05 INSTITUTIONALISIERUNGEN DER FRIEDENSWISSENSCHAFT

05.1 Hat die Atombombe alles verändert?

Die vielfältigen wissenschaftlichen Bemühungen in den verschiedensten Fachdisziplinen und auch in der Philosophie oder Theologie, die allmählich begonnen haben, sich unter den Namen 'Friedensforschung' und 'Friedenswissenschaft' zusammenzufinden, können allein von der Zahl der beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler her die zahllosen Fragen, Probleme und Aspekte, die in den voraufgehenden beiden Kapiteln angesprochen wurden, noch nicht einmal ansatzweise zufriedenstellend bearbeiten. Um hier voranzukommen, ist eine wirkliche Revolution in den Institutionen und Systemen der Wissenschaft überall auf der Welt notwendig. Eine solche Revolution hat wie jede Revolution ihre Vorläufer: Initiativen, Gründungen, 'Gegeninstitutionen' der oft bescheidensten Art. In diesem Sinne soll im folgenden von 'Institutionalisierungen der Friedenswissenschaft' die Rede sein.

"Die entfesselte Macht des Atoms hat alles verändert, nur nicht unsere Denkweise. Auf diese Weise gleiten wir einer Katastrophe ohnegleichen entgegen. Wir brauchen eine wesentlich neue Denkungsart, wenn die Menschheit am Leben bleiben soll."(1)

Eine starke Bewegung unter den Naturwissenschaftlern begann spätestens nach 1945, grundsätzliche politik- und sozialwissenschaftliche Fragen zu stellen. Auch Politikwissenschaftler und Vertreter aus benachbarten Disziplinen begannen die traditionellen Modelle von Politik und Wissenschaft zu kritisieren. Die durch diese Impulse angeregte Friedens- und Konfliktforschung der 50er und frühen 60er Jahre entwickelte sich zunächst aus einer politikfernen Außenseiterposition, die vor allem die Grundannahmen des Kalten Krieges nicht mehr zu akzeptieren bereit war. Was an dieser Phase interessant ist und sich auch anschaulich vermitteln läßt, ist die Rolle 'großer Einzelner', die, wie etwa K.E.Boulding, ein bedeutender Wirtschaftstheoretiker, oder B.V.Röling, ein bekannter Völkerrechtler, aus erfolgreichen Karrieren im etablierten Wissenschaftssystem 'ausbrachen', um sich der neuen Fragestellungen anzunehmen.

(1) Albert Einstein u. Bertrand Russell 1946, zit. nach Moltmann 1988, 18


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