02 KRIEG UND FRIEDEN: PHÄNOMENOLOGISCHES

02.4 Friedensutopien und -begriffe: Vom Gottesfrieden zur Friedensstiftung

Die historische Realität von Krieg, Gewalt und Zerstörung ist die Folie für eine Geschichte der Friedensideen. Hat es wirklich "einst ein reiches und ganzheitliches Friedenskonzept gegeben"?(1)

Die abendländische Tradition jedenfalls, seit Augustinus und der Scholastischen Soziallehre, kennt eine Fülle von Vorstellungen über einen Gottes- und Naturfrieden, der als Vorschein eines jenseitigen Gottesreichs den Gerechten auch schon auf Erden blühen kann. So schreibt Augustinus: "Kämpfen doch selbst die Bösen für den Frieden der Ihrigen und möchten alle, wenn irgend möglich, zu Ihrigen machen, damit alle und alles nur Einem dienstbar sei. Und wie geschieht das? Wenn alle, sei es aus Liebe, sei es aus Furcht, in seinen Frieden willigen. Da sieht man, wie sündiger Hochmut Gott nachahmt. Denn Gleichheit unter anderen mit Gott ist ihm verhaßt, und statt dessen will er den Genossen an Stelle Gottes seine Herrschaft aufzwingen. Er haßt also den gerechten Frieden Gottes und liebt seinen eigenen ungerechten Frieden. Aber überhaupt keinen Frieden zu lieben, dazu ist er ganz außerstande. Denn keines Menschen Laster ist so wider die Natur, daß es die letzten Spuren der Natur austilgen könnte." Und dann der berühmte Satz: "Wie es also ein Leben ohne Schmerz geben kann, aber keinen Schmerz ohne Leben, so gibt es auch einen Frieden ohne allen Krieg, niemals aber einen Krieg ohne irgendwelchen Frieden, versteht sich, nicht sofern Krieg ist, sondern sofern der Krieg von denen und inmitten derer geführt wird, die irgendwelche Naturen sind. Denn diese können keinesfalls existieren, wenn nicht irgendwie auf der Grundlage des Friedens".(2)

Die Suche nach Friedensvorstellungen und nach Ansätzen realisierten Friedens ist eng mit dem Begriff der Utopie verbunden. Das 'ungeheure utopische Vorkommen' (Ernst Bloch), das Reservoir der geträumten Träume der Menschheit enthält natürlich auch alles, was wir vom Frieden wissen können, in verschlüsselter (und damit entschlüsselbarer) Form.

Eines der faszinierendsten Bilder eines 'Paradieses auf Erden' ist, wenn man dem Kunsthistoriker Wilhelm Fraenger Glauben schenkt, das fälschlicherweise 'Garten der Lüste' benannte Triptychon von Hieronymus Bosch im Escorial-Palast in Madrid. Dieses Lehrbild von einem 'Tausendjährigen Reich' setzt mit seinen (Friedens) Vorstellungen eindrucksvoll und bedeutungsreich bei der biologischen Natur des Menschen an und entfaltet in der Tradition eines 'freigeistigen Christentums' seine Friedensutopie aus 'Hinweisen' auf den schönen, repressionsfreien Umgang mit den menschlichen Trieben, der Sexualität, der Körperlichkeit.(3)

Gerade wenn man sieht, wie sehr sich die Schrecken des Krieges in der Verstümmelung des menschlichen Körpers ausdrücken; gerade wenn man weiß, wie sehr die Bereitschaft zum Kriegführen, wie sehr der Militarismus mit der Unterdrückung körperlicher Bedürfnisse und Antriebe zu tun haben, ist mit einem solchen 'Entwurf in die Zukunft' wie dem des Hieronymus Bosch, in dem auch 'Schmerz', 'Leid', 'Tod', 'Sünde' usw. ihren selbstverständlichen Platz haben, durchaus ein Tor zu wirklich relevanten Friedensvorstellungen aufgestoßen. Nicht umsonst bleibt aus der Friedensbewegung der sechziger Jahre vor allem der Satz zurück: Make Love, not War!

Ein weiteres Moment, das in keiner Vorstellung vom Frieden fehlen kann, hat mit dem 'mündigen' Miteinanderumgehen der Menschen zu tun, wie es sich vor allem im Entstehen vertraglicher Vereinbarungen auf gleichberechtigter Grundlage manifestiert.

