07 SOZIOLOGIE UND WELTKONFLIKTSYSTEM

07.2.1 Befehlsgesellschaften

Kennzeichnend für fehlgeleitete 'Weltveränderungsprojekte' sind in diesem Jahrhundert eine Reihe von 'Befehlsgesellschaften' geworden. Nehmen wir als Beispiel den Stalinismus. Einerseits beanspruchte Stalin, der legitime Erbe von Marx und Lenin zu sein, also ein Gesellschaftsexperiment auf der Basis des gesamten sozialwissenschaftlichen Wissens seiner Zeit, bis hin zur Sprachwissenschaft, durchzuführen. Es ist keine Frage, daß dieses Programm Intellektuelle überall in der Welt, vor allem in den frühen 30er Jahren, faszinierte.(1)

Andererseits ist offensichtlich, daß in der Sowjetunion wie in vielen anderen Ländern die wissenschaftliche Analyse nur als nachträgliche Legitimation für eine letztlich reine Machtpolitik instrumentalisiert wurde. Ohne jede Rücksicht auf die Eigendynamik von Gesellschaften - und im Falle des Stalinismus und Nationalsozialismus mit Methoden des Massenterrors - wurde die Stabilisierung und Ausweitung der Staatsmacht vorangetrieben.

Allerdings hatte der 'Ausbau der Staatsmacht' nicht nur etwas mit machiavellistischer Machtpolitik zu tun, sondern auch mit den objektiven Erfordernissen einer modernen, industrialisierten Wirtschaftsweise - ob sie sich nun auf Staatseigentum an den Produktionsmitteln stützte oder privatwirtschaftlich (mit starken Konzentrations- bzw. Monopolisierungstendenzen) strukturiert war.

Die Sozialwissenschaften jener Jahre, das zeigten auch die Analysen von Max Weber (s.o.), kommen, von 'rechts' bis 'links', zu der Erkenntnis tiefgreifender Wandlungen des Verhältnisses von Staat und Ökonomie. Zugleich wendet sich in diesem Zusammenhang das Interesse vor allem dem weltbeherrschenden kapitalistischen System, dem der Gewinnlogik folgenden Weltmarkt mit seinen in Konkurrenz zueinander stehenden Nationalgesellschaften, zu. Die Zunahme der staatlichen Regulierung führt dort, wie Eugen Varga es ausdrückt, zu einer "bis ins einzelne gehenden Einmischung des Staates in die Wirtschaft zugunsten der herrschenden Klassen im allgemeinen, des Monopolkapitals und der Großagrarier im besonderen".(2)

Die Folgen des verstärkten Zusammengehens von Staat und Wirtschaft führten weltweit zu einer Reihe von `Basiskorrekturen' der Wirtschaftsordnung, zu undemokratischen Befehlsgesellschaften, aber auch zum Versuch einer 'demokratischeren' Lösung des Regulierungsproblems:

Hier, mit der Herausbildung bürokratisch-industrieller Herrschaftsstrukturen, konnte dann auch das eintreten, was wir weiter oben schon mit dem Begriff des Bonapartismus anzudeuten versucht hatten: die herrschenden Gruppen, die 'Machteliten', die bislang vornehmlich aus den ökonomisch und politisch tonangebenden Kreisen bestanden hatten, mußten wegen der wachsenden inneren und äußeren Regulierungsaufgaben um führende Angehörige der Staatsbürokratie erweitert werden. Und um die neuen in den Nationalgesellschaften entstandenen Machtzusammenballungen auf internationaler Ebene, in den internationalen Konkurrenzkonflikten zu schützen, mußten auch die Militärapparate entsprechend ausgebaut werden. Die Folge war (um einmal ein echtes Wortungetüm zu benutzen) die Herausbildung von bürokratisch-militärisch-industriellen Herrrschaftskomplexen, von denen bis heute in allen entwickelten Industriegesellschaften wenn nicht alle, so doch sehr viel Macht ausgeht.

Was hat das nun alles mit dem Entstehen und den Mechanismen eines Weltkonfliktsystems zu tun? Fast alle Sozialwissenschaftler, die in den zwanziger und dreißiger Jahren sein Entstehen beobachteten, hatten das Problem des Zusammenhangs zwischen den inner- und den zwischengesellschaftlichen Konflikten noch nicht klar genug herausgearbeitet. Sie standen den Vorbereitungen zum Zweiten Weltkrieg und seinem Ausbruch theoretisch fast hilflos gegenüber - auch wenn es bemerkenswerte Ausnahmen, etwa um das Frankfurter Institut für Sozialforschung, um die sogenannte Frankfurter Schule, gab.

Das Problem war aber auch schwierig genug. Es bestand darin, über die Formulierung einer unmittelbaren Einheit von nationalen und internationalen Konflikten hinauszugehen, also nicht nur einfach zu glauben, wie die Nationalsozialisten, daß die bewußte Entfesselung eines Krieges das Konfliktpotential im Innern Deutschlands ('Volk ohne Raum') abbauen könnte oder, wie Trotzki, zu meinen, daß sich 'Weltrevolution' als eine Kette von 'Nationalrevolutionen' darstellen müsse.

Für jeden Theoretiker eines Weltkonfliktsystems - das ist die Problematik - muß es heute darum gehen, die Tatsache zu erkennen, daß nationale und Weltkonflikte eine hochgradig vermittelte Einheit darstellen. Das heißt, wenn man überhaupt von einem Weltkonfliktsystem (und Weltveränderungschancen) reden will, muß heute berücksichtigt werden,

(1) Man denke nur an die 'Social Relations of Science'-Bewegung im England jener Zeit; vgl. J.Bernal, Die Wissenschaft in der Geschichte, Bd. 4, Reinbek 1970
(2) E.Varga, Die große Krise und ihre politischen Folgen, Moskau/Leningrad 1934, 16


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