H.J.Krysmanski

Das Comeback des Alexander Ruzkoi?
Eine TV-Reportage

 

9. Mai 94. Ein Feiertag klingt aus. In das Turmzimmer des Kempinski Hotels an der Moskwa wollte eigentlich der KGB einziehen. Doch Präsident Jelzins Hauptfeind, Alexander Ruzkoi, hätte man von hier aus nicht observieren können. Ruzkoi: "Beim Umweltgipfel in Rio de Janeiro habe ich Helmut Kohl getroffen. Er sagt zu mir: Was ist los? Warum zankst Du ständig mit allen? Ich sage: Herr Kanzler, Sie werden sehen, wie das alles enden wird. Wir haben in Rio eine ganze Stunde miteinander gesprochen."

Seit einigen Jahren interessiert sich die Welt für Alexander Wladimirowitsch Ruzkoi und seine Frau Ludmilla. Sie hat den Aufstieg vom kleinen Abgeordneten aus Kursk zum russischen Vizepräsidenten begleitet: "Ich habe eine persönliche Bitte. Ich habe in Rio Frau Hannelore Kohl kennengelernt. Wir haben während eines Empfangs an einem Tisch gesessen. Wenn es möglich ist, richten Sie ihr doch bitte meine besten Wünsche aus. Geht das?"

Moskau. Es ist der Morgen des 4. Oktober 1993. Soeben hat Boris Jelzin den Befehl zum Beschuß des Weißen Hauses erteilt. Hunderte sterben, Tausende werden verwundet. Ein demokratisch gewählter Präsident wählt den Brudermord. Panzer zielen auf einen Mann, den Jelzin sich einst zu seinem Vizepräsidenten auserkor. Alexander Ruzkoi in der Falle der Macht.

Ruzkoi: "Hier hat man mit Kanonen geschossen. Gehen Sie in den anderen Saal. Die Verwundeten haben wir von dort weggeschafft." - Frau: "Ich habe Ihnen Journalisten gebracht, Franzosen..." - Ruzkoi: "Filmen Sie den Saal dort..." - Frau: "...die anderen wollten nicht, nur diese vier, jetzt können Sie ihnen alles sagen." - Ruzkoi: "Sie behaupten, ich hätte geschossen, hier, ich zeige Ihnen meine Maschinenpistole, sie ist noch geölt."

Die Leichen werden vor Jelzins Tür liegen bleiben. In dieser Schicksalsstunde ruft auch Ruzkoi nach mehr: "Wenn mich Flieger hören sollten, startet eure Kampfflugzeuge. Wenn mich Flieger hören sollten, startet eure Maschinen."

Rußland sieht die Bilder der ausländischen TV-Stationen und ist zutiefst gespalten. Wenige Stunden zuvor noch waren junge Milizionäre auf Ruzkois Seite gewechselt. Jetzt rasten Ärzte, die das Blutvergießen erlebten, aus. Sie vergessen, daß sie die Verteidiger des rechtmäßigen russischen Parlaments schlagen. Im Augenblick seiner Gefangennahme ist Ruzkoi nach legalen Maßstäben Rußlands Präsident. Niemand bezweifelt heute, daß Boris Jelzin mit seinem Ukas vom 21. September 1993 zur Auflösung des Parlaments die damals geltende Verfassung brach.

Ein Jahr nach den Oktober-Ereignissen sieht es so aus, als sei der Bruderkampf völlig umsonst gewesen. Längst hat das neu gewählte russische Parlament alle amnestiert, die nach dem Sturm auf das Weiße Haus in Gefängnissen saßen. Unter dem Schutz der Regeln eines neuen Rechtsstaats, so scheint es, beginnt auch ein neues Kapitel im Leben des Alexander Ruzkoi. Ein Appartmenthaus für Prominente. Hier hat die Jelzin-Regierung für Ruzkoi, als er noch im Gefängnis saß, eine Wohnung freigemacht.

