02 KRIEG UND FRIEDEN: PHÄNOMENO LOGISCHES

02.1 Die Vielfalt der Bezeichnungen und Begriffe...(1)

"Die Vielfalt der Bezeichnungen und Begriffe, die zur Beschreibung der neuen Si tuation bemüht worden sind - darunter kriegerischer Friede(2), Nicht-Krieg, negativer Frieden, Abwesenheit von Krieg, Abwesenheit von totalem Krieg, Buschkrieg frieden -, sollte vielleicht als ein Versuch gesehen werden, den Akzent auf zwei Dinge zu legen, einmal darauf, daß die Welt am Rande eines Krieges steht, und zum anderen darauf, daß sie über diesen Rand bis her nicht hinausgetreten ist. Die normativen Implikationen, die in der Beschreibung der Situation als einer Kriegssituation stecken, werden damit vermieden.(3) - Viele Politiker interpretieren den gegenwärtigen Zustand als eine neue Kategorie, als ein Phänomen zwischen Krieg und Frieden. Ein Vorschlag lautet, ihn als eine Ordnung anzusehen, über der das Damoklesschwert hänge. Ein anderer Forscher spricht von organisierter Friedlosigkeit(4) , die sich, so seine Argumentation, zur Erreichung poli tischer Ziele, die nichts mit politischer Freiheit, mit Kooperation zwischen Staaten oder mit sozialer Gerechtigkeit zu tun haben, auf die Interessengemeinschaft eines abgestuf ten Gebrauchs von Gewalt stütze (5)."

(1) J.Lider 1983, 127f
(2) R.Aron 1966, 162; ebenda: "Friede scheint bislang ein kürzer oder länger währender einstweiliger Verzicht auf die gewaltsame Austragung von Rivalitäten zwischen politischen Einheiten zu sein" (151).
(3) Aron z.B. nennt drei Arten von Frieden: den Gleichgewichtsfrieden, den hegemonialen Frieden und den impe rialen Frieden (1966, 151ff)
(4) D.Senghaas 1969, 5: "Frieden und Krieg sind heute keine eindeutigen Sachverhalte mehr, die Tren nungslinie zwi schen ihnen ist verschwunden."
(5) Gantzel sieht den gegenwärtigen Frieden als eine Situation, in der die Politik Gewalt und Zwang un terschiedlicher Art, unter schiedlichen Umfangs und unterschiedlicher Intensität ein setzt, um ihre jeweiligen Ziele zu erreichen. Die offene Anwendung von bewaffneter Gewalt gibt es nicht, aber ein echter Frieden exi stiert auch nicht (1972, 81).


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