Innergesellschaftliche Konflikte, bei denen unregulierte Gewalt im Spiel ist, haben sich in den modernen kapitalistischen Industriegesellschaften um 'Arbeitskämpfe' herum entfaltet.
Doch die klare Front zwischen 'Kapital' und 'Arbeit', die zum Beispiel noch in den 70er Jahren das Schema für eine vielgelesene Darstellung der bundesrepublikanischen Gesellschaft abgab(1) , scheint sich aufzulösen. Selbst die am tiefsten liegenden Konflikte können auf den ersten Blick - angesichts der ökologischen Katastrophe, der Umwälzungen in Osteuropa und vieler anderer Problemkonstellationen - kaum noch auf einen grundlegenden Klassengegensatz zurückgeführt werden.(2)
Die Menschen haben sich in der Bewältigung ihrer Lebensprobleme 'vereinzelt', jeder ist, wie U.Beck schreibt, 'sein eigenes Planungsbüro' geworden, sorgt nur noch für sich und nicht für 'seine Klasse'(3) . Gleichzeitig schließen sie sich zu immer neuen sozialen Bewegungen, 'Suchbewegungen`, zusammen, um ihre Interessen zu vertreten. Die Konfliktfronten gehen kreuz und quer durch die Gesellschaft. Und doch zeichnen sich die alten Grundlinien, auch der Gegensatz zwischen 'Kapital' und 'Arbeit' immer noch ab. Erforscht werden können sie aber nicht mehr nach den alten Mustern. Die Suche nach adäquaten Problemzugängen hat erst begonnen.
Eines der interessantesten Forschungsfelder ist hier die sogenannte 'Lebensstil'- oder Milieu-Forschung geworden. Statt 'Milieu' könnte man auch andere Begriffe wie 'Lebensstilgruppen', 'Subkulturen', 'ständische Gemeinsamkeit', 'erlebbare gesellschaftliche Großgruppen' usw.(4) verwenden.
Die Menschen in unseren modernen entwickelten Industriegesellschaften 'werden einander immer unähnlicher', sie bilden zugleich gemeinsame Existenzformen mit 'erhöhter Binnenkommunikation' aus. Empirische Untersuchungen zeigen, daß vor allem über 'alltagsästhetische Stils' in der Bundesrepublik eine Reihe von 'Milieus' identifizierbar geworden sind, die - durchaus auf der Grundlage beruflicher Schichtung und sozio-ökonomischer Klassenzugehörigkeit, doch zugleich abgehoben davon - zu ganz neuartigen Konkurrenz- und Konfliktkonstellationen führen. Hier wird auch die Einsicht bestätigt, daß sich über nichts so trefflich streiten läßt wie über Geschmack.(5)
Soziale Konflikte entstehen im allgemeinen dort, wo Menschen und Menschengruppen, die 'ungleich' sind - und oft gerade dann, wenn die Unterschiede nur 'fein' sind -, miteinander zu tun haben.
Konflikte sind vor allem ein solches 'Aushandeln von sozialen Differenzen'. Diese Differenzen müssen, bevor ein Konflikt ausbrechen kann, auch äußerlich deutlich werden. Hier werden dann die Signale, welchem 'Milieu' die Beteiligten zugehören, besonders wichtig: "Soziale Ungleichheit schlägt nur dann in manifeste Konflikte um, wenn soziale Lagen Basis von Mileubildung werden."(6)
So finden Solidarisierung und die Organisation von Interessen statt - als Vorbereitung auf Konflikte auf der Basis der 'erlebten Gegensätzlichkeit zwischen Milieus' (Schulze). Auf diese Weise entsteht die Tagesordnung des Konfliktgeschehens: "Was wird zum Verhandlungsgegenstand? An welchen Themen entzünden sich kollektiv verstärkte Meinungsgegensätze? Welche Interessengegensätze werden umgekehrt gar nicht erst zum Thema?"(7)
Die heutige Betonung der Bedeutung von 'Milieu-Unterschieden' bei sozialen Konflikten muß allerdings vor dem Hintergrund gesehen werden, daß im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert die 'soziale Frage', als die Wahrnehmung tiefgreifender sozio-ökonomischer Ungleichheiten, die Grundstruktur des sozialen Konfliktfeldes bereits vorgeformt hatte.
