H. J. Krysmanski

Amerika, Europas östlicher Nachbar - oder:
wie Walter Russell Mead Sibirien kaufen wollte

Bericht über eine geopolitische Filmexpedition

1993, als diese Spiegel TV Reportage entstand, war Walter Russell Mead aufstrebender foreign policy Experte; wurde im Jahre 2000 Senior Fellow des Council on Foreign Relations und ist jetzt, im Oktober 2003, noch mehr geworden.

 

Die Darstellung der Welt da draußen ist in den deutschen Medien seit dem Ende des Kalten Kriegs subtilen Veränderungen unterworfen. In einer Kambodscha-Reportage vermischen sich südostasiatische Touristik-Ästhetik und Fragen des deutschen Blauhelmeinsatzes zu überraschenden Allegorien globaler deutscher Präsenz. Andererseits hütet sich der altgediente Korrespondent Gerd Ruge bei einer mehrteiligen Reise durch Rußlands Fernen Osten sorgfältig vor jeder geopolitischen Aussage: Selbstbeschränkung aus einer angenehmen Zeit, in welcher die Deutschen einfach keine weltpolitischen Ambitionen äußern durften.

Doch diese Zeit ist vorbei. Weit entfernt vom CIA-nahen Umgang mit weltpolitischen Entwicklungen, wie CNN ihn vorführt, entwickeln deutsche Medien dennoch, bis jetzt gleichsam instinktiv, Formen einer geopolitischen Ästhetik. Und es kann ja auch gar nicht ausbleiben, daß nun auch durch 'deutsche Interessen' definierte Strukturierungsmuster der medialen Informationsfülle entstehen.

Solche Gedanken waren wohl auch der Grund, weshalb eine kryptische Nachricht über einen amerikanischen Foreign Policy Experten, der den Vorschlag gemacht hatte, die Amerikaner sollten doch Sibirien kaufen, bei mir wie ein Blitz einschlug. Hier mußten bei Deutschen, die in der Westbindung aufgewachsen waren, doch alle möglichen Glöckchen klingeln: denn, bildlich gesprochen, kamen uns hier auf einmal in Gedanken die Amerikaner auch noch aus dem Osten entgegen. Überdies steckt seit Jahrhunderten im politischen Unbewußten der Deutschen die Überzeugung, daß die Reichtümer Rußlands und auch Sibiriens etwas mit 'uns' zu tun haben. Das reicht von nüchternen Kalkülen bis zum geopolitischen Wahnsinn der Hitleristen. - 'Ein Amerikaner, der auszieht Sibirien zu kaufen', das setzt auch heute im Inneren deutscher Manager Phantasien frei.

Ein Blick auf den Globus macht deutlich, daß die sibirische Landmasse, die Region mit den gewaltigsten unerschlossenen Bodenschätzen der Welt, 'up for grabs', d.h. zu haben ist. Offensichtlich liegt sie zu weit vom europäischen Rußland entfernt, als daß dessen schwindende Kräfte sie noch halten könnten. Im Süden dagegen entwickelt sich der industrielle Gigant China, dessen Rohstoffhunger im 21. Jahrhundert kaum mehr zu bremsen sein dürfte. Und an seinem äußersten nordöstlichen Zipfel stößt Rußlands Ferner Osten an Alaska, den gold- und erdölreichen größten Bundesstaat der USA.

Alaska, diese militärische Plattform Amerikas im Zweiten und im Kalten Weltkrieg ist bereits die Basis für vielfältige Explorations- und Extraktionsaktivitäten unter subarktischen Bedingungen geworden - Richtung Westen. In Anchorage sitzt das 'Northern Forum', ein halboffizieller Zusammschluß von Anrainern des Nordpolargebiets, der im Interesse der USA mit Blick auf Sibirien 'Geopolitik vom Feinsten' zu betreiben begonnen hat. Von hier aus gesehen wäre der Kauf Sibiriens nur die logische Folge des Kaufs von Alaska. Zumal der Dollarmangel russischer Zaren sich bei Boris Jelzin und seinesgleichen fortsetzt.

*

Den ersten Hinweis auf den Plan von Walter Russell Mead fand ich bei Flora Lewis, der altgedienten Leitartiklerin der New York Times, in einem Artikel, der im International Herald Tribune abgedruckt war. Unter dem Titel 'Cuckoo? You Can Be The Judge' (Plemplem? Urteilen Sie selbst) verwies sie auf einen Aufsatz Meads voller Statistiken, Modelle und Trendanalysen zum amerikanisch-russischen Verhältnis, der tatsächlich in dem Vorschlag gipfelte, für beide Seite hätte es nur Vorteile, wenn die USA den Russen Sibirien abkauften. Es kostete mich mehrere Wochen, bis ich Meads Adresse herausgefunden hatte und ihn anrufen konnte.

Walter Russell Mead war damals mit dem New Yorker World Policy Institute verbunden, einem kleinen, aber feinen linksliberalen 'Think Tank'. Vor kurzem hatte die New School for Social Research sich mit dieser Gedankenschmiede verbunden, in der Absicht, von den neuen geopolitischen Gedankengängen der Ära nach dem Kalten Krieg nicht überholt zu werden. Bill Clinton hatte sich hier während seiner Präsidentschaftskampagne und danach immer wieder einmal Rat geholt.

Mead war dem liberalen politischen Establishment der USA 1987 mit einem Büchlein über die Wandlungen des amerikanischen Imperiums, 'Mortal Splendor' (Sterbliche, aber auch tödliche Pracht), aufgefallen und hatte seither gelegentlich Gutachteraufträge erhalten, war journalistisch tätig gewesen und vor allem viel in der Welt herumgereist. Für solche Erkundungsreisen läßt sich ja in den USA bei den unterschiedlichsten Institutionen und auch bei der einen oder anderen Regierungsbehörde Geld locker machen, wenn man hinterher Berichte mit präzisen Beobachtungen und interessanten Einfällen abliefert.

Einer breiteren Öffentlichkeit war Mead mit Beiträgen in Lifestyle-Magazinen wie ‘Gentleman's Quarterly’ (GQ) bekannt geworden, in denen er vom Durchschwimmen des Hellespont und anderen geopolitisch-spirituellen Erlebnissen erzählte.

Mead wohnte seit einigen Jahren im malerischen French Quarter von New Orleans, wo inzwischen, wegen der billigen Mieten und der Freuden des Lebens, eine ganze Kolonie von New Yorker Intellektuellen entstanden ist.

Bei unserem ersten Telefonat schon erfuhr ich, daß Mead zwar des öfteren in Moskau und anderen europäischen Teilen der früheren Sowjetunion gewesen war, aber noch niemals in Sibirien. Er plante aber eine Erkundungsreise, die von 'Gentleman's Quarterly' gesponsort werden sollte. Nichts lag näher, nachdem SPIEGEL TV an dem Filmprojekt interessiert war, als eine gemeinsame Reise in Rußlands Fernen Osten, mit Kamerateam und GQ-Fotografen, zu planen.

Anfang September 1993 brachen wir also in New Orleans auf. Die Reise sollte über Anchorage, wo Mead für einen Vortrag vor dem Alaska World Affairs Council gebucht war, nach Wladiwostok und - möglicherweise mit der Transsibirischen Eisenbahn - weiter nach Irkutsk und dann nach Moskau gehen.

Die Abschiedsparty für Walter Mead in der Royal Street entsprach allen Klischees, die man mit New Orleans verbindet. Dort erläuterte er uns auch zum ersten Mal vor der Kamera seinen Plan, über den wir schon alles gelesen hatten:

    "Es begann als ein Scherz. Ich schrieb einen Artikel über den G7-Wirtschaftsgipfel 1992, an dem noch George Bush teilnahm. Boris Jelzin, der unbedingt dabei sein wollte, hatte gerade die Möglichkeit angesprochen, daß der Westen Rußlands Ölreserven least. Jelzin wollte an Geld kommen. Also da schrieb ich dann, George Bush könnte direkt einen Ehrenplatz am Mount Rushmore bekommen, genau wie Thomas Jefferson. Damals, 1805, kam Napoleon zu Jefferson und sagte: hör zu, wir haben Probleme und möchten gern ein bißchen Land verscherbeln. Da feilschte Jefferson nicht um Kleinigkeiten wie Zolltarife, sondern antwortete: ihr habt ein Problem, wir haben ein Problem, laß uns ein Geschäft machen. Und Jefferson kaufte Napoleon Louisiana ab, genau wo wir jetzt stehen."

