Also: Krieg und Heer spielen im Denken der Aufklärung eine wichtige Rolle. Battistelli(1) zeigt, daß - im Gegensatz zu den kontinentalen Aufklärern mit ihrer von Fall zu Fall utopischen Sicht der Dinge - die Schotten und Engländer eine ziemlich realistische Sichtweise entwickeln: ausgehend vom Prinzip, daß Politik und Wirtschaft sich auf friedliche Formen des Diplomatie und des Handels gründen sollten, halten sie Krieg gleichwohl für ein gelegentliches, wenn auch durchaus unangenehmes Instrument; das Heer, als 'Instrument des Instruments', sollte allerdings aufs Notwendigste begrenzt werden.
In der Schottischen Historischen Schule des 18. Jahrhunderts, die in einzigartiger Weise die Probleme der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, eines "kräftigen und unschuldigen Frühkapitalismus" (Battistelli) zwischen Krieg und Frieden, vorweg- und aufnimmt, ragen Adam Smith und Adam Ferguson hervor. Für beide ist das Problem der Sicherheit innerhalb einer Gesellschaft und zwischen Gesellschaften oder 'Nationen' eine gesellschaftliche Aufgabe, an die bewußt, vernünftig, ja planvoll herangegangen werden muß.
Hier entsteht eigentlich auch erst der Begriff der bürgerlichen Gesellschaft mit seinen zwei Bedeutungsdimensionen:
Die Verteidigung dieser bürgerlichen Gesellschaft kann alsdann letztlich nur aus jenem sozialen Geflecht von Beziehungen und Institutionen kommen, also 'soziale Verteidigung' sein - und muß überdies, weil bestimmt durch die Usancen der 'polished' und 'civilized nations', auch 'zivile Verteidigung' werden. Allerdings haben weder Smith noch Ferguson Zweifel an der grundsätzlichen Notwendigkeit und Berechtigung von Verteidigung. "Die Verteidigung ist sehr viel wichtiger als der Reichtum", schreibt Smith(2). Doch muß Verteidigung dem Kalkül der ökonomischen Zweckmäßigkeit unterworfen werden - und im Kern dieses Kalküls steht das Prinzip der Arbeitsteilung
So steht am Anfang der gesellschaftlichen Arbeitsteilung überhaupt die zwischen Kriegern und Nicht-Kriegern.
In der industriellen Gesellschaft müssen, weil die Spezialisierung und damit auch die Erfordernisse der 'Kriegskunst' so weit vorgeschritten ist, 'Berufssoldaten' mit der Kriegsführung beauftragt und dafür bezahlt werden. Ein Berufsheer ist deshalb für Smith effizienter als eine aus Bürgern gebildete Miliz.
Zugleich verlangt die industrielle Produktion, daß - im Unterschied etwa zum antiken Griechenland, wo der Anteil des Militärs an der erwachsenen Bevölkerung 20 bis 25 Prozent betrug - der Anteil des Militärs vergleichsweise gering bleibt: "Von hier aus ist es ein kleiner Schritt zur Identifizierung von Industriegesellschaft und Frieden..."(3)
Arbeitsteilung und technologische Entwicklung bestimmen auch für Ferguson die Entwicklung des Verteidigungsproblems in der modernen Gesellschaft. Doch sieht er vor allem die Gefahren der spezialisierenden Arbeitsteilung, die jeden Bürger im eigenen Beruf befähigt, aber völlig "blind wie ein Gewerbsmann für irgendeinen allgemeinen Zusammenhang" macht.(4) Für die 'Militärpolitik' befürchtet Ferguson bei der militärischen Spezialisierung von wenigen den Schwund der Verteidigungsfähigkeit nach außen und die Gefahr einer Usurpation im Inneren. Er tritt also, im Gegensatz zu Smith, entschieden für die Miliz und gegen das stehende Heer ein und beschreibt darüber hinaus auch ganz allgemein, welche sozialen Schäden durch allzu starke Spezialisierung in der Arbeitsteilung herbeigeführt werden können.(5)
Einen anderen wichtigen Aspekt des Krieges in der modernen Industriegesellschaft antizipiert Smith: statt 'Kriegskosten' unmittelbar abzurechnen, was Kriege verkürzen, Rüstung minimieren würde, beginnen die Nationen ein 'Kreditsystem', einen durch öffentliche Anleihen geschaffenen Kriegshaushalt, auszubauen.
