Es gibt in der herrschenden sozialtheoretischen Diskussion eine gewisse Zurückhaltung, Frieden als Kategorie, als ein zentrales theoretisches Konzept also, zu verwenden. Es ist, als sei die Sorge, sich damit in die Nähe sozialer Bewegungen und politischer Auseinandersetzungen zu begeben, noch immer zu groß.
Als der Verfasser des vorliegenden Textes jedoch einmal im Vorwort zu einem Buch(1) (das sich mit dem kapitalistischen Vergesellschaftungsprozeß in der Bundesrepublik und damit implizit auch mit Fragen der 'Friedensfähigkeit' des Kapitalismus beschäftigte) über den bedeutenden Soziologen der Nachkriegszeit, Helmut Schelsky, als Widmung schrieb, diesem sei die Kategorie des Friedens (obgleich sie in seinem Werk explizit an keiner Stelle auftaucht) nicht fremd, war dessen Zustimmung spontan: selbstverständlich stehe hinter seiner ganzen Arbeit das Motiv der Kriegsvermeidung und Friedensstiftung. In diesem Sinne einer transzendentalen Theorie(2) also wirkt der Begriff des Friedens wahrscheinlich in einem viel stärkeren Maße im Wissenschaftsprozeß, als zunächst wahrzunehmen ist.
Mit dem Konzept des positiven Friedens wird der Friedensbegriff der Aufklärung wieder aufgenommen und vor allem ernstgenommen. Während die bloße Vorstellung, Frieden bestünde in der Negation von Krieg, letztlich auf Strategien der Ruhe und Ordnung und auf temporäre Kompromisse hinausläuft, zwingt ein positiver Friedensbegriff, über die bestehenden Verhältnisse hinauszudenken, ja schließlich, soziale Konflikte nicht als dem Frieden entgegenstehend, sondern gerade umgekehrt Frieden als die erwünschte Form sozialer Konflikte anzusehen.(3)
Die durch diesen Friedensbegriff mögliche Öffnung für 'kontingente', d.h. andere, prinzipiell ebenso wahrscheinliche Entwicklungen, für Entwicklungsalternativen, hat aus der Praxis so breiter sozialer Massenbewegungen wie der Friedensbewegung heraus, die gerade die sensibelsten Theoretiker nicht unbeeindruckt gelassen hat, das 'transzentaltheoretische Klima' für sozialwissenschaftliche Theoriebildung, für ihre Offenheit, Flexibilität und ideologische Toleranz in einem noch kaum realisierten Maße verändert.(4)
Es mehren sich die Versuche, den kategorialen Charakter des Friedensbegriffs auch explizit herauszuarbeiten: "Unser Versuch, Probleme und Tendenzen, philosophische Grundlagen und Aspekte der konkreten Forschung der Gesellschaftstheorien heute zu diskutieren, war in allen seinen Abschnitten der Aufgabe verpflichtet, die als vordringlichste vor allen Menschen steht: die Gefahr eines atomaren Weltkriegs abzuwenden und dadurch die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft der Menschen zu schaffen. Humanen Intentionen folgende gesellschaftstheoretische Forschung ist in ihrem Wesen Friedensforschung. Sie ermöglicht einen wissenschaftlich-rationalen, mit Kriterien wissenschaftlichen Denkens überprüfbaren Zugang zu den hochkomplexen Strukturen individuellen und sozialen Verhaltens von Menschen, den Entwicklungsgesetzen gesellschaftlicher Strukturen und Systeme. Die geschichtsphilosophischen, empirisch-sozialwissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse können ebenso wie ihre 'Entwürfe' für progressive Gestaltungen des gesellschaftlichen Lebens genutzt werden."(5)
Positiver Frieden, auf diese Weise auch zu einer Aufgabe humaner, rationaler wissenschaftlicher Theoriebildung gemacht, nimmt als Bild, als Utopie in diesem Milieu des 'Grundlagendenkens' ganz eigentümliche Gestalten an. Es wird Phantasie, Einbildungskraft und vor allem Urteilskraft freigesetzt. Die angedeuteten 'prophetischen' Züge (im Sinne alttestamentarischer Tradition) in den Äußerungen gestandener und rationaler Wissenschaftler wären anders nicht zu erklären. Es ist, als wüßten wir und als wüßten wir doch wieder nicht, wie der Fortgang der Geschichte, wenn er denn in unseren Händen bleibt, sich auch nur für das nächste Jahr ausnehmen wird; und als müßten wir uns ob dieser Ungewißheit der ältesten Wahrheiten vergewissern, für welche gewiß das 'Friede sei mit Dir' steht.
Also: nicht, daß es nicht überzeugende Einsichten in bestimmte Gesetzmäßigkeiten menschlicher Vergesellschaftung gäbe. Die Bedingungen für eine bessere Welt lassen sich genauer als jemals zuvor angeben und auch, wie sie praktisch zu erreichen wäre, ist kein Geheimnis. Unsicher ist eher, mit welchem Bewußtsein, mit welcher Wachheit für die vielen Zusammenhänge und Tiefen, die zwischen Mondlandung und Ich liegen, mit welchen Chancen für die Entfaltung einer globalen Moral, die nicht die eigenen Interessen desavouiert, die nächsten Schritte (von denen jeder ganze Jahrhunderte zurückzulassen scheint) gegangen werden können.
Viele Theoretiker spüren diese enorm praktische Unsicherheit im Gesicherten und so beobachten wir heute das Phänomen, daß Theoretiker und Philosophen in einer, man muß es schon so sagen, noch nie gekannten Sanftheit miteinander umgehen. Ob das ein Vorschein des ewigen Friedens ist?
(1) H.J.Krysmanski, Gesellschaftsstruktur der Bundesrepublik, Köln 1982
(2) zum Begriff der 'transzendentalen Theorie der Gesellschaft' vgl. H.Schelsky, Ortbestimmung der deutschen Soziologie, 1959; das Konzept meint im Grunde nur, daß Einzelwissenschaften wie die Soziologie sich nicht am eigenen Schopf aus dem Erkenntnisproblem ziehen können, sondern 'jenseitiger' Sinngebungen bedürfen
(3) Krippendorf 1968, 15
(4) Luhmann 1985; Bergner/Mocek 1986
(5) Bergner/Mocek 1986, 281f