinnung auf diese geistigen Quellen statt - etwa durch die umfassende Erforschung der Geschichte des Bildungsbürgertums, die eingesetzt hat.(12)
(1) Claude-Henri de Saint-Simon, Briefe eines Genfer Einwohners an seine Zeitgenossen, in: Ausgewählte Schriften, hg. v. L.Zahn, Berlin 1977, 27
(2) H.J.Sandkühler, Philosophie des Friedens, in: Holz/Sandkühler 1982
(3) vgl. Albertz 1983; Rajewsky/Riesenberger 1987
(4) Fabian/Lenz 1985 (1922), 7
(5) vgl.K.Vondung (Hg.), Das wilhelminische Bildungsbürgertum. Zur Sozialgeschichte seiner Ideen, Göttingen 1976, 25ff
(6) Benz 1988, 12
(7) zit. bei Benz 1988, 13
(8) Zwischenüberschriften aus: Rajewsky/Riesenberger 1987
(9) vgl. z.B. Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht, Ruhr-Universität Bochum
(10) UN-Generalsekretär Pérez de Cuéllar 1982, zit. bei E.O.Czempiel 1986, 209
(11) vgl.W.v.Bredow, Geschichte und Organisation der UNO, Köln 1988
(12) z.B. J.Kocka (Hg.), Bürger und Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert, Göttingen 1987