03 EINIGE GRUNDLAGEN DER FRIEDENSWISSENSCHAFT IM 18. UND 19. JAHRHUNDERT

03.5Der Historische Materialismus

Wir sehen, wie die Konfliktdiskussion, die Diskussion also auch über die inneren und äußeren, die inner- und zwischengesellschaftlichen Ursachen von Kriegen auf die soziale Frage, auf ökonomische Herr-Knecht-Verhältnisse, auf Klassen und Klasseninteressen zusteuert.

Wenn von Kriegen, aber auch wenn von Friedensschlüssen die Rede ist, muß man ja letztlich auf das Problem stoßen, wer eigentlich die Handelnden, die Akteure im geschichtlich-gesellschaftlichen Geschehen sind. Der Begriff der Klasse taucht auf - und keineswegs zuerst bei den frühen Sozialisten oder in den kommunistischen Utopien. Es wird angesichts der wachsenden Differenziertheit des gesellschaftstheoretischen Denkens jener Zeit einfach wichtig, ob Philosophieprofessoren sich als Verkörperung des Weltgeistes verstehen, ob Prediger von Heilslehren, auserwählte Völker, Dynastien, große Einzelne, Verschwörungen und Geheimbünde, Gott und Teufel als subjektive Kräfte des Geschichtsprozesses angesehen werden.

Mit dem Begriff der Klasse oder besser: mit der Vorstellung eines Geflechts vielfältiger und unterschiedlicher sozialer Gruppen und Klassen, die miteinander kooperieren oder gegeneinander streiten, wird der entscheidende Schritt getan, die gesamte Sozialstruktur als ein dynamisches Handlungspotential im historischen Prozeß der 'Selbstschöpfung des Menschen' zu erfassen. Mit anderen Worten, die Vorstellung breitet sich aus, daß die gewaltigen Umwälzungen, die mit den Revolutionen und der industriellen Entwicklung im 18. und 19. Jahrhundert vor sich gehen, aus den kollektiven Zusammenschlüssen 'ganz normaler' Handelnder hervorgehen. Es sind 'soziale Bewegungen' in der Schichten-, Stände- und Klassenstruktur, mit deren Hilfe sich die Menschen anschicken, aus traditionellen Verhaltensmustern auszubrechen und ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

Während der französischen Revolution drängte sich dem Bürgertum der Gebrauch des Klassenbegriffs geradezu auf. Seit Martin Luther hatte es Versuche gegeben, den Begriff Stand auf die Fahne des 'vorwälzenden bürgerlichen Heerbaums'(1) zu schreiben. Doch ein bürgerliches Selbstverständnis als 'neuer Stand' erzeugte nicht genug politischen Effekt: so war nie zu unterscheiden, ob das Bürgertum nur ebenfalls 'von Stand' (adlig) sein wollte, oder ob es als 'neuer Stand' das Ende jeglicher Standesordnung anstrebte.

So griff zunächst der Liberalismus den Begriff der Klasse auf. Mit ihm konnten nicht nur die ökonomischen, sondern auch die kulturellen, sozialen und natürlich die politischen Dimensionen berücksichtigt werden, die in den Konflikten jener Zeit eine Rolle spielten.

Das liberale Bürgertum bemühte sich auch darum, die Interessen der anderen 'neuen' sozialen Gruppen, die damals relevant wurden, zu vertreten.

Henri de Saint-Simon sprach in seinen 'Briefen eines Genfer Einwohners an seine Zeitgenossen' von "verschiedenen Abteilungen (fractions) der Menschheit, die ich in drei Klassen teile": "Die erste...marschiert unter dem Banner des Fortschritts des menschlichen Geistes. Sie setzt sich zusammen aus Gelehrten, Künstlern und allen Menschen, die liberale Ideen haben." - "Auf dem Banner der zweiten Klasse steht: keine Neuerungen! Alle Besitzenden, die nicht zur ersten Klasse gehören, gehören der zweiten an." -

