Annegret Jürgens-Kirchhoff hat in einer bemerkenswerten Untersuchung (1) die vor 1914 'von deutschen Historikern, Militärs, Politikern, populären Schriftstellern propagierte herrschende Kriegsideologie' illustriert. Sie unterscheidet folgende Momente(2) :
1) Die Vorstellung eines 'Schicksalskrieges', der in der 'Natur' des menschlichen Daseins liege, einem 'Naturgesetz' entspringe und als Naturereignis über die Menschheit komme (der Krieg als 'luftreinigendes Gewitter'):
Der ideologisch führende Historiker Heinrich von Treitschke 1871: "Jedes Volk...läuft Gefahr, in langer Friedenszeit der Selbstsucht zu verfallen. Einem solchen Geschlechte gereicht es zum Segen, wenn ihm das Schicksal einen großen und gerechten Krieg sendet..." (31) Und: "Unaufhaltsam baut und zerstört die Geschichte...Wer an dies unendliche Werden...glaubt, der muß auch die unabänderliche Notwendigkeit des Krieges erkennen." (17)
Der preußische Feldmarschall Hellmuth von Moltke in einem Brief 1880: "Der ewige Friede ist ein Traum, und nicht einmal ein schöner, und der Krieg ein Glied in Gottes Weltordnung."(17)
Friedrich Theodor Vischer 1872: "Die Vergleichung mit dem Blitze, mit dem luftreinigenden Gewitter ist zu wahr, als daß man sie nicht immer wiederholen müßte." (137)
2) Die dem Sozialdarwinismus entlehnte Vorstellung vom Krieg als einer 'biologischen Notwendigkeit', die als 'Geburtshelfer' und 'Todesengel' für die gesunde Entwicklung des menschlichen Lebens sorge, eines schicksalhaften 'Heilmittels', das reinigend und erlösend wirke und einer 'kranken' oder schon abgestorbenen Gesellschaft zur Gesundung und zu neuem Leben verhelfe:
Der Professor für Geschichte an der Berliner Kriegsakademie Max Jähns 1893: "Ohne Krieg gäbe es keinen Frieden...Jeder Zustand ruft eben seinen Gegensatz hervor. Der größe Gegensatz ist der von Leben und Tod, von Entstehen und Vergehen, und wie kein Mensch geboren wird, ohne daß Blut fließt, so tritt auch kein Volk ins Leben, ohne daß der blutige Krieg als Geburtshelfer mitwirkt, und der Krieg ist auch wieder der Todesengel, der die gealterten Völker dahinrafft, damit neue an ihre Stelle treten..."(26)
Albert von Boguslawski: "Der Krieg...ist ein unumgänglich notwendiges Element unseres Daseins, er ist der 'Beweger des Menschengeschlechts', in vielen Fällen ein absolut nöthiger Heilungsprozeß." (17)
Heinrich von Treitschke: "Ich sage: das Schicksal sendet den Krieg; denn darum eben wird der Werth dieses grausamen Heilmittels so selten verstanden, weil sich kein Arzt unter den Menschen erdreisten darf, den Kriege wie einen heilenden Trank einem kranken Volke auf Tag und Stunde zu verordnen." (31)
3) Die Vorstellung vom Krieg als einem gottgewollten Opfer zum Heil der Menschheit, der Krieg als 'Gottesdienst':
Der "Opfermut", so Heinrich von Treitschke, mache es möglich, daß das Fürchterliche des Krieges mit der "Innigkeit des religiösen Gefühls" und als das "Walten unerforschlicher Mächte" empfunden werde. (31)
4) Die Vorstellung, daß der Krieg ein Janushaupt trage, schrecklich und großartig zugleich sei, wobei das Großartige letztlich über alle Schrecken triumphiere:
5) Die Vorstellung, daß der Krieg die Überwindung einer beschränkten Subjektivität und das Aufgehen des unbedeutenden Einzelnen im größeren Ganzen der (Volks-) Gemeinschaft ermögliche:
6) Die Vorstellung, daß der Krieg dem 'Materialismus', dem 'Geschäftssinn' und 'Händlergeist' ein Ende mache und die edelsten 'Tugenden' des Menschen, d.h. des deutschen Helden entfalte - Gehorsam, Bescheidenheit, Tapferkeit, Ehrfurcht, Opferbereitschaft -, die aufgrund einer 'höheren Kultur' allen überlegen sei:
Hellmuth von Moltke: "In ihm (dem Krieg, HJK) entfalten sich die edelsten Tugenden des Menschen, Muth und Entsagung, Pflichttreue und Opferwilligkeit mit Einsetzung des Lebens. Ohne den Krieg würde die Welt im Materialismus versumpfen." (17)
Der Krieg trage, so Werner Sombart, dafür Sorge, daß die heldische Weltanschauung "nicht den Mächten des Bösen, nicht dem kriechenden Händlergeiste zum Raube werde." (134)
Friedrich von Bernhardi 1912: "Die höhere Kultur (des deutschen Volkes, HJK) und die entsprechend größere Macht begründen das Recht zur Besitzergreifung." (124)
(1) über das Bild des Krieges in der Kunst des 20. Jahrhunderts, Jürgens-Kirchhoff, 56ff
(2) die folgenden Zitate (mit Seitenzahlen) nach Siegmar Holsten, Allegorische Darstellungen des Krieges, München 1976