Wir erleben gegenwärtig eine Zeit des Umbruchs in den Konstellationen des 'internationalen Konfliktsystems'. Vom traditionellen Bild einer in zwei große (möglicherweise sogar noch gleich starke) Machtblöcke aufgeteilten Welt ist kaum etwas übrig geblieben. Gewiß, die Welt ist weiterhin zerrissen, es bestehen enorme Machtgefälle und ökonomische Ungleichheiten zwischen Ländern und Regionen. Aber die Frontlinien entsprechen weniger geographischen und eher sozialen Grenzen. Das Wort von der 'Weltinnenpolitik' gewinnt an Plausibilität - und die bislang als innergesellschaftliche Konflikte begriffenen Problemzonen gewinnen eine internationale Dimension.
Gleichzeitig tritt anstelle des sich auflösenden Gegensatzes zwischen den 'westlichen' und 'östlichen' entwickelten Industrieländern der Gegensatz zwischen Nord und Süd immer bedrohlicher hervor. Die meisten, fast alle, kriegerischen Konflikte der Gegenwart haben mit den Beziehungen zwischen dem reichen Nord- und dem armen Südgürtel dieses Planeten zu tun. Ja es zeichnet sich ab, daß das globale Militär- und Sicherheitssystem allmählich auf den Nord-Süd-Gegensatz umgestellt wird. Der Golf-Konflikt hat gezeigt, daß seitens des 'Nordens' die militärischen Eingriffe in Libyen, Grenada, Panama usw. sozusagen nur Fingerübungen waren. Mit diesem Konflikt sind auch die untragbaren Konsequenzen des wachsenden Rüstungsexports in die Dritte und Vierte Welt für alle Welt sichtbar geworden.
Ganz und gar weg von den traditionellen Konfliktkonstellationen der internationalen Politik schließlich führen die Probleme, die mit der modernen Wissenschafts- und Technikentwicklung über uns alle - als 'globale Probleme' - gekommen sind. Weder Klimaänderungen noch globaler Informationsüberflutung ist mit den traditionellen Mitteln des zwischenstaatlichen, diplomatischen Umgangs beizukommen.
Diesen neuen Entwicklungen entsprechend kündigt sich auch in den wissenschaftlich formulierten Problemen, in Forschungsprojekten über internationale Konflikte, ein Umbruch an.
Auf einer repräsentativen Tagung über die Perspektiven der Friedensforschung zu Beginn der neunziger Jahre(1) wurden beispielsweise folgende Themenbereiche für besonders relevant gehalten:
Diese 'Momentaufnahme' des friedenswissenschaftlichen Problembewußtseins aus dem Sommer 1990 ist zweifellos von den überraschenden, ans 'Wunderbare' grenzenden Ereignissen dieses Jahres geprägt. Eine historisch völlig neue, vielversprechende Entwicklungsperspektive insbesondere für Europa schien sich aufzutun. Es war nicht von der Hand zu weisen, daß alle möglichen bisherigen Forschungsansätze und Fragestellungen radikal zu überdenken, ja zum Teil über Bord zu werfen seien.
Mit der jetzt absehbaren Entwicklung in der ehemaligen Sowjetunion und vor allem seit der Zuspitzung des Golf-Konflikts und der ihm folgenden weltpolitischen Umstrukturierungen müßten schon heute viele Akzente eines allgemeinen Forschungsprogramms anders gesetzt werden. Es ist beispielsweise die Frage, ob man heute noch schreiben könnte: "Einen Nord-Süd-Konflikt im Sinne einer anhaltenden politisch virulenten Konfliktkonstellation hat es mit Ausnahme der zeitweiligen Erfahrungen mit dem OPEC-Kartell in der Mitte der siebziger Jahre eigentlich niemals gegeben. Und derzeit muß man hinsichtlich neuer militärischer Bedrohungsanalysen vor voreiligen Dramatisierungen warnen: Die mögliche Verfügung einzelner Staaten in der Dritten Welt über Mittelstreckenraketen, die mit chemischen Waffen bestückbar sind, schafft noch keine generelle Nord-Süd-Konfliktfront, sondern schlimmstenfalls singuläre Gefahrenlagen, denen durch spezifische Maßnahmen entgegengewirkt werden kann. Von ihnen ausgehend auf einen künftigen militärischen Nord-Süd-Konflikt zu extrapolieren, wäre ganz abwegig."(2)
Eine solche Einschätzung müßte heute der Ausgangspunkt für besonders intensive Forschungen (mit höchster praktischer Relevanz gerade für Europa) sein.
Es bleibt aber auch die Notwendigkeit einer sozusagen alltäglichen, durch die Kontinuitäten und Diskontinuitäten der großen Problemlinien hindurch Wissen und Einsichten ansammelnden Friedensforschung - getragen und erarbeitet von vielen Gruppen und Einzelnen mit oft sehr bescheidenen materiellen Mitteln.