'Ein brillianter, unabhängiger Denker', hatte die Washington Post geschrieben. Nach seinen Angaben unterstützten Millionäre aus der rechten Reagan-Ecke und liberale Wallstreet-Broker seine Idee.

    "Das ist mein Gedanke: Rußland, das europäische Rußland Jelzins, ist reif für den Verkauf Sibiriens. Wir könnten Sibirien kaufen. Für einen guten Preis - sagen wir, 3 Billionen, also 3000 Milliarden Dollar. Natürlich könnten wir die 3 Billionen Dollar nicht in einem Jahr zahlen, das wäre zu inflationär. Das wäre lächerlich. Aber über einen Zeitraum von zwanzig Jahren, zu den marktüblichen Zinsen, wären das etwa 300 Milliarden Dollar jährlich. Zunächst einmal könnte man, im ersten Jahr, jedem Bürger Rußlands eintausend Dollar aushändigen und zugleich die russische Auslandsverschuldung vollständig beseitigen. Also, das wäre das erste Jahr. In einem ganz konkreten Sinne könnte jeder einzelne Russe die gegenwärtige Finanzkrise hinter sich lassen. Außerdem wäre Rußland plötzlich ein immens kreditwürdiges Land, weil künftig diese ganzen Zahlungen kommen. Das wirkliche Problem ist, daß Rußland jetzt Geld braucht, und zwar Billionen von Dollars. Und da sage ich: die Japaner mögen uns technologisch überholt haben; auf sozialem Gebiet mag uns Europa voraus sein. Aber bei kreativem Investmentbanking und cleveren Finanzierungsideen sind die Vereinigten Staaten noch immer führend in der Welt."

Als zu vorgerückter Stunde die ersten Nackten in den beleuchteten Swimmingpool sprangen, stand die 'Ästhetik' der ersten Minuten des Films durchaus fest. Aber für mich bestand das eigentliche ästhetische Problem eines Films über einen Amerikaner aus New Orleans, der 'Sibirien kaufen' wollte, in folgendem: mit Sibirien waren in der Medienwelt längst Bilder zerstörter Industrielandschaften, rostender Fördertürme und geborstener Erdölleitungen verbunden; mit Orleans dagegen der Trubel von Mardi Gras, die Mississippi-Romantik und natürlich der Jazz. Das alles, so die mediale Stimmung, würde mit den amerikanischen Dollars auch nach Sibirien kommen. Mit einem solchen Einstieg wäre sicher auch der Sender NBC, der Interesse am entstehenden Film zeigte, einverstanden gewesen.

Doch New Orleans ist, abgesehen von den Touristenecken, eine schwer von der Industrialisierung, von Erdöl- und chemischer Industrie, von Militärstützpunkten, von Armut und Rassenproblemen gezeichnete Stadt. Die Umgebung von New Orleans, die Mississippi-Landschaft, die Sumpfgebiete sind eine einzige ökologische Katastrophe. Das wollte ich zeigen, das wurde auch gedreht. Denn es sollte schon klar werden, daß die industrielle Erschließung von Rohstoffen, wie die Amerikaner sie vorhaben, wo immer sie Hand an unerschlossene Regionen legen können, auch Sibirien in eine industrielle Wüste verwandeln würde. In diesem Punkt, so die ästhetische These, hätte die Amerikanisierung Sibiriens der Russifizierung in nichts nachgestanden. Im Schneideraum aber, unter Zeitdruck und in der Routine des Erzählens solcher Geschichten, ging dieser Aspekt einer 'geopolitischen Ästhetik' sang- und klanglos unter.

Walter Russell Mead ist der Typus eines außenpolitischen Experten, wie ihn die Engländer im 19. Jahrhundert hatten und wie ihn sich heute nur noch die Amerikaner leisten können. Solche Experten wachsen nicht in Studierstuben und werden nicht reif auf Konferenzen. In einer Gesellschaft, in welcher der ökonomische Wert der Intellektuellen stark gesenkt werden konnte, in der zigtausende von Hochqualifizierten um Zugang zu den Fleischtöpfen der Politikberatung konkurrieren, bildet sich eine Schicht von intellektuellen 'Operators', von abenteuernden Informationssammlern heraus, die, den Starlets von Hollywood vergleichbar, auf die große Chance warten, z.B. regelmäßig von CNN als Experten eingeladen zu werden oder Flora Lewis ablösen zu können. In der Zwischenzeit übernehmen sie fast jeden Job - und existieren nicht schlecht dabei.

Meads Arbeitsalltag in New Orleans vollzog sich mithilfe einiger junger Assistenten in zwei riesigen Räumen eines der alten Wohnhäuser an der Royal Street, voller Computer- und Telekommunikations-Equipment. Im wesentlichen aber entfaltete sich der Lifestyle dieses außenpolitischen Kundschafters aus dem Koffer, bestand aus unentwegtem Kontaktieren und Herumfliegen auf der ganzen Welt, aus dem Umschmeicheln liberaler Stiftungen einschließlich der Friedrich-Ebert-Stiftung, aus 'Operationen' eben.

So konnte Walter Mead auch immer wieder bestreiten, daß seine Reise nach Sibirien irgendeinen offiziellen Charakter habe. Und die Tatsache, daß SPIEGEL TV und GQ zu etwa gleichen Teilen die Spesen trugen, sprach zunächst dafür. Erst eine spätere Auswertung aller Umstände und des Meadschen Umgangs mit dieser Reise hat mich dann zu anderen Vermutungen geführt.

Die hohen Wände des Arbeits-Appartments von Mead hingen voller Sibirienkarten und ökonomischer Schaubilder:

    "Diese Landstriche da oben sind ölproduzierende Gebiete. Die dunkelgrün getönten Gegenden. Und hier man kann sehen, daß die Ölreserven Ostsibiriens, obgleich potentiell viel umfangreicher als Rußlands derzeitige Ölfelder, überhaupt noch nicht angezapft sind."

Mead reiste inkognito. Aber gut vorbereitet. Kaugummi für russische Kinder packte er ein; und ein Warngerät, am Gepäck anzubringen.

    "Ich habe eine Gebrauchsanweisung. Man muß einen Code einstellen. Das hier macht man sich an den Gürtel. Wenn dich jemand in einer dunklen Straße bedroht, zieht man das einfach raus und ein lauter Piep ertönt. - Wissen Sie, wie ein amerikanischer Journalist bei der Erfüllung eines Auftrags."

*

Die Ästhetik des Roadmovies: hat nicht Wim Wenders, bevor deutsche Billigtouristen mit Billigdollars die Route 66 bevölkerten, die besten Einstellungen aus dahingleitenden Amischlitten und zerborstenen Windschutzscheiben geliefert und damit eine unglaublich verlogene Variante deutscher Weltläufigkeit in den Programmkinos von New York und San Francisco etabliert?

Roadmovies auf den Straßen Amerikas waren notwendig, weil auch bei den jungen Intellektuellen Europas die virtuelle Tatsache betoniert werden mußte, daß die unendlich vielfältigen und unendlich uniformierten USA der globale Ort für das Spiel aller menschlichen Leidenschaften zu sein haben.

Doch mir ging es, unter den Limitationen einer Produktionskalkulation, um eine imaginäre 'Road' entlang der ökonomischen und politischen Kraftlinien der Region des Nordpazifik, einer Region, deren umfassende und spannende Geschichte Mead in einem dicken Buch mit sich herumtrug, in dem er unablässig las, sicher auch, um für unsere Interviewfragen vorbereitet zu sein. (Walter A. McDougall, Let the Sea Make a Noise...A History of the North Pacific from Magellan to MacArthur, Basic Books 1993)

Die zweite Station unseres 'Roadmovies' war also Alaska. Anchorage, wo fast die Hälfte der 500 000 Einwohner Alaskas konzentriert ist, gewann seine Bedeutung im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Öl - auch verschüttetes - und mächtige militärische Abschreckungsanlagen bestimmten sein Gesicht. Noch immer ist Anchorage ein Außenposten der Freien Welt mit der Geschäftigkeit eines Flugzeugträgers. Es war Bastion gegen die Japaner, nordpazifischer Ausguck, strategischer Eckstein bei der Umzingelung der Sowjetunion.

