Die Friedensproblematik hat für die Wissenschaften eine Reihe von grundlegenden erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Fragen entscheidend zugespitzt:
Keine dieser Fragen ist durch die friedenswissenschaftliche Forschung beantwortet worden; aber alle derartigen Fragen sind durch die Berührung mit ihr präziser und auch 'reifer' geworden. Außerdem hat das Thema Frieden, wenn wir uns auf die Sozialwissenschaften beschränken, bestehende theoretische Ansätze erweitert und durch neue oder neu verstandene Konzepte bereichert.
Grundsätzlich bleibt verständlich zu machen, daß angesichts der drängenden 'globalen Probleme', die mit obigen Begriffen in ihren jeweiligen theoretischen Kontexten eingefangen werden, auch eine 'Konkurrenz' zwischen verschiedenen theoretischen Ansätzen enorm an praktischer Relevanz gewinnt. Es kann dabei nicht um 'Verdrängungskonkurrenz' wie in der dominierenden Wirtschaft sonst gehen, sondern um den kooperativen Wettstreit um die besten Lösungen und Strategien.
Sowohl Handlungstheorie als auch Systemtheorie, Historischer Materialismus und die vielen anderen allgemeintheoretischen Ansätze können hier, am besten sogar in 'Mischformen', ihren Beitrag leisten. Erfreulicherweise ist heute in den Sozialwissenschaften, auch unabhängig von friedenswissenschaftlichen Bemühungen, ein solcher Theorienpluralismus, der sich an den Problemen engagiert und keineswegs auf 'Beliebigkeit' aus ist, gang und gäbe geworden.(1)
Im Folgenden soll der Versuch gemacht werden, die wichtigsten friedenswissenschaftlichen Begriffe auf ihren allgemeintheoretischen Stellenwert abzuklopfen. Das heißt, nicht die bloße Entfaltung der Begriffe, sondern ihr Beitrag zur allgemeinen sozialwissenschaftlichen Theoriebildung wird dargestellt. Dazu bieten sich folgende Konzepte an: Weltgesellschaft; negativer und positiver Frieden; personale und strukturelle Gewalt. Mit der Frage nach den Kriegsursachen stellen sich ebenfalls wichtige theoretische und methodologische Probleme. Schließlich ist das Verständnis des Verhältnisses von Staat und Gesellschaft und die Einsicht in den historischen Prozeß als eines 'Prozesses der Zivilisation' durch die friedenswissenschaftliche Forschung vertieft worden.
An dieser Stelle sei noch einmal an 'friedenswissenschaftliche' Spuren der Aufklärung erinnert, die sich auch in den soziologischen 'Schlüsseltheorien' der Gegenwart finden (vgl. 3.1).
Bezugnahmen zur Aufklärung finden sich in fast allen Gesellschaftstheorien der Gegenwart.(2) Und doch wird das Festhalten am vieldeutigen Aufklärungsbegriff niemals genauer begründet. Man kann also zu Recht fragen, mit welchen Argumenten Soziologen im 20. Jahrhundert ihren Rekurs auf die Aufklärung begründen, warum sie ein Programm des 18. Jahrhunderts zu ihrem eigenen machen.
Um Antwortversuche abzukürzen: Unsere Vermutung ist, daß es vor allem der 'verborgene Diskurs über Krieg und Frieden' war, der in der Aufklärung begann, die wichtigsten Grundfragen herausarbeitete und dann in den Aufregungen der modernen Kriege und Revolutionen sozusagen nur als innerer Monolog in den Sozialwissenschaften überdauerte. Unsere Vermutung ist, daß dieser Diskurs den fortgeschrittensten soziologischen Theorien der Gegenwart das 'unfinished business' ansinnt, nun endlich explizit über Krieg und Frieden nachzudenken, und daß das Festhalten am vieldeutigen Aufklärungsbegriff, das niemals genauer begründet wird, doch der erste Schritt ist, diese Herausforderung anzunehmen.
