08 NEUORIENTIERUNGEN SOZIOLOGISCHER THEORIE

08.5 Ursachen: Nicht nur Kriege werden gemacht...

Die Frage nach den Kriegsursachen hat ein altes theoretisches und methodologisches Problem der Sozialwissenschaften verschärft aufgeworfen: wie läßt sich in komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen, in denen scheinbar alles auf alles wechselseitig einwirkt, in denen scheinbar eindeutige und zielgerichtete Handlungen völlig unbeabsichtigte Folgen haben, nach 'Ursachen' forschen? Gibt es überhaupt Ursachen und Wirkungen oder nur ein funktionales Gefüge von 'Wechselwirkungen'?

Wie problematisch für die Theorie die 'kausale' Verknüpfung der Handlungen von Akteuren (im Kriege wohl meistens Staaten) mit historischen Ereignissen und Entwicklungen (also z.B. kriegerischen Verwicklungen) ist, zeigen folgende Überlegungen:

Mit dem Problem der unbeabsichtigten Handlungsfolgen verkompliziert sich die alte Einsicht, daß der Mensch das einzige Lebewesen ist, das seine Geschichte selbst macht, erheblich. Gerade die Kriegsursachenforschung kann ein Lied von dieser Problematik singen: einerseits werden Kriege ohne Zweifel 'gemacht', 'geplant', 'einkalkuliert' usw., andererseits werden meist alle Beteiligten von Kriegsausbrüchen 'überrascht' und fast immer hört man irgendwann, "das haben wir nicht gewollt".

Die 'Kriegsursachenforschung' kann auf einige Erfolge und Klärungen verweisen, die von allgemeiner, allgemeintheoretischer Bedeutung sind. Zum einen stößt sie in ihren konkret-historischen Untersuchungen regelmäßig auf kriegsbegünstigende Strukturen, für die wir den Sammelbegriff 'strukturelle Gewalt' schon kennengelernt haben. Nichts spricht dagegen, diese Strukturen auch bei den Namen 'Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Unterdrückung'(2) zu nennen.

Zum anderen beobachtet sie regelmäßig kriegsbegünstigende Handlungen, die meist etwas mit der Reduzierung oder dem Abbruch von Kommunikation, von Verhandlungen und dergleichen zu tun haben - und vor allem auch mit bewußten, klar intendierten und in ihrem Charakter oft geradezu alltäglichen Kriegsvorbereitungen, von der Haushaltszuweisung zum Einberufungsbefehl.

Innerhalb der frühen Friedens- und Konfliktforschung im engeren Sinne hat gerade auch der fast naive Umgang mit dem Ursachenbegriff zu wichtigen Ergebnissen, wenn auch nicht den beabsichtigten, geführt. Die ersten Kriegsursachenforscher(3) gingen wie Naturwissenschaftler an die 'correlates of war' (David Singer) heran, sie zählten aus, sie fertigten Statistiken an, sie rechneten. Natürlich fanden sie so keine Ursachen, aber sie erzeugten Vorstellungen vom Ausmaß, von der Häufigkeit der Faktoren, die bei der Entstehung von Kriegen eine Rolle spielen.

Heute stehen neben den quantitativ-empirischen die qualitativ-empirischen Methoden im Vordergrund.(4) Die Forschungsergebnisse bestätigen die Komplexität sozialer Kausalzusammenhänge, verweisen auf Wechselwirkungsketten, Funktionen, Wahrscheinlichkeiten. Die ganze sozialtheoretische Kompetenz der verschiedensten Disziplinen, von der Psychologie über die Soziologie, Politologie bis zur Ökonomie ist gefragt. Aber eines geschieht nicht: das Sichverlieren in 'reiner Theorie' oder gar in theoretischer Beliebigkeit. Dazu sind die Fragen und Probleme der Kriegsentstehung einfach zu drängend.

Auf der Suche nach den Kräften, die Kriege auslösen, ist der Weg über Konzepte wie Aggressions-, Macht- und Herrschaftspotentiale, Fragen der Stabilisierung oder Ausdehnung solcher Potentiale und Methoden der Identifizierung der entsprechenden Akteure ('Eliten') relativ bald auf den Interessenbegriff gestoßen.

