Jede ernsthafte Beschäftigung mit der Geschichte der Friedenswissenschaft muß die verschiedenen Formen der wissenschaftlichen Verarbeitung des Faschismus zur Kenntnis nehmen. Zum einen ist der Faschismus eine besondere Form des politischen und staatlichen Terrorismus nach innen und außen, ein Gewaltphänomen sondergleichen, vor dessen Gefahren jedes Streben nach Frieden zu bestehen hat. Zum anderen gibt es - wenn Friedenswissenschaft auch Reflexion auf die möglichen Grade der Korrumpierung wissenschaftlicher Forschung ist - keinen Weg um die Geschichte der einzelnen Disziplinen im Faschismus herum, die um so schwerer wiegt, weil jede Geschichte ja eine Vor- und Nachgeschichte hat. Auf die 'friedenswissenschaftlichen Implikationen' der Faschismusanalyse kann hier nur hingewiesen werden.
Die notwendige Mischung aus fachlicher Selbstreflexion und Annäherung an den 'Gegenstand' Faschismus soll durch das folgende Gespräch(1) zwischen Roland Reichwein (RR) und H.J.Krysmanski (HJK) über das Buch 'Behemoth. Praxis und Struktur des Nationalsozialismus' des deutschen Emigranten Franz Neumann vermittelt werden. Das Buch wurde 1942, auf dem scheinbaren Höhepunkt der Naziherrschaft, in den USA und erst 1977 auf deutsch veröffentlicht:
RR: Die historische Frage: Wie kam es zu dieser Herrschaft? spielt aber auch hinein. Neumann will ja die NS-Herrschaft als eine Konsequenz aus Entwicklungen der Weimarer Zeit aufzeigen, gerade darin liegt auch die aktuelle Lehre des Buchs. Andererseits kommt er am Ende in das Dilemma, den Amerikanern sagen zu müssen: Das NS-System ist im Grunde auch noch ein kapitalistisches System, das nur aus ganz bestimmten Gründen eine Fehlentwicklung durchgemacht hat. Wenn ihr Amerikaner dieses System besiegen wollt, dann müßt ihr selber noch viel 'demokratischer' werden. Das ist auch das Problem, das wir heute haben: Sind wir 'demokratisch' genug, um faschistische Entwicklungen zu vermeiden?...
HJK: Siehst Du denn nach dieser unserer (durch viele Umstände verspäteten) Beschäftigung mit diesem Buch den Nationalsozialismus anders als zuvor?
RR: Mir ist der Zusammenhang zwischen den Entwicklungen im politischen Bereich und den Entwicklungen im ökonomischen System viel klarer und plausibler geworden. Es ist danach nicht mehr möglich, die 'Machtergreifung' als einen Staatsstreich auf der politischen Bühne, als einen äußeren Einbruch des Politischen ins Gesellschaftssystem zu begreifen. Die Verzahnung zwischen den politischen, ökonomischen und ideologischen Entwicklungen wird dafür zu deutlich.
HJK: Und unabweisbar wird der Primat des Ökonomischen vorgeführt: in dem Sinne, daß hier die gesellschaftliche Form des Monopols sich gegen die vertraglich-egalitaristische Herrschaftsform einen eigenen Weg zur politischen Macht bahnt. Dieser Diktaturversuch des Monopolkapitals besteht darin, aus Aktionsformen der ursprünglichen Akkumulation(2) und Bedürfnissen eines verspäteten Imperialismus auf dem gegebenen wissenschaftlich-technisch-administrativen Niveau eine neue politische Herrschaftsform 'der Organisationen' zusammenzubasteln, die zumindest in Teilen erschreckend 'gelungen' erscheint...Keine dämonische Barbarei, sondern eher ein kalkuliertes Piratenstück immensen Ausmaßes und großer Komplexität.