Die dritte Klasse, die Besitzlosen, forderte Saint-Simon auf: "Meine Freunde! Bis heute haben die Reichen keine andere Beschäftigung gehabt, als Euch zu kommandieren. Zwingt sie, Euch aufzuklären und zu unterrichten. Sie lassen Eure Arme für sich arbeiten. Laßt Ihr ihre Köpfe für Euch arbeiten."(2)

Auch Lorenz von Stein sah, daß die industrielle Arbeit eine neue Klassenpersönlichkeit zu prägen begann und daß das Privateigentum an Produktionsmitteln zu Abhängigkeiten, zum "Widerstreit zweier Klassen"(3) , zu disruptiven sozialen Spannungen führte. Er legte der preußischen Regierung liberale Reformen und eine auf Konfliktregulierung zielende Rolle des Staates nahe. Aber letztlich waren die Liberalen 'Realisten': "Das moderne Europa wurde im Kampf der verschiedenen Gesellschaftsklassen geboren...Der Kampf zwischen ihnen (wurde) nicht zum Ausgangspunkt von Stagnation, sondern zu einer Ursache für den Fortschritt."(4)

Francois Guizot, französischer Historiker und eine zeitlang Außenminister, fand besonders klare (und brutale) Formeln für das 'Klasseninteresse' des Bürgertums, die bis heute nachhallen. Gesellschaft sei nichts anderes als eine 'Schule des Egoismus', es gebe für alle Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft nur eine Maxime: 'Bereichert Euch!'

Angesichts solcher 'unmoralischen' Parolen war es nicht überraschend, daß das 'moralische Bewußtsein' sich auf die Seite der Volksmassen schlug. Nicht nur Marat, einer der Helden der französischen Revolution, schlug sich auf die Seite der "Klasse der Unglücklichen, die die unverschämten Reichen als Lumpenpack bezeichnen" (Marat). Der vormarxistische Sozialismus und Kommunismus sah sich geradezu als Inbegriff einer auf Moral gegründeten Theorie und Ordnung.

In solchem Klima erst entstand der proletarische Klassenbegriff. Das Zusammenwirken von Jakobinern und besitzlosen Massen (Sansculotten) in der französischen Revolution war für viele Beobachter die erste Erfahrung mit dem, was man die "maximale Entfesselung von Volksinitiative"(5) genannt hat.

Hinzu kam eine ganze Reihe von Aspekten des sozialen Konfliktgeschehens und auch der sozio-politischen 'Konfliktstrategie', die damals erstmals formuliert wurden:

Entscheidend war auch, daß die Saint-Simonisten und Owenisten durch ihre optimistische Beurteilung moderner Großproduktion der beginnenden proletarischen Klassenbewegung einen Begriff von den progressiven ökonomischen Potenzen der maschinellen Industrialisierung verschafften. Die negativen Erfahrungen der arbeitenden Menschen mit der neuen Produktionsweise (Massenruin kleiner Existenzen, Arbeitslosigkeit und verschärfte Ausbeutung) wurden allmählich durch die Hoffnung auf die sprengende Wirkung der neuen Produktivkräfte ergänzt.(7)

1842, in der öffentlichen europäischen Debatte um die ersten Arbeiteraufstände in Frankreich und die erste gesamtnationale Arbeiterbewegung, den Chartismus in England, begann sich auch Karl Marx als Redakteur der 'Rheinischen Zeitung' eingehender mit dem Sozialismus und Kommunismus zu befassen. Neben französischer Literatur standen ihm u.a. Wilhelm Weitlings Hauptwerk 'Garantien der Harmonie und Freiheit' (1842) und Lorenz von Steins Bericht 'Der Socialismus und Communismus des heutigen Frankreich' (1842) zur Verfügung.

