Die Soziologie wurde zur Wissenschaft, weil bestimmte mit der Herausbildung der modernen, bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft entstandene Probleme nicht mehr mit den herkömmlichen Mitteln der Gewaltanwendung und Überredung gelöst werden konnten. Je komplexer nämlich die moderne Gesellschaft wurde, umso schwieriger wurde es, die soziale Integration der vielfältigen Gruppen bzw. Interessen und die Akzeptanz von Herrschaftsausübung, die Anerkennung von Herrschaftsverhältnissen einfach zu erzwingen oder durch Glaubensbekenntnisse durchzusetzen.
Die Soziologie ist eine 'Konsensbildungswissenschaft', sie trägt mit ihren Erkenntnissen dazu bei, daß die Mitglieder der Gesellschaft nicht nur wollen, was sie müssen, sondern daß sie in den gesellschaftlichen Verhältnissen auch einen Sinn sehen und sich in ihnen einigermaßen selbstbestimmt bewegen lernen.
Doch bis heute steht die Soziologie wie andere sozialwissenschaftliche Disziplinen(1) in Konkurrenz zu traditionelleren Praktiken und Institutionen 'harter' und 'weicher' Integration und Herrschaft - zu denen beispielweise auch die Polizei gehört. Der radikale amerikanische Soziologe Martin Nicolaus sah sogar ein 'Konkurrenzverhältnis' von Soziologie und Polizei: "...Polizei und Soziologie sind funktionale Alternativen. Soziologische Forschung gedeiht in einem Klima geringer und weit gestreuter sozialer Unruhe. Wenn allerdings, wie in Zeiten der Rezession und Depression, aus passiver aktive Unruhe wird, wenn Widerstand sich in offenen Aktionen, in Streiks, Aufruhr, Revolten und Revolutionen regt, dann werden die 'geistigen Waffen', welche die soziologische Forschung den Autoritäten liefert, zunehmend funktionslos... Wie Anzeichen in den USA der letzten vier oder fünf Jahre zeigen, ist die positive Korrelation zwischen dem funktional entgegengesetzten Prosperieren der Soziologie und der untersuchten Bevölkerung erklärbar durch die inverse Korrelation zwischen dem funktional alternativen Prosperieren der Professionen der Soziologie und der Polizei...Indem der funktionale Wechsel von der soziologischen zur Polizei-Profession sich vollzieht, erfährt der Grad der Ängstlichkeit in den Konzilen der ersteren eine merkliche Steigerung. Wenn der Tümpel der Geldmittel verdunstet, hüpfen die Frösche; keiner möchte am Rande sein, und der Run auf die Lilienblätter in der Mitte ist enorm."(2)
Trotz aller sich abzeichnenden Krisen und sozialen Unruhen kann man allerdings nicht davon ausgehen, daß der Ausbau der Repressionsapparate nach innen und außen (Polizei und Militär) die 'weicheren' Formen des Krisenmanagements funktional voll ersetzen könnte.
Es wird in unserer hochkomplexen Gesellschaft also Raum für soziologische Problemlösungsaktivitäten bleiben, auch wenn dies unter bestimmten Bedingungen nicht gleichbedeutend mit dem Erhalt oder auch nur mit dem Zusammenhalt der Soziologie als einer sozialwissenschaftlichen Fachdisziplin sein muß.
Die westdeutsche Soziologie hat seit den 70er Jahren eine wechselvolle Geschichte durchlaufen. Nach Hoffnungen aus den Anfängen der sozial-liberalen Koalition, die Soziologie könne zu einer etablierten Politikberatungswissenschaft in Sachen 'Lebensqualität' (Sozialindikatorenbewegung), Strukturpolitik ('Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel') und nicht zuletzt in Sachen Abfederung der sozialen Folgen von Rationalisierung und Automatisierung (Aktionsprogramm 'Humanisierung des Arbeitslebens')(3) werden, wird längst von ihrer Krise gesprochen. Es geht das Wort um von der unvermeidlichen 'Parzellierung' und 'Spezialisierung' des Faches(4) - man fühlt sich aus dem zentralen Planungsgeschehen wieder verstoßen.
