Wir haben zwei Jahrgänge des JCR ausgewählt, 1972 und 1988. Die Jahre um 1972 waren eine Blütezeit der Friedens- und Konfliktforschung. Das JCR war aus einem relativen Randdasein in die Aufmerksamkeitszone führender Strategieintellektueller geraten; 1973 wurde das JCR, das bis dato an den Universität Michigan publiziert wurde, vom renommierten Verlagshaus SAGE Publications übernommen.
In Heft 1 des 16. Jahrgangs (1972) findet sich ein Artikel des Historikers L.L.Farrar Jr. 'The limits of choice. July 1914 reconsidered' ('Begrenzte Wahlmöglichkeiten: eine Neueinschätzung des Juli 1914'), der die vorhandene Literatur zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs auswertet und zu folgender, für ein bestimmtes Denken und Forschen über Krieg und Frieden typischen Interpretation kommt: "Each power did what seemed necessary to remain a power. All perceived a choice among diplomatic victory, diplomatic defeat, and war. All preferred diplomatic victory since it implied the rewards of war without the risks, but one power could win diplomatic victory only if another accepted diplomatic defeat. All rejected diplomatic defeat since it implied the price of military defeat without the possibility of victory. War at least implied the possibility of victory as well as defeat. Thus diplomatic victory was impossible because diplomatic defeat was inconceivable, whereas war was conceivable. Consequently when a choice seemed imperative, war became inevitable."(1)
In dieser Einschätzung wird deutlich, daß die Spieltheorie, das Entweder-Oder des Nullsummenspiels (in welchem beide Spieler nur Alles oder Nichts und nicht jeder etwas oder beide zusammen 'mehr' gewinnen können) auch in die historische Kriegsursachenforschung Eingang gefunden hatten. Außerdem spiegelt sich hier natürlich tatsächlich das 'einfache', 'schematische' Denken einer bestimmten Epoche wider. Schließlich ist ganz klar, das die damaligen 'Wahlmöglichkeiten' noch nicht unter dem Schatten der gegenwärtigen atomaren, chemischen und möglicherweise auch biologischen Hochrüstung standen, welche Krieg - zumindest zwischen Großmächten - eigentlich aus dem Bereich vernünftiger Kalkulation vertrieben hat.
Heft 2 des Jahrgangs 1972 ist einem umfassenden Symposium über den arabisch-isrealischen Konflikt gedwidmet, Heft 3 ist durch den Artikel von William Zimmermann 'The Transformation of the Modern Multistate System: The Exhaustion of Communist Alternatives' ('Die Transformation des modernen Vielstaaten-Systems: die ausgeschöpften kommunistischen Alternativen') von großer Aktualität: "...while model builders and utopians have generally been adverse to intricacy, it remains nevertheless the case that it is complexity rather than esthetics which facilitates system stability...To an extent therefore the reasons for the exhaustion of Communist alternatives to the contemporary international system provide grounds for optimism with regard to that system's evolution."(2)
Die Grundthese hier, daß nur 'Gesellschaftssysteme' lebens- und überlebensfähig sind, die einen erheblichen Grad der Komplexität, der 'Kontingenz'(3) , ja der Vieldeutigkeit erreicht haben, schlägt zum einen auf die allzu simplen Modelle der Spieltheorie zurück: Akteure und Konstellationen im internationalen System können letztlich weder als Pokerspiele noch als mathematische Gleichungen modelliert werden; 'Gesellschaftlichkeit' ist eben gerade das 'Mehr' an Komplexität. Zum anderen ist die internationale Situation, sind die Chancen für den Weltfrieden durch die 'Evolution' des realen Sozialismus in Richtung auf mehr Komplexität und 'Zivilisiertheit' gewachsen. Nur als Anmerkung an dieser Stelle: die gegenwärtige 'Umbruchperiode' kann ja nicht als Sieg irgendeines primitiven 'Kapitalismus' begriffen werden, sondern (wenn 'Sieg' überhaupt das richtige Wort ist) als Erfolg der zivilisatorischen und demokratischen Vergesellschaftungsmomente, die sich im Schoße des Kapitalismus eben auch - neben all der bekannten Gewalt und Brutalität - entwickelt haben.