Später, rückblickend auf diese Zeit der Entstehung seiner 'Konflikttheorie', schrieb Marx: "Was mich nun betrifft, so gebührt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz der Klassen in der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter sich entdeckt zu haben. Bürgerliche Geschichtsschreiber hatten längst vor mir die historische Entwicklung dieses Kampfes der Klassen und bürgerliche Ökonomen die ökonomische Anatomie derselben dargestellt. Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet."(8)

Die Marxsche 'Klassentheorie' ist für ein Verständnis der konfliktuellen und friedlichen Kernbereiche von Gesellschaft so bedeutsam, daß ihre wichtigsten Thesen hier aufgeführt seien:

  1. Nach Marx bestimmt die ökonomische Basis einer Gesellschaft ihre gesamte Sozialstruktur und das Bewußtsein der Menschen, die in ihr leben - "letztinstanzlich".

  2. Die Dynamik des sozio-historischen Wandels entfaltet sich aus dem Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Eigentum bzw. Nichteigentum an den Produktionsmitteln ist das wichtigste Kriterium für Klassenzugehörigkeit. "Die Bourgeoisie selbst entwickelt sich erst mit ihren Bedingungen allmählich, spaltet sich nach der Teilung der Arbeit wieder in verschiedene Fraktionen und absorbiert endlich alle vorgefundenen besitzenden Klassen in sich (während sie die Majorität der vorgefundenen besitzlosen und einen Teil der bisher besitzenden zu einer neuen Klasse, dem Proletariat, entwickelt) in dem Maße, als alles vorgefundene Eigentum in industrielles oder kommerzielles Kapital umgewandelt wird."(9)

  3. Der Klassenantagonimus ist die normale und unausweichliche Situation der kapitalistischen Gesellschaft. Aber: "Die einzelnen Individuen bilden nur insofern eine Klasse, als sie einen gemeinsamen Kampf gegen eine andere Klasse zu führen haben; im übrigen stehen sie einander selbst in der Konkurrenz wieder feindlich gegenüber."(10)

  4. Ausbeutung (Abschöpfung des Mehrwerts) ist der zentrale Bezugsprozeß für Klassenbildungen, auch für den Übergang von 'Klassen an sich' zu 'Klassen für sich', wie ihn etwa das Proletariat durch die Bildung von Gewerkschaften und Massenparteien vollzieht.

  5. Das allgemeine Klima der kapitalistischen Gesellschaft wird dadurch bestimmt, daß mit der 'Verwertung der Sachenwelt' die 'Entwertung der Menschenwelt' in direktem Verhältnis zunimmt.(11)

  6. Klassenkampf mündet in einen revolutionären Prozeß, wenn die objektiven Bedingungen und die subjektive Bereitschaft zusammenfallen. Sowohl an der Basis - durch die funktionale Unabdingbarkeit der Lohnarbeit - als auch im Überbau - durch den Übergang der Klassenauseinandersetzungen auf die staatliche Ebene - reifen diese Bedingungen heran.

  7. Vor allem aber die inneren Widersprüche des kapitalistischen Ausbeutungs- bzw. Verwertungsprozesses - Gegenstand einer epochemachenden Analyse in 'Das Kapital' - führen zur Krise des Kapitalismus. Wann und wie die 'Endkrise' eintrifft, ist offen. Vielleicht hat Friedrich Engels nur hundert Jahre zu früh geschrieben, daß "zum ersten Mal, seit die Arbeiterbewegung besteht, ...der Kampf nach seinen drei Seiten hin - nach der theoretischen, der politischen und der praktisch-ökonomischen (Widerstand gegen den Kapitalisten) - im Einklang und Zusammenhang und planmäßig geführt" wird.(12)

Mit anderen Worten: gerade mit dem Scheitern des 'realsozialistischen' Experiments, dem Untergang staatlich verfaßter 'sozialistischer' Gesellschaften, deren Entstehen auf unzutreffenden Vorstellungen vom Charakter der Auseinandersetzung zwischen 'Kapital' und 'Arbeit' beruhte, haben 'Arbeiterbewegungen' wieder eine Chance.