Jetzt redet Alaskas Gouverneur von Brücken und Tunneln hinüber nach Sibirien. In Anchorage sind die Gefühle für Rußland im wahrsten Sinne des Wortes gemischt. Ein ehemaliger sowjetischer Offizier ohne Einwanderungsvisum betreibt einen Laden für Kitsch und Kunst. Ganz neu ist die größte russisch-orthodoxe Kathedrale Nordamerikas: erbaut von Bob Williams, einem Zimmermann deutsch-irischer Abstammung, seiner russischen Frau zuliebe.

Auf dem Rasen vor dem Anchorage Hilton und überall auf den Freiflächen der Innenstadt trifft man auf die 'Natives', Alaskas Ureinwohner, gekauft und wohl auch verraten.

    Haben die 'Natives' besondere Probleme, fragen wir einen von ihnen. - "Alkoholismus!" - Was noch? -"Mehr Alkoholismus!" - Und was ist mit der Arbeitslosigkeit? - "Man bekommt hier praktisch keinen Job. Sieht aus als kriegen nur Leute von außen alle Jobs."

Jetzt wollen die wohlhabenden Geschäftsleute von Anchorage wissen, wie es weitergeht. Das Alaska World Affairs Council hat eine Vortragsreihe organisiert, die Walter Mead eröffnet. Später werden der frühere sowjetische Botschafter Gennadi Gerassimov, das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Alexeij der Zweite, und Chrustschows Sohn, Sergeij, folgen. 'More Stars in Our Flag', mehr Sterne in unserer Flagge, nennt Walter Mead seinen Vortrag:

    "Kapitalismus, moderner Wohlstandskapitalismus fliegt einem nicht einfach automatisch dadurch zu, daß ein kommunistisches Staatswesen beseitigt wird. Zu einem solchen Puzzlespiel gehören noch viele weitere Teile. - Sollte Rußland den Übergang aus der alten zweiten Welt des Kommunismus in die erste Welt des Wohlstandskapitalismus nicht schaffen, sondern in die dritte Welt des Armutskapitalismus und Vor-Kapitalismus absinken, wären wir mit der gefährlichsten politischen Situation in der Geschichte des Planeten konfrontiert. - Wir stünden dann vor einem Obervolta, ausgestattet mit Atomwaffen: einem unruhigen, verbitterten, unglücklichen Land. Einem Land, das sich von den Kapitalisten belogen und betrogen fühlte. - Es wäre ein Land mit einer langen Tradition des Nationalstolzes, dessen Grenzen auf unfaire Weise eingeschnürt und dessen Interessen auf den Foren der Weltöffentlichkeit nicht zureichend berücksichtigt worden wären. - Ein Land, in dem die Inflation die Ersparnisse der Mittelschichten vernichtet hat - ein verbittertes Land auf der Suche nach einem Schuldigen. - In einem Wort: wir hätten das, was ich Weimar-Rußland nenne."

Walter Mead hält nicht viel vom wirtschaftlichen Geschick der Deutschen. Schon wie sie Ostdeutschland 'eingekauft' hätten, sei reine Verschwendung. Hinsichtlich Rußlands verlasse er sich auf die Schätzungen der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung: zirka drei Billionen Dollar für den erfolgreichen Übergang Rußlands zum Kapitalismus.

    "Schon wenn wir Amerikaner hören, wir müßten den Russen auch nur 5 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe zahlen, bricht uns der kalte Schweiß aus. Bei Hilfe denken wir gleich an Geschenke. Das können wir nicht machen. - Das Modell des Marshall-Plans: den Leuten einfach Geld geben, damit sie ihre Wirtschaft wiederaufbauen können, ist angesichts der Bedürfnisse Rußlands völlig inadäquat. - Und dennoch. Wir brauchen Rußland und seinen Erfolg. In unserem Interesse."

Im Publikum sitzen die wichtigsten Geschäftsleute von Anchorage. Sie haben den Blick nach Westen, über den Nordpazifik gerichtet. In ihrem geopolitischen Unbewußten rumort es. Doch was Walter Mead ihnen hier als Vision auftischt, geht über ihre nüchtern rechnenden Köpfe. Auch ein Hauch von Müdigkeit weht durch den prächtigen Vortragssaal. Viele nicken, als ein junger Banker zu bedenken gibt, ob man nicht lieber den Japanern die finanzielle Sanierung Rußlands überlassen solle? Mead verabschiedet sich mit den Worten:

    "Eines meiner Argumente auf die Frage, warum die Regierung der USA drei Billionen Dollar aufwenden soll, um Sibirien zu kaufen, lautet so: Als Dan Quayle amerikanischer Vizepräsident war, befürwortete er ein Zwei-Billionen-Dollar-Programm, um zum Mars zu fliegen. Da sage ich nur: Sibirien ist näher als der Mars, das Wetter ist besser, und auf dem Mars gibts kein Öl."

Alaska oder Aljaschka? Für Rußlands Ultranationalisten ist die Sache nicht ausgestanden. Walter Mead äußert bei einem Gletschertrip dunkle Ahnungen, daß da jetzt schon wieder aus Rußland unverschämte Ansprüche kommen könnten. Es sei zu fürchten, daß auch solche geopolitischen Phantasien sich nicht eindämmen lassen. Vielleicht strömen bald wieder, wie zu Goldrauschzeiten, Scharen von Abenteurern unkontrollierbar über schwer definierbare Grenzen.

Wie kann ich mit filmischen Mitteln eine Verdichtung des historischen Hintergrunds, vor dem auch Walter Mead agiert, erreichen? Hier sind die Limitationen der Reportage, die ja nicht zu den Methoden des Schulfunks zurückwill. Eigentlich möchte ich einen 'Clip', eine dreimütige Impression, die das historische Orientierungsgefühl anspricht. Aus dem Material einer Video-Cassette des Historischen Museums in Anchorage stelle ich eine 'historische Wolke' zusammen. Solche zwei Minuten müßten derzeit mit großem zeitlichem und finanziellem Aufwand hergestellt werden, um bei den Kids mit MTV-Clips konkurrieren zu können. Andererseits: übers World Wide Web wird sich so etwas in wenigen Jahren profund und sogar billiger als jemals zuvor zusammenbasteln lassen:

    Auf der Suche nach Mammutzähnen kreuzte im Jahre 1648 der Kosacke Deschnew durch das Nordmeer. Doch Sibiriens äußerster Rand war wirklich interessant nur als Quelle für Pelze. Um dieses Luxusgut riß sich Europa nach dem Ende des 30-jährigen Kriegs. Seit 1728 erforschte der Däne Vitus Bering, auch mit etlichen Deutschen an Bord, die Region. Sein Auftraggeber war der devisenhungrige Zar Peter der Große. 1741 wurden in Alaska die ersten russischen Siedlungen errichtet. Es folgte ein Strom von russischen Abenteurern, die sich mit den Eingeborenen grausame Scharmützel lieferten. Mit Alexander Baranow, den man bald 'Gouverneur' von Alaska nannte, wurde die russische Kolonisierung in geordnete Bahnen gelenkt. Baranow hatte keine Berührungsängste mit den Amerikanern. Die Zahl der festen Vorposten nahm zu. Die Eingeborenen bekamen Schulen, die orthodoxe Kirche nahm sich ihrer an. Russen und Eingeborenenmädchen mischten sich. Ihre Nachkommen nannte man Kreolen. Russische Künstler hielten die Eingeborenenkultur fest. Obgleich amerikanische Trapper ständig in russischem Territorium wilderten, gab es regen Geschäftsverkehr bis hinunter nach San Francisco. Seit 1805 war Sitka die Hauptstadt von Russisch-Alaska. Die Bürger entwickelten beachtlichen Wohlstand. Das Innere Alaskas wurde systematisch erschlossen. Bald nannte man Sitka, mit seinen 25 000 Einwohnern, das pazifische Paris. Zar Alexander der Zweite wurde durch seine Niederlage im Krim-Krieg von 1856 gezwungen, den Wert seiner amerikanischen Besitztümer neu zu überdenken. 1867 verhandelten seine Devisenbeschaffer drei Wochen mit dem amerikanischen Außenminister William Henry Seward über den Kauf. Der Vertrag sah vor, Rechte und Privateigentum der verbleibenden Russen und Kreolen zu respektieren. Unmittelbar nachdem der russische Gesandte Eduard de Stoeckl und Seward den Vertrag unterzeichnet hatten, vertrieben amerikanische Soldaten fast alle Russen und Kreolen aus Sitka. Alaska hatte die USA 7,2 Millionen Dollar gekostet.

