Schon Jean Jacques Rousseau formulierte die Erkenntnis, daß "die Wurzel der kriegerischen Verhältnisse in dem System des fürstlichen Absolutismus selbst" liege. Man müsse den Souverän an die Gesetze im Innern binden, um damit auch die Voraussetzungen für einen Frieden in den äußeren Beziehungen zu schaffen.(1)
Rousseau wie auch der Abbé de Mably und Anne Robert Turgot sprachen sich deshalb schon früh dafür aus, daß ein allgemein anerkanntes Völkerrecht die Beziehungen zwischen den Staaten regulieren solle, daß die naturrechtlichen Prinzipien der Aufklärung zu einer Konföderation von Staaten führen müßten.
De Mably und Rousseau verbanden diese Vorstellungen eher mit einer Welt der kleinbürgerlichen Idylle, in welcher der Handel kontrolliert, wenn nicht unterbunden werden sollte, weil er die Menschen ungleich mache; ihre Vorstellungen von einer Konföderation waren am Schweizer Modell eines bodenständigen, 'ursprünglichen' Egalitarismus ausgerichtet. Turgot dagegen setzte, darin ein direkter Vorläufer Tocquevilles, auf das Vorbild Amerika, auf die Durchsetzungsfähigkeit der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft. Für ihn waren die Freiheit des Handels und der Industrie die Voraussetzung für den friedlichen Verkehr der Staaten untereinander.(2)
Norman Paech schreibt dazu: "Die französische Aufklärung hat zweifellos zum ersten Male die Probleme von Krieg und Frieden vollständig von der theologischen Argumentation gelöst und sie in einer Vielfalt der Aspekte erörtert - einschließlich der ökonomischen -, die bis dahin nicht möglich war. Dadurch überwand sie nicht nur die Ansicht von der Schicksalhaftigkeit des Krieges, die in der sündigen Natur des Menschen angelegt sei, sondern verbreitete die Einsicht in die Schädlichkeit des Krieges für die kulturelle und ökonomische Entwicklung der Völker. Sie sah erstmals den Einfluß der widersprechenden gesellschaftlichen Interessen auf die Entscheidung zwischen Krieg und Frieden und verurteilte die bis dahin üblichen Kabinetts- und Handelskriege - nur Verteilungskriege ließ sie gelten. Sie machte sich an die Diskussion politischer Möglichkeiten der Kriegsverhütung, ihre Grundeinstellung war durchaus pazifistisch."
Auch die Wortführer der französischen Revolution waren durch solche Ideen beeinflußt. Beispielsweise erklärte die französische Nationalversammlung am 22.5.1790, keinen Eroberungskrieg führen zu wollen und verankerte diesen Grundsatz in der Verfassung von 1791. Die Friedensideen der französischen Aufklärung beeinflußten insbesondere Kants Schrift 'Zum ewigen Frieden'.
Eine Geschichtsphilosophie und Gesellschaftstheorie im Übergang vom Liberalismus zu den utopischen Hoffnungen des Sozialismus enthält das Werk von Henri de Saint-Simon. Seine Untersuchungen legen recht eigentlich die gesellschaftstheoretischen Grundlagen für ein Verständnis des Zusammenhangs zwischen inneren und äußeren Konflikten und damit für die Ursachen von Krieg und die Möglichkeit von Frieden.
Der grundlegende soziale Antagonismus, von dem Saint-Simon ausgeht, ist der zwischen Adel und Klerus als der Klasse der Müßiggänger einerseits und der 'industriellen Klasse' andererseits, welche die ganze arbeitende Nation umfaßt und von den Industriellen und Bankiers, den Ingenieuren und Wissenschaftlern geführt wird.
Unter dem Eindruck der Annäherung zwischen Teilen der Bourgeoisie und dem Adel in der französischen Restaurationsphase wird Saint-Simon in seinen späteren Schriften noch genauer; er entwirft ein System der miteinander im Konflikt stehenden gesellschaftlichen Gruppen, das viele Aussagen der späteren Klassentheorien vorwegnimmt:
Beim späten Saint-Simon rückt die 'Klasse der Proletarier' ins Zentrum des Denkens; die Verbesserung ihrer materiellen Lage und ihre Teilhabe an der Entwicklung der Kultur werden zum entscheidenden Kriterium des gesellschaftlichen Fortschritts(3) . Seine Schüler formulieren schließlich, daß die "Ausbeutung des Menschen durch den Menschen...sich...in den Beziehungen zwischen den Eigentümern und den Arbeitern, den Meistern und den Lohnempfängern" fortsetzt(4) .
Bei Charles Fourier und Robert Owen gewinnt diese Einsicht in den Charakter industrieller Herrschaftsbeziehungen noch schärfere Konturen durch die Perspektive einer klassenlosen Gesellschaftsordnung, die die vom Privateigentum beherrschte Produktionsweise aufhebt und gerade dadurch die in dieser entwickelten produktiven Potenzen und zivilisatorischen Möglichkeiten auf neuer Stufenleiter entfaltet.
Auch Alexis de Tocqueville legt seiner Untersuchung 'Über die Demokratie in Amerika' die Prämisse zugrunde, daß in der sich dort abzeichnenden friedlichen Demokratie "die Kasten verschwinden und die Klassen sich einander annähern"(5) .