Es ist ein goldener Käfig. KGB-Posten umgeben das Haus. Die Wohnung unterliegt einem permanentem Lauschangriff. Besucher werden erfaßt und beschattet. Alexander Ruzkoi nimmt die Überwachung in Kauf. - Der Preis für eine Zeit zum Nachdenken vor dem nächsten Sturm. Ruzkoi: "Was alles über mich in der Presse geschrieben wurde. Ich sei Gegner der Martkwirtschaft, ich verstünde überhaupt nichts von der Ökonomie. Die Militärs seien alle dämlich. Militärs dürften nicht in die Politik. Das ist doch eine reine Beleidigung. Weil, wenn man recht bedenkt, inwiefern ist ein Flugingenieur wie ich schlechter als ein Bauingenieur wie Boris Jelzin. Ist etwa mein Bildungsniveau niedriger? Ich sage Ihnen, daß das Bildungsniveau der Militärs wesentlich höher ist. Weil, um die Stufe des stellvertretenden Oberbefehlshabers der Luftstreitkäfte zu erreichen, muß man eine Flugingenieurschule, die Akademie der Luftstreitkräfte und die Akademie des Generalstabs absolvieren. Während die Hochschule Fachkenntnisse im Bereich der Militär-Luftfahrt vermittelt und man zum Militärflugingenieur ausgebildet wird, erhält man an der Akademie spezielle Kenntnisse im administrativen Bereich. Diese werden dann an der Generalstabs-Akademie vertieft. Dort lernt man, wie riesige Menschenmassen, insbesondere im Krieg, zu leiten sind. Und diese Kenntnisse kann man leicht aufs zivile Leben übertragen. Man kann ein genauso guter Politiker sein wie der Bauingenieur."

Der Vize-Oberbefehlshaber der Luftstreitkräfte in Afghanistan flog selbst über 500 Einsätze, wurde abgeschossen, gefangengenommen, ausgetauscht: "Ich will dazu nur sagen, daß auf meinem Gewissen keine einzige Bombe lastet, die auf ein Kischlak, ein Dorf abgeworfen worden wäre. Das habe ich nie getan." Er kehrt zurück als ein geläuterter 'Held der Sowjetunion'. "Ich kenne da ja alle. Rabani kenne ich, Hekmatjar, Schah Achmadsud - sie alle kenne ich. Und sehen Sie nur, was da vor sich geht. Ich sage ihnen, wenn die Sowjetunion sich nicht eingemischt hätte, wäre das heute dort nicht so. Sie hätten das längst geklärt. Schon lange. Wenn ein Staat zum Schuldigen für die Tragödie eines Volkes wird: das ist schwer, das zu begreifen, und zwar nicht nur in politischer Hinsicht, sondern auch in menschlicher. So etwas darf man nicht tun. Man darf sich nicht in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates einmischen. Das geht nicht."

1989 entläßt das gescheiterte Abenteuer am Hindukusch ambitionierte Generäle in die Politik. Im Juni 91 bewirbt sich Oberbefehlshaber Gromow, an der Seite Ryschkows, um das Amt des russischen Vizepräsidenten. Das Rennen aber machen Jelzin und ein Afghanistan-Oberst namens Ruzkoi: "Im Prinzip ist es doch so, daß alles, was auf der Welt passiert, von den Politikern abhängt. Und ich bin der tiefen Überzeugung, daß Politik von Leuten mit sauberen Händen gemacht werden muß. Dann wird es auch keine schmutzige Politik sein. Saubere Hände."