Sibirien führte einst nach Alaska. Jetzt drängt Alaska nach Sibirien und in den Polarkreis. Die Beringstraße wird zum Ärmelkanal zwischen Amerika und Rußland.

Das 'Northern Forum' ist eine internationale Organisation der Gouverneure aller Regionen, die sich um den Nordpol herum gruppieren oder dort Interessen haben. Dem Forum gehören unter anderem Finnland, Norwegen, Dänemark, Schweden, Grönland, Kanada und Alaska an. Auch Südkorea, China und Japan mischen mit. Präsident des Forums ist der Gouverneur von Alaska. Sein Generalsekretär, Steven H. Shropshire, hat norwegische, japanische und russische Berater hinzugezogen, um mit Walter Mead seine Idee zu diskutieren. Nachdem sich Öl-Suche und Öl-Förderung in Alaska verlangsamt haben, sagt Shropshire, blicken die amerikanischen Geschäftsleute nach Westen:

    "Wir hoffen, daß Alaska ein Aufmarschgebiet wird für die Entwicklung der Wirtschaft im russischen Fernen Osten. Das hat schon angefangen. Wir sehen viel Bewegung bei den Ölkonzernen. Sie richten hier ihre Operationsbasen ein und schicken ihr Personal im Wochenturnus hin und zurück. - Natürlich sind wir direkte Konkurrenten Rußlands, das sich um die Erschließung seiner Bodenschätze bemüht. Alaskas Wirtschaft basiert auf natürlichen Ressourcen. Wir konkurrieren beide auf dem Weltmarkt mit dem gleichen Güterangebot. Aber wir sehen fantastische Chancen für die Plazierung unserer Technologie und unserer Industrie im russischen Fernen Osten, überhaupt in Rußland, um ihnen zu helfen."

*

Mit dem Abflug nach Wladiwostok beginnt sich der Bogen vom amerikanischen Westen zum europäischen Osten zu spannen. Eine Datumsgrenze ist zu überfliegen. Grund genug für Walter Mead, sich noch einmal grundsätzliche Gedanken zu machen:

    "Rußland ist wie ein Unternehmen, das langfristigen Wertbesitz und kurzfristige Schulden hat. Sieht man Rußlands natürliche Ressourcen, so ist Rußland ein reiches Land, vielleicht das reichste Land der Erde."

In der Maschine der Alaskan Airlines, die seit kurzem Linienflüge zwischen Anchorage und Wladiwostok aufgenommen haben, finden wir eine bunte, aber typische Mischung amerikanischer Passagiere. Besonders auffällig ist eine Gruppe von amerikanischen Evangelisten; sie wollen nach Wladiwostok und dort Bibeln verteilen.

    Stewardess: "Mit uns fliegen viele Geschäftsleute, Gold-Leute, Ölindustrie, Leute von der Lebensmittelindustrie und von Supermarktketten, und viele Touristen, vor allem viele Senioren."

Eine Gruppe professioneller Jäger aus Nebraska organisiert Schießtouren ins Herz Sibiriens. Sie werden bei einer Zwischenlandung in Magadan das Flugzeug verlassen:

    "Wir jagen Schneeschafe, Elche, Karibu, Grizzlybären, und Wölfe." - Was für Transportmittel benutzen Sie? - "Wir fliegen ab Magadan mit der Aeroflot bis Anadyr. Und dann mit Militärhubschraubern." - Mit Militärhubschraubern? War das nicht schwer, da ran zu kommen? - "No." - Und wo kampieren Sie? Draußen in der Wildnis? - "Ja. In Bush-Camps. In Zelten." - Wieviel Beute kommt denn so zusammen? - "We're only after the largest males. We don't want quantity, we want quality."

Wladiwostoks Flughafen wird erst seit kurzem von amerikanischen Linien angeflogen. Wer hier aussteigt, liebt das Risiko. Die einst vollstängig abgeschirmte Festung Wladiwostok, Heimathafen der mächtigen russischen Pazifikflotte, ist seit Januar 1992 jedermann zugänglich. Hier endet die Transsibirische Eisenbahn, 9350 Kilometer von Moskau entfernt. 1860 wurde das Gebiet China in einem Gewaltstreich entrissen. Schon in der Zarenzeit haben auch deutsche Kaufleute dazu beigetragen, daß Wladiwostok so europäisch wurde wie keine andere Stadt am Pazifik.

Als Wissenschaftler erweist Walter Mead zunächst dem fernöstlichen Arm der Moskauer Akademie der Wissenschaften seine Reverenz. Er wird hier nicht mit der Tür ins Haus fallen, denn er weiß um Moskaus Empfindlichkeiten, wenn es um Sibirien geht. Doch er kann ja an Bestrebungen in Alaska anknüpfen, sich von Washington zu lösen. Gibt es nicht auch in Wladiwostok ein Autonomie-Problem? Der Vizepräsident der Akademie, Valentin Sergienko, weiß zwar von parlamentarischem Unabhängigkeitsgerede im Primorski-Gebiet, dessen Hauptstadt Wladiwostok ist. Er hält eine Trennung von Moskau aber für vollkommen absurd. Und er ist darin nicht allein. Fast jeder Russe, den Walter Mead in Waldiwostok ansprechen wird, ist noch auf Moskau fixiert. Aber die Frage nach der finanziellen Situation von Forschung und Technologie hier im Fernen Osten deckt auf, daß ein Endpunkt der Entwicklung erreicht ist. Die im Schoße des russischen Militär-Industrie-Komplexes begonnenen, auch friedlichen wissenschaftlichen Arbeiten stagnieren. Die Geldströme aus Moskau sind versiegt. Man ist bereit, sich fast jedem Geldgeber an den Hals zu werfen.

Später wird Walter Mead in 'Gentleman's Quarterly' schreiben, er habe mich schon früh als einen orthodoxen Altlinken und ehemaligen Fellow Traveler des Weltkommunismus identifiziert. Er wird den Eindruck erwecken, als habe er die wichtigen Gespräche in Wladiwostok, vor allem mit dem Gouverneur des Primorski-Gebiets, selbst arrangiert, auch den ersten zivilen Hubschrauberflug über der Stadt. Eigentlich auf den ersten Blick unerklärlich und völlig unvermittelt, diese Verabschiedung aus einer menschlich und auch politisch erfreulichen Zusammenarbeit während der Reise.

Nach einigem Nachdenken aber finde ich zwei Gründe für Meads Verhalten in der Öffentlichkeit. Zum einen wird ein massenwirksamer Artikel in einem Lifestyle-Magazin, der in der Aufforderung 'Let's Buy Siberia' gipfelt, nicht ohne ein Quentchen Anti-Kommunismus auskommen, am besten an der Gestalt des begleitenden deutschen Filmemachers festgemacht. Zum anderen aber, und das ist ernster, muß Mead zumindest im Nachhinein, beim 'De-Briefing', mit amerikanischen Diensten zusammengekommen sein, die mich während der Zeit der Friedensbewegung observiert haben, als ich gelegentlich für den 'Weltfriedensrat', diesen Inbegriff einer Fellow Traveler Organisation, unterwegs war. Daß solche Dinge bei einer solchen geopolitischen Testoperation hochgespielt werden, spricht dafür, daß der leicht ironische Ton der gesendeten Reportage über Mead bestimmte Intentionen gestört hat.