Im übrigen ist diese Klassentheorie nicht verständlich ohne ihre Utopie: Der Endpunkt der angestrebten Entwicklung (ob man ihn nun 'Kommunismus' oder anders nennt) ist im wesentlichen Aufhebung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen (was Aufhebung der Arbeitsspezialisierung und Absterben des Staates - aber auch den Abbau psychosozialer Abhängigkeiten - impliziert): "Damit bricht die auf Tauschwert ruhnde Produktion zusammen, und der unmittelbare materielle Produktionsprozeß erhält selbst die Form der Notdürftigkeit und Gegensätzlichkeit abgestreift. Die freie Entwicklung der Individualitäten, und daher nicht das Reduzieren der notwendigen Arbeitszeit um Surplusarbeit zu setzen, sondern überhaupt die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordne Zeit und geschaffnen Mittel entspricht."(13)

Man kann also resümieren: Die Stichworte Krieg, Frieden und internationale Beziehungen wird man bei den Begründern des Historischen Materialismus, Karl Marx und Friedrich Engels, nur gelegentlich und nicht an systematisch besonders wichtigen Stellen finden. Bei genauerer Betrachtung aber erweist sich, daß die zentralen Menschheitsfragen hinter diesen Stichworten im Historischen Materialismus durchaus im Zentrum stehen; nur werden diese Themen eben, wie das bei theoretischen Innovationen nun einmal üblich bzw. notwendig ist, mithilfe neuartiger Begriffe, Konzepte, Vorstellungen angegangen. Insofern muß gesagt werden, daß die moderne Friedenswissenschaft - was immer sich gegen den Mißbrauch des Marxismus anführen läßt - dem Werk von Marx und Engels viel zu verdanken hat.

Mit der Entfaltung der Thematiken von Ausbeutung, Gewalt, Klassenkampf usw. wird der Zusammenhang von 'Bewegung', Veränderung einerseits und Wissenschaft in praktischer Absicht andererseits, der für 'Friedenswissenschaft' charakteristisch ist, für eine 'Umwälzungswissenschaft' reklamiert. Wobei eines klar ist: der zu erkämpfende, anzustrebende gesellschaftliche Zustand - ob er nun klassenlose Gesellschaft, Kommunismus/Sozialismus o.ä. genannt wird - ist für den Historischen Materialismus ganz ohne Zweifel mit Frieden, und zwar mit materiellen, mit 'äußerlichen' Glücksvorstellungen, mit allem, was bürgerlicher bonheur ist, verbunden.

Es kommt jene grundlegende, gar nicht zu überschätzende Einsicht hinzu, daß Frieden als materielles Glück letztlich nur für alle Gesellschaftsmitglieder oder gar nicht realisierbar ist - wobei es nicht um eine mechanische Gleichmacherei oder Gleichverteilung, sondern um Gleichheit der Lebenschancen geht: jedem nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten. Gerade wenn man an die Möglichkeit eines dauerhaften Friedens denkt, ist die Logik dieser Utopie unwiderlegbar: Frieden, der andere (auch Gegner) dem Unfrieden aussetzt, ist keiner.

Obwohl nun aber die Entfaltung friedlicher Zustände mittels Erkenntnis der historischen Gesetzmäßigkeiten den Kern der gesellschaftstheoretischen Revolution durch Marx und Engels ausmacht, ist das unvermittelte 'Einblenden' dieser Theorie in die allgemeinere pazifistische Diskussion oder gar in die 'Friedensbewegung' nicht unproblematisch - und zwar, weil die historisch-materialistische Erklärung der Ursachen von Kriegen und Gewalt notwendigerweise massiv in Interessengegensätze eingreift, Partei nimmt und damit Bündnisse und Bewegungen, in denen soziale, politische und ökonomische Gegner in der Frage des Friedens an einem Strang ziehen, auch entzweien kann. Dieses Problem ist allerdings von allen späteren Theoretikern des Historischen Materialismus - Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, W.I.Lenin, Antonio Gramsci u.v.a. - gesehen worden und hat zu sehr weisen Formulierungen der Friedensfrage geführt.(14)

Marx und vor allem Engels haben Armee, Heerwesen, Heeresorganisation, Waffentechnik, Kriegsstrategie und -taktik usw. in ihren Schriften, vor allem auch in journalistischen und Gelegenheitsarbeiten, große Aufmerksamkeit geschenkt. Die materiell-technischen, organisatorischen und sich daraus ergebenden sozialen Bedingungen des Militärischen in der Gesellschaft(15) wurden genau erforscht.