Tocqueville ist einer der ersten(6) , der schon vor dem bürgerlichen Revolutionsjahr 1848 den Beginn des "nahen, unaufhaltsamen, allgemeinen Aufstieges der Demokratie in der Welt"(7) in vergleichenden Studien - nämlich durch seine beiden Werke 'Über die Demokratie in Amerika' (1835-40) und über Frankreich 'Der alte Staat und die Revolution' (1856) - untersucht: "Mitten unter uns geht eine große demokratische Revolution vor sich". Tocqueville lehrt, sich mit dem Ergebnis der Revolution abzufinden, das er darin sieht, "nicht die Anarchie zu methodifizieren..., sondern vielmehr die Macht und die Rechte der Staatsregierung auszudehnen".(8)
Die Idee einer friedlichen Demokratie zwingt zu einer genauen Analyse der demokratischen Mechanismen und der Rolle der Volksmassen. Theodor Eschenburg hat präzise formuliert, worum es Tocqueville angesichts des Heraufkommens der 'Herrschaft der Massen' strategisch geht: es geht um das Problem ihrer 'Kanalisierung und geistigen Zähmung'.
Tocqueville sieht, daß die künftige industrielle Massengesellschaft unregierbar wird, wenn Macht nur über die klassischen ständischen Repräsentationsorgane ausgeübt wird und staatliche Institutionen getrennt und abgehoben von der Gesellschaft und vom Volk verharren: "Es gibt Länder, wo eine Macht gewissermaßen von außen her auf die Gesellschaft wirkt...Es gibt andere, wo die Gewalt geteilt...ist. In Amerika sieht man nichts dergleichen; die Gesellschaft wirkt durch sich selbst und auf sich selbst. Nur in ihr gibt es die Macht; man findet sogar fast niemanden, der den Gedanken fassen oder gar aussprechen dürfte, man solle sie aus einer Wurzel ableiten. Das Volk nimmt an der Abfassung der Gesetze teil durch die Wahl der Gesetzgeber, an ihrer Anwendung durch die Wahl der Mitglieder der ausübenden Gewalt...Das Volk beherrscht die amerikanische politische Welt wie Gott das All. Es ist Ursprung und Ziel aller Dinge; aus ihm geht alles hervor, und zu ihm kehrt alles zurück".(9) So, wie in den Vereinigten Staaten, wie in allen Demokratien, "die Mehrheit im Namen des Volkes" regiert, werden die Grundlagen für eine friedliche Demokratie gelegt. Denn diese Mehrheit, so Tocqueville, "besteht hauptsächlich aus den friedlichen Bürgern (sic!), die teils aus Neigung, teils aus Eigennutz aufrichtig das Wohl des Landes wünschen".(10)
Die Faszination Tocquevilles mit der amerikanischen Demokratie beruhte sicherlich zu einem gewissen Anteil auf dem anglo-amerikanischen Verständnis von civil society, in dem sich ein spezifisches Verhältnis von Ökonomie, Gesellschaft und Politik widerspiegelte.
Dieser Begriff einer Zivilgesellschaft wiederum basierte, nicht nur nach den Beobachtungen Tocquevilles, auf der Tatsache, daß in der amerikanischen Verfassung die gesamte bisherige Verfassungstradition der neuzeitlichen Theorien über den Ursprung politischer Herrschaft, der Volksouveränität, der Gewaltenteilung und des Repräsentationsproblems - also die schwierige Frage nach dem Verhältnis von Volk, Freiheit und Herrschaft - zu einem vorläufigen Ende gekommen war(11) : "Die Freiheit konstituierende Souveränität eines Volkes ist weder nur ein abstrakter naturrechtlicher Artefakt, noch nur auf Wahlen beschränkt oder nur dem Parlament oder gar dem Staat vorbehalten, sondern wird mit der aktuellen Regierung des Volkes als Selbstregierung bzw. Herrschaft identifiziert. Herrschaft und politische Macht sind nicht mehr allein mit dem Volk als politische Partizipation oder Mitbestimmung, sondern vor allem nur noch durch das Volk möglich, das selber die Herrschaft über sich trägt und sie als seine Freiheit begreift."(12)
Der demokratietheoretische Weg zu einer friedlichen Gesellschaft war hier also mit aller wünschenswerten Klarheit aufgezeichnet.
(1) vgl. N.Paech, Artikel 'Krieg und Frieden', in: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, hg. v. H.J.Sandkühler, Hamburg 1990; J.J.Rousseau, Jugement du Projet de paix perpétuelle, OEuvres Bd.1, Paris 1782, 591ff
(2) Peach, a.a.O.
(3) vgl. Cl.H.de Saint-Simon, Ausgewählte Schriften, hg. und übers. v. L. Zahn, Berlin 1977
(4) Die Lehre Saint-Simons, hg. v. G.Salomon-Delatour, Berlin/Neuwied 1962, 105
(5) A.de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika, Frankfurt 1956, 134
(6) folgendes nach L.Lambrecht, Artikel 'Demokratie', in: Europäische Enzyklopädie, a.a.O., 523ff
(7) A.de Tocqueville, a.a.O.
(8) ebenda 35
(9) ebenda, 65
(10) ebenda, 197
(11) Lambrecht, a.a.O.
(12) ebenda