RR:...Dabei ist heute die Frage besonders interessant, ob die Liquidierung liberal-demokratischer Staats- und Verfassungsformen, die Neumann analysiert, wenn wir noch einmal an die Grenzen der Akkumulation unter monopolkapitalistischen Verhältnissen geraten, heute noch möglich wäre, oder ob auch Wege möglich wären, bei denen die Fassade des liberaldemokratischen Staatswesens aufrechterhalten werden könnte, etwa weil es inszwischen bessere Möglichkeiten gibt, die Massen zu manipulieren, über Wohlfahrtsgeschenke, Fernsehen, Datenerfassung usw. Das ist eine Frage an die aktuelle Faschismusforschung...Aber noch etwas anderes ist an Neumann eindrucksvoll. Wie er im historischen Rückblick bürgerliche Ideologie und Wissenschaft seit dem 19. Jahrhundert aufgreift und rechtslastige, reaktionäre Zusammenhänge und Tendenzen herausarbeitet, die dann wirksam wurden. Das zeigt, daß man bei der Analyse faschistischer Entwicklungen die historische Analyse auch der ideologischen Entwicklung unbedingt im Auge behalten muß. Eine Verkürzung auf ökonomische und machtpolitische Fragen darf es nicht geben. Andererseits macht Neumann auch deutlich, daß in dem Moment, wo der Kernbestand des kapitalistischen Systems gefährdet erscheint, alle ideologischen und moralischen Hemmungen fallen und nun wirklich 'durchgegriffen' wird und werden kann, um die Kapitalherrschaft auch in ihrer deformierten Form aufrechtzuerhalten...
HJK: Noch ein anderer Aspekt in diesem Zusammenhang...Ich sehe den Einfluß von Neumanns 'Behemoth' - was die Soziologie betrifft - sehr stark in den Untersuchungen von C. Wright Mills, die bei uns in den fünfziger und sechziger Jahren ja nicht unwirksam waren. Seine Analyse der amerikanischen 'Machtelite'(3) etwa, die ein Zusammenwachsen der Spitzen von Industrie, Armee, Bürokratie und Politik zu einer antidemokratischen, von der Willensbildung der Massen abgehobenen, die Massen aber wirksam manipulierenden Koalition der Macht konstatiert, ist unmittelbar vom 'Behemoth' inspiriert. Auch für Neumann sind die Säulen der nationalsozialistischen Diktatur neben der NSDAP (der 'Massenbeeinflussungspartei') die Ministerialbürokratie, die Wehrmacht und vor allem die Industrieführung...In diesem Zusammenhang bleibt dann auch interessant, wie Neumann die Rolle der Massen im Nationalsozialismus einschätzt, wie er herausarbeitet, daß es sich beim Nationalsozialismus nicht um eine aus den Massen getragene, sonder um eine sich bestimmter tragfähiger Momente aus dem Massenbewußtsein (nicht zuletzt 'sozialistischer') manipulativ bedienende Herrschaftsform handelt. Bewußtseinsterrorismus dieser Art kann vielfältige Formen, muß nicht Parteiform annehmen...
RR: Mir ist das noch etwas zu spekulativ. Richtig finde ich jedenfalls, daß man den Versuch machen muß, den Bogen von jener zeitgenössischen Analyse zu unseren gegenwartsanalytischen Versuchen zu spannen. Und was ich dann beispielhaft an Neumanns Analyse finde, ist, daß er - trotz des Exils - nicht vorschnell auf Distanz gegangen ist zum dem Feind, um ihn aus der Ferne zu betrachten und zu verurteilen, sondern daß er sich so weit auf den Feind einläßt, bis er sozusagen 'das Weiße in seinen Augen' sieht, ohne seine kritische, materialistische Position einen Fußbreit aufzugeben. Nur wenn man das verbinden kann, lehrt uns Neumann, kann man eine überzeugende Analyse des Feindes leisten, die wirklich Bestand hat: "If you read this book thoroughly, you see the harsh outlines of possible futures close around you. With leftwing thought confused and split and dribbling trivialities, he locates the enemy with a 500 watt glare. And Nazi is only one of his names."(4)
Franz Neumann gehörte zu den Intellektuellen jener Umbruchszeit (auch der Entwicklung von Friedenswissenschaft), über die im folgenden zu reden ist. Er arbeitete als Emigrant neben vielen anderen Mitgliedern des ehemaligen Frankfurter Instituts für Sozialforschung, der Wiege der 'Frankfurter Schule', während des Krieges für das 'Office of Security Studies' (OSS) der amerikanischen Regierung, den Vorläufer der CIA.
(1) in: Dialektik 7, Köln 1983, 216-221
(2) 'ursprüngliche Akkumulation' heißt in diesem Zusammenhang so viel wie gewaltsame, irreguläre Zusammenraffung von Kapitel, bevor der 'reguläre' Kapitalverwertungsprozeß (wieder) beginnt
(3) Die amerikanische Elite, Hamburg 1962
(4) "Wenn man dieses Buch gründlich liest, erkennt man die harten Konturen möglicher Zukünfte. Während die Linke verwirrte, zersplitterte Gedanken und Trivialitäten von sich gibt, beleuchtet er (Neumann, HJK) den Feind mit einem 500-Watt-Strahler. Und 'Nazi' ist nur einer seiner Namen." (C.W.Mills, Power, Politics and People, New York 1963, 177)