Wenn man von der weiteren Entwicklung der Friedenswissenschaft redet, muß man, wie gesagt, jene Wissenschaftler und Intellektuellen erwähnen, die während des Zweiten Weltkriegs sozusagen existentiell in die Probleme von Krieg und Frieden hineingezogen wurden. Es ist noch längst nicht vollständig aufgedeckt, wie und warum sich das Personal ganzer Disziplinen in den Dienst von Gewalt und Krieg hat stellen lassen, ohne auch nur nach dem Sinn ihrer Tätigkeit zu fragen. Besonders schlimm wurde das dort, wo offensichtliche Komplizenschaft mit den Verbrechen insbesondere des Nationalsozialismus, aber auch des Stalinismus, festgestellt werden muß. Die Verstrickungen, aber vor allem die klare Mitschuld von Wissenschaftlern haben der heutigen Diskussion um den Sinn und die gesellschaftliche Verantwortung von Wissenschaft den Stoff geliefert.
Eine nicht nur höchst interessante, sondern auch folgenreiche Variante der Einbeziehung von Wissenschaftlern in die Anstrengungen des Zweiten Weltkriegs sahen die Vereinigten Staaten. In den USA (als der zumindest wissenschaftlich-technischen Führungsmacht in der Anti-Hitler-Koalition), aber auch in England kamen im Dienste der Kriegsführung Angehörige der wissenschaftlichen Intelligenz in einem historisch einmaligen Ausmaß zusammen. Sie halfen im Krieg gegen ein Regime, das martialische Weltherrschaft auf Dauer anstrebte und seine Pläne mit der Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden verbunden hatte. Von Albert Einstein bis Herbert Marcuse, von John v. Neumann bis Leo Szilard reichte das Spektrum derjenigen, die in einer gewaltigen Anstrengung sowohl die Sozial- als auch die Naturwissenschaften in einem extremen Spannungsfeld zwischen Krieg und Frieden in den Kampf gegen den Faschismus einbrachten und dadurch revolutionierten. Diese Revolution fand über zwei Projektstränge statt: Operations Research und Bau der Atombombe im 'Manhattan-Projekt'.(1)
Es ist bekannt, wie effektiv, aber auch ambivalent die Mitarbeit der bedeutendsten Naturwissenschaftler ihrer Zeit an der Entwicklung der Nuklearwaffen war. Aus ihrem Kreis stammen, vor allem nach den Bombenabwürfen von Nagasaki und Hiroshima, die deutlichsten Aussagen über die Verantwortung der Wissenschaftler im Atomzeitalter. In ihrer Zeitschrift, dem 'Bulletin of Atomic Scientists', und in ihren späteren Friedensaktivitäten, etwa in der 'Pugwash-Bewegung'(2) haben wir den klarsten Ausdruck einer grundlegenden Abkehr vom alten Verständnis der gesellschaftlichen Rolle der Naturwissenschaften.
Für die Theorie- und Methodenentwicklung der Friedenswissenschaften relevanter ist aber eigentlich das aus dem Operations Research hervorgegangene neue Feld der interdisziplinären Strategiewissenschaften geworden - die allerdings wiederum ohne die Entfaltung der Nuklearstrategie nicht denkbar sind.
Operations Research während des Zweiten Weltkriegs war zunächst einmal der ganz pragmatische Versuch, militärische Operationen systematisch, unter Einbeziehung aller Informationen und Handlungsalternativen, vorzubreiten. "Vor allem in der Luftkriegsführung und im U-Boot-Krieg sah sich die oberste militärische Führung vor das Problem gestellt, daß die technische Entwicklung des Kriegsgeräts oft den Fähigkeiten und Mentalitäten der Kampftruppen-Offiziere weit vorauseilte."(3)
Durch die Analyse von Einsatzweisen der U-Boote und Bomberflotten, die 'überlegte' Auswahl von Zielen, die Verbesserung der Logistik wurde die Effektivität der Kriegsführung dramatisch erhöht. Die operationale Überlegenheit der amerikanischen Kriegsmaschinerie, die global fungierte, setzte außerdem eine 'Operationalisierung' der künftigen Weltrolle der USA in Gang. Pragmatisch, wie die Amerikaner nun einmal sind, übersetzten sie gewissermaßen ihre logistischen Erfahrungen in ein Förderungsprogramm 'allgemeine Managementwissenschaften für eine Pax Americana'.
