Die Probleme, die es zu bearbeiten und zu lösen gilt, sind Legion. Je mehr man sich ihrer bewußt wird, umso stärker wird die Empörung über ein Wissenschaftssystem und Hochschulssystem, das eigentlich immer mehr in die Hände kurzfristig denkender, auf schnelle Gewinnrealisierung ausgerichteter privater Interessenten - auch wenn sie das Maß von Großkonzernen haben - fällt. "Anders gesagt, Wissenschaft und Fortschritt bilden keine Einheit mehr. Wissenschaft ist eine Dienstleistung. Ob der Auftraggeber oder Nutzer der Dienstleistung sie im Namen des Fortschritts oder in irgendeinem anderen Namen anspricht, ist belanglos. Die Diagnose ist folglich doppelsinnig: Der Fortschrittsgedanke ist nicht nur aus der Wissenschaft herausgezogen - der Menge erzeugten katastrophenträchtigen Innovationswissens entspricht das rationale, auf Genese und Abschätzung zielende Risikowissen nicht annähernd; der Fortschrittsgedanke ist selbst aus der Struktur, in der Wissenschaft ein Element ist, herausgenommen worden."(1)
Man kann sagen, daß die lange Friedensperiode in den entwickelten Industrieländern den Wissenschaftlern eigentlich eine gewisse Zeit für 'Trauerarbeit' - für eine gedankliche und gefühlsmäßige Verarbeitung des ungeheuren Ausmaßes von Gewalt und Elend in unserer Epoche - hätte bringen können. Aber auch das uneingeschränkte Wettrüsten, die Argumentationsketten der neuen Friedensbewegung und vieles andere haben in den Wissenschaften Denk- und Umorientierungsprozesse hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Rolle in Gang gesetzt.
Auch wissenschaftsimmanent, ob die Fachgeschichte, die Sicherheit der Methoden oder die Gewißheit der Theorien reflektiert werden, beginnen die destruktiven Potentiale nicht nur der Physik und Chemie, sondern auch der Psychologie oder Soziologie und vieler anderer Wissenschaften nachdenklich zu stimmen. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wenden sich auch explizit dagegen, daß Forschungseinrichtungen und Hochschulen zu Selbstbedienungsläden allein für die mächtigsten wirtschaftlichen Interessengruppen geworden sind. Nicht zuletzt in den Fachverbänden der einzelnen Disziplinen hat eine Diskussion über ethische Fragen begonnen.
Angesichts der Rolle, die Wissenschaft und Technik bei der Gestaltung unserer Lebensbedingungen haben, ist das Problemfeld 'Wissenschaft und Ethik' das vielleicht expansionsfähigste im 'friedenswissenschaftlichen Schub' insgesamt.
In diesem Problemfeld zeigt sich allerdings auch die ganze Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit der modernen Wissenschaftsentwicklung. Wissenschaft als Dienstleistung für Politik und Wirtschaft tendiert auf Zerstörung der traditionell hohen Bewertung bestimmter einzelner Disziplinen (vor allem in den Geisteswissenschaften) und der erprobten Formen von Kooperation und auch 'Kontemplation'. Der verwertbare Wissenstransfer und nichts sonst zählt. Hier gibt es dann auch Garnierungsbedarf: "Nicht zufällig baut sich eine dem System 'Wissenschaft und Praxis' zugeordnete Nischenstruktur unter dem Namen 'Wissenschaft und Ethik' auf - für Liebhaber."(2)
Das ist aber nicht die ganze Geschichte. Wir möchten behaupten, daß in den letzten Jahrzehnten, während jener Desintegrations- und Auflösungsprozeß traditioneller Wissenschaft vor sich ging, zugleich kein anderer Wert, kein anderes Ziel eine stärkere integrierende und orientierende Kraft auf das Wissenschaftssystem ausgeübt hat als der Friedensgedanke.
So etwas läuft natürlich nicht automatisch. Und vor allen Dingen: die integrierende Wirkung des Friedensgedankens ging ebenfalls mit einer zumindest unterschwelligen restrukturierenden Wirkung einher. Die "Koalition der Vernunft gegen die Kriegsgefahr und ihre sozialen, ökonomischen, politischen und ideologischen Wurzeln"(3) hat in gewisser Weise die traditionellen Formen von Wissenschaft, die man unter dem Begriff der Leuchtturmexistenz (Einstein), der Idee von 'Einsamkeit und Freiheit' (Schelsky) zusammenfassen kann, genau so nachhaltig aufgelöst wie der ungehemmte Zugriff der Wirtschaft - nur eben in eine andere Richtung, in die Richtung nicht der dienstfertigen Zersplitterung, sondern der gemeinsamen historischen Verantwortung.
