07 SOZIOLOGIE UND WELTKONFLIKTSYSTEM

07.3.4 Offene Fragen einer soziologischen Konfliktanalyse auf klassentheoretischer Grundlage

Eric Olin Wright stellt unseres Erachtens zu Recht fest, daß der Klassenbegriff noch immer "im Mittelpunkt der Erklärung sozialer Konflikte und des Ablaufs gesellschaftlicher Veränderungen globalen Ausmaßes (steht). Er liefert das Instrumentarium, um Aussagen über die mikrosozialen Bedingungen des individuellen Handelns und der Subjektivität mit einer Makrotheorie sozialstruktureller Umwälzungen zu verbinden."(1)

Konfliktanalyse auf der Grundlage der Klassentheorie muß also recht viel auf einmal leisten; sie muß gleichzeitig mit Aussagen über Grundstrukturen und grundlegende Determinanten jene Mechanismen aufdecken, über die sich Modifikationen, Brechungen und Überlagerungen - also jene ungeheure (und verwirrende) gesellschaftliche Komplexität - herausbildet, die uns im inner- und zwischengesellschaftlichen Konfliktgeschehen entgegentritt.

Die Soziologie hat die 'Mikroebene' der Soziallagen und Milieus - der Lebenslagen, Lebensläufe und Lebensstile - in den letzten Jahrzehnten mit neuen Methoden und Theorien beispielhaft erschlossen. Die Klassentheorie kann derzeit vor allem den Blick für 'weltgeschichtliche' Entwicklungen und für die Wirkungsweisen des kapitalistischen Weltsystems, das ein System internationaler Abhängigkeiten ist, schärfen.

Das Bedürfnis nach theoretischer Durchdringung des Weltgeschehens ist augenblicklich wahrscheinlich bei der 'massenhaft auftretenden' Schar der Intellektuellen, zu der natürlich auch Studenten jeglicher Art gehören, besonders groß. In dieser Gruppe ist überdies die Tendenz ausgeprägt, die Einsicht in die eigene, individuelle soziale Lage im deutlichen Bezug auf kollektive, ja globale Kontexte aufzuarbeiten. Erst so werden ja lokale Solidarisierungen, Hilfbereitschaft und Auflehnung gegen globale Ausbeutungserscheinungen verstehbar, wie sie sich in der Parole vieler sozialer Bewegungen ausdrücken, die da lautet: global denken, lokal handeln.

Ulrich Beck hat in diesem Zusammenhang den Begriff der 'individualisierten Klassenbildung' benutzt, der zunächst einmal meint, daß allgemeine (Klassen-) Interessen heute sehr wohl in hoch-individueller Form artikuliert und vertreten werden können - daß also Einzelne 'programmatisch' agieren und damit dem demokratischen Pluralismus der Meinungen und Interessen eine früher nicht gekannte Intensität geben können, die vor allem wegführt vom alten, fruchtlosen Gegensatz 'Individualismus'/'Kollektivismus'. Für sich selbst zu denken und zu handeln, um für andere denken und handeln zu können, erscheint heute als politische Selbstverständlichkeit.

Die weitere Entwicklung der Klassenkonflikttheorie wird von der Erfassung des komplexen Systemzusammenhangs jener ökonomischen, sozialen, politischen, kulturellen und psychischen Strukturen und Handlungen abhängen, die zur Ausbeutung des Menschen durch den Menschen führen bzw. die helfen, Unterdrückung, Abhängigkeit und Ausbeutung - also die Hauptursachen für Konflikte - etwa mithilfe sozialstaatlicher Strategien zu überwinden. Konkret heißt dies, daß in der Konfliktanalyse eine größere Komplexität von Kriterien berücksichtigt werden muß, die ja alle im Alltagsleben enthalten sind. Um, letztlich, die Sozialreformen in modernen kapitalistischen Gesellschaften voranzubringen, sind vor allem mehr Kenntnisse zu folgenden Bereichen des gesellschaftlichen Konfliktgeschehens notwendig:

1) Die Eigentumsfrage steht obenan: formelle, rechtliche Rahmenbedingungen bei Konflikten und Beziehungen, welche aus der Stellung zum Eigentum an Produktionsmitteln entstehen, sind bei weitem noch nicht geklärt. Mit der theoretisch-ideologischen Begründung von privaten Eigentumsverhältnissen, mit der Rechtfertigung ursprünglicher Eigentumsansprüche haben Konservative immer konzeptuelle Schwierigkeiten gehabt - denen sie durch das Ausklammern der historischen Dimension, des 'Entstehens' und 'Vergehens' von Eigentum, zu entkommen trachten. Um nur einige Fragen zu formulieren: Wie steht es um die Sozialpflichtigkeit großer Produktivvermögen? Wem gehören Boden, Wasser, Luft? Wie ist es mit den demokratischen Verfügungsrechten von (kleinen) Anteilseignern angesichts der Macht von Banken und Finanzinstitutionen?