Schließlich findet sich im letzten Heft dieses Jahrgangs ein großer Übersichtsartikel 'Developments and Trends in Peace and Conflict Research, 1965-1971: A Survey of Institutions' (Entwicklungen und Trends der Friedens- und Konfliktforschung) des holländischen Friedensforschers Philip P. Everts. Wir verweisen hier nur auf das Ergebnis seiner Befragung 'alter' und 'neuer', 'primärer' und 'sekundärer'(4) Forschungseinrichtungen bezüglich der 'beliebtesten' und der 'unbeliebtesten' Forschungsthemen:
Diese Ergebnisse variieren nur unwesentlich hinsichtlich der verschiedenen Institutstypen, allerdings bevorzugten 'alte' noch die Themen Internationales Recht sowie Technologie und internationale Beziehungen; die 'primären' Friedensforschungsinstitute interessierten sich noch besonders für den Zusammenhang zwischen Armut und Gewalt sowie für Abschreckung und Probleme des Imperialismus.
Die am wenigsten genannten Themen waren: Antisemitismus, Formen primitiver Kriegsführung, Fragen der Forschungsfinanzierung, Studien über das Peace Corps (ein von J.F.Kennedy initiiertes Programm für Entwicklungshelfer) sowie biologische Grundlagen von Konflikt und Kooperation; 'primäre' Institute zeigten sich außerdem noch besonders desinteressiert am Thema 'indviduelle Verantwortung im internationalen Recht', an Konferenztechniken und an den rechtlichen Aspekten der friedlichen Koexistenz. Es ist bemerkenswert, daß alle diese Themen, wenn zum Teil auch in anderer Mischung, noch heute das Problemfeld bestimmen.(5)
Einige der Forschungsthemen, die damals im 'Mittelfeld' landeten, haben seither an Bedeutung gewonnen und werden uns auch z.T. noch im nächsten Kapitel beschäftigen:
Im Jahre 1988 wirkt das JCR äußerlich bescheidener. Es steht nicht mehr so sehr im Mittelpunkt des Interesses. Das liegt einerseits sicher am Niedergang einer bestimmten Art von Friedens- und Konfliktforschung. Andererseits aber hat sich seitdem die Zahl der Periodika, in denen solche Themen behandelt werden, und auch die Zahl der 'sekundären' Institutionen, vervielfacht.
Genau dies läßt sich als der Übergang von der engeren Friedens- und Konfliktforschung zum 'friedenswissenschaftlichen' Paradigma bezeichen: jene Themen sind viel mehr als damals Teil des 'normalen', 'regulären' Wissenschaftsprozesses geworden. Eine Grafik einschließlich der Entwicklung der letzten 15 bis 20 Jahre könnte dann - rein schematisch - in etwa so aussehen:
1988 sind die Themen von 1972 weitergetrieben, aber nicht wesentlich anders angelegt. Nur in Heft 4 des Jahrgangs stoßen wir auf einen Beitrag, der als Kuriosum, aber auch als ein Symptom für künftige Entwicklungen betrachtet werden kann: den Artikel 'International Peace Project in the Middle East. The Effects of the Maharishi Technology of the Unified Field' ('Ein internationales Friedensprojekt im Mittleren Osten. Wirkungen der Maharishi Technologie des Vereinheitlichten Feldes'). Im gleichen Heft erscheint die Anzeige eines neuen Buch des 'Altmeisters' K.E.Boulding mit dem Titel 'The World as a Total System' (und den Kapiteln: The World as a Physical System, The World as a Biological System, The World as a Social System, The World as an Economic System, The World as a Political System, The World as a Communication System, The World as an Evaluative System). Was haben diese beiden Publikationen miteinander zu tun?
Bei jenem 'Maharishi-Artikel' geht es um den Anspruch der sogenannten Transzendentalen Meditation, "daß eine relativ kleine Gruppe von Individuen durch Meditiation Manifestationen sozialen Konflikts bei einer weitaus größeren Gruppe von Individuen, die mit den Meditierenden in keinerlei Kontakt steht, zu vermindern vermag".(6) In einer Notiz des Editors heißt es dazu, daß die Redaktion durch unabhängige Gutachter den Artikel, welcher den 'Meditations-Effekt' durch eine umfangreiche empirische Studie zu beweisen versucht, habe prüfen lassen. Da er methodisch solide sei und man im übrigen beispielsweise auch eine Untersuchung, nur weil sie auf marxistischen Grundannahmen beruhe, nicht ablehnen könne, habe man sich zum Abdruck entschlossen.
