07 SOZIOLOGIE UND WELTKONFLIKTSYSTEM

07.3.2 Theorien des Klassenkonflikts

Klassenkonflikt-Theorien sind eng mit erfahrungswissenschaftlicher, d.h. empirischer Sozialstrukturanalyse verbunden. Sie basieren auf den Konfliktstoffen und Konfliktkonstellationen, die in mühseligen Befragungen und Datenerhebungen erfaßt worden sind. Nur auf diese Weise kommt man an die konfliktauslösenden sozialen Probleme heran und bekommt, vor allem, einen Begriff von denjenigen Gruppen, die soziale Konflikte miteinander austragen.

Die wichtigsten konfliktträchtigen Probleme und Sozialgruppenbildungen haben meist etwas mit der Wirtschaft zu tun. So sprach etwa Theodor Geiger schon Anfang der dreißiger Jahre von einer "genetisch der kapitalistischen Wirtschaft zuzuschreibenden Bevölkerungsschichtung", welche "über den Bereich der Wirtschaft hinaus auch dem gesamten 'öffentlichen' Leben überhaupt, ja den Vergesellschaftungen intimster Natur bis zu Geselligkeitsverein und Familie hin nach Lebensform und Zusammensetzung das Gesicht gibt."(1)

Geiger führte diesen Ansatz der Untersuchung des Zusammenhangs von ökonomischer Lage und handlungsbezogener subjektiv-psychischer Verfassung und Konfliktdisposition auch während der Kriegszeit weiter und kam später zu dem Ergebnis, daß die moderne Gesellschaft dennoch nicht mehr durch eindeutig ökonomisch verursachte Klassenkonflikte bestimmt sei, sondern als 'Klassengesellschaft im Schmelztiegel' sich in eine Vielzahl von Konfliktfeldern differenziere.

Dieser Gedanke der sozialen Differenzierung gerade auch des sozialen Konfliktpotentials durchzieht die Soziologie seit ihren Anfängen.

Max Weber hat durch sein Werk maßgeblich zum Verständnis der (nicht nur klassenmäßigen) sozialen Differenzierung beigetragen.

Stände und Klassen erscheinen bei Weber zunächst als formale Begriffe seiner Kategorienlehre, als Phänomene der Verteilung von Macht und als 'Verhaltensweisen', insbesondere unter dem Aspekt der Lebensführung. Begrifflich unterscheidet Weber drei Kategorien von Klassen:

Während Stände 'Vergemeinschaftungsgebilde' sind, in denen Zusammengehörigkeitsgefühle, Ehrenkodizes, Einverständnis, Pflichten und Bräuche konventioneller Lebensführung, Berufspflichten, auch religiöse und ethische Momente das soziale Handeln bestimmen, entwickeln sich Klassen aus 'objektiveren' Lagen, z.B. des Charakters ihrer Erwerbstätigkeit, ihrer Stellung in der Produktion. Klassen sind Teil des Vergesellschaftungsprozesses, der teilt, abgrenzt, differenziert und auch - heute würde man sagen - vernetzt.

In den konfliktuellen Klassenbeziehungen unterscheidet Max Weber, je nach Art der gegenseitigen Bindung der Akteure, zwischen verschiedenen reinen Handlungstypen:

Besonders klar werden die Bedingungen für vergesellschaftetes Klassenhandeln herausgearbeitet. Dazu gehören

Wir finden bei Weber Nachzeichnungen des Weges von der Klasse 'an sich' zur Klassen 'für sich' (vgl. 3.5.); wir finden im System der industriellen Klassen den Grundgegensatz zwischen Erwerbsmittel-Besitzern und -nichtbesitzern; wir finden die Betonung der letztinstanzlichen Rolle von Wirtschaftsklassen - alles Berührungspunkte zur marxistischen Klassentheorie, auch wenn ein gewisser Hang zur 'Entökonomisierung' des Klassenhandelns mitschwingt.

