04 DIE ZUSPITZUNG FRIEDENSWISSENSCHAFTLICHER FRAGESTELLUNGEN IM 20. JAHRHUNDERT

04.6 Behemoth: Erklärungen zur Struktur und Funktion des Faschismus

Jede ernsthafte Beschäftigung mit der Geschichte der Friedenswissenschaft muß die verschiedenen Formen der wissenschaftlichen Verarbeitung des Faschismus zur Kenntnis nehmen. Zum einen ist der Faschismus eine besondere Form des politischen und staatlichen Terrorismus nach innen und außen, ein Gewaltphänomen sondergleichen, vor dessen Gefahren jedes Streben nach Frieden zu bestehen hat. Zum anderen gibt es - wenn Friedenswissenschaft auch Reflexion auf die möglichen Grade der Korrumpierung wissenschaftlicher Forschung ist - keinen Weg um die Geschichte der einzelnen Disziplinen im Faschismus herum, die um so schwerer wiegt, weil jede Geschichte ja eine Vor- und Nachgeschichte hat. Auf die 'friedenswissenschaftlichen Implikationen' der Faschismusanalyse kann hier nur hingewiesen werden.

Die notwendige Mischung aus fachlicher Selbstreflexion und Annäherung an den 'Gegenstand' Faschismus soll durch das folgende Gespräch(1) zwischen Roland Reichwein (RR) und H.J.Krysmanski (HJK) über das Buch 'Behemoth. Praxis und Struktur des Nationalsozialismus' des deutschen Emigranten Franz Neumann vermittelt werden. Das Buch wurde 1942, auf dem scheinbaren Höhepunkt der Naziherrschaft, in den USA und erst 1977 auf deutsch veröffentlicht:

Franz Neumann gehörte zu den Intellektuellen jener Umbruchszeit (auch der Entwicklung von Friedenswissenschaft), über die im folgenden zu reden ist. Er arbeitete als Emigrant neben vielen anderen Mitgliedern des ehemaligen Frankfurter Instituts für Sozialforschung, der Wiege der 'Frankfurter Schule', während des Krieges für das 'Office of Security Studies' (OSS) der amerikanischen Regierung, den Vorläufer der CIA.

(1) in: Dialektik 7, Köln 1983, 216-221
(2) 'ursprüngliche Akkumulation' heißt in diesem Zusammenhang so viel wie gewaltsame, irreguläre Zusammenraffung von Kapitel, bevor der 'reguläre' Kapitalverwertungsprozeß (wieder) beginnt
(3) Die amerikanische Elite, Hamburg 1962
(4) "Wenn man dieses Buch gründlich liest, erkennt man die harten Konturen möglicher Zukünfte. Während die Linke verwirrte, zersplitterte Gedanken und Trivialitäten von sich gibt, beleuchtet er (Neumann, HJK) den Feind mit einem 500-Watt-Strahler. Und 'Nazi' ist nur einer seiner Namen." (C.W.Mills, Power, Politics and People, New York 1963, 177)


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