Hier die Ergebnisse: "In this experiment, a very small group practicing this technology of consciousness in East Jerusalem appeared to influence overall quality of life in Jerusalem, Israel, and even in neighboring Lebanon. Such apparent action-at-a-distance and coherent amplification effects would seem to require mediation through an underlying field characterized by or capable of interacting with consciousness...There is clearly a need for a viable means to drastically reduce societal tension in order to resolve conflict without violence and thereby create a stable basis for progress and peace...We recognize that this proposed approach is highly novel and that to explain its apparent effects an entirely new field-theoretic orientation to international relations would be required."(7)
In dieser 'grenzwissenschaftlichen' Region eines säkularisierten Mystizismus aber bewegen sich auch viele Versuche, wie etwa der von Boulding, ein einheitliches 'Weltbild' zur Grundlage eines 'einheitlichen Welthandelns' zu machen. Und war nicht auch das Selbstverständnis der 'mittelalterlichen Friedensbewegung' in Gestalt der kontemplativen Orden auf solche Effekte ausgerichtet?
(1) a.a.O., 20 - Wir belassen die Zitate aus dem JCR in der englischen Sprache, die ohnehin so etwas wie die lingua franca des peace research ist. Hier die (freie) Übersetzung: "Jede der Mächte tat was notwendig war um eine Macht zu bleiben. Alle nahmen wahr, daß eine Wahl zwischen diplomatischem Sieg, diplomatischer Niederlage und Krieg bestand. Alle hätten einen diplomatischen Sieg vorgezogen, da er die Siegesprämien eines Krieges ohne dessen Risiken versprach, aber eine Macht konnte nur dann einen diplomatischen Sieg erringen, wenn eine andere die Niederlage akzeptierte. Alle beteiligten Mächte wiesen die Möglichkeit einer diplomatischen Niederlage von sich, da sie die Kosten einer militärischen Niederlage ohne die Möglichkeit eines Sieges gebracht hätte. Krieg bedeutete wenigstens die Möglichkeit eines Sieges ebenso wie die der Niederlage. Also war ein diplomatischer Sieg unmöglich, weil eine diplomatische Niederlage unvorstellbar war, während man sich einen Krieg vorstellen konnte. Folglich wurde in einer Situation, in der eine Wahl scheinbar unbedingt getroffen werden mußte, Krieg unvermeidlich."
(2) a.a.O., 316, - Übersetzung: "...während Modellbauer und Utopisten sich im allgemeinen gegen allzu Kompliziertes wehren, ist es doch wohl eine Tatsache, daß statt ästhetisch befriedigender Simplizität eher Komplexität zu Systemstabilität führt...Deshalb berechtigen die Gründe für den Mangel an Entwicklungsalternativen, die das kommunistische System gegenüber dem gegenwärtigen internationalen System anzubieten hat, zu Optimismus hinsichtlich der weiteren Evolution des Kommunismus." - Was der Verf. ausdrückt, ist eine einfache Lehre: Komplexität stabilisiert soziale Systeme, Vereinfachung der Strukturen (Marx nannte das 'Roh-Kommunismus') destabilisiert sie.
(3) meint den Sachverhalt, daß in allem gesellschaftlichen Geschehen 'Alternativen' stecken, so daß alles auch anders kommen könnte...
(4) unter 'alten' Einrichtungen versteht Everts solche, die schon vor ca. 1950 bestanden, unter 'primären' solche, die sich eher ausschließlich, unter 'sekundären' solche, die sich 'unter anderem' mit Friedens- und Konfliktforschung beschäftigen
(5) a.a.O., 499
(6) a.a.O., 773
(7) a.a.O., 805ff, - freie Übersetzung: "In diesem Experiment hat eine sehr kleine Gruppe, die diese Bewußtseinstechnologie praktizierte, anscheinend das 'allgemeine Lebensgefühl' in Jerusalem, Israel und sogar im angrenzenden Libanon beeinflußt. Solche Fernwirkungen und Verstärkungseffekte setzen das Vorhandensein eines 'Übertragungsfeldes' voraus, das in der einen oder anderen Form mit dem Bewußtsein interagiert...Ganz offensichtlich gibt es einen Bedarf an praktikablen Methoden, soziale Spannungen drastisch zu reduzieren, um zu gewaltfreien Konfliktlösungen zu kommen und dadurch eine sichere Grundlage für Fortschritt und Frieden zu schaffen. Uns ist klar, daß der vorgeschlagene Ansatz höchst neuartig ist und daß die beobachteten Wirkungen einen völlig neuen 'feldtheoretischen' Blick auf internationale Beziehungen verlangen."