Wir weisen also für dieses erste und nach wie vor wichtigste Feld der Friedens- und Konfliktforschung - internationale Konflikte und globale Probleme - auf einige konkrete Forschungsfelder und Projekte hin, in denen sich der wissenschaftliche Alltag dokumentiert.
Langfristig angelegte Datensammlungen, die zu Entwicklungsmodellen führen können, sind das A und O sozialwissenschaftlicher Forschung. Je genauer und umfassender hier gearbeitet wird, umso geringer die Chance für wirklich umwerfende Überraschungen - obgleich andererseits gerade für überraschende, 'nicht-vorhersehbare' Folgen theoretisch vorgesorgt werden muß. Im übrigen dient jedes 'Modell' auch der Entscheidungshilfe, der Konzipierung von Strategien.
Insofern ist das folgende Projekt, 'Analyse der Ebenen und Formen außenwirtschaftlicher Konflikte', ein nützliches Unterfangen der Orientierung und Dauerbeobachtung:
Der Mensch lebt nicht von Brot allein und vor allem in den relativ saturierten entwickelten Industrieländern des Nordgürtels werden internationale Beziehungen immer stärker über globale Kommunikationsnetze und Prozesse der Kulturvermittlung abgewickelt. Hinter dem Bild einer einseitig vom 'westlichen Lebensstil' dominierten Weltkultur stehen massive ökonomische und politische Interessen.
Das Projekt, 'Kulturtransfer Dritte Welt - Erste Welt', das für viele andere stehen mag, beschreibt sich selbst so:
Für die absehbare Zeit werden Probleme der Waffenentwicklung und ihres Bedrohungspotentials im Zentrum friedenswissenschaftlicher Forschungen bleiben müssen. Zugleich ist - auch für die diplomatischen und politischen Akteure - die Phase des 'Fliegenbeinzählens' wohl für immer vorbei. Es geht um qualitative Zusammenhänge und vor allem um die Beziehungen zwischen politischen, rechtlichen, ökologischen und sozialen Problemen.
Eine bemerkenswert innovative neue Forschungsperspektive stellt das folgende Projekt dar, das sich mit 'Waffenwirkung und Umwelt im Bereich des Völkerrechts' beschäftigt:
Aus dem obigen Kontext und auf ihn bezogen ist auch das nächste Projekt, dessen Ergebnisse sich bereits in verschiedenen Rüstungskontrollverhandlungen bemerkbar gemacht haben. Hier wird auf 'rein technischem' Wege einem verbreiteten politischen Argument der Garaus gemacht: daß nämlich konkrete Abrüstungsmaßnahmen (als Zerstörung von bzw. Verzicht auf bestimmte Waffen) 'nicht nachkontrolliert' werden könnten.
Das Projekt 'Neue technische Mittel für kooperative Verifikation in Europa' beschreibt sich selbst so:
Wir gehen in Kapitel 10 auf das Problem einer Umstellung der gesamten Produktions- und Industriepolitik auf friedlichere Bahnen ein. Dazu liegt ein umfassendes und ambitiöses Projekt vor, das sozusagen in das riesige Wespennest von Forschung und Entwicklung einerseits und Rüstungsindustrie andererseits stößt. Es ist heute praktisch unmöglich, naturwissenschaftliche Forschung ohne eine massive Präsenz rüstungstechnologischer Interessen zu betreiben. Die Abhängigkeit der Naturwissenschaften vom militärtechnologischen Umsetzungsdrall ist geradezu 'perfekt'.
Der Abbau der Militarisierung von (natur)wissenschaftlicher Forschung und Technologie ist wahrscheinlich die Hauptfriedensaufgabe des nächsten Jahrhunderts. Dem dient das Projekt 'Schema für eine Folgenabschätzung von Rüstungstechnologie':
Ganz konkret und in jeden Alltag hineinreichend sind die subtilen, 'unsichtbaren' Folgen des unverantwortlichen, des fachidiotischen Umgangs mit den Kräften der Natur, die unsere Gesellschaft bis in ihre natürlichen Grundlagen zu einer Risikogesellschaft gemacht haben. Die Verzahnung mit Rüstungsinteressen macht es gerade auf dem Gebiet der 'Strahlenrisiken' so schwierig und zugleich überlebenswichtig, 'objektive Informationen' zu bekommen. Der Übergang zu anderen globalen Problemen ist evident. Projekt 'Strahlenrisiko':
(1) D.Senghaas/K.Koppe (Hg.), Friedensforschung in Deutschland. Lagebeurteilung und Perspektiven für die neunziger Jahre, AFB-Bericht, Bonn 1990
(2) D.Senghaas, o.a.O., 9
(3) Projekt an der Universität Münster, Auskunft beim Verf.
(4) Uni Münster (s.o.)
(5) Ruhr-Universität-Bochum, Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht, zit. bei Hauswedell, a.a.O., 424
(6) Ruhr-Universität Bochum, Institut für Experimentalphysik III
(7) TH Darmstadt, Institut für Kernphysik
(8) Uni Münster (s.o.)