07 SOZIOLOGIE UND WELTKONFLIKTSYSTEM

07.4 'Mensch, Gesellschaft, Biosphäre'

Die Sozialwissenschaften sind letztlich dazu da, sich mit der Frage zu beschäftigen, "welches die Perspektiven der hochentwickelten und der unterentwickelten kapitalistischen Gesellschaften sind und wie die Organisation sozialistischer Gesellschaften beschaffen sein könnte."(1)

Das sozialistische Experiment, das als 'Staatssozialismus' 1917 begann, ist gescheitert. Eine Theorie und Praxis, die auf alternative Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten gerichtet ist, bleibt vor allem angesichts der globalen Probleme, die ja per Definition Probleme des Verhältnisses von Gesellschaft und Natur sind, eine dauernde und dringliche Aufgabe.

Die Bedeutung dieser Aufgabe der Neugestaltung des gesellschaftlichen Verhältnisses der Menschen zur Biosphäre "ergibt sich nicht nur aus dem Näherrücken ökologischer Katastrophen. Sie ist vielmehr als dauernde Aufgabe immer schon in die Entwicklung menschlicher Gesellschaft inbegriffen. Dabei beziehen sich die Weichenstellungen, die für die Bewältigung der aktuellen ökonomisch-sozialen und ökologisch-technischen Probleme erforderlich sind, auf Entwicklungslinien, die bereits in frühgeschichtlichen Umgestaltungen der gesellschaftlichen Formen des Mensch-Natur-Verhältnisses eingeleitet worden waren."(2)

Die sozialwissenschaftliche Problematik hier grundlegend und systematisch - über die Betroffenheiten der Ökologiebewegung hinaus - zu formulieren, ist ein mühsames Geschäft, an dem viele Fachdisziplinen beteiligt sein müssen. K.H.Tjaden faßt die Ausgangslage so: "Die angewachsene Macht des menschlichen Moments gegenüber dem außermenschlichen Moment der Biosphären-Totalität und ihre Rückwirkungen auf dieses Ganze erfordern inzwischen, letzteres als ein globales System zu begreifen, in dem die menschlichen Lebewesen und die außermenschliche Biosphäre in globalem Maßstab, vermittelt durch vielfältige Formen gesellschaftlicher Arbeit, aufeinanderwirken. In diesem Sinne ist beispielsweise das Unesco-Programm 'Man and the Biosphere' dahin gelangt, seinen Gegenstand dadurch zu kennzeichnen, 'that human beings are the focus for studies of complex ecological systems.'(3) Im globalen System Mensch-Biosphäre - so dieser Denkansatz - wirken die Menschen durch ihre Aktivitäten, zumal durch investive Aktivitäten, auf die übrige Biosphäre ein; das Funktionieren ökologischer Systeme wird durch diese Interventionen verändert; die menschlichen Lebewesen geraten so unter zunehmenden Druck ihrer natürlichen Umwelt; sie sind schließlich genötigt, ihre durch sie selbst veränderten natürlichen Lebensbedingungen in einem für sie günstigen Sinne umzugestalten."(4)

Es geht also darum, die Probleme globaler Reproduktion,

auf die sozioökonomischen Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaften zurückzuführen. Das heißt, Gesellschaften müssen 'welt- und naturgeschichtlich' als "Verkörperungen bestimmter Produktionsweisen und Gesellschaftsformationen im gegenwärtigen Abschnitt der stufenförmigen Geschichte gesellschaftlicher Arbeit auf der Erde" verstanden werden - eine nicht leichte Gedankenanstrengung.(5)

Unter der Fragestellung dieses Buchs, das Problemfelder abstecken will, kommen wir hier in eine Problemzone, in der wir einerseits das Weltkonfliktsystem als eines begreifen müssen, welches seinerseits in den tieferen Zusammenhang Mensch-Gesellschaft-Biosphäre eingebettet ist.

Andererseits läßt sich auch Frieden, eine Weltfriedensordnung, vor allem aber Frieden als Prozeß und gesellschaftliche Tätigkeit, sozialwissenschaftlich nicht ohne eine gründliche Beschäftigung mit den Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlicher Arbeit verstehen.