Es war kein Zufall, daß bei der Bestandsaufnahme der Forschungsthemen der Friedensforschung von Everts (vgl. 5.3.) die 'Erforschung der Friedensforschung selbst' durchweg an erster Stelle genannt wurde. Es war und ist dies ein lobenswerter Impuls: sich Rechenschaft über das eigene Tun zu geben und diesen neuartigen Forschungszweig durch ein Wissen um Standort, Wirkung usw. zu steuern. Es hat sich aber auch gezeigt, in einem für die Beteiligten teilweise schmerzlichen Erkenntnisprozeß, daß "Friedensforschung als eigenständiges, problemorientiertes Wissenschaftsgebiet keine Zukunft" hat."(4)
Die Friedensforscher müssen sich also Gedanken darüber machen, wie sie sich in die Entwicklung der Wissenschaften insgesamt einbringen können: "Abhängig von dem Zusammenwirken von Einsicht und Politik sind drei Entwicklungen möglich. Sie erfordern das Engagement, den Ideenreichtum und die materielle Unterstützung aller Kräfte in einer Gesellschaft, die deren Fortbestehen so sehr im Zeichen der Wissenschaft gestellt sehen: Erstens, alle Forschung hat dem Frieden zu dienen, sie wird Friedensforschung. Das ist das politisch-ethische Fernziel. Zweitens, über den bestehenden Zustand hinaus wird verstärkt mittelfristig in vielen Disziplinen projektmäßig Friedensforschung betrieben. Das ist eine multidisziplinäre Perspektive, die, drittens, auf der Grundlage gemeinsamer Problemstellung eine interdisziplinäre Kommunikation auch im Blick auf die öffentliche Wirksamkeit einschließen sollte."(5)
Das Problemfeld 'Verantwortung der Wissenschaften', genauer noch: 'Verantwortung der Wissenschaften für den Frieden', läßt sich nicht unbedingt in Projekte und Projektskizzen aufschlüsseln, jedenfalls nicht der herkömmlichen Art. Einerseits muß wahrscheinlich jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler noch mehr, als es ohnehin in den theoretischen und methodologischen Traditionen angelegt ist, sich selbst zum Projekt werden.
Ein solches Projektverständnis kann zudem jeden bewußten Menschen einschließen; es ist in mancher Hinsicht sogar gerade der Lage des oder der Lernenden am angemessensten.
Andererseits gibt es eine allgemeine Beunruhigung der Wissenschaften über ihren eigenen ökonomischen Kontext, die Kurt P. Tudyka in die Frage kleidet, "wie, durch was und wen Wirtschaft und Wirtschaften Frieden stören oder gar gefährden, beziehungsweise wie sie ihn stützen, vorzugsweise herbeiführen" kann.(6)
Aus dieser Grundfrage leitet Tudyka Forschungsbereiche ab, man könnte auch sagen: Grundorientierungen der Forschung, in denen allgemeine Beunruhigung zu einer hintergründigen Wachheit für bestimmte Zusammenhänge wird. Wir würden sie auf die These zuspitzen, daß Verantwortung der Wissenschaften für den Frieden sehr viel mit Verantwortung der Wissenschaften für die Wirtschaft zu tun hat. Ein überraschender und kontroverser Gedanke, der nicht sonderlich gemildert wird durch die Selbstverständlichkeit, daß 'wir alle' für die Wirtschaft verantwortlich sind, der aber noch schärfer wird, wenn man hinzufügt, daß dies bedeutet, daß an diesem Punkt wirkliche Demokratie beginnt...
Wir greifen zwei der von Tudyka vorgeschlagenen Forschungsbereiche(7) abschließend heraus und wollen sie als zwei zentrale Problemfelder, in denen 'fast alles' zusammenkommt, verstanden wissen; aus ihnen können viele unterschiedliche Projekte für interdisziplinäre Anstrengungen konzipiert werden.
Das zentrale Problemfeld 'Staatliche Regulierung von Wirtschaft' zielt auf die Untersuchung der Wirkung des Einsatzes von Wirtschaft als Waffe im politischen Konflikt wie bei gezielten Investitionen und Förderungen, bei Blockaden, Boykotten, Embargos und auch durch Wettrüsten. Solcherlei Projekte bilden freilich nur einen Seitenaspekt des hier in den Mittelpunkt gestellten Problems, nämlich Krisen, Verelendung, Raubbau, - ökonomische, soziale und ökologische Folgen internationaler Konkurrenz und Arbeitsteilung. Es geht also um - über den staatlichen Einsatz - gewollte oder ungewollte Effekte transnationalen Wirtschaftsverkehrs für die vorwiegend mittelbar Beteiligten, schlagwortartig um Desintegration durch Integration.
Das zentrales Problemfeld 'Problematisierung der dominanten Wirtschaftsweise' fragt, ob der dominanten Wirtschaftsweise durch ihre sogenannte Dynamik nicht Aggression, Rivalität, Gewalt, Zerstörung, Eroberung und Ent-Fremdung in einem Maße inhärent sind, das über kurz oder lang mit friedlichen Verhältnissen inkompatibel ist. Spiegelt nicht die militante Sprache der Wirtschaftspresse einen Geist und einen Sinn wirtschaftlichen Tuns, dessen Wirken Frieden kaum sicherer machen kann? So werden aggressive Unternehmer bewundert, Märkte gilt es zu erobern, Strategien werden entworfen, Verkaufsschlachten werden geführt, etc. Damit ist die Frage nach dem Sinn von Wirtschaften gestellt.
Es ist vor allem dieses letzte 'Problemfeld', das im Bewußtsein gehalten werden muß, wenn die beiden gegenwärtig friedenswissenschaftlich wichtigsten konkreten Konfliktkonstellationen: der europäische Umbruch mit seinen zivilen, der in der Golf-Region konzentrierte Nord-Süd-Konflikt mit seinen militärischen Implikationen, auf vernünftige Weise erforscht werden sollen.
(1) Thomas Neumann/Michael Weber-Wenz, Hochschulen als Teilchenbeschleuniger. Anmerkungen zu den neuen Leitbildern an unseren Hochschulen, in: Forum Wissenschaft 3/89, 80
(2) Th.Neumann/M.Weber-Wernz, a.a.O., 80
(3) Bergner/Mocek 1986, 5
(4) Kurt P. Tudyka, Nicht über den, sondern über die Disziplinen, in: Moltmann 1988, 140
(5) Tudyka, ebenda
(6) ebenda, 144
(7) ebenda, 145