Gleichzeitig wachsen die gesellschaftlichen Probleme in der Bundesrepublik atemberaubend schnell, und das hat sich seit 1990, mit dem Beitritt der DDR, noch einmal beschleunigt. Die Thematiken der Soziologentage waren dabei häufig Ausdruck des jeweiligen Problembewußtseins der Disziplin. So konnte das Thema des legendären Soziologentags 1968 in Frankfurt, auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung, noch die Frage stellen 'Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?'. Daraus war 1982 in Bamberg die Frage 'Krise der Arbeitsgesellschaft?' geworden. Und 1990, wiederum in Frankfurt, ging es 'nur' noch um die 'Modernisierung moderner Gesellschaft' - mit dem Versuch, sich den Folgen der deutschen Vereinigung auch für das Fach zu stellen.
Wir werden im letzten Kapitel des Lehrbriefs noch einmal auf den Stand und die gegenwärtigen Aufgaben der Soziologie in der 'erweiterten Bundesrepublik' zurückkommen. Hier sei nur angemerkt, daß die Soziologie heute kaum noch zentrale Deutungsmuster anbietet, also in diesem Sinne keine Schlüsselwissenschaft mehr ist. Gleichwohl ist das Fach nach wie vor an der Lösung gesellschaftlicher Probleme beteiligt, ist eine 'Krisen'- und 'Integrations'-Wissenschaft, kann über Konflikte und Herrschaftsstrukturen aufklären und, last but not least, durchaus auch zum Verständnis unserer Epoche beitragen.
Dabei möchten wir aus unserer Sicht nicht unterschlagen, daß die Soziologie - als eine wissenschaftliche Reaktion auf die 'soziale Frage' des 19. Jahrhunderts - mit ganz bestimmten gesellschaftlichen und politischen Kräften 'groß' geworden ist: mit den reformkapitalistischen Kräften um Sozialdemokratie und Gewerkschaften und mit der Strategie des Ausbaus des Sozialstaats (als einer wichtigen und traditionsreichen Konfliktlösungsstrategie).
Die Frage nach dem Beitrag der Soziologie zur Lösung der Probleme der Gegenwart muß deshalb die Frage nach den Perspektiven dieser politischen Kräfte vorrangig miteinschließen. Ganz allgemein gesprochen hängt die praktische Leistungsfähigkeit der Soziologie also vom Niveau der Verwissenschaftlichung gesellschaftlicher Praxis ab, vom durchgesetzten Ausmaß gesellschaftlicher Planung und vom Erfolg einer um die sozialstaatliche Entwicklungsvariante des Kapitalismus herum entfalteten zwischen- und innergesellschaftlichen 'Entspannungspolitik', ja 'Friedenspolitik'.
Konkret verlangt diese Abhängigkeit von der 'Sozialstaatsvariante' ein Politischwerden der Soziologie, ob sie sich um die politische Durchsetzung der sozialstaatlichen Lösungen oder gar - so weit ist es ja schon - friedenspolitisch um die Erhaltung ihres Gegenstandes, von intakter Gesellschaft überhaupt, bemühen muß.
(1) Zu den weiteren Sozialwissenschaften, die heute z.B. in den USA unter dem Druck einer reaktionären
Wissenschaftspolitik zusammenrücken müssen, gehören Psychologie, Ökonomie, Demographie und
Politologie. Vgl. H.J.Krysmanski, Der Einfluß des Militär-Industrie-Komplexes auf die amerikanische
Wissenschafts- und Technologiepolitik, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 7/82
(2) Martin Nicolaus, The Professional Organization of Sociology: A View from Below,
in: Nicholas M. Regush (ed.), Visibles and Invisibles. A Primer for a New Sociological Imagination,
Boston 1973, 132f
(3) alle drei Forschungsprogramme wurden anfangs der siebziger Jahre als 'Politikberatungsprogramme'
von der damaligen sozial-liberalen Koalition gefördert. Vgl. die gründliche Diskussion von
Th.Mies, Der Praxisbezug der Sozialwissenschaften. Am Beispiel der angewandten Sozialforschung
in den USA 1960-1980, Frankfurt/New York 1986
(4) so Burkhart Lutz in seinem Vortrag 'Gesellschaftliche Strukturkrisen als Herausforderung der
Soziologie' auf dem Bamberger Soziologentag 1982