05 INSTITUTIONALISIERUNGEN DER FRIEDENSWISSENSCHAFT

05.5 Das Ende des Kalten Krieges: Neuanfänge?

Es ist bemerkenswert, daß heute alle möglichen Friedensstrategien und Entwürfe für eine friedliche Zukunft - gerade in Europa - die öffentliche Diskussion beherrschen, während die Friedensforschung über ihre Krise klagt. Die 'progressiven' Momente der gegenwärtigen politischen Entwicklung sind allerdings mühsam genug errungen und herausgearbeitet worden und zu einem gewissen Teil auch wissenschaftlichen Analysen und Prognosen zu verdanken.

Für eine 'friedenswissenschaftliche' Erforschung der Gegenwart bringen alle daran beteiligten Disziplinen zunächst einmal ihre gesamte Erfahrung, gerade auch mit den tieferen Tendenzen und Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlicher Entwicklung ein.

Wir haben ja zu zeigen versucht, daß die großen Traditionen der Gesellschaftsforschung es sind, in denen die prinzipiellen Fragen auch jeder Friedensforschung 'aufgehoben' sind. Und eine ganz zentrale, bewahrenswerte Lehre aus dieser Geschichte ist, daß Gesellschaftsprozesse, wie immer harmonisch und friedlich sie zu Zeiten erscheinen, auch einen zutiefst konfliktuellen und widersprüchlichen Charakter haben. Von daher ist etwa Eva Senghaas-Knobloch uneingeschränkt zuzustimmen, wenn sie darauf insistiert, "den Begriff der Friedensforschung nach wie vor in einen begrifflichen Zusammenhang mit Konfliktforschung zu stellen".(1)

Es ist also sinnvoll, von Friedens- und Konfliktforschung zu sprechen. Es gibt diese Forschungen heute in institutionalisierter Form als einen begrenzten und recht gering dotierten (0,000024 Prozent der Bundesausgaben für F&E 1989) Teilbereich und außerdem als individuelle Themenschwerpunkte einzelner Forscher oder kleiner Forscherguppen. Friedens- und Konfliktforschung in diesem Sinne ist aber nur ein (kleiner) Teil dessen, was wir unter Friedenswissenschaft verstehen.

Unter dem Begriff 'Friedenswissenschaft' nämlich lassen sich alle wissenschaftlichen Ansätze in allen Disziplinen zusammenfassen, die zu einem Abbau gewaltsamer Handlungen und Strukturen beitragen und in diesem wissenschaftlichen Ziel durch die sozialen Bewegungen für Frieden, Umwelt und Entwicklung angeregt sind. Friedenswissenschaft ist also der Ausdruck eines Paradigmenwechsels im Wissenschaftssystem insgesamt und zugleich Ausdruck eines sich durchsetzenden neuen Verständnisses der gesellschaftlichen Verantwortung von Wissenschaft.

In diesem allgemeinen - mit der 'Friedenssehnsucht der Völker' verbundenen - friedenswissenschaftlichen Umorientierungsprozeß, der in den voraufgehenden Abschnitten beschrieben wurde, kommt der Friedens- und Konfliktforschung, wie sie sich seit den 50er Jahren institutionalisiert, die Rolle des Impulsgebers zu. Noch immer, bis heute, fühlen sich diejenigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich explizit diesem Forschungszweig zurechnen, in einer Außenseiterrolle. Allerdings werden die Rahmenbedingungen günstiger. Wichtig ist hierbei eine Konstellation, die jüngst auf folgende Diskussionsformel gebracht worden ist: "Globale Fragen brauchen disziplinenübergreifende Forschung und Lehre - Synergie von Friedensforschung, feministischer Forschung und dem neuen sozialwissenschaftlichen Interesse in den Naturwissenschaften?"(2)

Was bedeutet das? 'Globale Fragen' sind ein Aggregat von Problemen, die sich aufgetürmt haben, weil ein brisanter Hiatus zwischen dem 'globalen Zusammenwachsen' und der bisherigen disziplinären (und durchaus auch noch nationalen) Organisation des Wissenschaftssystems besteht. 'Globale Probleme' als konkrete, uns alle tangierende, hochkomplexe Zukunftsaufgaben verlangen neuartige Lösungsstrategien.