Wenn also unsere Theoretiker von der 'Krise der Soziologie', vor allem von der Krise der 'kognitiven Identität' des Faches, von seinem fragwürdigen Theorie-Praxis-Verhältnis reden, so meinen sie damit ganz spezifische Erfahrungen mit der Geschichte des eigenen Faches durch die Geschichte der Gewalt, Zerstörung, Ausbeutung und Unterdrückung hindurch, welcher die Soziologie in ihren wissenschaftlichen Leistungen in keiner Weise gerecht geworden ist. Die Erfahrung mit dieser 'Dialektik der Verwissenschaftlichung' (U.Beck), welche die Theoretiker der Moderne mit den unvorhergesehenen und nicht intendierten Folgen des fortschrittlichen Tuns der großen Planer und Lenker konfrontiert, erzeugt gewissermaßen Sehnsucht nach der Aufbruchsstimmung der Aufklärung, die auch in dem Gefühl bestand, daß Krieg kein vernünftiges Mittel der Problemlösung mehr ist.
Jetzt besteht die Gefahr, daß die Vorstellung einer autonomen, ausschließlich auf Wahrheit bezogenen Wissenschaft in jenen Irrationalitäten, Zufälligkeiten und Diskontinuitäten untergeht, mit denen wissenschaftliches Wissen produziert und vor allem genutzt wird - 'anything goes, rien ne va plus' (P.Weingart).(3)
Dagegen stellt sich die Einsicht, daß das kritische Selbstverständnis einer Disziplin normativer Bezugspunkte bedarf, daß Norm und Kritik zusammengehören. Diese Einsicht durchzieht die wichtigsten gesellschaftstheoretischen Arbeiten der Gegenwart und ist der Punkt der Affinität der Soziologie zur Aufklärung. "Am Ende der Aufklärungsepoche steht ein prototypischer Prozeß wissenschaftlicher Vergegenwärtigung der eigenen sozialen und historischen Situation, der bis heute in zweifacher Weise richtungsweisend bleibt: Zum einen durch seine radikale Zeitbezogenheit, die das Moment der historisch fundierten Gegenwartsanalyse in den Vordergrund rückt, und zum anderen durch die Orientierung eben dieser Analysen an normativen Vorstellungen, die als aufklärerische Grundideen über den status quo hinausweisen.(4)
Die Idee des ewigen Friedens gehört zu diesem aufklärerischen Grundbestand. Kants Schrift 'Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung' (1784) markiert den für jedes der Aufklärung verpflichtete Denken zentralen Unterschied zwischen einem 'Zeitalter der Aufklärung' und einem 'aufgeklärten Zeitalter'(5) - und dieses letztere Ziel, dieses Hinausweisen über die Epoche der Aufklärung enthält das Uneingelöste antizipatorischer Vorstellungen, das an die Überwindung des Krieges gebunden bleibt.
Die Vertreter von Modellen soziologischer Aufklärung eint die (wenn auch gebrochene, an der 'Dialektik der Aufklärung' geschulte) Hoffnung, daß aus der Gesellschaft des Bürgertums doch noch eine bürgerliche, d.h. 'zivilisierte' Gesellschaft (im Sinne des Zivilisationsbegriffs der Aufklärung, vgl. 3.1ff) wird. Selbst in Talcott Parsons 'Pax Americana', aber vor allem in Jürgen Habermas' herrschaftsfreier Diskursgesellschaft und auch in Niklas Luhmanns Begriff der 'Weltgesellschaft' ist diese Absicht erkennbar.
(1) Giddens 1988; Bergner/Mocek 1986
(2) das gilt z.B. für die Arbeiten von J. Habermas, P. Bourdieu, M. Foucault oder N. Luhmann.
(3) alles ist erlaubt, nichts geht mehr
(4) Ulrike Meyer, a.a.O.
(5) in: E.Bahr (Hg.), Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen, Stuttgart 1974, 15