Der Hubschrauberflug über Wladiwostok zeigt, wie in allen größeren Städten Rußlands, in unmittelbarer Flughafennähe, in Fluchtdistanz, entstehende Villen der 'neuen Reichen'. Chinesisches Kapital breitet sich sichtbar aus. Wladiwostoks höchstes Gebäude wird demnächst ein 'Chinesenturm' sein. Die Potentiale dieser Region sind groß, auch die touristischen Möglichkeiten. Wladiwostok heißt zu deutsch: 'Kontrolle des Ostens'. Die Kontrolle entgleitet der staatlichen Macht im fernen Moskau zusehends.

Das einzig intakte, ganz Rußland auf einem einigermaßen kalkulierbaren Niveau noch verknüpfende Netzwerk stellt nach meinem Eindruck die Russische Akademie der Wissenschaften mit ihren 1 Million Mitgliedern in allen Zentren des Landes dar. Die Akademie rechnet dem ehemals staatlichen Sektor zu und wird deshalb von den ausländischen Interessen als Organisation, als einigermaßen intakte Organisation, links liegen gelassen. Für journalistische Recherchen und Unternehmen aber ist die Akademie eine zuverlässige Bereitstellerin von Infrastrukturen, weit von der Betreuungsmafia entfernt, der man sonst in die Hände fällt, will man etwa Transportmittel oder Drehgenehmigungen. Mit Hilfe dieser Organisation haben wir auch ein Gespräch mit dem neuen Gouverneur des Primorski-Gebiets bekommen.

Jewgenij Nasdratienko löste 1993 Wladimir Kutsnetzow, einen unfähigen, von Jelzin ernannten Ökonomie-Professor ab. Schon damals erhielt der sympathische Mann im Regionalparlament über 90 Prozent der Stimmen. Und bei den letzten Wahlen wurde seine Position gefestigt. Nasdratienko, früher Direktor eines Bergbauunternehmens, will eine vernünftige Regelung des Verhältnisses zwischen dem Staatssektor und dem sich ausbreitenden Privatsektor der Wirtschaft:

    "Es ist ein Irrsinn, was in unserer Wirtschaft abläuft: die mangelnde Regulierung, keine Preisgestaltung, keine Preispolitik. Die letzte Erhöhung der Eisenbahntarife hat im Gebiet der Transsibirischen Magistrale, in Sibirien, bei Irkutsk, das Land in zwei Teile geteilt. Es gibt den europäischen Teil Rußlands, und es gibt den Fernen Osten, auf sich allein gestellt. Transporte sind nun nicht mehr rentabel und realisierbar. Dadurch scheint die Isolierung des Fernen Ostens von Moskau beschlossene Sache. - Dennoch wird die Präsenz Rußlands im Fernen Osten auf keinen Fall schwächer werden. Kein Stück unseres Territoriums wird abgegeben. Dies ist eine vergebliche Hoffnung. Ich meine, daß weder China noch Japan bei ihren Verhandlungen mit dem Präsidenten der Russischen Föderation diese Forderungen stellen dürfen. Dies ist die Grundlage für weitere Verhandlungen."

Die geopolitische Phantasie von Mead entzündet sich an der Lage des Primorski-Gebiets, an seinem Potential. Böte sich nicht eine 'Hongkong-Lösung' an? Wladiwostok, von Amerika auf hundert Jahre geleast, als Brückenkopf, als Herrscherin über den Nordpazifik?

    "Vielleicht ja. Aber eine solche Variante müßte eher die Einbeziehung von Kapital aus Japan, Korea und auch China in Rechnung stellen und gerade nicht - so merkwürdig das auch klingt - aus den USA. Denn die USA sprechen zwar gern davon, tun aber sehr wenig, um hier im Fernen Osten Fuß zu fassen."

Mead versucht später, eine kleine Nachrichtensensation aus Nasdratienkos Antwort zu machen.

Die Öffnung der Stadt gegenüber japanischen, koreanischen und chinesischen Geschäftsinteressen auch der korruptesten Art, die Leichtigkeit, mit der aus Militärorganisationen mafiose Strukturen entstehen, und natürlich auch die amerikanische Mafia beginnen aus Wladiwostok eine Stadt der organisierten Kriminalität zu machen. Das ist das drängendste Problem des Gouverneurs.

    "Die Wirtschaft hier wird nicht in Schwung kommen, nicht mal ein kleiner Kiosk auf der Straße wird anfangen zu arbeiten, wenn wir ihm nicht die nötige Sicherheit geben. So lange wir nicht das Joch von Verbrechertum und Kriminalität abwerfen, wird jeder Versuch eines normalen Wirtschaftslebens zunichte gemacht."

Dann führt der auf den Kurilen geborene Sohn einer Deutschen und eines Ukrainers uns auf den Balkon seines Arbeitszimmers und deutet auf das Hafenpanorama:

    "Denken Sie an unsere Pazifikflotte, die operativen Verbände - wer hat behauptet, daß wir schwach sind?"

Das Hauptproblem der Region auf lange Zeit wird es sein, ein vernünftiges Verhältnis zwischen dem staatlichen und dem privaten Sektor herzustellen. 80 Prozent der Betriebe der Region waren Militärbetriebe. Im Handelszentrum PAKT stellen die konversionswilligen Rüstungsproduzenten der Region ihre Produkte aus. Was eine Ware ist, wie man sie aufdonnert und verkauft, weiß hier niemand so recht. Doch das Wohlergehen von zigtausenden Familien hängt ab vom Überleben dieser Unternehmen am Markt. Trotz aller bürokratischen Schwierigkeiten gibt es schon über 500 Joint Ventures in der Region.

Die Sowjetunion hat ihren Zerfall selbst verschuldet. Doch der Internationale Währungsfonds, westliche Regierungen und Banker zwangen Rußland unverantwortliche Programme auf. Die Zerstörung von Industrie und Landwirtschaft und ein Zerfall der staatlichen Ordnung sind die Folge. Auf den 'liberalisierten' Märkten kostet ein Kilo Äpfel eine viertel und ein Kilo Weintrauben eine halbe Monatsrente. Die Mittelschichten sind auf dramatische Weise verarmt. Kein westliches Land hätte solche Programme ausgehalten. In der chaotischen Wirtschaft blüht die Kriminalität, die Schwachen gehen unter, belohnt werden parasitäre Profiteure. Doch im pazifischen Wladiwostok ist alles etwas bunter und nicht so ganz hoffnungslos. Die chinesischen Händler, die zu tausenden über die nahe Grenze kommen, leben von der endlich erreichten Konvertierbarkeit der russischen Währung. Dies, verbunden mit der Eindämmung der Hyperinflation, ist der Silberstreifen am Horizont.

Das Aufblühen, ja Wuchern der Privatwirtschaft hat Waldiwostok zum zweifelhaften Ruf verholfen, das Herz des 'Wilden Ostens' zu sein. Hinter den biederen Fassaden gehe es zu wie im Chicago der dreißiger Jahre, sagt uns ein Kenner der Szene.

In einem Ausstellungsraum inmitten einer Hochhaus-Siedlung versorgen Ludmilla und Viktor Conti, Italo-Russen aus Philadelphia, die Neureichen der Stadt mit überteuerten italienischen Möbeln des gehobenen schlechten Geschmacks. Sie stammt aus Odessa, er aus Philadelphia. Beide bezeichnen sich selbst als Italo-Russen. Es besteht kein Zweifel, daß sie als Statthalter der amerikanischen Mafia agieren.

    Viktor Conti: "Diese Möbel sind nichts für normale Kunden, nichts für Leute, die zwanzig- oder dreißigtausend Rubel im Monat verdienen. Diese Sachen sind für High-Quality-Leute, die im russischen Geschäftsleben stehen, die Geld machen und unsere Möbel zu schätzen wissen."