Mit der Aufklärung vor allem hat die Idee eines Friedens, der als Ergebnis fortschreitender Kultur und Zivilisation von den Menschen selbst gestiftet, geregelt, vereinbart werden kann, an Boden gewonnen. "So wie die Natur weislich die Völker trennt, welche der Wille jedes Staats, und zwar selbst nach Gründen des Völkerrechts, gern unter sich durch List oder Gewalt vereinigen möchte: so vereinigt sie auch andererseits Völker, die der Begriff des Weltbürgerrechts gegen Gewaltlosigkeit und Krieg nicht würde gesichert haben, durch den wechselseitigen Eigennutz. Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann, und der früher oder später sich jedes Volks bemächtigt. Weil nämlich unter allen, der Staatsmacht untergeordneten, Mächten (Mitteln) die Geldmacht wohl die zuverlässigte sein möchte, so sehen sich Staaten (freilich wohl nicht eben durch Triebfedern der Moralität) gedrungen, den edlen Frieden zu befördern, und, wo auch immer in der Welt Krieg auszubrechen droht, ihn durch Vermittelungen abzuwehren, gleich als ob sie deshalb im beständigen Bündnisse ständen; denn große Vereinigungen zum Kriege können, der Natur der Sache nach, sich nur höchst selten zutragen, und noch seltener glücken."(4)

Daß der Mensch seine Geschichte selbst macht, daß 'wir' das Subjekt der Geschichte sind, schien mit der Aufklärung geklärt zu sein. Inzwischen sind zu den alten Gegenargumenten auch neue aufgetaucht: sie verweisen unter dem Eindruck der ökologischen Katastrophe auf die Naturhaftigkeit des Menschen, darauf, daß in der Menschengeschichte eine Naturabsicht wirke, der wir nicht nur ausgeliefert seien, sondern der wir uns, um 'naturgeschichtlich erwachsen' zu werden, anpassen müßten.(5)

Dies mag so sein; doch die Möglichkeiten des Planens, des Organisierens, des Vereinbarens von Frieden sind unabweisbar gewachsen. Ganz gleich, 'was die Natur mit uns vorhat': es gibt keinen vernünftigen Grund, diese Möglichkeiten nicht auszuschöpfen. "Wirtschaftliches Handeln bringt immer das Risiko von Umweltschäden mit sich, so wie es vermehrten Druck auf die Umweltressourcen ausübt. Aber damit Entscheidungen übereinstimmen mit der Idee dauerhafter Entwicklung, müssen die wachsenden Wirtschaften in unmittelbarem Bezug bleiben zu ihren ökologischen Grundlagen, und diese Grundlagen müssen geschützt und erhalten werden, so daß sie langfristiges Wachstum garantieren. Umweltschutz ist somit unmittelbar verbunden mit dem Begriff der dauerhaften Entwicklung; weiterhin ist wichtig, daß die Ursachen der Umweltprobleme statt nur die Symptome beachtet werden. - Es wird nicht den einen Plan für die dauerhafte Entwicklung geben, da sich wirtschaftliche und soziale Probleme und ökologische Bedingungen von Land zu Land unterscheiden. Jedes Land wird seine eigenen konkreten Maßnahmen ergreifen müssen. Dennoch sollte unabhängig von diesen Zielen dauerhafte Entwicklung das globale Ziel sein. - Kein Land kann sich ohne die anderen entwickeln. Daher erfordert dauerhafte Entwicklung eine Neuorientierung in den internationalen Beziehungen..."(6)

Insgesamt erhält die Idee eines 'machbaren', die 'natural-technischen' und 'ökonomisch-sozialen' Möglichkeiten realisierenden Friedens, ja 'Weltfriedens', dann auch ganz unprätentiöse, alltägliche, ja man kann sagen: familiäre Züge - wie im folgenden Gedicht:

Und als der nächste Krieg begann,
da sagten die Frauen: Nein.
Und schlossen Bruder, Sohn und Mann
fest in die Wohnung ein.

Dann zogen sie in jedem Land
wohl vor des Hauptmanns Haus
und hielten Stöcke in der Hand
und holten die Kerle heraus.

Sie legten jeden übers Knie,
der diesen Krieg befahl:
die Herren der Bank und der Industrie,
den Minister und General.

Da brach so mancher Stock entzwei,
und manches Großmaul schwieg.
In allen Ländern gabs Geschrei,
und nirgends gab es Krieg.

Die Frauen gingen dann wieder nach Haus,
zum Bruder und Sohn und Mann,
und sagten ihnen: der Krieg sei aus!
Die Männer starrten zum Fenster hinaus
und sahen die Frauen nicht an.