Kern dieser umfassenden strategiewissenschaftlichen Bemühungen wurde die Entwicklung einer Nachkriegs-Nuklearstrategie, die ein US-dominiertes globales Sicherheitssystem garantieren sollte. Aus diesem Kontext entstand die 'Gemeinde der Strategie-Intellektuellen', die man in ihrer großen Mehrheit auch beim besten Willen nicht als Friedensforscher oder Friedenswissenschaftler bezeichnen kann. Und doch ist aus ihrer Mitte und in der Auseinandersetzung mit diesem Denken auch die moderne Friedensforschung entstanden.
Was sind das, Strategiewissenschaften? Auf jeden Fall sind sie etwas sehr Konkretes, im höchsten Maße Anwendungsbezogenes. Ihr Ansatzpunkt waren die Strategien des 'totalen Luftkriegs', die unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg konzipiert worden waren.(4) Die Strategie der Flächenbombardierungen von Ballungszentren zur 'Brechung des Widerstandswillens der gegnerischen Bevölkerung', also die strategische Umorientierung von den gegnerischen Kombattanten auf die gegnerische 'Gesellschaft' und insbesondere auf die Nicht-Kombattanten, steht am Anfang.
Diese Strategie, die nicht zuletzt in der Tradition der Marine (Stichwort: Kanonenboot-Diplomatie) lag(5) , führt als Sicherheitspolitik zum Konzept einer demonstrativen, gewaltlosen Projektion von Macht, zum Versuch, den politischen Willen durchzusetzen, ohne daß es zu offenen Kriegshandlungen kommen müßte.(6) Dieser 'force-without-war'-Effekt hatte das internationale Verhalten der USA schon in der Zwischenkriegszeit bestimmt, er wurde auch die Grundlage für die Nachkriegsstrategie der USA, nun aber nicht basierend auf der Seemacht, sondern auf der Nuklearmacht, auf welche die USA ja zunächst das Monopol hatten.
Ein Schüler von Quincy Wright(7) formulierte 1946 in einem Buch 'The Absolute Weapon' das Prinzip überdeutlich: "Die erste und für unser Überleben wichtigste Maßnahme eines amerikanischen Sicherheitsprogrammes im Atomzeitalter muß darin bestehen, uns die Möglichkeit einer atomaren Vergeltung zu garantieren, falls wir von irgend jemandem angegriffen werden sollten. Der Schreiber dieser Zeilen denkt dabei nicht im entfernstesten daran, wer dann als Sieger aus einem künftigen Krieg, in dem Atomwaffen zur Anwendung kommen werden, hervorgehen würde. Bis vor kurzem war es das oberste Ziel unserer militärischen Einrichtungen, Krieg zu gewinnen. Von jetzt an muß es ihr oberstes Ziel sein, solche zu verhindern. Ein anderes sinnvolles Ziel ist praktisch nicht vorstellbar."(8)
Wir befinden uns hier offensichtlich an einem entscheidenden, höchst widersprüchlichen Entwicklungspunkt strategischen Denkens:
In diesem historischen Augenblick trat ein weiteres Faktum hinzu, der 'globalpolitische Rivale' (Unger), die Sowjetunion, wurde ebenfalls zur Atommacht. Damit wurde die strategische Funktion der amerikanischen 'Absolute Weapon' neutralisiert. "Das Problem wurde nun: Wie konnte diese Neutralisierung ihrerseits neutralisiert werden? Damit beginnt die eigentliche Periode der amerikanischen Nuklearstrategie und der gesellschaftliche Aufstieg ihrer Protagonisten, der strategy intellectuals."(9)
'Frieden durch Stärke' verlangte unter den neuen Bedingungen eine ausgefeilte und ausgeweitete Fortentwicklung des operations research, der Operations-Analysen. Es ging um die "Bestimmung des nuklearen Kräfteverhältnisses zwischen den Machtblöcken und die Suche nach einer...praktizierbaren und glaubwürdigen Politik nukleargestützter Hegemoniebehauptung. Als Paradigma für diese Form simulierter Kriegführung bot sich die 'Theorie der Spiele' an."(10)
Das ernste Spiel der Strategie sollte möglichst voraussetzungslos modelliert werden, die moralischen und historischen Implikationen der traditionellen Sozialwissenschaften, deren Wissen um die 'Tiefendimensionen' menschlichen Handelns, waren also nicht gefragt. Dennoch ging es um 'Frieden', um die Kalkulation menschlichen Verhaltens unter Krisen- und Konfliktbedingungen, um die Lösung von Konflikten und Problemen, ja um die Gestaltung von Zukunft.
