08 NEUORIENTIERUNGEN SOZIOLOGISCHER THEORIE

08.2 Weltgesellschaft: Global denken, lokal handeln

Der 'One World'-Gedanke ist wie kaum ein anderer mit der pazifistischen Bewegung seit ihren Anfängen verbunden. Er hat sich heute zur Aktiv-Formel 'global denken, lokal handeln' weiterentwickelt. Es gibt wohl kaum eine soziale Bewegung, die ihre Horizonte nicht mit dieser Formel bezeichnen würde.

Für die sozialwissenschaftliche Theoriebildung ist der Begriff der Weltgesellschaft, trotz der bei seiner implizierten Reichweite verständlichen Vielschichtigkeit und Problematik, ein zentrales Konzept der Gegenstandbestimmung geworden. Der Gegenstand 'Gesellschaft' kann nur im globalen Horizont adäquat erfaßt werden; es ist nicht möglich, das Netz sozialer Strukturen und Handlungen auf territoriale, nationale, ethnische usw. Bezugsrahmen zu begrenzen - auch wenn diese und viele andere 'Zwischengrößen' natürlich bestimmte Aspekte der sozialen Realität einfangen.

Friedensforschung und Friedenswissenschaft mit ihrer Akzentuierung internationaler Beziehungen und Konflikte haben viel zusätzliches 'Beweismaterial' dafür angesammelt, daß 'zwischen' Nationen, Staaten, Regionen usw. eine reales und immer dichter werdendes Feld sozialer Strukturen vorhanden ist. Sie haben zweifellos auch dazu angeregt, beim Nachdenken über die 'Grundregeln' sozialen Raums und sozialer Zeit den Spannungsbogen und die Zwischenschritte zwischen 'lokalen Handlungen' und 'globalen Strukturen' immer genauer und allgemeingültiger zu bestimmen. Sie haben das Augenmerk vor allem auch darauf gerichtet, daß 'Weltgesellschaft' zunächst einmal über die Untersuchung zwischengesellschaftlicher Systeme greifbar und begreifbar wird: Zwischengesellschaftliche Systeme sind "Soziale Systeme, die sich über Gesellschaften oder gesellschaftliche Totalitäten, einschließlich Agglomerationen von Gesellschaften, hinweg erstrecken, was immer auch für Grenzen zwischen diesen bestehen mögen."(1)

Allerdings ist der Begriff der Weltgesellschaft auch Anlaß für grundlegende, z.T. noch kaum ausgetragene Kontroversen:

Bemerkenswert ist immerhin, daß beide Auffassungen von einem friedenstheoretischen Impuls getragen werden bzw. auf Friedensstrategien umgelegt werden können. Die beiden Weltkriege und die durch sie bedingte globalstrategische und sicherheitspolitische Praxis haben die Sozialwissenschaften sozusagen mit der Nase auf die Tatsache gestoßen, daß sich ihr Gegenstand nicht nur aus Einzelgesellschaften zusammensetzt. "Weltweite Interaktion (und) ein immenses Anwachsen der Kenntnisse über Fakten des Lebens und der Interaktionsbedingungen aller Menschen", ein weltweites Kommunikationsnetz, "großräumige wirtschaftliche Verflechtung", weltweite Möglichkeiten der Bedarfsdeckung und "nicht zuletzt eine auf Weltfrieden beruhende durchgehende Verkehrszivilisation"(4) - all dies sind beispielsweise für Niklas Luhmann Anhaltspunkte, Weltgesellschaft nicht als fiktionale Realität auszuweisen: "Im Unterschied zu allen älteren Gesellschaften konstituiert die Weltgesellschaft nicht nur eine projektive, sonder eine reale Einheit des Welthorizonts für alle."(5)

Christian Sigrist hat in einer Auseinandersetzung mit Luhmann aber auch überzeugend nachgewiesen, wie eine alte, schon bei Kant entwickelte Denkmethode der "Ausschematisierung einer generellen Welttheorie" zu einem ahistorischen, fast widerspruchsfreien 'Weltbild' gerinnt. Kommt dann noch eine allzu schnelle Gleichsetzung biologischer und gesellschaftlicher Evolutionsschemata hinzu, so wird dieser systemtheoretische Begriff von Weltgesellschaft zur Folie für Systemmodelle der Weltherrschaft, für megalomanische Strategien, wie wir sie schon bei einigen der Strategie-Intellektuellen vorfanden (s.o.): In der systemtheoretischen Weltgesellschaft haben weder der "für das kapitalistische Weltsystem konstitutive Gegensatz von Zentrum und Peripherie" noch "Vermachtungs- und Verarmungsprozesse" noch die "wachsende kulturelle Fremdbestimmung der Peripherieländer" oder die Brisanz "aktueller und vergangener Nationalitätenkonflikte" einen analytischen Platz.(6)