Blickt man nur auf die (alte) Bundesrepublik, so sind die 'Klassenkonflikte' in der Tat stark zurückgegangen. Auch wenn sie noch tief in den Strukturen verborgen sein mögen, im Alltagsleben selbst findet man kaum noch eine Spur des Gegensatzes zwischen 'Bourgeoisie' und 'Proletariat'. Diese Interessenkonflikte "ereignen sich hinter den Türen der Beratungszimmer von Parteien, Tarifpartnern, Ausschüssen, Planungsgremien, Vorständen usw."(8)
Aber es ist eher eine offene Forschungsfrage als ein feststehender Befund, wenn ein Milieuforscher resümiert, daß Interessengegensätze, die letztlich auf Klassenlagen basieren, heute "als mal ärgerliches, mal amüsantes, mal skandalöses Gerangel in jenem gesellschaftlichen Bereich wahrgenommen (werden), der sich eben solcher Konflikte anzunehmen hat. Politik ist kein Feld kollektiver Selbsterfahrung, sondern ein Spektakel, welches andere veranstalten; vielleicht schaut man zu, vielleicht auch nicht."(9)
Hinzu kommt jedoch, daß seit den 60er Jahren Konflikte politisch im Rahmen sozialer Bewegungen ausgetragen werden: außerparlamentarische Opposition, Ökologiebewegung, Anti-Kernkraftbewegung, Frauenbewegung, Bürgerinitiativen, Friedensbewegung. Und hier nun tritt ein interessantes Phänomen auf: die scheinbar so 'subjektiven' Gegensätze in Geschmacksfragen, Werthaltungen und Persönlichkeitsunterschieden - die ein allgemeines Klima der Konkurrenz und Spannung und zugleich der 'Entpolitisierung' erzeugen - werden in diesen sozialen Bewegungen in Auseinandersetzungen um die Lösung milieuübergreifender Probleme eingebracht: Umweltrisiken, Geschlechterrollen, neue Formen kultureller Kommunikation u.a.: "Das Thema des Konflikts ist allgemein, die Beteiligung aber deutlich milieuspezifisch."(10)
Wir stoßen hier also bei der Erforschung sozial strukturierter Konflikte auf die Erscheinungen, welche die sozialen Bewegungen in kluger Selbsterkenntnis längst in eine Formel gebracht haben, die uns auch in diesem Lehrbrief mehrfach begegnen wird: global denken, lokal handeln. "In allen sozialen Bewegungen der vergangenen Jahre und in den meisten Bürgerinitiativen hat das Selbstverwirklichungsmilieu eine tragende Rolle gespielt. Wiederum ist es dieses Milieu, welches sich eine besondere Chance kollektiver Selbstwahrnehmung verschafft, die sich jedoch auf die Gemeinsamkeit der Partizipation, des Mitlaufens, Sympathisierens und Diskutierens beschränkt, ohne als Kern ein milieuspezifisches Sonderinteresse zu enthalten."(11)
Diese Inbeziehungsetzung von 'subjektivem Faktor' und 'objektiven Lagen' quer zu traditionellen (Klassen-) Konfliktfronten ist ein ganz wichtiges neues Forschungsfeld des Konfliktforschung. C.Wright Mills, der schon erwähnte amerikanische Soziologe, hat dies allerdings schon vor vierzig Jahren auf die Formel gebracht: private troubles, public issues.(12)
Darüber hinaus muß aber auch die traditionellere soziologische Sozialstrukturforschung als Konfliktforschung zweifellos noch stärker in die Friedensforschung hineingelenkt werden. Dann aber sind, gerade weil neben dem Politischen und
Militärischen das Soziale als Konfliktfeld ins Zentrum rückt, die Möglichkeiten groß.
In der traditionellen empirischen Sozialstrukturforschung stehen sich zwei Positionen gegenüber:
Eine andere Gruppe hält das 'vertikale Paradigma', also die Erklärungskraft von Schichten- und Klassentheorie, für ungebrochen; für sie kann dieser Ansatz auch unter den gegenwärtigen, veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen noch als gültig und damit geeignet angesehen werden, einen wichtigen Beitrag für die Beschreibung und Erklärung sozialer Ungleichheit - und sozialer Konflikte - zu leisten.(14)
Die Ergebnisse der empirischen Forschung deuten wohl letztlich darauf hin, daß die oben grafisch dargestellte vertikale Strukturierung der Bevölkerung, die darauf zurückgehenden sozialen Ungleichheiten und Konfliktpotentiale, nach wie vor maßgeblich sind: "Wie die zwischen den hier unterschiedenen Klassenlagen zu beobachtenden Wohlfahrtsdifferenzen dokumentieren, werden die Lebensbedingungen und die Lebensqualität der Bundesbürger auch weiterhin in beachtlichem Maße von ihrer eigenen oder der Stellung des Haushaltsvorstands im Produktionsprozeß und den damit verbundenen Belohnungen, Chancen, Risiken und Belastungen bestimmt. Personen oder Haushalte mit einem gemeinsamen, auf ihre Stellung im oder zum Erwerbssystem beruhenden sozialen Status weisen auch in ihren sonstigen Lebensbedingungen Ähnlichkeiten auf."
