Spricht man von der Entwicklung von Friedenswissenschaft, so muß man zwei Entwicklungsstränge auseinanderhalten: zum einen gibt es die Tendenz zu einer spezialisierten, dauerhaften Beschäftigung mit Fragen von Krieg und Frieden. Diese Entwicklung zur 'Friedensforschung' beginnt sehr randständig und hat erst in den letzten Jahrzehnten insofern ein Eigengewicht gewonnen, als in verschiedenen Ländern eigenständige Forschungseinrichtungen entstanden sind.
Zum anderen aber, und das ist vielleicht sogar das Interessantere, ist in fast allen sozialwissenschaftlichen Fächern ein umfangreiches und differenziertes Verhältnis zu den Problemen von Krieg und Frieden vorhanden. Es hängt dann nur von der Perspektive des Wissenschaftlers bzw. des Betrachters ab, ob diese friedenswissenschaftlich relevanten Wissens- und Erkenntnisbestände wahrgenommen oder gar weiterentwickelt werden.
Und das ist es: letztlich kann es bei 'Friedenswissenschaft' nur darum gehen, daß ganze Disziplinen, ja das Gesamt der Wissenschaften sich unter dem Druck historischer Notwendigkeiten, unabweisbarer Umkehrungen selbst 'umpolen', also ihren Rahmen, ihre Grundlagen und ihre metatheoretischen Bezüge wechseln. So etwas nennt man in der Wissenschaftsgeschichte Paradigmenwechsel.
Hans Joas hat in einer Studie über die Soziologie, über ihre wichtigsten internationalen Repräsentanten im Dunstkreis des Ersten Weltkriegs, die Anzeichen, die vielfach verschütteten Anzeichen für einen solchen Paradigmenwechsel zusammengetragen.
Wie immer bei ideologisch anfälligen, ideologisch nutzbaren Wissenschaften gab es damals eine chauvinistische 'Professorenpublizistik' übler Art, die sich auf allen Seiten hemmungslos am Aufputschen der Gefühle beteiligte. Aber die großen Soziologen jener Zeit, Werner Sombart, Max Weber, Georg Simmel, Henri Bergson, Emile Durkheim, John Dewey, George Herbert Mead, Thorstein Veblen haben alle erstaunlich differenziert auf die mit dem Ersten Weltkrieg, seiner Entstehung, seinem Ablauf, seinen Folgen verbundenen Fragen reagiert.
Diese Reaktionen sind verstreut, unsystematisch und deshalb noch nicht von jenem geballten Gewicht, das notwendig ist, um die Grundorientierungen von Heeren einfacherer wissenschaftlicher Gemüter herumzuwerfen. Wir können hier nicht in die Details gehen, die in Büchern wie 'Krieg und Kapitalismus' und 'Händler und Helden' (Sombart 1912 bzw. 1915), Max Webers Schriften zu Nationalstaat und Krieg(2) , der 'Soziologie' und der Schriftensammlung 'Der Krieg und die geistigen Entscheidungen' von Georg Simmel (1908 bzw. 1917) ausgebreitet sind.
Was diesen und auch den französischen, englischen, amerikanischen Autoren gemeinsam ist, das Phänomen des Krieges führt sie auf zwei Spuren:
Joas faßt den zweiten Punkt wie folgt zusammen:
Immerhin läßt sich, im Vorgriff auf spätere Aussagen in diesem Text, sagen, daß gegenwärtig einige Theoriemomente zusammenkommen, aus denen sich Hoffnung für Möglichkeiten einer Konjunktion von 'Friedenswissenschaft' und 'Friedenspraxis' schöpfen läßt:
(1) Hans Joas, Die Klassiker der Soziologie und der Erste Weltkrieg, in: Joas/Steiner 1989
(2) vgl. Joas, 188ff
(3) Joas, 203f