Für eine Darstellung von Friedensvorstellungen und Möglichkeiten zum Frieden muß man aber auch zu den realen geschichtlichen und individuellen Erfahrungen mit friedlichen Zuständen vordringen. Das Maß des Friedens kann immer nur der konkrete Mensch selbst sein. Frieden ist die 'Negation seiner Negation' in dem Sinne, daß er Interessen konkreter Menschen ausdrückt und realisiert(1) . Insofern wird das Beispiel konkreter Utopien, 'gelebten Friedens' in größeren und kleineren Kontexten immer wichtiger.
Die Suche nach Frieden, nach Zufriedenheit, nach Glück, nach bonheur ist unter den Bedingungen historischer Umwälzungen - und auf welche Zeit trifft dies eigentlich nicht zu? - kaum, auch wenn wir das weiter unten hören werden, in 'freundschaftsträchtigen Fahrgemeinschaften', im 'Gemeindefeuerwehrverein', im 'eigenen Gemüsegarten'(2) zu Ende.
Wir leben in einer Zeit der sozialen Experimente des Zusammenlebens, von der 'Kommune' seligen Angedenkens bis zur 'Beziehungsarbeit'. Soziales Experimentieren gehört (heute) zu den Struktureigenschaften von Gesellschaft.
Aus den unzähligen sozialen Experimentiersituationen wählen wir zwei zur Illustration aus:
Kommune um 1928: "Es wohnen etwa 15-20 Kommunisten dort, Männer, Weiber und Kinder, die ganz nach kommunistischen Grundsätzen leben und wirtschaften, ohne jede Kultur, ohne jedes Gesetz. Das Haus ist mit den allereinfachsten Mitteln in viele kleine Kammern geteilt, wobei die Kuh- und Schweineställe ausgenutzt sind. Alle Wände sind in krassen Farben kulissisch bemalt und mit expressionistischen Gemälden behangen. Ebenso sind die Fensterscheiben mit ganz unmöglichen Figuren 'verziert'. Die weitere Stubeneinrichtung besteht nur aus den allereinfachsten und primitivsten Tischen, Stühlen und Schlafstätten. Alles was an unsere heutige Kultur erinnert, ist verbannt. Das alles machte auf mich einen ganz eigenartigen Eindruck, als sei ich in einer ganz anderen Welt. (...) Alles was ich auf dem Lindenhof gesehen habe, war wahr, gut und natürlich, aber nichts war schön! Eigentlich ein Widerspruch!"(3)
Beziehungsarbeit im Intellektuellenmilieu: "Heute wird im Alltag von Beziehungen und Bindungen innerhalb und außerhalb von Ehe und Familie unter der Last zukunftsunfähig gewordener Lebensformen schwere Arbeit geleistet. In der Summierung kommen hier Änderungen zustande, die für ein privates Phänomen zu halten, man sich wohl abgewöhnen muß. Was sich da zusammenläppert an empfindlicher Praxis in Lebensgemeinschaften aller Art, an rückschlagerfahrenen Neuerungsversuchen im Verhältnis zwischen den Geschlechtern, an neu auflebender Solidarität aufgrund geteilter und eingestandener Unterdrückung, geht der Gesellschaft vielleicht sogar anders an die Wurzeln als systemverändernde Strategien, die auf der Höhe ihrer Theorie hängengeblieben sind."(4)
Wir werden im folgenden Gesamttext auch ein wenig der Frage nachgehen, worin jene gesellschaftlichen Strukturmerkmale bestehen, die das soziale Experiment zu einer lebensnotwendigen Betätigung machen. Wir werden dabei nicht zuletzt die Frage aufschlüsseln, weshalb derzeit keine Einigkeit darüber herzustellen ist, ob wir nun eigentlich in einer 'Informationsgesellschaft' oder 'Dienstleistungsgesellschaft' oder 'Rüstungsgesellschaft' oder 'Risikogesellschaft' oder 'Konfliktgesellschaft' oder gar in einer nicht nur modernen, sondern 'postmodernen' Gesellschaft leben.
Mit jedem dieser Stichworte werden bestimmte Assoziationen geweckt, vielfältige Einzelkenntnisse und Eindrücke wie mit einem Magneten auf verschiedene Grundtatsachen hingeordnet:
Wir leben in einer 'Leistungsgesellschaft', die immer mehr 'Dienstleistungsgesellschaft' nicht nur im Sinne des Zurückdrängens der materiellen Güterproduktion zugunsten 'immaterieller' Güter wird, sondern die sich auch als ein 'Know-How-Service-Center' für den Rest der Welt etabliert.
Wir leben in einer 'Rüstungsgesellschaft', in der nicht nur sicher und dauerhaft im Rüstungsgeschäft verdient wird, in der kaum Anstalten zur Abrüstung gemacht werden, sondern die auch noch immer erstaunlich anfällig für schlichten Militarismus ist, auch wenn er von außen aufgedrängt wird.
Wir leben in einer 'Risikogesellschaft', weil, allerdings auf einem gewissen Wohlstandsniveau, jedem einzelnen Menschen zunehmend die Kalkulierung seiner individuellen Lebensrisiken, seine eigene Lebensplanung zugemutet wird, ohne daß zugleich die großen und langen gesellschaftlichen Prioritäten klar oder gar in demokratischen Diskussionen entschieden wären.
Wir leben in einer 'Konfliktgesellschaft', weil Konflikte um Arbeit und Geld unser täglich Brot sind.
Damit ist einerseits das Ansinnen verbunden, sich doch in den Beliebigkeiten der Arbeitsmärkte, Warenmärkte und Medienmärkte versinken zu lassen und New-Age-getröstet hinzunehmen, wenn's sein muß etwas besäuselt, was die Schöne Neue Welt uns bringt.
Unsere Absicht ist im folgenden eine andere: für das Wirkliche in der Fülle der Möglichkeiten, für das Mögliche in der vielfältigen Wirklichkeit und damit für pluralistisch-demokratisches Veränderungshandeln zu interessieren. Auch das ist 'postmodern'.
(1) Czempiel 1972, 10;
(2) dies sind Formeln einer `Zukunftsperspektiven-Kommission`, auf die wir weiter unten, 11.3.1, eingehen werden
(3) Wilstersche Zeitung, Über den Lindenhof in Kleve um 1928, zit. nach: U.Linse, Barfüßige Propheten. Erlöser der zwanziger Jahre, Berlin 1983, 132
(4) Elisabeth Beck-Gernsheim/Ulrich Beck, Freiheit oder Liebe. Gesellschaftliche Individualisierungsprozesse und soziale Lebens- und Liebesformen, Frankfurter Rundschau v. 27.3.1990, 13