21. August 1991. Im Weißen Haus verschanzen sich Rußlands Parlament und Regierung. Ein Putsch ist im Gange. Im Kreml verkündet eine Junta von Betonköpfen die Absetzung Michail Gorbatschows, des Präsidenten der noch bestehenden Sowjetunion. Rußlands Präsident Jelzin organisiert den Widerstand. Sein junger Vizepräsident, Alexander Ruzkoi, hält die Reformkommunisten bei der Stange. Und Ruzkoi ist es auch, der während dramatischer Nachtstunden KGB-Divisionen und desorientierte Panzereinheiten zum kampflosen Abrücken aus der Hauptstadt bewegt. Am nächsten Tag fliegt Ruzkoi auf die Krim. In einer Blitz-Aktion befreit er den internierten Gorbatschow aus dessen Residenz in Foros. Ein Hollywood-Studio will die Filmrechte kaufen.

Auch Boris Jelzin schwingt sich zu filmreifen Leistungen auf. Mit großem Geschick beginnt der einstige hohe kommunistische Parteifunktionär, den Veränderungswillen der Bevölkerung und westliche Destabilisierungsinteressen miteinander in Einklang zu bringen. Noch ist Ruzkoi blind dabei.

Ruzkoi: "Sehen Sie, die Lage hatte sich doch normal entwickelt. Wir fingen an, eine gemeinsame Sprache zu finden. Doch als Jelzin, Krawtschuk und Schuschkewitsch den Vertrag über die GUS unterzeichneten, war das nichts anderes als ein Verbrechen am Volk. Das war Verrat, das war eine Verletzung des Paragraphen 64 der Verfassung. Sie haben die Sowjetunion zerstört. Und Gorbatschow mit seinem schwachen Willen konnte sich nicht durchsetzen und es verhindern."

Rußlands Vizepräsident ist der erste Politiker, der die Spitze der politischen Pyramide erreicht hat, ohne vorher Mitglied der Nomenklatura gewesen zu sein. Ruzkoi genießt seine Rolle. Doch was er, als Vorsitzender einer Korruptionskommission, über die Machenschaften der radikalen Reformer und ihrer amerikanischen Berater erfährt, macht ihn zum erbitterten Kritiker und Herausforderer Jelzins.

Dem unbequemen Höhenflieger wird ein Höllenkommando übertragen: die Reform der russischen Landwirtschaft. Bis heute bewahrt er die Modelle landwirtschaftlicher Musterbetriebe auf, die er damals als Vizepräsident eigenhändig bastelte.

Das Zentrum Moskaus ist klein, zu klein für die verfeindeten Gruppen und Fraktionen der alten Nomenklatura. Sie sind in die Rolle von Demokraten, Konservativen, Nationalisten oder Reformkommunisten geschlüpft. Doch ihre Frauen kaufen allesamt bei Valentin Yudashkin, dem berühmtesten Modeschöpfer Moskaus. Alle gegen alle - für den Erhalt gemeinsamer Privilegien. Hier, im Mai 94, begegnen wir bei dem Modepapst, der von Politik nichts wissen will, Ruzkoi's Ehefrau Ludmilla Ruzkaya.

Ruzkaya: "Ich bin die Direktorin dieser Firma. Mir gefällt diese Arbeit sehr. Ich arbeite jetzt das dritte Jahr hier. Praktisch im gleichen Augenblick, als mein Mann Vizepräsident wurde, habe ich meine alte Arbeit aufgegeben. Aber die Frau des Vizepräsidenten, des ehemaligen Vizepräsidenten, sollte doch auch einer Beschäftigung nachgehen. Und da habe ich mir das Beste und Schönste für eine Frau ausgesucht. Ich hatte den Wunsch, daß unsere Frauen hübscher aussehen, nicht nur im Gesicht, sondern auch mit ihrer Kleidung."

September 93. Wieder, wie zwei Jahre zuvor, hat sich im Weißen Haus das russische Parlament verschanzt. Doch diesmal sitzt Boris Jelzin im Kreml. Er putscht. Gegen widerborstige Verfassungsorgane: gegen Parlament, Vizepräsident, Parlamentspräsident und Verfassungsgericht. Und Bill Clinton in Washington ist es, der Boris Jelzin signalisiert: grünes Licht für 'resolute Maßnahmen auch unter Umgehung der Verfassung'.