Viele europäische Sozialwissenschaftler sahen den Sandkastenspielen der amerikanischen Verteidigungsintellektuellen einigermaßen fassungslos zu. In großen 'Think-Tanks', allen voran die von der US Air Force finanzierte RAND-Corporation, wurden unablässig Atomkriege und andere globale Machtproben simuliert. Den globalen Akteuren wurde bestenfalls die Psychologie von Schachspielern, im allgemeinen aber eher das Reaktionsschema von Ratten oder Mäusen zugestanden. Es ging fast nur im 'Spielzüge' in einem Szenarium gegenseitiger Bedrohung.
Allmählich differenzierten sich diese z.T. hochdotierten, von Ökonomen, Mathematikern, Psychologen, aber auch Dilettanten getragenen Strategiewissenschaften. Unger weist auf drei Spezialisierungsstränge hin:
Mit Bedrohungsanalysen, mit dem Aufspüren von 'Verwundbarkeiten' des amerikanischen Sicherheitssystems konnten die Kosten für das 'Produkt Sicherheit' erstmals auf Dollar und Cent berechnet, begründet und damit dem Ausbau des Militär-Industrie-Komplexes eine 'solide' Grundlage geschaffen werden.
Die Zukunftsszenarien etwa eines Herman Kahn dagegen, mit ihrem 'crackpot realism', ihrem 'verrückten Realismus', sollten den potentiellen Gegner damit schrecken, wie weit die Entscheidungsträger der USA im Notfall zu gehen bereit waren; letztlich wurde hier damit gedroht, daß die Machtelite der USA zu allem fähig, also verrückt und damit unkalkulierbar sei.
Die Konflikttheorie von Protagonisten wie Thomas C. Schelling bildete da noch so etwas wie den rationalen Kern der Strategiewissenschaften. Einer ihrer Kritiker hat ihre Grundannahmen zusammengestellt:
Offensichtlich stellen diese Grundannahmen ein ideologisches Gebäude dar, das heute, angesichts der wirklichen Entwicklung, zusammenzustürzen beginnt.
Ein anderer Strategieintellektueller, der es bis zum Außenminister der USA brachte, Henry Kissinger, hat durch sein pragmatisches politisches Wirken insbesondere in den 70er Jahren jene Doktrin der 50er und 60er Jahre in Bewegung bringen helfen. Seine Position war und ist durch ein historisches Verständnis der weltpolitischen Konfliktkonstellationen und ein Wissen um die 'komplexe Gesellschaftlichkeit' und Multidimensionalität des politischen Geschehens gekennzeichnet. Und in den 80er Jahren beginnt sich, vor allem durch Michail Gorbatschow, die Einsicht durchzusetzen, daß eine wirkliche 'Weltinnenpolitik' eine Demokratisierung und Zivilisierung der Akteure verlangt, für die jedes Land vor der Welt verantwortlich ist. Außenpolitisch bedeuten Perestroika und Glasnost nichts anderes.
Für unseren Zusammenhang wichtig ist, wie gesagt, daß auch die moderne Friedenswissenschaft sich in wesentlichen Zügen aus diesen Strategiewissenschaften entwickelt und dann emanzipiert hat. Viele der ersten auch von den etablierten Verteidigungsintellektuellen ernstgenommenen Friedensforscher stammen aus dem Milieu der Atomwaffenentwickler, der Nuklearstrategen, der Kriegssimulatoren. Ihre wichtigste Plattform wurde Mitte der 50er Jahre das 'Journal of Conflict Resolution'. Das JCR hat eine wechselvolle Geschichte, es hat immer wieder Kooptationsversuche seitens des Verteidigungs-Establishments gegeben. Aus den Themen des JCR über die Jahre lassen sich die Interessen und Probleme der Friedens- und Konfliktforschung auf dem Weg zur Friedenswissenschaft durchaus ablesen.
(1) vgl. Frank Unger, Vom Manhattan Project zur Rand Corporation. Das Weltbild der amerikanischen 'strategy intellectuals', in: Joas/Steiner 1989
(2) vgl. Rotblat 1972
(3) Unger, a.a.O., 212
(4) ebenda, 215
(5) vgl. A.Th.Mahan, The Influence of Sea Power upon History, 1890
(6) Unger, 218
(7) Wright 1969
(8) Bernard Brodie, zit. bei Unger, 220
(9) Unger, 224
(10) ebenda, 228
(11) zit. bei Unger, 237f