Erich Kästner

Die bemerkenswerteste Entwicklung allerdings scheint zu sein, daß ein breiter Reflexionsprozess über das gesamte Bedeutungsfeld 'Frieden' in Gang gekommen ist, oft auf den ersten Blick gar nicht als solcher zu erkennen, bei genauerem Hinsehen aber in fast allen wissenschaftlichen und intellektuellen Diskursen, die ein wenig über den Tellerrand von Fachfragen hinausreichen, präsent. Dies ist ein Reflex auf den ungeheuren historischen und aktuellen 'Erfahrungsschatz' der Menschheit in Sachen Unfrieden, der, wie N. Luhmann es ausdrückt, durch "weltweite Interaktion" und "ein immenses Anwachsen der Kenntnisse über Fakten des Lebens"(7) beschleunigt ausgewertet und vor allem nicht mehr verdrängt werden kann.

In den verschiedensten gesellschaftlichen Praxisfeldern und in den ihnen entsprechenden wissenschaftlichen Disziplinen (und zunehmend auch in interdisziplinären Zusammenhängen) entsteht der Eindruck, daß Überlegungen zur Interessendurchsetzung mit unfriedlichen Mitteln aus den jeweiligen Öffentlichkeiten verschwinden, in 'Think Tanks' und andere abgeschlossene Bezirke, ja in die Geheimhaltung verbannt wurden. Dort sind sie selbstverständlich noch virulent. Doch das Feld der öffentlichen Diskussion wird durch Vorstellungen der friedlichen Lösung internationaler Konflikte strukturiert: Vertrags- und Sicherheitsgemeinschaften, ökonomische und technologische Kooperationen, sozio-kulturelle Vernetzungen. Die 'Friedensidee' hat die Welt der Worte in erstaunlichem Ausmaß besetzt.

Dieses Merkmal öffentlicher Bewußtseinsentwicklung sollte allerdings auch nicht überschätzt werden. Begriffe entfalten ihre Bedeutung immer nur in einem relationalen Geflecht von Theorie und Praxis. "Die Geschichte des Friedensbegriffs zeigt, wie sehr er inhaltlich immer schon unterschiedlich geprägt ist. Es spiegelt sich in diesem Faktum der Umstand, daß "Friede" ein geselschaftstheoretischer Großbegriff ist. Großbegriffe sollen ihren Benutzern erlauben, Teilbereiche der erfahrbaren Realität interpretierend zu strukturieren, sich in ihnen zu orientieren, in ihnen bestimmte Ziele zu verfolgen und das Streben nach diesen Zielen normativ zu legitimieren. Indem sie historisch gewordene Größen darstellen, sind Großbegriffe kontextabhängig. Ihre inhaltliche Füllung ist bezogen auf die Funktionen, die sie in einer bestimmten sozioökonomisch und gesellschaftlich-politisch festgelegten Epoche erbringen sollen. Da sich die historische Wirklichkeit im historischen Ablauf verändert, verändert sich auf dem Weg über die inhaltliche Neudefinition der Interpretations-, Orientierungs-, Zielbeschreibungs- und Handlungslegitimationsfunktion des Großbegriffs auch sein Begriffsinhalt."(8)

Entscheidend für das ideengeschichtliche Verständnis und für die vermittelnde Diskussion bleibt, daß Friedensvorstellungen sich niemals in der Abgrenzung vom Krieg, in Konzepten eines 'negativen Friedens' (als Abwesenheit von Krieg) erschöpft haben. Auch die Idee vom 'ewigen Frieden' führt, "trotz ihres Widerspruchs zu aller geschichtlichen Erfahrung - vielleicht aber auch wegen dieses Widerspruchs - auf jenen Grundbestand archetypischer Leitvorstellungen zurück, ohne die der Mensch offenbar die Antagonismen seines geschichtlichen Daseins nicht zu verstehen und nicht zu deuten vermag."(9)

(1) J.Galtung 1986, 20
(2) zit. bei H.G.Stobbe in Calliess/Lob 1987, 455f
(3) W.Fraenger, Hieronymus Bosch, Dresden 1989
(4) I.Kant, Zum Ewigen Frieden, Werke (Ed.Weischedel), Bd.6, Darmstadt 1964, 226
(5) vgl. z.B. Meyer-Abich in: Calliess/Lob, 710ff
(6) Brundtland-Bericht, hg. V.Hauff 1987, 45
(7) N.Luhmann, Soziologische Aufklärung, Bd.2, Opladen 1975, 53
(8) Meyers 1989, 4
(9) Picht 1970, 7


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