03 EINIGE GRUNDLAGEN DER FRIEDENSWISSENSCHAFT IM 18. UND 19. JAHRHUNDERT

03.2 Schotten und Engländer machen die Rechnung auf

Also: Krieg und Heer spielen im Denken der Aufklärung eine wichtige Rolle. Battistelli(1) zeigt, daß - im Gegensatz zu den kontinentalen Aufklärern mit ihrer von Fall zu Fall utopischen Sicht der Dinge - die Schotten und Engländer eine ziemlich realistische Sichtweise entwickeln: ausgehend vom Prinzip, daß Politik und Wirtschaft sich auf friedliche Formen des Diplomatie und des Handels gründen sollten, halten sie Krieg gleichwohl für ein gelegentliches, wenn auch durchaus unangenehmes Instrument; das Heer, als 'Instrument des Instruments', sollte allerdings aufs Notwendigste begrenzt werden.

In der Schottischen Historischen Schule des 18. Jahrhunderts, die in einzigartiger Weise die Probleme der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, eines "kräftigen und unschuldigen Frühkapitalismus" (Battistelli) zwischen Krieg und Frieden, vorweg- und aufnimmt, ragen Adam Smith und Adam Ferguson hervor. Für beide ist das Problem der Sicherheit innerhalb einer Gesellschaft und zwischen Gesellschaften oder 'Nationen' eine gesellschaftliche Aufgabe, an die bewußt, vernünftig, ja planvoll herangegangen werden muß.

Hier entsteht eigentlich auch erst der Begriff der bürgerlichen Gesellschaft mit seinen zwei Bedeutungsdimensionen:

Die Verteidigung dieser bürgerlichen Gesellschaft kann alsdann letztlich nur aus jenem sozialen Geflecht von Beziehungen und Institutionen kommen, also 'soziale Verteidigung' sein - und muß überdies, weil bestimmt durch die Usancen der 'polished' und 'civilized nations', auch 'zivile Verteidigung' werden. Allerdings haben weder Smith noch Ferguson Zweifel an der grundsätzlichen Notwendigkeit und Berechtigung von Verteidigung. "Die Verteidigung ist sehr viel wichtiger als der Reichtum", schreibt Smith(2). Doch muß Verteidigung dem Kalkül der ökonomischen Zweckmäßigkeit unterworfen werden - und im Kern dieses Kalküls steht das Prinzip der Arbeitsteilung

So steht am Anfang der gesellschaftlichen Arbeitsteilung überhaupt die zwischen Kriegern und Nicht-Kriegern.

In der industriellen Gesellschaft müssen, weil die Spezialisierung und damit auch die Erfordernisse der 'Kriegskunst' so weit vorgeschritten ist, 'Berufssoldaten' mit der Kriegsführung beauftragt und dafür bezahlt werden. Ein Berufsheer ist deshalb für Smith effizienter als eine aus Bürgern gebildete Miliz.

Zugleich verlangt die industrielle Produktion, daß - im Unterschied etwa zum antiken Griechenland, wo der Anteil des Militärs an der erwachsenen Bevölkerung 20 bis 25 Prozent betrug - der Anteil des Militärs vergleichsweise gering bleibt: "Von hier aus ist es ein kleiner Schritt zur Identifizierung von Industriegesellschaft und Frieden..."(3)

Arbeitsteilung und technologische Entwicklung bestimmen auch für Ferguson die Entwicklung des Verteidigungsproblems in der modernen Gesellschaft. Doch sieht er vor allem die Gefahren der spezialisierenden Arbeitsteilung, die jeden Bürger im eigenen Beruf befähigt, aber völlig "blind wie ein Gewerbsmann für irgendeinen allgemeinen Zusammenhang" macht.(4) Für die 'Militärpolitik' befürchtet Ferguson bei der militärischen Spezialisierung von wenigen den Schwund der Verteidigungsfähigkeit nach außen und die Gefahr einer Usurpation im Inneren. Er tritt also, im Gegensatz zu Smith, entschieden für die Miliz und gegen das stehende Heer ein und beschreibt darüber hinaus auch ganz allgemein, welche sozialen Schäden durch allzu starke Spezialisierung in der Arbeitsteilung herbeigeführt werden können.(5)

Einen anderen wichtigen Aspekt des Krieges in der modernen Industriegesellschaft antizipiert Smith: statt 'Kriegskosten' unmittelbar abzurechnen, was Kriege verkürzen, Rüstung minimieren würde, beginnen die Nationen ein 'Kreditsystem', einen durch öffentliche Anleihen geschaffenen Kriegshaushalt, auszubauen.

Der Kriegshaushalt wird noch während des ganzen 19. Jahrhunderts "den einzigen, von der politischen Ökonomie und der Finanzwissenschaft...normal akzeptierten Fall von deficit spending darstellen. Erst in unserem Jahrhundert werden in bedeutendem Umfang die Staatsausgaben für soziale und ökonomische Eingriffe hinzukommen. Aber auf jeden Fall wird die Finanzierung des Krieges durch öffentliche Anleihen in den demokratisch-parlamentarischen Regimes weiterhin ein Ausweg für die Regierenden bleiben, um Ressourcen frei zu machen für Ziele, die von den Regierten nur teilweise akzeptiert oder in manchen Fällen bekämpft werden."(6)

Umfassende geschichtsphilosophische Schlußfolgerungen für den Übergang von der militärischen Agrargesellschaft zur friedlichen Industriegesellschaft stammen von Herbert Spencer, einem der Schöpfer der Soziologie. Die wesentlichen Elemente von Spencers soziologischer Theorie lassen sich wie folgt zusammenstellen(7) :