06 NEUERE PROBLEMFELDER INTERDISZIPLINÄRER FRIEDENSFORSCHUNG

06.4 Inter- und intrapersonale Konflikte

Wenn es eine Einsicht gibt, die von der neuen Friedensbewegung unmittelbar in die Problemstellungen der Friedenswissenschaft eingegangen ist, so ist es die: Friedensfähigkeit beginnt bei der Bearbeitung der Ängste und Aggressionen der einzelnen Menschen in ihren alltäglichen, unmittelbaren Beziehungsgeflechten. Man darf ja nicht verkennen, daß die Aktivität in sozialen Bewegungen und insbesondere in der Friedensbewegung notwendig zu besonderen Formen der Selbsterfahrung führen muß: das Umgehen mit den eigenen Ängsten, das Kanalisieren von Wut, die Inbeziehungsetzung der eigenen emotionalen und intellektuellen Befindlichkeit mit gesamtgesellschaftlichen, ja globalen Fragen geht nicht ohne Selbstbeobachtung und Selbstentwicklung ab.

Es sind gerade die sozialen Bewegungen gewesen, welche auf die Formen der Konfliktaustragung, auf die 'Streitkultur' differenzierend eingewirkt haben. So ist vor allem die Fähigkeit zur sprachlichen, diskursiven Auseinandersetzung in unserer Gesellschaft gewachsen. Umgekehrt wird es für die Friedenswissenschaft möglich, auf sozialpsychologische Erkenntnisse zurückzugreifen, um etwa das Verhalten von Politikern und Militärs in Krisensituationen nicht nur zu analysieren, sondern auch zu beeinflussen. Insgesamt ist also deutlicher als jemals zuvor geworden, daß zwischen dem Konfliktverhalten des Alltags und internationalen Konflikten ein kontinuierliches Geflecht von Beziehungen und Wechselwirkungen besteht.

Der Grad der Selbstreflexion der Friedensbewegung und auch die 'Reflexivität' der Friedensforschung bzw. Friedenswissenschaft ist schon allein deswegen relativ hoch, weil viele ihrer Schritte in Neuland führen, auf Widerstände treffen - und weil Scheitern hier lange Zeit fast der Normalfall war. Deshalb soll hier ein Projekt, das sehr nach 'Selbstbespiegelung' aussieht, für das angedeutete Problemfeld stehen, das Projekt 'Individuelle und indirekt politische Auswirkungen des Scheiterns friedenspolitischer Gruppen':

Die Reflexivität von Friedensbewegung und Friedenswissenschaft hat aber noch tiefere Dimensionen. Wir können sie hier mit den Worten von Horst Eberhard Richter nur andeuten: "Als Psychoanalytiker kommt mir das Beispiel mancher chronisch Kranker in den Sinn, die aus Sterbeangst Selbstmord begehen. Ich erinnere an jene zuvor formulierte These: 'Wir setzen das Leben der Menschheit und aller Kreatur aufs Spiel, weil wir unsere Sterblichkeit verdrängt haben.'...Hoffnungslos verstrickt in den horrenden Rüstungswettlauf, bedrängt von selbstprovozierten ökologischen Gefahren - wie sollen wir da dem unterdrückten Todesgedanken noch länger ausweichen? Aber wie sollen wir andererseits diesen Gedanken bestehen, ohne zusammenzubrechen? Wie wollen, zumal die Männer unter uns, auf einmal sehenden Auges verarbeiten, was sie immer nur um ihrer illusionären Stärke und Großartigkeit willen verleugnet haben? Wie können wir den Pessimismus, den uns die Meinungsforscherinstitute neuerdings in hohem Maße nachweisen, bewältigen? Kennen wir überhaupt einen anderen Ausweg, als ewig nur nach Vorn zu flüchten und Depressivität dadurch zu bekämpfen, daß wir fortwährend neue äußere Feinde dingfest machen und angreifen? 'Wer nicht leiden will, muß hassen!'" Richter fährt fort: "So ist es bezeichnend, daß zum Teil paradoxer Weise viele großen Haß auf sich ziehen, die ihre Zukunftsängste offen ausdrücken und die erkennbaren Gefahren als solche schonungslos benennen. Man verschreit sie als Aufweichler und Kapitulanten. Die Friedensbewegung muß sich gefallen lassen, zur unheilbringenden 'Angstkampagne' gestempelt zu werden."(2)

(1) nach: Reiner Steinweg, Wissen - Macht - Erfahrung - Angst. Nicht gestellte Fragen der Friedensforschung und fünf Vorschläge, in Moltmann 1988, 162
(2) H.E.Richter, Zur Psychologie des Friedens, in: Birckenbach 1983, 214f


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