Sind Kriege in ihrer spezifischen Dynamik und Unüberschaubarkeit Katastrophen? Friedensforscher verweisen gern auf Leo Tolstoi, der in seinem Romanwerk 'Krieg und Frieden' eine Geschichtsphilosophie illustriert, die menschliche Konflikte von der Dimension eines Krieges als den Ausbruch naturhafter, gewaltiger 'objektiver' historischer Kräfte ansieht. Strategien, bewußte Handlungen werden als völlig irrelevant für Ausgang oder Verlauf des Krieges erklärt. Man kann hier von einer dynamischen oder 'kataklysmischen' Auf fassung des Krieges sprechen. Es gibt Friedensforscher, die das 'Naturhafte' des Krieges so ernst nehmen, daß sie sich ihm wie Naturforscher nähern. Der Meteorologe L.F. Richardson beispielsweise versucht in seinem Buch 'Statistics of Deadly Quarrels' (1960) auf grund rein statistischer Auswertungen der Daten der Kriege der letz ten 150 Jahre wirtschaftliche, politische, kulturelle und geographische 'Ursachen' herauszufiltern und kommt zu dem Ergebnis, daß Kriege eine Krankheit der Menschheit, ein epidemisches Phänomen sei, dem mit Vernunft und planvollen Aktivitäten nicht beizukommen sei.
"Menschlicher Konflikt von großen Dimensionen (also Krieg) wird von Tolstoi als ein Ereignis erklärt, das durch gewaltige historische Kräfte bedingt ist. Strategie wird als völ lig irrelevant für den Verlauf oder Ausgang des Krieges erklärt. Die Beschäftigung militärischer Führer mit Strategie, so sagt Tolstoi, ist nur der Ausfluß von Selbsttäuschungen. Die am meisten irregeführten Beteiligten eines Krieges sind nach seiner festen Überzeugung diejenigen, welche glauben, daß der Kriegsverlauf durch Willensakte oder durch die Anwendung strategischer Wissenschaft gelenkt werden könnte..." Rapoport fährt fort: "Krieg, so sagt Tolstoi in Krieg und Frieden, ist ein Phä nomen der Geschichte und deren Gesetzen unterworfen. Diese Gesetze können durch die Laune von Despoten und die Phantasien von Pedanten nicht beeinflußt werden."(1)
Ganz anders dagegen die Betrachtung von Krieg, die meist mit dem Namen des Generals Karl von Clausewitz verbunden wird. Für Clausewitz war Krieg ein bewußter politischer Akt, der zum Erreichen bestimmter Ziele von souveränen Nationalstaaten eingesetzt wird. Krieg ist rational in dem Sinne, daß er auf rationalen strategischen Überlegungen der Kriegführenden beruht. Zu Clausewitz' moder nen Nachfolgern gehören auch solche 'verrückten Rationalisten' wie Her man Kahn (vgl. 5.2), welche den Krieg und Kriegsentscheidungen aus der 'Massenbeteiligung' und 'Massenemotion' heraushalten wollen und für eine Rückkehr zum Krieg als ei nem rationalen Instrument der Außenpolitik auch unter den Bedingungen der Atombombe plädieren. Viele, die heute den Krieg so sehen, verwechseln auf eine gefährliche Weise das 'Kriegsspiel', von der spiel theoretischen Modellierung von Kriegsoptionen bis zu gedankenlosen elektronischen Brutalität in Spielotheken, mit realen Möglichkeiten der Konfliktaustragung. "Clausewitz bezeichnete Krieg als einen politischen Akt. Seiner Ansicht nach sollte daher Krieg zum Zweck der Errei chung bestimmter Ziele geführt werden. Die Einheiten, die nach diesem Standpunkt Ziele verfolgen, sind die Nationalstaaten. Ihre Ziele sind weitgehend auf die Machtausweitung gegenüber anderen Nationalstaaten bezogen. Macht bedeutet die Fähigkeit, anderen seinen Willen aufzuzwingen...Das Hauptthema der Clausewitzschen Abhandlung gilt dem Bemühen, seine Kriegstheorie zum Rang einer rationalen Theorie zu er heben - rational nicht in dem Sinne, daß sie aus einer rationalen Analyse der Ereignisse abgeleitet wäre (denn auch eine kataklysmische Kriegstheorie kann in diesem Sinn rational sein), sondern rational im Sinne einer Ableitung aus rationalen strategi schen Erwägungen derjenigen, die Krieg führen."(2)
Es muß also vor allem die Frage gestellt werden, inwiefern sich mit der Entwicklung der Atombombe (vgl. 5.1) das Wesen des Krieges entscheidend verändert hat: das Katastrophale, Eigendynamische der organisierten Gewaltanwendung ist mit dieser Waffe auf nie dagewesene Weise gesteigert worden; zugleich lassen sich die 'planvollen' Schritte, die zur Entwicklung der Atombombe geführt haben, ebenso wie die vielfältigen 'vernünftigen' Bemühungen um die Verhinderung eines Atomkrieges durch Androhung eines atomaren Erstschlags - hinter denen ja auch ein 'rationales Kalkül' steht - genau verfolgen. So wird zu mindest die prekäre Balance zwischen 'Schicksal' und 'Selbstverantwortung' deutlich.
(1) A.Rapoport, Tolstoi und Clausewitz. Zwei Konfliktmodelle und ihre Abwandlungen, in: Krippendorf 1970, 90
(2) Rapoport, a.a.O., 91