Die Contis wollen in Wladiwostok das erste Kaufhaus für westliche Luxusgüter gründen. Viele in der Stadt haben gut verdient, vor allem am Handel mit gebrauchten japanischen Autos. Warum sollen ihre Wohnungen nicht den neuen Wohlstand spiegeln? Ludmilla und Viktor haben Wladimir Koschewnik angestellt. Er ist, nach Aussage der Contis, ihr 'Mann fürs Grobe'. In Wladiwostok kennt man den ehemaligen Armeeoffizier aus Kaliningrad recht gut. Auch Wladimir begann mit Toyotas. Seine vielfältigen Verbindungen sind unverzichtbar für den Schutz der Contis und ihrer Pläne.

Auf dem Parkplatz der Vlad Motor Inn, dem feinsten Hotel der Stadt, wurden vor zwei Tagen zwei Mafiosi erschossen. Die Contis haben uns eingeladen in diesen Treffpunkt der Quality-People, gebaut und betrieben von einem Kanadier. Walter Mead und das Kamerateam am Tisch zu haben, hat sicher einen Werbeeffekt bei den potentiellen Kunden der Contis, die dieses Lokal bevölkern. Nur die zufällige Anwesenheit des Gouverneurs, der einen Kreuzzug gegen die in- und ausländische Mafia angekündigt hat, bewirkt ein gewisses Unbehagen bei unseren Gastgebern. Ludmilla deutet an, daß seine Position wackelt, weil viele Leute mit ihm nicht einverstanden sind. Walter Mead spürt die Spannungen im Raum.

    Und Viktor Conti beschreibt die Gegner des Gouverneurs: "Wie reden nicht von einer Gruppe von zehn oder zwanzig Leuten. Wir reden von einem großen Zusammenschluß von Gegnern, von vielen Gruppen, die zusammenarbeiten. Und mit diesen Leuten wird man nicht so leicht fertig. - Ich wünsche ihm viel Glück", sagt Victor Conti und blickt mit einem verschlagenen Blick hinüber zum Gouverneur am Nebentisch.

Man rät Besuchern von Wladiwostok, sich vor der Kleinkriminalität in acht zu nehmen und nachts nicht allein herumzuwandern. Normale Sicherheitsvorkehrungen für jede größere westliche Stadt, eigentlich. Wer für Recht und Ordnung ist, wie der Gouverneur, braucht jetzt eine Leibwache. Bis 1991 führten die Einwohner Wladiwostoks ein ziemlich behütetes Leben. Sie wurden sogar ein bißchen verwöhnt, wie in allen 'geschlossenen' Städten des Sowjetreichs. Die Straßenbahnen fahren noch immer zum Nulltarif.

Im Begriff, uns in dieser Stadt, einem der schönsten und besten Naturhäfen der Welt, für den die letzten Reiseführer vor 60 Jahren gedruckt wurden, zu verlieren, trifft Walter Mead und mich eine weitere Merkwürdigkeit des geopolitischen Blicks, den Amerikaner und Deutsche zu teilen beginnen. Wir verfallen dem allgemeinen Verschwörungsverdacht:

Am 18. September 1993 besucht der erste größere Verband der amerikanischen Pazifikflotte den Hafen von Wladiwostok. Die Kommandeure der beiden Raketenzerstörer werden vom stellvertretenden Chef der russischen Pazifikflotte erwartet. Angeblich haben sich die amerikanischen Seeleute in einer Abstimmung für diesen Landfall wegen seines hohen Freizeitwerts ausgesprochen. Der Dollar jedenfalls ist hier zehn Mal mehr wert als zuhause.

So kurz vor Boris Jelzins putschartiger Auflösung des Deputiertenparlaments, sagt Walter Mead im nachhinein, sind die Besuchsaktivitäten amerikanischer Militärs an strategischen Punkten in Rußlands Fernem Osten schon ein bemerkenswertes Faktum. Das muß der große Operationsplan im Spiel sein, der wenig später in den 'Oktoberereignissen' um das Moskauer Weiße Haus gipfelt. Zumal wir am Tag vor Beginn der Moskauer Krise im ostsibirischen Irkutsk noch dem Stabschef der US-Army begegnen werden.

    Mead:"In Hawaii sagen sie: erst kamen die Missionare, dann die Geschäftsleute, dann die Flotte, dann die Politiker - und dann die Annexion. Vielleicht passiert etwas ähnliches hier, wer weiß."

Auf einem Museumsschiff im Hafen von Wladiwostok spielt ein einsamer russischer Matrose auf seiner Gitarre. Die Revolution entläßt ihre Kinder. Sein Traum sei, sagt er uns, in Moskau Geschichte zu studieren. Die Matrosen der amerikanischen Kreuzer haben Befehl, um 22 Uhr wieder an Bord sein: zu gefährlich sei die Stadt. Private Dienstleistungen boomen. Immer mehr Menschen Wladiwostoks verdingen sich an Gäste. In den gehobenen Etablissements der Millionenstadt wird das Bild von japanischen und südkoreanischen Geschäftsleute bestimmt.

Der verwaiste Palast der jungen Pioniere in Wladiwostok beginnt sich mit den Evangelisten zu füllen, die wir auf unserem Flug kennenlernten. Rob Hoskins und seine charismatische Frauenschar haben eine Woche lang ihren amerikanischen Mittelklasse-Jesus auf Gefängnisinsassen, Schüler und Kranke wirken lassen.

    Rob Hoskins: "Es wäre wundervoll, wenn jeder hier anwesende Amerikaner nach vorne treten könnte, um Euch zu sagen, wer er ist und warum er da ist..."

Dieser christliche Erweckungsdienst ist hier noch ein kleines Joint Venture, das ein paar neugierige, ehrgeizige und verlorene Seelen angelockt hat. In den USA und auch in Europa aber sind die Assemblies of God schon Big Business mit drei Millionen Mitgliedern.

Wladiwostok liegt auf der Höhe von Nordkalifornien. Der Hafen friert gelegentlich zu. Doch der Landgang der amerikanischen Matrosen läßt Eisberge schmelzen. Wenigstens zwei Tage lang ist die Stadt Amerikas Tor zu Rußland. Noch immer ist Stadtgespräch, daß vor einigen Wochen nachts auf seinem Segelboot ein japanischer Geschäftsmann ermordet wurde. In Miami wäre das längst vergessen.

Und wieder regt sich Verschwörungsverdacht. Ein junger CIA-Mann, wie ich vermute, Whitney Mason, fährt mit dem einzigen Deux Chevaux Wladiwostoks ins Bild. Junge Franzosen haben ihm die Ente geschenkt, nachdem sie Rußland mit ihr durchquert hatten. Der junge Amerikaner ist Redakteur der englischsprachigen Wochenzeitung 'Vladivostok News'. Er füllt ihre Seiten fast allein und sorgt sich um ihre Verbreitung auf der anderen Seite des Pazifik. Außerdem berät Whitney den Chefredakteur der einzigen russischen Tageszeitung der Stadt. Es ist sicher kein Zufall, daß Whitney und ein anderer Amerikaner, Denis Boyle vom Peace Corps, die Geschäfte dieses Presseunternehmens fest in der Hand haben.

    Whitney: "Mein Job besteht aus vielen verschiedenen Dingen. Also was ich täglich tue: Artikel aus der russischen Ausgabe, die ins Englische übersetzt wurden, umzuschreiben. Und wir sind dabei, die englische Ausgabe zu verändern. Wir suchen nach Wegen, die Zeitung in den USA zu vertreiben und auch den Inhalt zu erweitern. Mehr Rubriken, mehr Korrespondenten, größere Themenvielfalt. Jetzt sind es vier, aber bald sind es acht Seiten. Und dann werden wir in den USA drei oder vier Tage nach Erscheinen erhältlich sein, weil es hier in der Stadt jetzt einen Kurierdienst dafür gibt." - Denis, wie fühlen Sie sich in Wladiwostok? - "Ach, das ist schon so wie am Ende der Welt. Ende der Fahnenstange. Aber es ist sehr aufregend. Es passiert ziemlich viel, man weiß nicht immer genau, was, weil es eher unter der Oberfläche läuft. Es wird aufregend mit den Veränderungen der nächsten Jahre." - Whitney: "Es wird hier immer interessanter. Und zwar aus dem gleichen Grund, aus dem Walter Mead hier ist: über diesem Teil der Welt hängt ein großes Fragezeichen. Das ist nicht überall so. An den meisten Orten schreiben Journalisten über ihre Erwartungen und sehen die auch eintreffen. Hier gibt es echte Überraschungen. Und das ist faszinierend."