Der wissenschaftliche Fortschritt bestand darin, daß das 'Gesetzmäßige`, das 'planvoll Machbare' in kriegerischen, gewaltsamen inner- und zwischengesellschaftlichen Handlungen herausgearbeitet und damit zu vernünftigen Weiterbehandlung freigegeben wurde. "Der bei Marx immer wiederkehrende Zusammenhang von army und sozialen Verhältnissen schlägt sich schließlich im Nachweis der sich damit verbindenden sozialökonomisch bestimmten Verkehrsformen der Gesellschaft nieder. Gewalt ist darin eingeschlossen und militärische Gewalt gehört zu ihren Mitteln und Formen."(16)

Auch der Blick auf die internationalen Beziehungen ist ausgesprochen 'sozialwissenschaftlich', um nicht zu sagen soziologisch: "Was sind die ganze innere Organisation der Völker, alle ihre internationalen Beziehungen anders als der Ausdruck einer bestimmten Arbeitsteilung?"(17)

Militärische Gewalt in diesem Zusammenhang ist Ausdruck von internationalen Ausbeutungsverhältnissen, von sozio-ökonomischen Konflikten auf dem Weltmarkt. Dies ist die konzeptionelle Grundlage für die Analysen der Bauernkriege, des französischen Bürgerkriegs, des Krimkriegs, des amerikanischen Bürgerkriegs, der Napoleonischen und Befreiungskriege, des Deutsch-Französischen Kriegs; so wird auch schon die Möglichkeit eines 'Weltkriegs' antizipiert.(18)

Die Analyse des Kapitalismus in seinen frühen Formen läuft zunächst bekanntlich auf seine gewaltsame, brutale Seite hinaus: "Wenn das Geld, nach Augier, mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt, so das Kapital, von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend."(19)

Doch je mehr sich Marx und Engels auf die Entwicklung, die internationale kapitalistische Vergesellschaftung konzentrieren, um so deutlicher wird ihnen auch die andere Seite des 'janusgesichtigen Kapitalismus'.

Ob der Krieg für den Funktionsmechanismus des Kapitalismus in jedem Falle unverzichtbar ist, wird in Zweifel gezogen.(20) Vor allem die neuen technischen Waffenentwicklungen ließen Marx und Engels schon früh (1847) von der Gefahr eines 'gemeinsamen Untergangs der kämpfenden Klassen' sprechen.(21) Und weiter die Hoffnung: "Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander."(22)

Und Lenin sieht die Möglichkeiten eines friedlichen Kapitalismus 1905 so: "Das europäische Kapital spekuliert auf den Frieden. Die Bourgeoisie...hat den Zusammenhang zwischen Krieg und Revolution zu begreifen begonnen...Die Bourgeoisie will die 'soziale Ordnung' einer auf Ausbeutung beruhenden Gesellschaft vor übermäßigen Erschütterungen bewahren...und darum spekuliert die Bourgeoisie aus antiproletarischem und antirevolutionärem Interesse auf den Frieden."(23)

Wie - und das ist immer noch eine historische Frage - kommt diese 'Friedensstrategie' mit der Friedensstrategie der Arbeiterbewegung zusammen? Marx: "...möge der bevorstehende scheußliche Krieg endigen, wie er will, die Allianz der Arbeiter (wird) schließlich den Krieg ausrotten...im Gegensatz zur alten Gesellschaft mit ihrem ökonomischen Elend und ihrem politischen Wahnwitz (entsteht) eine neue Gesellschaft..., deren internationales Prinzip der Friede sein wird, weil bei jeder Nation dasselbe Prinzip herrscht - die Arbeit!"(24)

Marx und Engels trugen entscheidend dazu bei, das Problem von Krieg und Frieden als ein politisches Problem zu sehen, d.h., die politischen Bedingungen zu analysieren, unter denen 'Völker', 'Nationen' überhaupt bereit sind, zu den Waffen zu greifen. Steiner(25) verweist vor allem auf ihre 'Bonapartismus'-Analysen.