Auch wissenschaftliche Innovationen aber haben fast immer an der Peripherie von Systemen begonnen und erobern sich erst langsam das Zentrum. Mit der (institutionalisierten) Friedens- und Konfliktforschungforschung sind bestimmte Innovationen von zentraler Bedeutung auf ihrem 'rechtmäßigen' Weg ins Zentrum; ganze Traditionen prinzipieller Erkenntnis bewegen sich sozusagen in nutzbringende Zonen.

Feministische Forschung beispielweise steht insofern in einer ähnlichen Entwicklung, als sie prinzipielle Fehlentwicklungen in der Bestimmung des erkennenden Subjekts, nämlich ein Vor-Urteil zugunsten in langer Evolution dominant gewordener 'männlicher' Sichtweisen, zu korrigieren beginnt. Und daß die Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler angesichts des enormen Verwendungsdrucks, unter dem ihre Erkenntnisprodukte stehen, sich für ökonomische Zusammenhänge und Machtkonstellationen interessieren und deshalb zunehmend nach sozialwissenschaftlichen Zusatzqualifikationen verlangen, liegt auf der Hand.

Dies ist der Punkt - und 'Frieden' bringt eben die meisten 'globalen Probleme' auf den Begriff -, an dem sich zwingend neben Fragen der Forschung die Frage der Lehre aufbaut.

'Friedenslehre' heißt ja, in der Ausbildung künftiger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sozioökonomisches und eben auch friedenswissenschaftliches Wissen zur berücksichtigen. Im angelsächsischen Bereich hat sich für diese Art Lehre der Begriff der 'Peace Studies' (des 'Studierens`, aber zugleich auch 'Erforschens' von Friedensfragen) durchgesetzt. Dies gehört heute wesentlich zur Entwicklung von Friedenswissenschaft.

Dazu einige Beispiele: In Großbritannien und Irland gibt es bereits an einer ganzen Reihe von Universitäten und Colleges eigenständige Studiengänge 'Friedenslehre'(3) : Die an der Universität Bradford angesiedelte School of Peace Studies etwa ermöglicht Abschlüsse auf diesem Feld mit dem Titel eines 'Bachelor', 'Master' oder auch 'Philosophical Doctor'. "Inhaltlich werden aus den Hauptdisziplinen Politikwissenschaft und Soziologie heraus Verknüpfungen zur Geographie, Theologie, Psychologie sowie Wirtschafts- und Rechtswissenschaften hergestellt"(4)

In den USA(5) gibt es mindestens hundert entsprechende Studiengänge, die bis zum B.A. führen, an mindestens 50 Institutionen können weiterführende Grade erworben werden. Die Namen der Studienprogramme - neben Peace Studies 'Peace Science Programs', 'Peace and Conflict Studies', 'Conflict Resolution Studies', 'World Order Studies' oder 'Nuclear Age Studies' - deuten auf ihre Reichweite.

Interessant ist, daß es in den USA zu einer immer stärkeren Vernetzung der Peace Studies Programme gekommen ist, in Massachusetts arbeiten z.B. fünf Colleges zusammen; im Staat Wisconsin hat das 'Wisconsin Institute for the Study of War, Peace and Global Cooperation' einen Studiengang für 23 Hochschulen entwickelt.

Andere wichtige Initiativen in der Lehre gehen vom 'Polemologischen Institut' in Groningen, Holland, und von der neugegründeten Europäischen Friedens-Universität in Stadtschlaining, Österreich, aus. Bemerkenswert sind auch die Aktivititäten der Friedenswissenschaft in Australien(6) , die aus der dortigen Friedensbewegung hervorgegangen sind.