2) Ein wichtiges Thema bleibt nach wie vor die Verteilungsgerechtigkeit: viele soziale Konflikte werden auch in Zukunft 'Verteilungskonflikte' sein, Konflikte um die Verteilung von Berufs- und Einkommenschancen (auch zwischen Männern und Frauen), aber auch um die Verteilung von immateriellen Gütern wie Lebensqualität und 'Glück'. Hier wird ganz sicher auch der 'Markt' als (einziger?) Regulierungsmechanismus für Verteilungschancen weiter problematisiert werden müssen. 'Markt' ist nämlich keineswegs ein Garant für Freiheit der Entscheidungen und Gleichheit der Chancen, sondern eher ein System gegenseitiger Kompromisse, des gegenseitigen 'Aufkaufens', des Drucks und Gegendrucks von 'pressure groups', Spezialinteressen usw. Das Problem der Verteilungsgerechtigkeit hat deshalb eher etwas mit dem vernünftigen Setzen sozial und ökologisch vertretbarer Prioritäten als mit 'freiem Markt' zu tun.

3) Man hat auch den Eindruck, daß in den Sozialwissenschaften in letzter Zeit zu wenig über Macht und Herrschaft geredet wird. Dabei gehört zu jeder guten Konfliktforschung, der Verortung der Konfliktparteien in den Herrschaftsapparaten, im System der gesellschaftlichen Macht nachzugehen und, auch wenn es manchmal nicht leicht ist, 'Roß und Reiter' zu nennen. Es ist zwar sicher richtig, daß 'Herrschaft' in der modernen Gesellschaft nicht mehr so einfach bei bestimmten Eliten (oder gar in Verschwörungen) lokalisiert werden kann; dennoch sind in bestimmten Entscheidungsbereichen, etwa in der Wirtschaft, oft relativ kleine Personenkreise, und oft genug ohne zureichende demokratische Kontrolle, 'letztverantwortlich' tätig.

4) Von daher sind von der Konfliktforschung die Prozesse der Legitimierung und Stabilisierung von Herrschaft, wie sie sich in Wahlen, in den Parlamenten, aber auch in außerparlamentartischen politischen Auseinandersetzungen vollziehen, weiterhin und sicherlich noch viel detaillierter zu verfolgen. Wir haben gegenwärtig ja gerade in Europa die Situation, daß einem relativ erfahrenen, differenzierten demokratischen Potential in Westeuropa ein in einer tiefen Legitimitäts- und Stabilitätskrise steckendes Osteuropa gegenübersteht, in dem die Bevölkerung 'Formen bürgerlicher Herrschaft' erst (wieder) lernen - und zugleich die darin enthaltenen Gefahren vermeiden lernen - muß.

5) Noch immer bestimmen ökonomische Faktoren und die Stellung im Erwerbsleben die sozialen Lebenslagen. Doch sind Brüche, Eigentümlichkeiten und Gestaltungsformen in den Lebensläufen oft wichtiger, wenn es um das Verhalten in Konflikten, um Durchsetzung der eigenen Interessen, um die Bereitschaft zum 'Einsatz' geht. Auch Lebensstile - spezifische Wertvorstellungen, Konsumgewohnheiten, 'politische Ästhetiken' usw. - beeinflussen, wie wir schon oben (6.3.) angedeutet haben, die Art und Weise, wie Menschengruppen ihre Konflikte austragen. Gerade ein Studium der neuen sozialen Bewegungen hat gezeigt, daß solche Aspekte heute oft viel schwerer wiegen als traditionelle 'Klassenlagen'.

6) Wichtig für ein Verständnis der geschichtlichen Entfaltung von Konfliktfronten ist auch die Berücksichtigung der Tatsache, daß es soziale Gruppen - wir haben weiter oben auf die Intellektuellen verwiesen - gibt, die soziale, kulturelle, ja man kann sagen, geistige, Traditionen über die unmittelbaren gesellschaftlichen Konfliktkonstellationen hinweg verkörpern (das ist besonders evident in Kunst und Wissenschaft) und dann gerade auch im Hinblick auf die Herausbildung einer Weltgesellschaft, einer 'Weltkultur' eine besondere Rolle spielen.

7) Summa summarum: gerade das Erstarren der Verhaltensweisen im Verlaufe kriegerischer Konflikte zeigt, daß das tatsächliche Verhalten von Individuen und Gruppen in realen Konflikten noch viel genauer erforscht werden müßte. Vor allem die inneren und äußeren 'Regelsysteme', die im Verlaufe jahrtausendelanger Vergesellschaftungsprozesse in die Persönlichkeitsbildung, in den 'Habitus' der Gesellschaftsmitglieder eingeflossen sind, könnten noch besser bekannt sein. Oder anders herum: gibt es einen 'Prozeß der Zivilisation', gibt es beispielsweise Möglichkeiten der Verrechtlichung, der Demokratisierung und 'Sensibilisierung' der alltäglichen, konkreten Verhaltensweisen angesichts der ans Existentielle rührenden Gegensätze, welche die Weltgesellschaft immer wieder zu zerreißen drohen?

(1) E.O.Wright, Was bedeutet neo und was ist marxistisch in der neomarxistischen Klassenanalyse?, in: Strasser/Goldthorpe (Hg.), Die Analyse sozialer Ungleichheit, Opladen 1985, 238


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