"Als ich kürzlich in Washington war, habe ich lange mit unserem gemeinsamen Freund Norman Birnbaum gesprochen, der mir plastisch das Elend der demokratischen Partei vor Augen geführt hat. Alle vier Jahre ein neuer Kandidat, alle vier Jahre ein dürres Thesenpapierchen, aber kein Halt, keine Parteiorganisation, keine langfristige Linie. Wir waren ja beide immer weit davon entfernt, uns als Marxisten zu bezeichnen. Jetzt aber werden wir den gar nicht so liebenswerten alten Herrn aus Trier gelegentlich verteidigen müssen. Sein Hypothesen-Steinbruch 'Das Kapital' ist inzwischen geplündert: und viele der Steine, die man dort finden konnte, waren nicht recht verwertbar. Aber so ganz werden wir auf seine Hypothesen nicht verzichten können. Mag sein, daß es übertrieben war, die Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen aufzufassen, aber wenn wir sein Analysebesteck ganz zur Seite legen und die ökonomischen Gründe politischer Entwicklungen vormarxistisch vernachlässigen, werden wir schnell ratlos herumstehen. Der Schwung des (Kommunistischen) Manifestes, das Vorwort zu den Grundrissen, die Idee der disponiblen Zeit - die Parole müßte sein: Karl Marx und Max Weber in eins denken, aber bitte nicht zurück zu einer imaginären Debatte zwischen Lassalle, Bismarck, Lorenz von Stein und dem Bischof Ketteler."(1)
Es geht wohl für die Konfliktforschung kein Weg an der Klassenanalyse vorbei.
Als Klassen begreifen sich größere Menschengruppen im Prozeß des Klassifizierens und des Identifizierens. Der Begriff zielt auf Gruppenbeziehungen, in denen Subjektivität (Handlungen) und objektive Gesetzmäßigkeiten (Strukturen) unauflöslich ineinanderwirken. Im Medium des Klassenbegriffs läßt sich am erfolgreichsten der Frage nachgehen, wie das Werden gesellschaftlicher Sachverhalte aus dem Zusammenwirken und Handeln der Menschen zu erklären ist. Oder anders formuliert: das Verhältnis von Akteur und Geschichtsgesetz, das in philosophischen Grundfragen wie 'Mensch und Geschichte', 'freier Wille oder Vorbestimmtheit', 'Souveränität oder in Ketten geschlagene Kreatur' problematisert wird, ist soziologisch in den Begriffen der 'Klasse an sich' und der 'Klasse für sich' am genauesten getroffen.(2)
Die Operation des Klassifizierens verbindet alle Wissenschaften und wissenschaftlichen Vorgehensweisen; doch trennt die gesellschaftswissenschaftliche 'Klassenbildung' von der naturwissenschaftlichen, daß sie immer auch eine gesellschaftliche Beziehung beinhaltet, in welcher der Beobachter vom Beobachteten beobachtet wird.
Der Klassenbegriff ist einer der schwierigsten Begriffe. Der amerikanische Soziologe Erik Olin Wright frappiert mit der Bemerkung: "Wenn Klasse die Antwort ist, was ist dann die Frage?" Menschen tun sich vermutlich zu Klassen zusammen, wenn die Frage 'Was tun?' eine eindringliche, aus Not geborene Allgemeinheit gewonnen hat. Lenin sagt denn auch recht einleuchtend: "Klasse ist ein Begriff, der sich im Kampf und in der Entwicklung herausbildet."(3)
Klassen definieren sich relational, in Beziehung zu anderen Klassen, und nur so. Die Entdeckung der Klassentheorie besteht darin, daß Grundrelationen zwischen 'Hauptklassen' gegensätzlichen, antagonistischen Charakter haben. Die Grundlage dieses antagonistischen Verhältnisses ist die geschichtlich entstandene, sehr dauerhafte Struktur der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Der Ursprung der Ausbeutung liegt in der gesellschaftlichen Organisation des Produktionssystems.
(1) aus einem Brief von Peter Glotz an den gescheiterten Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine: vgl. Frankfurter Hefte/Neue Gesellschaft, 12/90
(2) Bergner u. Mocek 1986, 22ff; zu den folgenden Passagen vgl. H.J.Krysmanski, Zum Stand der klassentheoretischen Diskussion, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 1/90
(3) W.I.Lenin, Werke, Berlin 1961, Bd.30, 505