Corinna Hauswedell stellt folgende Überlegungen zur Weiterentwicklung der Friedenswissenschaft, insbesondere an den Hochschulen, zur Debatte:

1. Die Friedenswissenschaft sollte auf die Durchführung von Ringvorlesungen bzw. thematischen Einzelvorlesungen, auch bei zum Teil modifizierter Thematik und 'Normalisierung' der TeilnehmerInnenzahl, nicht verzichten. In besonderer Weise entspricht diese Form der Vermittlung zwischen engagierter Wissenschaft und interessierter (auch außerhochschulischer) Öffentlichkeit dem inhaltlichen Anliegen der Friedenswissenschaft.

2. Der Schwerpunkt der friedenswissenschaftlichen Aktivitäten sollte auf der Entwicklung von Forschung und Lehre in den einzelnen Fachwissenschaften, vor allem den naturwissenschaftlich-technischen Fächern liegen.

3. Die interdisziplinäre Anlage der Friedenswissenschaft muß bei jeder Projektplanung konstituierendes inhaltliches und strukturelles Moment sein: Beim gegenwärtigen Stand der Wissenschaftsorganisation an den Hochschulen sollten eigene Formen/Strukturen der Zusammenarbeit zwischen den Naturwissenschaften und Gesellschaftswissenschaften angestrebt werden (gemeinsame Forschungsgruppen, Veranstaltungsreihen, Studiengänge etc.). Die Weiterentwicklung der Kooperation mit der schon institutionalisierten Friedensforschung ist hierfür von Bedeutung.

4. Ein völlig eigenständiges Gewicht muß auf die Vergrößerung des Kreises in der Friedenswissenschaft engagierter WissenschaftlerInnen gelegt werden. Es bedarf...eigener Überlegungen zur Aufnahme friedenswissenschaftlicher Themen in die Curricula, zur Vergabe von Leistuungsnachweisen, Diplom- und Doktorarbeiten. Initiativen zur Erarbeitung von Materialien und Lehrbüchern müssen weiterentwickelt werden.

5. Alle bisherigen Erfahrungen zeigen, daß im Gefolge von Institutionalisierung von Friedenswissenschaft immer ein Stück alte Hochschulwirklichkeit verändert werden mußte und konnte. Die öffentliche Diskussion friedenswissenschaftlicher Vorhaben, die Entwicklung demokratischer Formen der Auseinandersetzung an den Hochschulen und in den Gremien über die Themen und Anliegen der Friedenswissenschaft ist deshalb integraler Bestandteil friedenswissenschaftlicher Arbeit. Jede strukturelle Veränderung (feste Einrichtung von 'Dies'(7) , Einstellung einer/s Friedensbeauftragten) kann die Arbeitsbedingungen, auch die materiellen Voraussetzungen, verbessern helfen.

6. Eine spezifische Quelle der Friedenswissenschaft, ihr Kontakt und ihre Zusammenarbeit mit friedenspolitisch engagierten Initiativen, Einrichtungen und Personen außerhalb der Hochschule (Friedensbewegung, Politik, Gewerkschaften, Bildungseinrichtungen etc.) darf im Zuge eines weiteren Eindringens in den Wissenschaftsbetrieb nicht verlorengehen.

7. Der Erfahrungsaustausch innerhalb der Friedenswissenschaft selbst muß qualifiziert werden. Anstrebenswert sind alle Formen eines kommunikativen Netzwerkes, in denen Forschungsschwerpunkte, Themen von Lehrveranstaltungen, Strukturen und Erfahrungen im Wissenschaftsbetrieb vermittelt werden können.

(1) Antwortskizze zu einem Fragenkatalog der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK)
(2) Thema einer Podiumsdiskussion der Tagung 'Was bedeutet Friedensforschung an den Hochschulen?' der AFK vom Januar 1990
(3) Regine Mehl, Friedensstudien/Friedenslehre an britischen und irischen Hochschulen, AFB-Info 1/89, S.1-6
(4) ebenda
(5) K.H.Koppe, Friede in Forschung und Lehre an amerikanischen Hochschulen, AFB-Info 1/88, S.1-6
(6) K.H.Koppe, Friedenswissenschaft in Australien, AFB-Info 2/89, S.1-3
(7) 'Dies'= einem bestimmten Anlaß oder Thema gewidmete 'Tage'
(8) C.Hauswedell, in IMSF (Hg.) 1989, 429f


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