Der Oberste Sowjet und der Kongreß der Volksdeputierten tagen in Permanenz. Sie haben sich der neuen Zeit nicht verschlossen. Doch ihre Legitimationsbasis stammt aus der Zeit der alten Sowjetunion. Viele Abgeordnete sind weggeblieben. Alexander Ruzkoi ist zum amtierenden Präsidenten ausgerufen worden. Jelzin gilt als abgesetzt. Denn die Verfassung verlangt, daß der Präsident automatisch sein Amt verliert, wenn er ein Verfassungsorgan aufzulösen versucht. Ein Teil der Strom- und Telefonleitungen ins Weiße Haus ist schon gekappt. Der Belagerungszustand beginnt, eine Belagerungsmentalität zu erzeugen.

Ruzkoi: "Glauben Sie, bei Ihnen in den USA wäre so etwas möglich? Stellen Sie sich vor, Ihr Präsident würde einfach so die Verfassung außer Kraft setzen oder den Kongreß durch Polizei absperren lassen. Wäre das bei Ihnen möglich? Warum unterstützt Clinton dann diejenigen, welche die Verfassung mit Füßen treten, sie in den Papierkorb werfen und das Parlament mit Ommon-Einheiten und Militär umzingeln lassen? Warum unterstützt Clinton solche Menschen? Ich wünsche Ihnen, daß bei Ihnen das gleiche geschieht."

Ein Ballett der Belagerung hat begonnen. In diesen Stunden spüren alle Beobachter der Geschehnisse innerhalb und um das Weiße Haus, daß da draußen erfahrene psychologische Krieger ins Spiel gekommen sind. Und Ruzkoi zeigt Wirkung: "Meine Absicht als rechtmäßiger Präsident ist es, einen Zusammenstoß zu verhindern. Ich möchte die Bevölkerung bitten, auf die Provokationen nicht zu reagieren. Man versucht nur zu provozieren. Das was am Hauptquartier der GUS-Streitkräfte geschah, war doch reine Provokation, reine Provokation."

Während sich im Zentrum Moskaus eines der dramatischsten Ereignisse der russischen Geschichte entfaltet, herrscht im weiten, riesigen Rußland apathische Ruhe, unterbrochen von gezielten Desinformationen. Am Stadtrand Moskaus treffen wir im Sommer 94 auf den Historiker Roy Medwedew, einst prominenter Dissident, jetzt Ruzkois Biograph: "Ruzkoi ist ein sehr direkter, ehrlicher, offener Mensch, er ist nicht käuflich. Seine Moralauffassung gefällt mir. Ich habe mich mehrmals mit ihm getroffen. Er wurde damals von den Jelzin-Demokraten schnell enttäuscht und fing schon 1992 an, gegen Jelzins und Gaidars Politik zu protestieren. Es kam zu dem bekannten Konflikt zwischen Präsident und Vizepräsident. Dieser Konflikt hat Ruzkoi sehr zugesetzt, denn er ist zwar ein ehrlicher, guter Mensch, aber kein geschickter Politiker. In den entscheidenden Tagen, am 3. und 4. Oktober, hat Ruzkoi meiner Meinung nach einen sehr großen politischen Fehler begangen: er nahm die Unterstützung der extrem radikalen Kräfte des linken Lagers an, der Anpilows und Barkaschofs. Solche Menschen können in Rußland nichts Gutes schaffen. Mit diesen Menschen will ich nichts zu tun haben, obgleich ich im Vorstand der Sozialistischen Partei bin. Wir arbeiten mit der kommunistischen Partei von Sjuganow zusammen, aber nicht mit den extrem radikalen Revanchisten, die das alte totalitäre Regime wieder einführen wollen. Ruzkoi bekam eben keine Unterstützung aus der Masse der Bevölkerung und griff auf diese radikalen Gruppen zurück. Diese Provokation wiederum beschleunigte die Ereignisse."