Die modernen, komplexen Massengesellschaften mit ihren vielfältigen sozialen Problemen verlangten nicht zuletzt seitens der Regierenden neue Herangehensweisen an das sich ansammelnde Konfliktpotential. Der Faschismus war ein drohendes Signal. Parsons entwickelte seine Systemtheorie, um

Mit großem Interesse wurde der erste nachkriegsdeutsche Beitrag zur allgemeinen soziologischen Konflikttheorie begrüßt, Ralf Dahrendorfs 'Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft' (1957). Hier wurde ausdrücklich der Anspruch formuliert, die Marxsche Theorie des Klassenkonflikts, die dieser (im 52. Kapitel des 3. 'Kapital'-Bandes) nur angekündigt hatte, für die Gegenwart, für die Zeit der 'schmelzenden Klassengesellschaft', soziologisch fortzuentwickeln. Im Ergebnis variierte Dahrendorf jedoch lediglich die 'Schmelztiegel'-These, allerdings in eine wichtige Richtung: er zeigte im Detail, daß in der modernen Gesellschaft Herrschaft und Herrschaftskonflikte nicht mehr als ein eindeutiger Gegensatz zwischen einer 'herrschenden' und einer 'beherrschten' Klasse gesehen werden können, sondern daß der Grundkonflikt sozusagen in eine beliebige Vielzahl von kleinen Herrschaftsverbänden in allen Lebensbereichen ausgewandert ist. Wer beispielsweise in seiner Firma als Chef 'herrscht', kann als Mitglied eines Fußballvereins wiederum von seinem Angestellten, der dort 'Präsident' ist, 'beherrscht' werden. Strukturwandel wird nicht mehr als Umwälzung, sondern als in vielen Rinnsalen verlaufende allgemeine konfliktuelle Bewegung von 'Interessengruppen' begriffen.

Überhaupt finden Konflikte in der modernen Gesellschaft immer mehr schon in einem 'Planungsmilieu' statt, als Konflikt zwischen Planern und Beplanten. Der gesteigerte Planungsbedarf in allen Industriegesellschaften führte zu einer Flut von sozialstrukturellen Bestandsaufnahmen: schließlich wollte man wissen, wen man 'beplant'. So wurden gerade auch mit dem Ausbau des Sozialstaats sehr differenzierte Schichtungsmodelle entworfen, um etwa Personengruppen zu erfassen, die nicht im Erwerbsleben stehen (Hausfrauen, Studenten) und die gleichwohl 'dämpfend' oder 'anheizend' das soziale Konfliktgeschehen beeinflussen. Überdies wurden Forschungsprogramme aufgelegt, um 'soziale Zufriedenheit', 'Lebensqualität' zu messen.

Moderne Analysen des sozialstrukturellen Konfliktpotentials halten überdies fast durchweg am Prinzip der Mehrdimensionalität fest, beziehen also ökonomische, politische, kognitive und psychologische Faktoren in die Analyse ein. Auch ist eine Abkehr von der wertneutralen, klassifizierenden Betrachtungsweise hin zu sozialreformerischen, am Abbau sozialer Ungleichheit interessierten Ansätzen zu beobachten.(2)

Interessant für die Konfliktsoziologie ist das Verhalten von Eliten untereinander, ihr Verhältnis zu den 'Massen' und ihre Rolle im Herrschaftssystem. Hier hat die US-amerikanische Elitenforschung viele Anregungen geliefert.(3)

Die Sozialstrukturforschung war zu jener Zeit in Anhänger einer Theorie der 'Klassenkonvergenz'(4) und Anhänger einer Theorie der 'Klassenstabilität'(5) gespalten. Erstere glaubten an eine zunehmende Einschmelzung von Klassengegensätzen, letztere hielten an der Vorstellung fest, daß sich sehr wohl echte Klassen durch die modernen Zeitläufte hindurchretten würden. Vor allem C. Wright Mills irritierte die gesamte Soziologen-Gemeinde mit der Behauptung, daß die amerikanischen Eliten an der Spitze der wichtigsten Institutionen (Parteien, Staat, Wirtschaft, Militär, Kultur) eng untereinander verknüpft, auf nationaler Ebene vernetzt und damit zu einer schlagkräftigen, unangreifbaren Machtelite - einer herrschenden Klasse - geworden seien.

Die Klassentheorien des 19. Jahrhunderts hatten einen Vorteil: den historischen Blick, den historischen Atem. Bei modernen soziologischen Theorien, die sich mit gesellschaftlichen Gegensätzen und sozialen Konflikten beschäftigen, sind die Horizonte oft recht eng. Wir wollen drei moderne Versuche, auch die 'großen Fragen' anzusprechen, kurz vorstellen.

Anthony Giddens beschäftigte sich bis in die jüngste Zeit als einer der wenigen Soziologen theoretisch mit der 'heutigen Konfrontation zwischen kapitalistischen und staatssozialistischen Gesellschaften' - um, wie er schrieb, die gegenwärtige Epoche besser zu verstehen. Es ist überhaupt nicht ausgemacht, ob seine dabei gewonnenen Einsichten nicht gerade jetzt, nach dem offenbaren äußeren Zusammenbruch des Staatssozialismus, an Bedeutung gewinnen. Denn das 'Zusammenwachsen' oder besser, tiefgreifende Transformationsprozesse haben ja gerade erst begonnen.