Mit anderen Worten, eine sozialwissenschaftliche Theorie des Friedens und die Theorie der gesellschaftlichen Arbeit haben mehr miteinander zu tun, als man auf den ersten Blick glaubt. Gesellschaftliche Arbeit "entsteht und entwickelt sich als Gesamt gesellschaftlicher Tätigkeit aus dem Zusammenhang der Evolution einer sich entfaltenden Natur und als solche wird sie selbst zu einem Moment der Evolution der Totalität der Biosphäre, die von nun an auch eine gesellschaftliche Gestaltung erfährt."(6)

Frieden als gesellschaftlicher Zustand wird nur möglich sein, wenn es gelingt, gesellschaftliche Arbeit - den Lebensprozeß der Gesellschaft - so zu gestalten, daß das Prinzip der volkswirtschaftlichen Einsparung des einmaligen und des laufenden Arbeitsaufwands für ein nützliches Endprodukt global durchgesetzt wird, daß also, wie Tjaden formuliert, das vorhandene Anlagevermögen stärker ausgenutzt und die vorhandenen Arbeitskräfte umfassender beschäftigt werden, als dies in der dominierenden Wirtschaftsweise geschieht, in welcher Vergeudung und extrem ungleichmäßige Nutzung der Potentiale noch immer zur Wirtschaftstätigkeit gehören.

So wird es beispielweise auch immer notwendiger werden, die Entwicklung des Produktionssystems einer Gesellschaft so weit wie möglich aus dem 'vor Ort' verfügbaren produktiven Potential zu schöpfen. Nur wenn auf diese Weise die Produktion, das Wirtschaften 'regional beruhigt' werden kann, wird sich auch der 'globale Reproduktionsprozeß' (Elmar Altvater)(7) so organisieren lassen, daß er als Quelle des Unfriedens ausscheidet.

Die Perspektiven gesellschaftlicher Arbeit hängen auch in vielfältiger Weise mit dem Problem der Demokratisierung zusammen. "Zur Substantiierung eines jeden Demokratie-Konzepts, das sich auf eine historisch-geografisch gegebene Gesellschaft bezieht, bedarf es der Ausarbeitung der spezifischen Strategie der eigenständig-nachhaltigen Entwicklung der gesellschaftlichen Gesamtarbeit."(8)

Tjaden meint dabei mit Eigenständigkeit die Ausschöpfung jeweiliger regionaler Potentiale, mit Nachhaltigkeit die gründliche, planvolle und gemeinsame 'Durchforstung' dieser Möglichkeiten auf lange Sicht.

Das aber bedeutet auch, daß in einem demokratischen Prozeß für jede Region und Einzelgesellschaft jeweils 'mehrere Szenarien, also mehrere mögliche Pfade einer eigenständig-nachhaltigen Entwicklung der gesellschaftlichen Gesamtarbeit' (Tjaden) skizziert und aktiv erkundet werden müssen. So also könnte 'friedliche Aufbauarbeit', Weiterentwicklung zu einer friedlichen Gesellschaft umschrieben werden.

Tjaden formuliert abschließend folgende nachdenkliche Einschränkung, deren Implikationen die Friedensdiskussion noch lange begleiten werden: "Als eine am reproduktiven Gebrauch der Arbeitsvermögen, Naturpotentiale und Arbeitsergebnisse interessierte und volkswirtschaftlich orientierte Entwicklung, die eine entsprechende Rahmensteuerung gesamtgesellschaftlicher Arbeit erfordert, widerspricht die eigenständig-nachhaltige Entwicklung der gesellschaftlichen Gesamtarbeit schließlich dem Prinzip kapitalistischer Produktion. Es ist daher nicht leicht, sie durchzusetzen. Doch Gesellschaftspolitik, die eine Entstörung der gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den Menschen und der Biosphäre erreichen will, ist wie alle Politik eine Kunst. Sie ist die Kunst der Gestaltung des noch möglichen Wirklichen und zugleich die Entfaltung des schon wirklichen Möglichen."(9)

(1) K.H.Tjaden, Mensch-Gesellschaftsformation-Biosphäre. Über die gesellschaftliche Dialektik des Verhältnisse von Mensch und Natur, Marburg 1990, 7
(2) ebenda
(3) 'daß letztlich der Mensch im Zentrum der Analyse komplexer ökologischer Systeme steht'
(4) Tjaden, a.a.O., 191
(5) ebenda, 195
(6) ebenda, 24
(7) E.Altvater, Die Grenzen des Marktes, Münster 1990
(8) Tjaden, 208
(9) ebenda, 216


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