Mit dem Begriff des Bonapartismus ist das Phänomen gemeint, daß sich das Herrschaftsinteresse der Bourgeoisie seltsamerweise in den Herrschafts-, Beamten-, Militärapparaten, die gar nicht unbedingt von Angehörigen dieser Klasse dominant besetzt sein müssen, verkörpert und verselbständigt: "Es ist geradezu aufregend zu verfolgen, wie einerseits gegenüber den vorkapitalistischen Gesellschaftstypen in der bürgerlichen Gesellschaft die Armee und das Militärische durch andere gesellschaftliche Kräfte verdrängt, ersetzt, in jedem Falle aber in ihrem politischen Einfluß relativiert werden und andererseits sie sich als 'relativierte gesellschaftliche Kräfte' eine wirkungsvolle gesellschaftspolitische Einflußmöglichkeit verschaffen."(26)

Diese kleinen 'Napoleons' des adelig und kleinbürgerlich besetzten Beamten- und Militärklüngels können unter besonders ungünstigen Umständen, wie im Deutschland der Weimarer Zeit, auf ein Massenbewußtsein stoßen, dessen unverarbeiteter Nationalismus und Chauvinismus für Revanche- und Kriegsführungsideologien anfällig macht. Die Sorgen von Marx und Engels vor großen europäischen Kriegen, die durch eine solche Kombination von diktatorischen Tendenzen und chauvinistischen Gelüsten entstehen könnten, waren nur allzu begründet.

(1) R.Herrnstadt, Die Entdeckung der Klassen. Zur Geschichte des Begriffs Klasse von den Anfängen bis zum Vorabend der Pariser Julirevolution 1830, Berlin 1965
(2) Henri de Saint-Simon, Werke, Paris 1865f, Bd.15, 26
(3) Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich von 1789 bis auf unsere Tage, Nachdruck, Darmstadt 1959, 253
(4) F.Guizot, Cours d'histoire moderne..., 7.Vorl., Paris 1828, 29
(5) Herrnstadt, a.a.O.,183f
(6) J.Höppner/W.Seidel-Höppner, Theorien des vormarxistischen Sozialismus und Kommunismus, Köln 1987
(7) Höppner, a.a.O., 306
(8) MEW, Bd. 28,508
(9) K.Marx u. F.Engels, Die deutsche Ideologie, in: K.Marx, Die Frühschriften, hg. von S.Landshut, Stuttgart 1953, 394f
(10) ebenda, 395
(11) K.Marx, Texte zur Methode und Praxis II, Pariser Manuskripte 1844, Reinbek 1966, 52
(12) F.Engels, Der deutsche Bauernkrieg, Berlin 1974, 23
(13) K.Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin 1959, 593
(14) vgl. Karl Kautsky, Sozialisten und der Krieg. Ein Beitrag zur Ideengeschichte des Sozialismus von den Hussiten bis zum Völkerbund, Prag 1937
(15) Steiner, a.a.O., in: Joas/Steiner 1989
(16) ebenda, 97
(17) Marx 1846, MEW 4, 550
(18) Steiner, 102f
(19) Marx 1867, MEW 23, 788
(20) Steiner, 105f
(21) MEW 4, 462
(22) MEW 4, 479
(23) W.I.Lenin 1905, Lenin-Werke (LW), Bd.8, 260
(24) Marx 1871, MEW 17, 7
(25) a.a.O., 108ff
(26) Steiner, a.a.O., 109


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