07 SOZIOLOGIE UND WELTKONFLIKTSYSTEM
07.2 Die Entstehung eines Weltkonfliktsystems
Die sozialstaatliche Entwicklungsvariante als Antwort auf die Krisen und Widersprüche des Kapitalismus, wie sie sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausbildeten, ist 'weltgeschichtlich' an bestimmte Perioden gebunden: etwa die Etablierung sozialdemokratischer Parteien im letzten Jahrhundert, etwa an den Beginn des 'anti-reformistischen', 'revolutionären' Sozialstaats-Experiments in Rußland. Durch die internationale, ja die globale Entwicklung sind wir vor allem auf eine genaue historische Analyse jener 'Axialzeit' zwischen den beiden Weltkriegen - also etwa 1918-1939 - zurückverwiesen, weil damals vieles, vor allem auch das sozialistische Gesellschaftsexperiment, sich entfaltete, von dem erst heute die Folgen, die Erfolge und Mißerfolge abzuschätzen sind, von denen auch der Fortgang des 'Reformkapitalismus' abhängt.
Für die Friedenswissenschaft werden in jener Zeit einige Grundeinsichten unabweisbar, ja verbindlich, bevor der Zweite Weltkrieg sie auf ihre härteste Probe stellt:
- die Tatsache des weltgesellschaftlichen Zusammenhangs aller Konflikte und folglich auch aller Friedensmöglichkeiten;
- die Tatsache der 'Veränderung' von Gewalt: neben die Fülle (staatlicher) Gewaltapparate treten als Mittel der Konfliktaustragung auch 'Konsensapparate' (Gramsci), d.h. Mittel der Austragung von Konflikten im Massenbewußtsein, 'in den Köpfen';
- die Möglichkeit der 'Zivilisierung' auch internationaler Konflikte: die alten Formen der Konfliktaustragung, also Kriege, begannen eindeutig anachronistisch zu erscheinen.
Das erste Signal für solche 'axialen' Veränderungen ist die Oktoberrevolution 1917 in Rußland. Mit ihr stellen sich neue Anforderungen für die Untersuchung gerade auch internationaler Konflikte, die letztlich nur in Richtung auf die Analyse eines 'Weltkonfliktsystems', das zweifellos auch Momente eines 'Weltklassensystems' enthält, zu lösen sind(1) .
Eine entsprechende, von weltweiten ökonomischen und sozialen Klassenkonflikten ausgehende Konzeption ist außerordentlich kompliziert. Die russische Oktoberrevolution ist das Signal für eine zusammenwachsende Welt, auch der sozialen Auseinandersetzungen:
- Bis jetzt hatten die in der neuen kapitalistischen Gesellschaftsformation zutage tretenden sozialen Konflikte im Vordergrund gestanden und etwa auch die Diskussion um die Ursachen des Ersten Weltkriegs bestimmt.
- Nun trat die Frage hinzu, wie sich innerhalb des ersten Staates, der den Weg zum Sozialismus zu beschreiten versuchte, die sozialen Beziehungen gestalten und wie sie 'auf den Rest der Welt' ausstrahlen würden (wobei die Sowjetunion zwar die Aufhebung der Klassengegensätze als politisches Ziel proklamierte, aber hinsichtlich ihres zivilisatorischen Niveaus gegenüber den kapitalistischen Ländern so weit zurückgeblieben war, daß in ihr z.B. ungelöste Spannungen des Feudalismus weiterwirkten).
- Die wechselseitige Verflechtung zwischen dem Kapitalismus und der Gesellschaftsordnung in der Sowjetunion fand zwar nur stellenweise, aber doch an global-territorialen Knotenpunkten (als Ausdehnung eines 'sozialistischen Weltsystems') und nicht zuletzt in den politischen Programmen der vielfältigsten sozialistischen, 'linken' Parteien und Bewegungen und faktisch auch in der Ausbreitung des 'Sozialstaatskonzepts' statt.
- Und schließlich etablierten sich, als eine zunehmend bedeutende eigenständige Größe im 'Weltkonfliktsystem', die kolonial bzw. neokolonial unterdrückten Länder, die in vielfacher Hinsicht ihre Befreiungskämpfe teils bewußt, teils unbewußt am Muster der Oktoberrevolution (und an deren Folgen) orientierten.
Die Ausarbeitung einer Theorie, die diesen neuen Anforderungen gerecht wird, gelang in den Sozialwissenschaften, die sich fortan offen und verdeckt auch der Ergebnisse der marxistischen Theoretiker bedienten, nur in Ansätzen. Wir heben einige prägnante, gerade heute, nach dem Zusammenbruch eines separaten, quasi-autarken 'sozialistischen Weltsystems' wieder relevante Probleme hervor:
- Hinter dem sogenannten Primat der 'Weltrevolution' (Trotzki) verbarg sich ja eine Antwort auf die Grundfrage, ob eine Umgestaltung oder gar Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse in verschiedenen Weltregionen je besonders oder nach einem einheitlichen, globalen Prinzip erfolgen müsse oder könne. Das sowjetische Projekt einer Weltrevolution ebenso wie das Programm der 'Abwehr des Bolschewismus' (wie es seit den 20er Jahren viele 'bürgerliche' Theoretiker vertraten) gingen von einem Zeitalter 'globaler Umwälzungen' - und wenn es der 'Untergang des Abendlandes' (Spengler) war - aus. Heute ist klar, daß solche 'Weltumwälzungsvorstellungen', ob man sie wollte oder fürchtete, naiv waren; daß dabei unterschätzt wurde, wie 'ungleichzeitig', mit wie viel regionalen Besonderheiten und vor allem, in welcher sozialen Differenziertheit globale Umwälzungsprozesse tatsächlich ablaufen würden.(2)
- Aber auch auf der anderen Seite wurde einiges deutlicher: die nicht nur von Stalin, sondern von vielen anderen Theoretikern, Ideologen und Politikern vertretene These von der Notwendigkeit, globale Veränderungen durch den abgeschotteten Auf- und Ausbau einer neuartigen Gesellschaftsordnung in einem Land zu initiieren, erwies sich ebenfalls als falsch und verhängnisvoll. Weder Stalins 'Sozialismus in einem Lande' noch Hitlers autarker 'National-Sozialismus' führten zu anderem als Schreckens-Regimen. Nüchtern betrachtet: in all diesen Versuchen wurde verkannt, daß die sozialen und ökonomischen Strukturen einzelner Länder inzwischen dermaßen mit den Widersprüchen eines globalen System gegenseitiger ökonomischer, kommunikativer usw. Abhängigkeiten verflochten sind, daß dieses 'Ausscheren', daß diese Autarkieversuche früher oder später nicht nur scheitern mußten, sondern einen enormen Bedarf des 'Nachholens versäumter Entwicklungen', an 'Anschlußhilfe' erzeugen.
(1) Wallerstein (Hg.) 1983
(2) vgl. L.Trotzki, Ergebnisse und Perspektiven, Frankfurt 1975
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