Eine zentrale Thematik, um die weder die Politikwissenschaften und das Völkerrecht noch die Wirtschaftswissenschaften oder gar die Soziologie herumkommen, wenn sie sich mit dem Weltfrieden beschäftigen wollen, ist mit Lenins Schrift von 1916/17 ausgedrückt: "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus".
Die Koordinaten der gegenwärtigen Epoche und ihres Konfliktpotentials sind
Monopolisierungstendenzen, Rationalisierung (i.e. bürokratische Effektivierung) des Wirtschafts- und Herrschaftsprozesses, die Entstehung von Befriedungs- und zugleich Zerstörungspotentialen von globaler Reichweite und die Suche nach Bedingungen einer friedlichen Entwicklung unter diesen Umständen: das sind die großen Fragen, mit denen sich am Beginn unserer Epoche besonders nachhaltig Lenin und Max Weber beschäftigten.
Hat sich eigentlich etwas geändert am 'Gesetz des imperialistischen Stadiums' (Lenin):
Lenin sah in der imperialistischen Tendenz vor allem die Bereitschaft zur extremen Reaktion, zur Einschränkung demokratischer Errungenschaften, zur Aggression nach außen und Repression nach innen; er verwies auf die Entwicklung eines ungeheuren parasitären Gewaltapparats mit bisher nie dagewesenen destruktiven Potentialen.(2) "Lenins Lehre von der friedlichen Koexistenz der gegensätzlichen Gesellschaftssysteme ist erst nach Krieg, Revolution und Bürgerkrieg entwickelt worden. Sie bedeutet nicht, daß Abstriche von der Behauptung der Kriegstendenzen des Imperialismus gemacht worden wären...Aber allein die Erkenntnis und praktische Wahrnehmung dieser Chance als einer längerfristigen Möglichkeit setzte auf Veränderungen des historischen Bedingungsgefüges..."(3) .
Auch Max Webers Analysen von Weltpolitik, Expansionismus und Krieg sind nicht weniger scharf und skeptisch. "Max Weber kam zu Einsichten friedlicher bourgeoiser Klassenpolitik durch die äußerste Existenzbedrohung der deutschen Bourgeoisie im Gefolge von Kriegsniederlage und Revolution...Aber gerade dadurch wurde er auch in der praktischen politischen Konzeption und im theoretischen Ansatz einer realistischen Kalkulation der Aussichten seiner Klasse im Krieg und im Frieden zugänglich, die letzterem den Zuschlag einer besseren Interessensicherung gab."(4)
Sind wir historisch nicht immer noch an diesem Punkt - gerade nach der jüngsten Entwicklung, die auf das Jahr 1917 und die damals (falsch) gestellten Weichen zurückverweist?
(1) Wolfgang Küttler, Imperialismus-Auffassung und Krieg-Frieden-Problem bei Wladimir I. Lenin und Max Weber, in: Joas/Steiner 1989
(2) Küttler, 171f; Lenin 1917, LW 22, 269ff, 290ff
(3) Küttler,173f
(4) ebenda, 174