Die Volksdeputierten können nach eigenen Angaben und nach Lagebewertungen westlicher Nachrichtendienste allenfalls 1000 Verteidiger des Weißen Hauses aufbieten. Alexander Ruzkoi, der erfahrene Offizier, muß wissen, daß er keine militärische Chance gegen Jelzin hat. Jelzin stützt sich auf die ehemalige KGB-Division Felix Dscherschinski und andere Elitedivisionen - insgesamt etwa 60 000 Mann.

Was war in Ruzkoi gefahren? Ihn bewegte nicht nur die Hoffnung auf den zündenden politischen Funken. Ruzkoi begann sich damals tatsächlich in einen Militär zurückzuverwandeln. Und im Gefängnis wird er sich verpuppen. Verlassen wird er es als Schmetterling, in der Gestalt eines vollbärtigen, fast mythischen Helden der Sowjetunion. Und nur in dieser Maske wird er bereit sein, über die Oktober-Ereignisse zu reflektieren: "Ich bin inzwischen hundertprozentig sicher: selbst wenn wir das Weiße Haus verlassen hätten, es wäre dennoch Blut geflossen. Denn jede Revolution, vor allem aber diese bürgerlich-kriminelle Revolution, muß blutig enden. Entweder offenes Blutvergießen. Oder eine politische Verfolgung und Tötung. Heute gibt es das eine und das andere, und mehr. Also: es wäre in jedem Fall Blut geflossen. Aber: wären wir gegangen, wir hätten auf lange Zeit Ehre und Würde der Nation verletzt."

Der 9.Mai ist seit Stalins Zeiten der Tag des Sieges. Im Jahre 1994 ist es der Tag der Opposition gegen Jelzin. An manchen der Demonstranten hängt Stalins Tradition wie in Fetzen herab. Doch hunderttausend werden es schließlich sein. Sie lernen langsam.

Kommandant: "Ihr seid aus der DDR? Ich meine, aus Deutschland?" - Dieser Kämpfer hatte Ruzkoi einst vor dem Weißen Haus seine Truppe zugeführt. Im Mai 94 ist er wieder dabei. - "Ich bin Kommandeur des ersten Moskauer Freicorps-Regiments für Sonderaufgaben. Ich war bei den Oktober-Ereignissen dabei, habe den Obersten Sowjet verteidigt. Mit diesem Genossen hier und anderen sind wir als letzte, unter Beschuß, aus dem brennenden Gebäude rausgekommen."

Viele politische Freunde Alexander Ruzkois, gerade die engsten, würden sich hier nicht sehen lassen. Für ihn aber ist es nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis das erste Bad in der Menge: ein Test der Akzeptanz.

"Meine Einstellung zu Ruzkoi ist fast genauso negativ wie zu Jelzin", sagt 'Sagé' Umalatowa, eine bekannte Altkommunistin. "Ruzkoi hat bei der Zersetzung unseres Staates aktiv mitgewirkt. Hätte Gorbatschow von Jelzin, Ruzkoi und anderen Wendehälsen keine Unterstützung bekommen, befänden wir uns heute nicht in dieser Situation. Ich betrachte Ruzkoi auf keinen Fall als den künftigen Präsidenten des Landes."

Als junge Männer haben die alten Generäle die Nazi-Armeen besiegt. Dann halfen sie ein Sechstel der Erde beherrschen. Zur Abschreckung taugen sie jetzt nicht mehr. Doch sie sind zornig, wie überflüssige Militärs überall.

Der einflußreiche Chef der Reformkommunisten, Genadi Sjuganow, sagt: "Ruzkoi hat Jelzin seinerzeit geholfen, an die Macht zu kommen. Jetzt hat er erkannt, daß diese Macht kriminell ist. Und insofern er die Idee der Vereinigung aller patriotischen Kräfte vertritt, unterstützen wir diese Position. Das ist im Moment am wichtigsten. Nur gemeinsam kann man das Land retten und statt Bürgerkrieg Bürgerfrieden stiften."