Der Kriegshaushalt wird noch während des ganzen 19. Jahrhunderts "den einzigen, von der politischen Ökonomie und der Finanzwissenschaft...normal akzeptierten Fall von deficit spending darstellen. Erst in unserem Jahrhundert werden in bedeutendem Umfang die Staatsausgaben für soziale und ökonomische Eingriffe hinzukommen. Aber auf jeden Fall wird die Finanzierung des Krieges durch öffentliche Anleihen in den demokratisch-parlamentarischen Regimes weiterhin ein Ausweg für die Regierenden bleiben, um Ressourcen frei zu machen für Ziele, die von den Regierten nur teilweise akzeptiert oder in manchen Fällen bekämpft werden."(6)
Umfassende geschichtsphilosophische Schlußfolgerungen für den Übergang von der militärischen Agrargesellschaft zur friedlichen Industriegesellschaft stammen von Herbert Spencer, einem der Schöpfer der Soziologie. Die wesentlichen Elemente von Spencers soziologischer Theorie lassen sich wie folgt zusammenstellen(7) :
Der Gegensatz von Militarismus und Industrialismus war Mitte des 19. Jahrhunderts durchaus ein 'Gemeinplatz der Geschichtsphilosophie'. Spencer beschäftigte sich, in seinen 'Prinzipien der Soziologie', intensiv mit der inneren Struktur militärischer Organisationen. Heere, Kriegscorps mit ihren Aufgaben der Verteidigung und des Angriffs mußten in ihrem Inneren Strukturen der erzwungenen, zwangsweisen Kooperation aufbauen - also Kommandosysteme. Dieser Beziehungstypus fand sich dann auch, und mit zunehmender 'Verfeinerung', im Fabriksystem des Frühkapitalismus.
Ursprünglich war es ganz selbstverständlich, "daß das Heer nichts anderes als das mobilisierte Volk, während das Volk eine auf Friedensfuß befindliche Armee darstellt."(8)
In einer langen Entwicklung, in welcher, wegen der zunehmenden Komplexität der militärischen Aufgaben, die Rechte der Individuen gegenüber dem militärischen 'Aggregat' immer mehr zurückstehen, wird aus der für jede Gesellschaft unerläßlichen Kooperation in der Gesellschaft militärischen Typs eine allumfassende 'Zwangskooperation'. Auch und gerade das ist Industriegesellschaft: "Die Stabsoffiziere und Industriekapitäne hatten mehr gemeinsam, als beiden bewußt war, als sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lernten, planende Techniken auf die parallelen Probleme von Zerstörung und Produktion anzuwenden. In diesem Zusammenhang ist der Hinweis angebracht, daß die Produktion eines Gutes die Zerstörung eines anderen bedingte. Der Verbrauch von Brenn- und Rohstoffen in der Schwerindustrie läßt sich bis ins Detail mit dem Verbrauch von Ressourcen im Krieg vergleichen; selbst das Schicksal der betroffenen 'Arbeitskräfte' bietet interessante Parallelen."(9)
Andererseits ist für die Industriegesellschaft zunehmend die zivile, freiwillige, vertraglich-gleichberechtigte Kooperation charakteristisch (die auch auf den Charakter moderner Militärsysteme ausstrahlen kann). So entwickeln sich im industriellen Gesellschaftstyp, bei Fortbestehen von Institutionen der Verteidigung und des Angriffs, auch andere Kooperationsformen: "Da die Beziehungen zwischen den Menschen durch die individuelle Freiheit, die für jede kommerzielle Transaktion typisch ist, geprägt werden, wird die unerläßliche Zusammenarbeit nicht als Pflicht, sondern als Austausch von äquivalenten Vorteilen betrieben, und ist somit eine freiwillige Zusammenarbeit."(10)
Der Hoffnung auf die Entwicklung der industriellen Gesellschaft zu einer Friedensgesellschaft stand die ständige Gefahr einer Regression entgegen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts häuften sich - auch in Großbritannien - die Gefahrenzeichen, die Spencer zutiefst beunruhigten: Ansteigen der Ausgaben für das Heer und für die Marine, Bildung von Freiwilligenkorps. "Aus dem grundlegenden Gesetz, daß die Funktion das Organ schafft, folgt, daß das Organ, wenn es einmal besteht, die Funktion anregt: 'Stets hat eine Einrichtung, die für Verteidigungszwecke getroffen wurde, die Neigung, jene Tätigkeiten ins Leben zu rufen, da sie auch für Angriffszwecke verwendbar ist.'"(11)
Seit 1870 kämpft Spencer auch politisch, in der pazifistischen Bewegung, gegen die 'Re-Barbarisierung' der britischen Gesellschaft. Er appelliert an die traditionell antimilitaristischen Schichten der britischen Gesellschaft und Kultur (Nonkonformisten, Rationalisten, Anhänger von Comte, Arbeiterführer und Teile der liberalen Partei), unterstützt die Gründung einer 'Liga gegen die Aggression' (1882). Vor allem der Buren-Krieg, überhaupt die aggressive Kolonialpolitik Großbritanniens markieren für Spencer den 'Rückfall in die Barbarei'...
Bei diesem Gründervater der modernen Sozialwissenschaften finden wir also schon eine innige Verbindung von 'Bewegung' und 'Wissenschaft'.
(1) Fabrizio Battistelli, Zwischen bürgerlicher Gesellschaft und Natur. Das britische soziologische Denken von der schottischen Schule bis zu Herbert Spencer, in: Joas/Steiner 1989
(2) Battistelli, 21
(3) ebenda, 41
(4) ebenda, 25
(5) ebenda, 26
(6) ebenda, 28
(7) A.Giddings, in: Barnes, H.E., An Introduction to the History of Sociology, Abr.Ed., Phoenix Books, 85
(8) H.Spencer, zit. bei Battistelli, 37
(9) McNeill 1984, 386
(10) Battistelli, 39
(11) ebenda, 40