An einem Punkt allerdings hat Systemtheorie, deren eine Quelle ja die Analyse formaler Beziehungen in Organisationen und Hierarchien ist, immer einen festen Boden unter den Füßen gehabt: dort, wo es tatsächlich zu einer Ausbreitung organisatorischer Zusammenhänge, formalisierter Kommunikationsstrukturen kommt. Weltgesellschaft als zwischengesellschaftliches soziales System ist natürlich heute noch weitgehend - dafür steht vor allen anderen das 'System der Vereinten Nationen' mit seinem ungeheuren (und durchaus nicht nur negativ zu bewertenden) bürokratischen Apparat - ein hochkomplexes Netz von internationalen bürokratischen Organisationen. "Es ist jedoch erhärtete Gewißheit, daß weltgesellschaftliche Bürokratien einschließlich der von ihnen abhängigen wissenschaftlichen Institutionen allenfalls begrenzte Rahmenbedingungen für globale Vergesellschaftung schaffen können. Die wesentlichen Impulse müssen von freien Organisationen und sozialen Bewegungen ausgehen."(7)

Schließlich sei darauf hingewiesen, daß im Kontext der Friedenswissenschaften entstandene oder dort zumindest besonders gezielt verwendete Begriffe wie (Neue) Weltwirtschaftsordnung, (Neue) Weltinformationsordnung, (Neue) Weltmachtordnung und selbstverständlich (Neue) Weltfriedensordnung für eine beträchtliche Bereicherung der sozialtheoretischen Vorstellungswelt gesorgt haben. Vertieft man sich in ihre Bedeutungsgehalte, wie Wolf-Dieter Narr es im folgenden für den Begriff der Weltmachts- und Weltmarktordnung tut, haben es Harmoniegedanken allerdings schwer: "Nie zuvor aber hat ein Weltmarkt und haben einige wenige Weltmächte diesen Weltmarkt, die Weltsicherheit und die gesamte bewohnte Erde so dominiert wie heute (seit 1945). Krasse Ungleichheit, weltweite Ausbeutung und Unterdrückung, gewalthaft schwelende Konfliktherde, 'Menschenopfer unerhört', sie bilden die eine Seite dieses Zustands, der auf der anderen durch eine konfliktabsorbierende Wohlanständigkeit gebildet wird. Diese ist aber dauernd gefährdet. Diese bedarf unablässig des Doppelhungers nach Mehrwert und Mehrherrschaft, nach Garantie der Einflußzonen, der offenen und versteckten Imperialismen aller Art.- Besieht man aber all diese Phänomene der Ungerechtigkeit und gräbt nach ihren Ursachen mit nicht herrschaftsverblendetem, Zivilisation nur im Staaat suchenden Auge, dann drängt sich als die notwendige Schlußfolgerung auf: An den Formen gegenwärtiger Herrschaft, zuvörderst an der Form des Frieden jeder Spielart gefährdenden, für seine Sicherheit riskierenden Staates muß angesetzt werden, wenn man die ungeheuren humanen Kosten der Vorkriegszeit vermeiden, wenn man die gewaltsamen Konflikte und Kriege zugunsten von Mehrherrschaft eindämmen und ihnen ein Ende setzen will."(8)

(1) Giddens 1988, 432
(2) Hauptvertreter: Talcott Parsons, Niklas Luhmann
(3) System-Steuerung und System-Produktion bzw. -Entwicklung aus den Vorgaben und Bedingungen des Systems selbst
(4) N.Luhmann, Soziologische Aufklärung, Bd.2, Opladen 1975, 53f, Hervorhebung HJK
(5) ebenda, 55
(6) Chr.Sigrist, Das gesellschaftliche Milieu der Luhmannschen Theorie, Das Argument, 178, 840
(7) Sigrist, a.a.O., 842, Hervorhebung HJK
(8) Wolf-Dieter Narr, Gesellschaftliche Konflikte. Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Unterdrückung, in: Calliess/Lob 1987, 371


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