Ein Gespräch mit einer Gruppe von Studenten der Wirtschaftswissenschaften lag Walter Mead besonders am Herzen. Er hat sich intensiv darum bemüht. Sie studieren die zukunftsweisende Fächerkombination dieser Region: Ökonomie kombiniert mit den Fremdsprachen Japanisch und Englisch. Später wird Walter Mead uns anvertrauen, daß er mit einem dieser Studenten ein kleines Joint Venture auf dem Gebiet des Nachrichtenhandels gegründet hat. Noch später wird uns dämmern, das Mead hier einen jungen Russen doch eher irgendwie angeworben hat.

    Mead sagt seinen Gesprächspartnern:"Ein Kauf Sibiriens für 3 Billionen Dollar würde es West-Rußland ermöglichen, ein normales europäisches Land zu werden, europäisch wie Moskau. Und dann, wenn amerikanisches Recht in Sibirien gälte, würden die Investoren keine Angst mehr haben herzukommen. Und die Leute, die hier leben, würden amerikanische Staatsbürger werden, und so weiter." Die jungen Russen lachen. Moskau wird nichts opfern, sagen sie.

Die Antworten auf Walter Meads Fragen sind überall skeptisch und ausweichend geblieben, auch in Nachodka, einer autonomen Freihandelszone an der schönen Pazifikküste vier Autostunden von Wladiwostok entfernt.

    Walter Mead ist nachdenklich geworden: "Diese Region steckt in einer ökonomischen und politischen Krise. Man wird diese Region nicht in Ruhe lassen. Die ökonomische und politische Dynamik in Japan, Korea und vor allem in China ist zu stark, als daß man Rußland die eine Generation Zeit lassen würde, die es brauchte, um sich zusammenzuraffen."

Freihandel bedeutet Schlagbäume und eine geschützte Lage. Nachodka wurde erst 1953 gegründet. Jetzt symbolisieren die Freihandelszonen, von denen es bisher sieben gibt, Rußlands Hoffnung auf Integration in den Weltmarkt. Für Rußlands Fernen Osten konzentrieren sich ausländische Investitionen, bei einem deutschen Anteil von nur fünf Prozent, in dieser jungen Stadt. Walter Mead hat an diesem Tag Glück. Der amerikanische Geschäftsmann, auf den er stößt, steckt nicht nur tief in amerikanisch-russischen Deals; Andrew Sundburg ist auch der Internationale Chairman des Democratic Leadership Council. Diese einflußreiche Organisation hat in der Demokratischen Partei für Bill Clintons Nominierung gesorgt. Was hält er davon, daß die USA Sibirien kaufen?

    "Das ist viel zu bescheiden. Warum überhaupt eine Kauf-Transaktion. Man sollte eher an das größte Joint Venture, an den Zusammenschluß der Vereinigten Staaten und Rußlands denken. Dann hätte man ein gemeinsames System: mit den größten natürlichen Ressourcen der Welt, mit dem besten politischen und ökonomischen System und mit zwei Völkern, die einander sehr ähnlich sind, sehr dynamisch und unternehmungslustig."

*

Ein komplizierter Aeroflot-Flug von Wladiwostok nach Irkutsk, nur möglich dank der Hilfe der Russischen Akademie der Wissenschaften, liegt hinter uns. Auf die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn haben wir verzichtet. Die Epik einer mehrtägigen Reise mit vorbeihuschenden Birkenwäldern und desolaten Bahnstationen paßt nicht zum Stil einer Reflexions-Reportage...

Dreitausend Kilometer landeinwärts, auf einem Boot eineinhalb Kilometer über dem Grund des Baikal-Sees, verblassen Sundburgs Visionen und sogar Meads bescheidenere Pläne. Dann stehen wir dort, wo sich im Jahre 1904 die Bautrupps aus Rußlands Osten und Westen trafen und die letzten Gleise der ersten trans-sibirischen Eisenbahn legten. Die Trans-Sibirische Magistrale ist von großer Symbolkraft. Die Anbindung an Schienenwege, die aus Alaska kommen, steht auf der Tagesordnung. Ist es nicht unausbleiblich, daß von den Vereinigten Staaten über Sibirien nach Europa so etwas wie ein eiserner Nordgürtel entstehen wird?

    Mead: "In mancher Hinsicht gibt es diesen Nordgürtel schon. Und die Verbindungen werden enger. Alles was wir auf unserer Reise durch Sibirien und den russischen Fernen Osten gesehen haben, bestätigt doch die Vorstellung, daß aus strategischen, ökonomischen und politischen Gründen Europa, die Vereinigten Staaten und Rußland sich immer näher kommen." - Glauben Sie nicht, daß darin Gefahren liegen? - "Also die Leute reden immer über Europa als Idee. Und sie schließen Kanada und die Vereinigten Staaten ein. Dann haben wir ein Europa von Warschau westwärts bis Vancouver. Aber wenn wir Rußland hinzufügen, dann reicht Europa ganz herum von Vancouver bis Wladiwostok. Genau betrachtet würde dies die Liga der weißen Völker bedeuten. - Ich bin nicht sicher, daß dies das Ziel der Staatskunst am Ende des 20. Jahrhunderts sein sollte. Ich glaube, wir brauchen etwas Klügeres. - Denn jedes Land des Nordgürtels hat einen Süden. Wir in den USA haben Lateinamerika. Mit Europa teilen wir die Sorge um den Mittleren Osten. Und unsere Reise durch diesen Teil der Welt zeigt, daß man China unmöglich unberücksichtigt lassen kann. - Die Frage ist also, ob die Länder des Nordgürtels, bei immer stärkerer ökonomischer und politischer Bindung untereinander, den wichtigsten südlichen Ländern die Hand reichen und etwas Neues formen können. Damit das eiserne Band der Weißen Völker im Norden nicht vielleicht eine noch mächtigere Allianz der nicht-weißen Völker im Süden herausfordert. - Wenn wir eine Weltstruktur bauen könnten, wo der Fluß der Dinge auch von Norden nach Süden und nicht nur von Norden nach Norden geht: vielleicht wäre das die Grundlage für einen dauerhaften Frieden."

Die Central Intelligence Agency hätte es nicht besser formulieren können.

    Ich erinnere mich, schreibt der russische Dichter Jewgenij Jewtuschenko, wie es mich erschütterte, als mein Vater, der Geologe war, noch zu Lebzeiten Stalins im Jahre fünfzig zu mir sagte: "Weißt du, wir haben überhaupt keinen Sozialismus..." - "Was haben wir dann?" fragte ich. - "Den Staatskapitalismus", antwortete mein Vater. "Doch das bleibt, versteht sich, unter uns." - Ich konnte mich mit dem, was mein Vater gesagt hatte, nicht anfreunden, es war schwierig. Hatte mein Vater recht, dann lebten wir in der schlechtesten, der unmenschlichsten Gesellschaft der Welt - im Kapitalismus, in dem der Mensch dem Menschen ein Wolf ist.

Vom Baikal-See nach Irkutsk sind es wenige Kilometer. Von Irkutsk aus wurde einst auch Russisch-Alaska regiert. In diesem Zentralort Ostsibiriens werden wir Walter Mead verlassen. Das alte Machtzentrum ist europäisch geprägt. Der amerikanische Einfluß wächst. Moskau ist fern. Veränderungen erreichen die Stadt mit Verzögerung. Die Stimmung ist weder so böse wie in Moskau noch so wild wie in Wladiwostok. Deutsche Touristikunternehmen wollen sich den nahegelegenen Baikal-See sichern.

