07 SOZIOLOGIE UND WELTKONFLIKTSYSTEM

07.2.2 Zivilgesellschaft und Intellektuelle

Der vielleicht wichtigste sozialwissenschaftliche Beitrag zum Problem des Zusammenhangs von nationalen und internationalen Konflikten und zum Entstehen eines Weltkonfliktsystems stammt von Antonio Gramsci. Gramsci ist zwar ein Theoretiker der kommunistischen Partei Italiens gewesen und hat sein Hauptwerk, die 'Gefängnishefte', schon um 1930 in der Haft geschrieben. Doch sein Werk, auf Grund seiner Entstehungsbedingungen sehr spät und begrenzt rezipiert, ist sowohl methodisch als auch theoretisch für die gesamte Sozialwissenschaft von großer Aktualität.

Gramsci kritisiert die Konzepte der 'permanenten Revolution' und der 'Weltrevolution' mit dem Argument, daß sie nur scheinbar internationalistisch seien, in Wirklichkeit aber unreflektiert. Reife und relativ stabile Formen des kapitalistischen Herrschaftsystems seien keineswegs allein durch ökonomische und politische Macht (also die Durchsetzung des Privateigentums an Produktionsmitteln, staatliche Unterdrückung) erzwungen worden, sondern durch den Konsens vermittelt, der in der 'bürgerlichen Gesellschaft' (società civile) und deren Hegemonieapparaten (Schule, Medien, Parteien und Verbände, Kirchen etc.) hergestellt wird.

Mit anderen Worten, die Menschen seien überzeugt worden, daß die 'bürgerliche Gesellschaft des Kapitalismus' die beste aller Welten hervorgebracht habe und ein dynamisches Gleichgewicht zwischen den Interessen der verschiedenen Klassen und Schichten erlaube.

In der 'bürgerlichen Gesellschaft' wird 'Herrschaft' zur 'Führung'; in ihr werden die Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen nicht primär durch unmittelbar ökonomische Interessen und die Aneignung des staatlichen Gewaltmonopols, sondern durch 'Hegemonie' - hier der entscheidende Begriff - reguliert. Gramsci erklärt dementsprechend die unterschiedliche Anfälligkeit für Revolutionen im Osten und Westen so: "Im Osten war der Staat alles, die bürgerliche Gesellschaft steckte in ihren Anfängen und ihre Konturen waren fließend. Im Westen herrschte zwischen Staat und bürgerlicher Gesellschaft ein ausgewogenes Verhältnis, und, erzitterte der Staat, so entdeckte man sofort die kräftige Struktur der bürgerlichen Gesellschaft."(1)

Wenn es überhaupt zu grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen kommen sollte, so würde der Weg dorthin weniger die Form eines 'Bewegungskriegs' haben, sonder eher ein 'Stellungskrieg' sein, in welchem Konsensbildungsprozesse über die 'Schützengräben und Befestigungsanlagen'(2) der bürgerlichen Gesellschaft ablaufen müßten.

Aus dem Übergang zum 'Stellungskrieg' ergibt sich nach Gramsci für die im Konflikt stehenden Gruppen die Anforderung, sich bewußt zu sein, daß auch in den internationalen Beziehungen nicht allein ökonomische und militärische Kräfteverhältnisse den Ausschlag geben, sondern die in Politik und Kultur realisierte Hegemonie einer bestimmten Schicht oder Klasse im nationalen Rahmen auch für ihr Verhältnis zu den herrschenden bzw. beherrschten Klassen anderer Länder - und damit für 'inter'-'nationale' Konflikte - von großer Bedeutung ist.(3) Die 'Tatsache der Machtergreifung'(4) oder die Erhaltung der staatlichen Macht kann nie Selbstzweck sein.

In einer 'antagonistischen Kooperation' mit anderen Ländern (also im Falle der jungen sozialistischen Länder mit entwickelten kapitalistischen Ländern) sollte vielmehr auf den neuen ökonomischen und staatlichen Grundlagen der Prozeß der Bildung der 'bürgerlichen Gesellschaft' vorangetrieben werden, um zunächst einmal überall 'zivilisatorische Rückständigkeiten' zu überwinden: Um "in der Umhüllung der politischen Gesellschaft eine komplexe und wohlgegliederte bürgerliche Gesellschaft aufzubauen, in der jedes Individuum sich selber regiert", darf die unvermeidliche Tendenz zur "Staatsvergötterung nicht sich selbst überlassen bleiben; sie darf sich vor allem nicht in theoretischen Fanatismus verwandeln, darf nicht als 'permanent' aufgefaßt werden".(5)

Und Gesellschaftsexperimente wie das sozialistische können sich nur vollziehen, indem in Verbindung mit dem Prozeß des ökonomischen Aufbaus ein 'erweiterter Staat' (das heißt, die Verbindung von 'politischer' und 'bürgerlicher Gesellschaft') entsteht, in welchem Zwang zunehmend durch Hegemonie ersetzt wird: "Die Stärkung der Macht des Staates muß zum Ausdruck gebracht werden durch die Schwächung des Staatsapparates."(6)

