01 EINLEITUNG

Forschung für den Frieden ist ein akzeptiertes und wachsendes Tätigkeitsfeld interdisziplinärer, praxisorientierter Wissenschaft. Auf Gebieten wie der Rüstungskontrolle, der Technikfolgenabschätzung und der Verankerung der gesellschaftlichen Verantwortung von Wissenschaft ist die Kooperation zwischen Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften weit vorangeschritten, ja vorbildlich. Der Weg zu einer friedenswissenschaftlichen Neuorientierung wird von Vertreterinnen und Vertretern vieler Disziplinen eingeschlagen.

Es gab Verbesserungen im weltpolitischen Klima und gewisse Fortschritte im Friedens- und Entspannungsprozeß. Aber das zarte neue politische Denken hinter diesen ersten positiven Entwicklungen verlangt Unterstützung durch interdisziplinäre Forschung, durch 'Friedenslehre' und Bildung. Internationale Konfliktfelder dehnen sich aus.

Der Aufrüstungsprozeß, insbesondere in der Dritten Welt, ist nicht gestoppt. Mit der europäischen Integration und vor allem mit den dramatischen Entwicklungen in Osteuropa kommen neue zwischen- und innergesellschaftliche Probleme auf uns zu. Die naturwissenschaftlich-technische 'Revolution' erzeugt - als 'Konflikt mit der Natur' - die Notwendigkeit der Risiko- und Technikfolgenabschätzung.

Die Soziologie hat eine lange Tradition in der Analyse sozialer Konflikte. Die Soziologie ist aber auch, seit ihren Anfängen, eine Disziplin, die sich ihren Gegenstand letztlich nur als eine, um es zuzuspitzen, 'friedliche Industriegesellschaft' (mit zunehmend 'postindustriellen', kulturvollen Elementen) vorstellen kann.

Mit anderen Worten: die Soziologie als eine Wissenschaft, die im 19. Jahrhundert aus dem allgemeinen Vergesellschaftungsprozeß und seinem Problemdruck hervorgewachsen ist, stellt das Problem des Friedens auf eine spezifische und grundlegende Weise: ihr Gegenstand verlangt von ihr, daß sie sich mäßigend und Verbesserungsvorschläge machend um ihn bemüht - dann geht es auch ihr gut. Nicht alle Wissenschaften sind so innig vom Wohlergehen ihres Gegenstandes abhängig.

Das Interessante dabei ist, daß für die Soziologie und die Sozialwissenschaften überhaupt neben Fragen der 'Harmonisierung' und 'Ordnung' so auch immer die Frage nach den Ursachen sozialer Konflikte und ihrer Überwindung im Mittelpunkt stand, daß also 'Frieden' immer über 'Risiken' und 'Widersprüche' vermittelt und damit realistischerweise als ein Prozeß - als ein Prozeß der Zivilisation - gesehen wurde.

Eine solche Sichtweise ist nützlich, wenn auf allen Ebenen einer gesellschaftlichen Praxis, wie man sie sich widersprüchlicher, gewaltdurchwirkter und konfliktträchtiger kaum vorstellen kann, in Fähigkeiten der Konfliktlösung und in 'Friedensstrategien' eingeübt werden soll.

Der folgende Text hält sich im wesentlichen an diese Sicht der Aufgaben und Möglichkeiten der Soziologie, ja er versucht, in seinem Duktus und in den gewählten Beispielen eine 'friedliche Soziologie' vorzuführen.

In zwei Kapiteln jedoch, die sich mit den 'Eingriffsmöglichkeiten' der Soziologie als Wissenschaft und als Disziplin in Friedenswissenschaft und Friedenspolitik beschäftigen - in den Kapiteln 'Soziologie und Weltkonfliktsystem' und 'Soziologie und die Grundlagen eines zivilen Friedens' - mußten schon etwas deutlicher die spezifische Erfahrung des Verfassers und seine eigenen Forschungsergebnisse eingebracht werden.

Das führt dazu, daß diese Kapitel in ihrer Argumentation und im ausgebreiteten Material einen etwas höheren Schwierigkeitsgrad als die anderen haben, daß hier im Grunde auf die ganze Geschichte, die politischen Implikationen und auf vielfältige theoretischen Kontroversen der Soziologie Bezug genommen wird, die im Rahmen einer solchen Einführung gar nicht zureichend behandelt werden können.

Die zum Teil nur skizzenhaften Hinweise auf breite soziologische Diskussionen sollen, auch dort, wo sie mit 'Reizworten' durchsetzt sein mögen oder verkürzt sind, zur weiteren Beschäftigung mit Antworten der Soziologie auf diese Fragen anregen.


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