04 DIE ZUSPITZUNG FRIEDENSWISSENSCHAFTLICHER FRAGESTELLUNGEN IM 20. JAHRHUNDERT

04.2 Kriegsideologien: ein Erbe des 19. Jahrhunderts

Annegret Jürgens-Kirchhoff hat in einer bemerkenswerten Untersuchung (1) die vor 1914 'von deutschen Historikern, Militärs, Politikern, populären Schriftstellern propagierte herrschende Kriegsideologie' illustriert. Sie unterscheidet folgende Momente(2) :

1) Die Vorstellung eines 'Schicksalskrieges', der in der 'Natur' des menschlichen Daseins liege, einem 'Naturgesetz' entspringe und als Naturereignis über die Menschheit komme (der Krieg als 'luftreinigendes Gewitter'):

2) Die dem Sozialdarwinismus entlehnte Vorstellung vom Krieg als einer 'biologischen Notwendigkeit', die als 'Geburtshelfer' und 'Todesengel' für die gesunde Entwicklung des menschlichen Lebens sorge, eines schicksalhaften 'Heilmittels', das reinigend und erlösend wirke und einer 'kranken' oder schon abgestorbenen Gesellschaft zur Gesundung und zu neuem Leben verhelfe:

3) Die Vorstellung vom Krieg als einem gottgewollten Opfer zum Heil der Menschheit, der Krieg als 'Gottesdienst':

4) Die Vorstellung, daß der Krieg ein Janushaupt trage, schrecklich und großartig zugleich sei, wobei das Großartige letztlich über alle Schrecken triumphiere:

5) Die Vorstellung, daß der Krieg die Überwindung einer beschränkten Subjektivität und das Aufgehen des unbedeutenden Einzelnen im größeren Ganzen der (Volks-) Gemeinschaft ermögliche:

6) Die Vorstellung, daß der Krieg dem 'Materialismus', dem 'Geschäftssinn' und 'Händlergeist' ein Ende mache und die edelsten 'Tugenden' des Menschen, d.h. des deutschen Helden entfalte - Gehorsam, Bescheidenheit, Tapferkeit, Ehrfurcht, Opferbereitschaft -, die aufgrund einer 'höheren Kultur' allen überlegen sei:

(1) über das Bild des Krieges in der Kunst des 20. Jahrhunderts, Jürgens-Kirchhoff, 56ff
(2) die folgenden Zitate (mit Seitenzahlen) nach Siegmar Holsten, Allegorische Darstellungen des Krieges, München 1976


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