Gramsci entwickelt ein Forschungsprogramm zur Geschichte und Struktur der Hegemonieapparate Italiens, um den 'Geheimnissen' von nationaler Entwicklung im Kontext der dominanten internationalen Entwicklungstendenzen auf die Spur zu kommen. Dabei wird deutlich, daß

zu den entscheidenden, das Weltkonfliktsystem bis in die Gegenwart prägenden Ereignissen gehören. Inwieweit die allerjüngsten Entwicklungen - das sogenannte Ende des Kalten Krieges - tatsächlich eine absolute 'Basiskorrektur', eine epochale Zäsur darstellen, ist zu prüfen. Der Status der Epoche ist in einem ganz präzisen Sinne, als breitester nationaler und internationaler Diskurs unter den Intellektuellen aller Länder zu überprüfen. Denn die Intellektuellen sind es, die laut Gramsci für die konsensbildenden, hegemonialen Prozesse 'zuständig' sind.

Intellektuelle sind in diesem Zusammenhang nicht nur Wissenschaftler, Philosophen, Schriftsteller und dergleichen, sondern alle, die in einer Gesellschaft auf den verschiedensten Ebenen mit der Macht des Wortes, mit geistigen Mitteln der Überzeugung und Beeinflussung umgehen: also alle im Bildungssystem Tätigen, viele Beamte, Funktionäre in Organisationen wie den Gewerkschaften oder Parteien usw.

Gramsci hat versucht, in den Mittelpunkt seines Forschungsprogramms die Geschichte und Theorie der Intellektuellen zu setzen, die er als soziale Gruppe durch die Tätigkeit in den Hegemonieapparaten definiert. Hegemoniale Konflikte sind ohne die Rolle der Intellektuellen nicht denkbar. Mit Hilfe der Intellektuellen erreichen Klassen die 'freiwillige' Unterordnung anderer bzw. ordnen sich selbst anderen Klassen unter. Gramsci lenkt damit die Aufmerksamkeit auch auf gesellschaftliche Gruppen, die scheinbar quer zu oder außerhalb von (vor allem ökonomisch bestimmbaren) Klassenstrukturen agieren: "Die Beziehung zwischen den Intellektuellen und der Produktion ist nicht unmittelbar, wie es bei grundlegenden gesellschaftlichen Gruppen der Fall ist, sondern wird in verschiedenen Abstufungen 'vermittelt', und zwar durch das gesamte soziale Gewebe, durch die Gesamtheit des Überbaus, dessen Funktionäre eben die Intellektuellen sind. Man könnte das 'Organische' der verschiedenen Schichten, ihre mehr oder minder organische Beziehung zu einer grundlegenden gesellschaftlichen Gruppe daran messen, daß man die Funktionen in ihrer graduellen Beziehung zum Überbau von unten nach oben aufzeichnet..."(7)

Mit der theoretischen Erfassung (und historischen Untersuchung) dieser Gruppen wird die Analyse des nationalen-internationalen Konfliktsystems in entscheidender Weise vertieft. Einerseits bringt jede Klasse Intellektuelle hervor, "die ihr nicht nur auf politischem Gebiet Homogenität und das Bewußtsein ihrer eigenen Funktion verleihen", andererseits finden Klassen "in der Geschichte, zumindest bisher, bereits existierende Intellektuellengruppen" vor, "die sogar eine historische Kontinuität zu verkörpern scheinen, welche selbst durch die kompliziertesten und radikalsten Veränderungen der gesellschaftlichen und politischen Formen nicht unterbrochen wurde."(8)

Mit anderen Worten: die Intellektuellen sind es, die soziale und nationale Besonderheiten artikulieren und in die konfliktuelle Austragung von Differenzen, die nicht mehr gewaltsam, sondern konsensusbezogen-hegemonial ablaufen, einbringen. Die Intellektuellen sind es aber auch, die allgemeine und sozusagen Welttraditionen verkörpernde Positionen vertreten und in die internationalen Konflikte einführen. Sie sind also die einzige soziale Gruppe, welche national im Kontext der dominanten internationalen Entwicklungen und international im Kontext der dominanten nationalen Entwicklungen zu operieren in der Lage ist.

(1) Gramsci 1980, 273
(2) ebd. 273
(3) vgl. Gramsci, Note sul Machiavelli, Rom 1974, 217ff
(4) Gramsci, La Costruzione del Partito comunista, Torino 1971, 136
(5) Gramsci, Passato e Presente, Roma 1974, 219
(6) I.Buci-Glucksmann, Gramsci und der Staat. Für eine materialistische Theorie der Philosophie, Köln 1981, 289
(7) ebd. 228
(8) ebd. 222


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