Für Giddens hatten beide Gesellschaftsformen, entgegen allen Konvergenzvorstellungen, eigenständige (nicht allein auf ökonomische oder technologische Komplexität zurückführbare) 'Strukturierungen' entwickelt. Der Kapitalismus sei in seinem Wesen nach wie vor eine Klassengesellschaft - die Klassenstrukturierung sei aber beispielsweise in den USA nur gering ausgeprägt. Und die Fähigkeit der Arbeiterklasse gar, 'an der Spitze des revolutionären Umsturzes zu stehen', sei wohl gänzlich abhanden gekommen. Stattdessen habe sich die kapitalistische Gesellschaft erst überall dort voll entwickelt, wo so etwas wie 'Sozialpartnerschaft' entstanden sei, die Legimität allgemeiner Tarifverhandlungen anerkannt und das Wahlrecht (und Mitbestimmungsrecht) der Arbeiterklasse garantiert ist.

Demgegenüber litten die 'staatssozialistischen' Gesellschaften - und das hat sich ja nun geradezu überwältigend bewahrheitet - unter dem 'Paradox des Sozialismus': "dem Zusammenprall zwischen dem Prinzip der Regulierung der Produktion gemäß den menschlichen Bedürfnissen und dem Prinzip der Aufhebung bzw. Reduktion der ausbeuterischen Herrschaft des Menschen über den Menschen"(6)

Das heißt, Sozialismus habe eine optimale, gleichmäßige Versorgung der Bevölkerung mit Gebrauchsgütern und zugleich eine Abschaffung von Hierarchien, von entfremdender Organisation zum Ziel. Dieser gewaltige historische Ehrgeiz hat in das Dilemma geführt, gleichzeitig 'Gleichheit' und 'Freiheit' auf rationale, planvolle Weise realisieren zu wollen, ein Dilemma, das nicht zu überwinden war und zum Zusammenbruch des gesamten Experiments führen mußte.

Auf andere Weise geht Ulrich Beck dem Konzept der Klassengesellschaft zu Leibe(7) . Für ihn

Auch bei Beck ist das Epochensiegel - mit den USA als Prototyp - ein 'Kapitalismus ohne Klassen':

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu, eine Erforscher der 'feinen sozialen Unterschiede', geht ähnlich vor, setzt aber doch andere Akzente, indem er sich an einer historisierenden, subtilen Neufassung des Grundgegensatzes von 'herrschenden' vs. 'beherrschten' Klassen versucht. Seine Thesen:

Bourdieus Grundüberlegungen entstammen empirischen Untersuchungen sozialer Differenzierung und sind vor allem in einer großangelegten Analyse der französischen Gesellschaft fruchtbar geworden(10) . Die Chance der plötzlichen Umwälzung einer so hochdifferenzierten Konkurrenzgesellschaft, in der alles um die Akkumulation ökonomischer, kultureller, sozialer usw. Kapitale geht, wird als sehr gering eingeschätzt.(11)

(1) T.Geiger, Zur Theorie des Klassenbegriffs und der proletarischen Klasse, in: Schmollers Jahrbuch 54/1930, 380
(2) Handl/Meyer/Müller 1977, Kreckel (Hg.) 1983 u.v.a.
(3) 1953 erschien Floyd Hunters 'Community Power Structure', 1956 C.Wright Mills' 'Power Elite'(dtsch. 'Die amerikanische Elite')
(4) z.B. D.Riesman, J.K.Galbraith, R.Nisbet
(5) z.B. Suzanne Miller, F.Riessman, M. Zeitlin
(6) Giddens 1979, 24
(7) Beck 1986; zur Kritik vgl. K.Dörre, Gesellschaft ohne Steuerungszentrum? in: Forum Wissenschaft 5/1988
(8) Hirsch/Roth 1986
(9) Bourdieu 1987, 107
(10) Bourdieu 1982
(11) Diese Chance wird nur mit dem kurzen Hinweis angesprochen, "daß eine abrupte Abkoppelung der objektiven Chancenlage von den unter einem früheren Stand derselben entwickelten subjektiven Erwartungen das Verhaftetsein der beherrschten Klassen, die sich plötzlich objektiv wie subjektiv vom Rennen ausgeschlossen sehen, an den bislang stillschweigend akzeptierten Zielsetzungen der Herrschenden tiefgreifend unterminiert und damit eine wirkliche 'Umwertung der Werte' ermöglicht.", ebenda, 276


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