Hier in Irkutsk verdichtet sich der allgemeine Verschwörungsverdacht zur Gewißheit. Am Tag vor Boris Jelzins verfassungsbeugender Auflösung des Parlaments in Moskau treffen wir mitten im tiefsten Sibirien auf den Stabs-Chef der US-Army. Es kann wirklich kein Zufall gewesen sein, sagt Walter Mead: vorgestern der Flottenbesuch in Wladiwostok und jetzt einer der höchsten amerikanischen Militärs hier. General Sullivan läßt sich den Ernst der Moskauer Lage nicht anmerken. Ist das der Nordgürtel, von dem Walter Mead sprach?

    Der General plaudert mit Radio Irkutsk. Was der Zweck dieses Besuchs sei, will man wissen. Nun, das sei Teil eines einwöchigen Besuchsprogramms, das durch Rußland führe. Er sei einer Einladung des Oberkommandierenden der russischen Bodentruppen gefolgt, sagt der General. Ja, eingeladen habe ihn sein Freund Generaloberst Semjonow. Vor kurzem habe er General Semjonow die Vereinigten Staaten und die amerikanische Armee zeigen dürfen, sagt Sullivan. Und jetzt mache er zusammen mit seiner Frau den Gegenbesuch.

Solche Streicheleinheiten, denken wir, sind Balsam für das schwer angeschlagene Selbstbewußtsein der früheren Roten Armee. General Sullivan sagt, dies sei Teil der neuen und wachsenden Partnerschaft zwischen den amerikanischen und den russischen Streitkräften. Mit diesem Besuch, spüren wir, soll auch der bedrohliche ultra-nationalistische Blutdruck in der russischen Armee gesenkt werden. General Sullivan weiß genau, was in diesen Tagen in Moskau passieren wird. Doch entlockt hat ihm Radio Irkutsk nur die üblichen Banalitäten. Die zufällige Begegnung hat uns nachdenklich gemacht. In Moskau schreiten die sogenannten Reformer zur Schocktherapie. Die Mitte des riesigen Landes aber ist hier.

An der Karl-Marx-Straße in Irkutsk zieht der zivile amerikanische Kundschafter Walter Russell Mead sein Resümee:

    "Ich denke, die Chance, daß die Vereinigten Staaten Sibirien kaufen, ist so gering wie eh und je. - Aber die logischen Gründe, die mich dazu veranlaßt haben, mit dieser Idee zu spielen, sind noch zwingender geworden. - Alles was wir im heutigen Rußland gesehen haben, deutet für mich auf vier miteinander verquickte Krisen hin. - Am schwersten und nur von den Russen selbst zu lösen ist die moralische Krise: was ist gut, was ist böse. Ist es etwas Gutes, beim Aufbau des Landes Profite zu machen? Oder ist Profitmachen, das die Bedürfnisse deiner Mitmenschen ausnützt, eine Form der Ausbeutung? Tief im Herzen sind sich die Russen darüber noch nicht klar. Und bis sie sich schlüssig geworden sind und entweder an das Neue anpassen oder einen anderen Weg zum Aufbau eines eigenen Systems finden, wird in Rußland alles instabil bleiben. - Zweitens gibt es eine politische Krise. Da ist einmal das Problem der Legitimität: wer hat heute in Rußland das Recht, Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel: soll der wachsende neue private Sektor der Wirtschaft Steuern zahlen, damit der alte Staatssektor abgesichert wird? Dieses Netzwerk von wissenschaftlichen Einrichtungen und Staatsbetrieben, das in früheren Zeiten aufgebaut wurde, fällt ja allmählich auseinander. Hat die Zentralregierung das Recht - und das berührt das Leben fast jedes Bürgers in Rußland -, Steuern von den neuen Geschäftsleuten einzutreiben, um diese alten Strukturen zu retten? - Es gibt heute keine politische Autorität in Rußland, die stark genug wäre, solche Entscheidungen zu treffen und dafür bei den Leuten Akzeptanz zu finden. - Und dann kommen wir zu den zwei großen außenpolitischen Problemen Rußlands. Das eine Problem ist allgemein bekannt: das Verhältnis Rußlands zu seinen westlichen Grenznachbarn. Wie werden sich die künftigen Beziehungen zur Ukraine, zu den baltischen, zu den kaukasischen Republiken gestalten? Wie steht es um die Rechte der russisch-sprechenden Minderheiten in diesen Regionen? - Wir haben uns bei unserer Reise auf ein viertes Problem konzentriert, das den Menschen im Westen nicht so bewußt ist. Potentiell jedoch ist es mindestens so ernst wie die anderen. Es ist die Situation Rußlands an seinen Ostgrenzen. - Die Schwierigkeiten Rußlands mit der Ukraine beispielsweise sind keine Großmachtprobleme im traditionellen Sinne. Anders ist es mit der Zukunft der Region um den nordpazifischen Ozean, wo Rußland heute nur noch einen unsicheren Zugriff auf sehr wichtige Ressourcen hat. Eine Region, wo fünfzehn Millionen Menschen in einem dünnbesiedelten Streifen entlang der Grenze mit China leben, umgeben von den reichsten Naturressourcen der Welt. Dies könnte das dauerhafteste und ernsteste der vielen Probleme werden, die Rußland belasten."

So, wie wir ihn kennengelernt haben, in der Schwebe, möchten wir Walter Russell Mead verlassen. Doch Boris Jelzin, vier Zeitzonen entfernt, schreckt uns in der Nacht vom 21. zum 22. September 1993 am Fernsehapparat unseres Hotelzimmers in Irkutsk in die Wirklicheit zurück. Durch den Machtkampf der Clans an der Moskwa werden wir wieder gewahr, daß Moskau noch immer das Hauptereignis ist.

Am nächsten Tag fliegen wir nach Moskau. Ihr seid doch in der Nähe, hatte uns die Redaktion vor unserem abenteuerlichen 7-Stunden-Flug bedeutet. Von Hamburg aus erreicht man Moskau mit der Lufthansa in zweieinhalb Stunden. Geopolitische Ästhetik ist eben in den Redaktionen noch keineswegs fest verankert. Als wir Moskau erreichen und durch Beziehungen Zimmer im Hotel Ukraina, Logenplätze für das sich entfaltende Drama, ergattern, ist das Weiße Haus, Sitz des alten Parlaments, schon besetzt und belagert. Die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen.

Politiker wie Chasbulatow und Ruzkoi, die sich im Weißen Haus verschanzt halten, wollen im Grunde schon das, was sich jetzt, im Wettlauf mit der mafiosen Alternative, allmählich auch mehrheitsfähig in Rußland tatsächlich artikuliert: eine sozialere, langsamere, populistische, eine russische Wirtschaftspolitik.

Wir haben einen Passierschein für das Weiße Haus vom einzigen Moskauer Bezirksbürgermeister, Alexander Krasnow, der noch zu Ruzkoi hält. Wir schlagen uns durch zum belagerten Komplex. Wir hören die Warnung vor einer Diktatur, aber vor welcher der möglichen? Wir sehen bewaffnete Afghanistan-Kämpfer, die zu den Eingeschlossenen stoßen, und denken an Vietnam. Wir haben die Zusage für ein Interview mit Alexander Ruzkoi. Doch der rauscht, in großer Erregung, mit einem Schwarm von Begleitern an uns vorbei. Nachts brennen die Lagerfeuer und es scheint, als sei das letzte Aufgebot aller orthodoxen kommunistischen Parteien, die es je gab, gemeinsam mit dem Lumpenproletariat nur am Absingen der alten Kampflieder interessiert, während das Traumschiff des Stalinismus, von den Eisbergen dieser Welt aufgeschlitzt, langsam versinkt. Es ist der 26. September 1993. Eine Woche später werden hunderte von Toten im brennenden Weißen Haus liegen.

 

 

Die SPIEGEL TV Reportage 'Der Amerikaner, der Sibirien kaufen will', wurde Ende November 1993 gesendet; eine Version dieses Artikels unter dem Titel 'Zur Logistik der Globalisierung. Bericht über eine geopolitische Filmexpedition' ist erschienen in: Hans Uske, Hermann Völling u.a. (Hg.), Soziologie als Krisenwissenschaft. Festschrift zum 65. Geburtstag von Dankwart Danckwerts, Lit-Verlag, Münster 1998

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