Was immer man über die unendliche Suche nach den letzten Ursachen, über die Ungewolltheit des Gewollten philosophieren mag, in der Wirklichkeit, die uns Vorkriegszeiten beschert, sind manifeste Interessen am Werk, die die Anwendung von Waffengewalt in einem historisch nie gekannten Ausmaß noch immer in ihre Strategien miteinkalkulieren. Die Bedrohung unserer Existenz durch Krieg zwingt die Sozialwissenschaften - und das tut auch ihren Theorien gut -, wenigstens zu diesem Thema Tacheles zu reden: "Kriege werden gemacht, geplant, herbeigeführt, sie sind nicht Ausdruck und Ergebnis kollektiver Aggressivität einer Nation gegenüber einer anderen (deren Existenz und daraus entspringende Gewalttätigkeiten zu leugnen, wäre naiv, hat aber wiederum mit Krieg nichts zu tun, für den als Mittel der Politik solche latenten Berührungsphobien immer nur Vorwand sind)."(5)

Selbstverständlich ist für den Theoretiker auch der Interessenbegriff keine feststehende Größe, sondern ein relationaler Begriff, der die Aktivierung von Bedürfnissen, Motivationen, 'Begehrlichkeiten' unter bestimmten Bedingungen und strukturellen Voraussetzungen meint. Solche gesellschaftlichen Konstellationen und Bereiche, 'Herde der Unfriedlichkeit', finden sich offensichtlich eher in der Wirtschaft und in der Politik als in Kultur oder Religion (obwohl sich auch dort militante Interessen zusammenballen können).

GRAFIK CALLIESS/LOB s.439 (LOCK)

Daß ökonomische Interessen oft als der erste Kriegsursachenkomplex genannt werden, ist keineswegs nur eine marxistische Position.(6) Der Weg von den ökonomischen zu den politischen Interessen - und umgekehrt - liegt nahe. Zwischen diesen beiden Polen liegt das wichtigste empirische Feld für die Erklärung von Kriegsentstehung: "Während ich früher ausging von der Reproduktion (Stabilisierung und Erweiterung ökonomischer Machtpositionen, HJK) als der zentralen Erkenntnis-Kategorie...auch und gerade zur Erklärung der großen wie der kleineren weltpolitischen Konflikte - von der europäischen Eroberung bis zum Ost-West-Konflikt - , habe ich nunmehr die im Militär verdinglichte staatliche Herrschaft als primäre Konfliktursache festzumachen versucht...Beide Perspektiven...- die der eher traditionalen Politischen Ökonomie so gut wie die der Politik-Kritik mit ihren herrschaftskritischen Implikationen - haben ihre Legitimität...Das Erkenntnisinteresse im Bereich der internationalen Politik kann nur das an der Überwindung sowohl des stummen, täglich tötenden gesellschaftlich-ökonomischen Elends von Unterentwicklung, Unterernährung, Unterbeschäftigung und Unterdrückung sein, als auch nach Auswegen zu suchen aus der Gefahr gegenseitiger Totalvernichtung, wie sie sich aus der 'historischen Logik der Unvernunft' des Wettrüstens und der herrschaftlichen Politik-Projekte ergibt."(7)

(1) Giddens 1988, 79; Hervorhebung HJK
(2) Narr, a.a.O., in: Calliess/Lob 1987, 364f
(3) Wright 1942; Richardson 1960; Singer 1971
(4) Kende 1982, Gantzel/Meyer-Stamer 1986, Gantzel 1986, Mendler/Schwegler-Rohmeis 1988, 203; Wasmuth 1988, 247f
(5) Krippendorf 1988, 193; vgl. Dominikowski, a.a.O.
(6) Albrecht 1980; Klein 1983; Rothschild 1982
(7) Krippendorf 1987, 11; die voraufgehende Grafik aus L.Brock, Die Vermessung der Gefährdungen des Friedens, in Calliess/Lob 1987, 439


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