GRAFIK, Übersicht über Klassenlagen, N/H 161 plus schaubild 179
Mit dem Beitritt der DDR ist diese Struktur auf absehbare Zeit diejenige, aus der die brisantesten innergesellschaftlichen Konflikte entstehen können, vor allem wenn man sieht, daß die zusätzlich in der Forschung berücksichtigten Merkmale "Alter, Geschlecht und Nationalität als Wohlfahrtsdeterminanten in verschiedenen Lebensbereichen" exemplarisch verdeutlichen, "daß soziale Ungleichheit nicht nur vertikal, sondern auch horizontal strukturiert ist."(15)
Dieses Ineinanderübergehen von vertikalen und horizontalen Strukturen der materiellen sozialen Ungleichheit, von zeitlichen und räumlichen Ungleichheiten, dürfte die Signatur künftiger Konfliktfelder sein, vor allem, wenn man berücksichtigt, daß auch die 'territoriale' Ungleichheit in Europa, insbesondere gegenüber Osteuropa, eher zunehmen wird. Ein wichtiger Fixpunkt gerade für interdisziplinäre Forschung bleibt gegenüber all dem 'individuelle Betroffenheit'.
Halten wir uns noch einmal an einen oben schon angesprochenen, neuen Zug in unserer Gesellschaft. In der modernen 'Konfliktgesellschaft' hat die Frage der 'Selbstverwirklichung des Individuums` - im guten wie im schlechten - einen hohen Stellenwert. Wichtig für den Konfliktcharakter unserer Gesellschaft ist folglich das Entstehen vielfältiger 'Betroffenengruppen', die ihre Bedürfnisse und Interessen zu artikulieren lernen und auf Mitsprache und Mitbeteiligung an den politischen Entscheidungsprozessen drängen.
Die demokratische Bearbeitung der individuellen und kollektiven Risikopotentiale wird allmählich die wichtigste Form der innergesellschaftlichen - und letztlich 'weltinnergesellschaftlichen' - Konfliktaustragung. Die Forschungsthemen, die sich hier ausdenken lassen, sind Legion. Die Sozialforschung ist lang und breit auf diesen Feldern engagiert, ohne daß allerdings die Partizipation der Betroffenen an der Projektformulierung wirklich schon ein Thema wäre.
Hier einige Anregungen, mit welchen Fragen man der 'Konfliktualität' unserer Gesellschaft 'an der Basis' auf die Spur kommen könnte:
Fassen wir zusammen: Auf die Deutschen kommt eine nicht nur für Sozialwissenschaftler sehr interessante, und für den Friedens- und Entspannungsprozeß in Europa und der Welt entscheidende, Phase ihrer Geschichte zu. Forschungen über die in diesem Problemfeld entstehenden Konfliktpotentiale müssen bei 'Bestandsaufnahmen', bei einer unvoreingenommen Feststellung der Gruppenstrukturen und -beziehungen in der Bevölkerung beginnen und sie müssen zur Ermöglichung der Mitbestimmung durch eigene Formulierung der Probleme und Lösungstrategien führen.
Ein Projekt, oder besser: viele Projekte, zum Thema 'Sozialstruktur, Lebensformen und soziale Konflikte im deutschen Vereinigungsprozeß' sind angesagt. Fangen wir an zu notieren:
Wenn man sich hier - auch als Wissenschaftler - einmal auf sein Gefühl verläßt, so wird in den anstehenden sozialen Konflikten (und Kooperationen) zwischen Menschen und Gruppen, die durch ganz unterschiedliche Gesellschaftssysteme und eigentlich auch durch ein (fehlgeschlagenes) Gesellschaftsexperiment (das staatssozialistische) geprägt worden sind, in Anbetracht des allseits vorhandenen Bildungs- und Reflexionsniveaus noch eine sehr bewegte Zeit auf uns zukommen.
(1) U.Jaeggi, Kapital und Arbeit in der Bundesrepublik, Frankfurt 1976
(2) das folgende Schema aus Verein für Friedenspädagogik, a.a.O.
(3) Beck 1986
(4) G.Schulze, Die Transformation sozialer Milieus in der Bundesrepublik Deutschland, in: P.A.Berger/St.Hradil (Hg.), Lebenslagen, Lebensläufe, Lebensstile, Soziale Welt, Sonderband 7, Göttingen 1990
(5) das folgende Schaubild aus Berger/Hradil (Hg.), a.a.O., 421 (Gluchowski 1987)
(6) Schulze, a.a.O., 428
(7) ebenda
(8) ebenda
(9) ebenda
(10) Schulze, a.a.O., 428f
(11) ebenda, 429
(12) private Sorgen (sind) öffentliche Angelegenheiten
(13) Beck, Hradil; vgl. Kreckel 1983
(14) Geißler, Haller, Mayer, Müller, Strasser; vgl. H.H.Noll/R.Habich, Individuelle Wohlfahrt: vertikale Ungleichheit oder horizontale Disparitäten, in: Berger/Hradil, a.a.O., 153; die folgenden Schaubilder ebenda, 161/179
(15) ebenda; 184f
(16) Einige 'Denkanstöße' aus: Verein für Friedenspädagogik Tübingen (Hg.), Dimensionen der Sicherheit, Tübingen 1988