08 NEUORIENTIERUNGEN SOZIOLOGISCHER THEORIE

08.7 Der Prozeß der Zivilisation

So müssen wir uns von der Fixierung auf staatliches Handeln lösen und auf die Entwicklung von 'ziviler Gesellschaft' achten.

Wie wenige andere steht Norbert Elias für ein theoretisches Programm, das sich mit langfristigen gesellschaftlichen Prozessen 'ganz dicht am Material', eng bezogen auf die kulturellen Manifestationen (der Literatur, Kunst, der Alltagskultur usw.) befaßt und daraus verallgemeinernde Schlüsse für den Gang der Zivilisation zieht.(1) Die Friedensforschung ist erst anekdotisch, später zunehmend systematisch ebenfalls auf das Phänomen der 'Verfeinerung der Sitten', der 'Sublimierung' beispielsweise aggressiver Dispositionen gestoßen. In den 70er Jahren haben die Friedensforscher, auf der Suche nach theoretischen Anregungen, neben der Systemtheorie und dem Historischen Materialismus, dann die Schriften von Elias neu für sich entdeckt. Und, das ist der umgekehrte Weg, nicht zuletzt durch diese 'friedenswissenschaftliche' Wiederentdeckung des Hauptwerks von Elias (das erstmals, in seiner Emigration, 1936 erschienen ist) sind Autor und Theorie für den allgemeine sozialwissenschaftliche Theorieentwicklung noch einmal zentral geworden.

Dieter Senghaas formuliert in der Auswertung seiner Erfahrungen mit der Friedensforschung das Konzept des Prozesses der Zivilisation so: "Im internationalen System lassen sich zwei Prozesse von langer Dauer beobachten: Machtrivalitäten unterschiedlicher Reichweite sowie Vernetzungen (Interdependenz) unterschiedlicher Dichte. Mit beiden Erscheinungen beschäftigt sich die Friedensforschung: Mit Machtrivalitäten, weil aus ihnen Gewalt, im Grenzfall Kriege, erwachsen können; mit Interdependenzen, weil sie Machtrivalitäten unterlaufen oder überwölben sollen. Zwischen beiden Erscheinungen besteht ein dialektischer Zusammenhang: Je unverstellter die Machtrivalitäten, um so weniger haben die Interdependenzen Chancen, Konflikte abfedern zu helfen; je ausgeprägter Interdependenzen, um so größer die Wahrscheinlichkeit, Machtrivalitäten in den Hintergrund zu drängen sowie unvermeidliche Interessenkonflikte in friedliche Bahnen zu lenken."

Seine zentrale These lautet dann: "Potentiell gewalttätige und vor allem kriegerische Machtrivalitäten in eine friedliche Konfliktregelung zu überführen, ist Inhalt des Zivilisationsprozesses. In ihm geht es also um die Transformation von Konflikten. Dabei wird Macht nicht eliminiert, sondern eingegrenzt. Sie wird durch die Verrechtlichung der Auseinandersetzungen eingehegt."(2)

Während Elias in seinen Untersuchungen im wesentlichen Materialien aus der abendländischen Kulturgeschichte und vor allem aus dem Übergang vom Feudalismus zur Moderne auswertet, wird die friedenswissenschaftliche Fortführung seines Ansatzes für die allgemeine Theorieentwicklung vor allem da interessant, wo jenseits der 'Grenzen des westlichen Territorialstaates' (Senghaas) sich 'Zivilisatorisches' durchsetzt: "Wird es auch jenseits seiner Grenzen zur Herausbildung von zivilisierten, das heißt institutionell und rechtlich eingehegten Formen des politischen Konfliktes kommen?"(3) Und, muß man unbedingt ergänzen, wie fügen sich dann Auschwitz und Vietnam und vieles andere - bis hin zur Art und Weise der 'Lösung' des Golf-Konflikts - in die Erfahrungen des 'westlichen Zivilisationsprozesses'?

Senghaas geht unseres Erachtens allerdings einen problematischen Weg, wenn er die 'westlichen Gesellschaften' als 'demokratische Rechtsstaaten' mit hochgradiger gegenseitiger Vernetzung gegen die 'sozialistische Staatenwelt' mit ihren 'zivilisatorischen Defiziten' und vor allem auch gegen das geringe Differenzierungsniveau der 'Dritten Welt' ausspielt. Diese Denkmuster verstellen eher die Tatsache, daß zivilisatorische Leistungen aus ganz unterschiedlichen Kulturen in eine friedliche Weltkultur eingehen können. Gerade der Umbruch in der 'sozialistischen Staatenwelt' wäre ohne das dort bereits herangewachsene demokratische und zivilisatorische Potential gar nicht denkbar.

Wie immer die politischen Reformversuche Gorbatschows ausgehen mögen, für das politische Denken, auch für einen umfassenderen Zivilisierungsbegriffs, sind von dort wichtige theorierelevante Einsichten formuliert worden: "Vor allem muß der Anflug von Konfrontation, der absoluten, metaphysischen Gegenüberstellung der modernen Gesellschaftssysteme von ihnen genommen werden. Das Leben selbst, seine Dialektik, die globalen Probleme und Gefahren, vor denen die Menschheit steht, machen den Übergang von der Konfrontation zur Zusammenarbeit der Völker und Staaten, unabhängig von ihrer Gesellschaftsordnung, erforderlich. - Zur Überwindung des konfrontativen Vorgehens trägt die Tatsache bei, daß wir den Umstand berücksichtigen müssen, ein Teil der menschlichen Zivilisation zu sein, für deren Erhaltung wir die Verantwortung tragen. Jedoch in der Hitze der direkten Konfrontation mit dem Kapitalismus haben wir offensichtlich die Bedeutung vieler Errungenschaften nicht voll berücksichtigt, die die Menschheit im Laufe von Jahrhunderten geschaffen hat."

Gorbatschow fährt fort: "Zu diesen Leistungen der Zivilisation gehören nicht nur die einfachen Normen von Moral und Gerechtigkeit, sondern auch formale Rechtsprinzipien, z.B. die Gleichheit aller vor dem Gesetz, die Rechte und Freiheiten der Persönlichkeit, die Prinzipien der Warenproduktion und des äquivalenten Austauschs, die auf der Wirkung des Wertgesetzes basieren. Immer deutlicher setzt sich heute im gesellschaftlichen Bewußtsein der Gedanke durch, daß Warenproduktion und ökonomische Methoden der Leitung auf dem gegenwärtigen Entwicklungsniveau des Sozialismus zu dessen integrierenden Bestandteilen gehören."(4)

Es besteht offenbar eine nicht mehr national oder 'systemisch' begrenzte, weltweite Notwendigkeit zu neuem politischem Denken - einschließlich eines Abbaus von Überheblichkeiten auf allen Seiten. Für Theoretiker, für 'Theoriepolitik' (als den politisch verantwortungsvollen Umgang mit Theorie) bedeutet das vor allen Dingen, den 'megalomanischen' Versuchungen der Theoriebildung, der Selbstüberschätzung der erkennenden Subjekte, entgegenzuwirken.

(1) Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, 2 Bde, Frankfurt 1978 (1969, 1936)
(2) Dieter Senghaas; Friedensforschung und der Prozeß der Zivilisation, in: Moltmann 1988, 167, Hervorhebung HJK
(3) Senghaas a.a.O., 168
(4) M.Gorbatschow, Die sozialistische Idee und die revolutionäre Umgestaltung, abgedr. in: Sozialismus, 1/90, 35


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