So ziehen sie am 9. Mai 94 los, die Umalatowa und ihr ungeliebter Bündnispartner, um es Jelzin heimzuzahlen. Ein halbes Jahr zuvor schürte Jelzin kräftig das Feuer. Am 3.Oktober 1993 begann die blutige Endphase einer Verfassungsänderung. Um die Mittagszeit lief eine Pro-Ruzkoi-Demonstration vor dem Stadtsowjet aus dem Ruder. Es roch nach Provokation. Tausende von Menschen brachen durch zum Weißen Haus.

Ruzkoi: "Auslöser für meinen Aufruf zum Sturm auf das Fernsehzentrum war folgendes: Die Fenster meines Arbeitszimmers liegen hin zum Platz des Stadtsowjets. Als vom Dach der Stadtrats einzelne Schüsse fielen, begriff ich zunächst nicht, woher sie kamen. Als dann aber automatische Waffen feuerten und vor meinen Augen Menschen umfielen...wissen Sie, ich weiß nicht, was da mit mir geschah. Es vollzog sich ein innerer psychischer Bruch. Den Verantwortlichen das, was sie da taten, zu verzeihen; ihnen zu erlauben, mit Hilfe der Massenmedien wieder zu spotten, die Bevölkerung zu belügen und Informationen zu verfälschen, das konnte ich nicht zulassen."

Aus Ruzkoi brach der Militärmensch hervor. Jetzt schien es ums Ganze zu gehen. Dazu gehörte der bewaffnete Kampf um die Köpfe. Das Jelzin-Fernsehen am anderen Ende der Stadt hatte unerträglich gelogen. Es blieb wohl nur der Sturm.

Die Bemühungen der aufgeputschten Menge um den Zugriff aufs Fernsehen nehmen an Heftigkeit zu. Dann wird geschossen. Von der Seite greifen Elitetruppen des Innenministeriums an. Dutzende von Demonstranten, Marodeuren, Journalisten und Gaffern bleiben auf der Strecke. Es ist eine Falle und eine Entladung.

Ruzkoi: "Ich sagen Ihnen, wenn man den Inhalt der Bänder mit den Funksprüchen erfahren wird, werden der Weltöffentlichkeit die Haare zu Berge stehen darüber, wer damals das Kommando gegeben hat, Menschen zu erschießen. Es gibt dort schreckliche Kommandos. Und es gibt Funkaufrufe von Ruzkoi, in denen ich zunächst bitte, flehe, fordere, das Feuer auf die Menschen in Ostánkino einzustellen. Ich hatte damals eine starke Funkstation und gute Verbindung zu den Einheiten in Ostánkino. Es gab aber direkte Befehle, Menschen zu vernichten, zu vernichten."

Ilja Konstantinow, Volksdeputierter, kommentiert das Geschehen am Fernsehzentrum Ostánkino: "Na, dieser Kampf da, der findet statt zwischen den Verteidigern der verfassungsmäßigen Ordnung, die dem Obersten Sowjet und Ruzkoi unterstehen, und den Sondereinheiten, welche die Befehle des Innenministers Jerin ausführen."

Der Einschlag der 125-Millimeter-Panzergranate macht aus Rußland eine Bananenrepublik.

Jelzin wird vom Hubschrauber zwischen Datscha und Kreml hin und her getragen. Zaudernd schiebt er seinen Beratern die Verantwortung in die Schuh. Doch alles war von langer Hand vorbereitet.

Ruzkoi: "Jelzin hatte alles fest in der Faust. Aus allen Ämtern und aus der Armee wurden Andersdenkende entlassen. Das ist Jelzin's Demokratie: eine bolschewistische Demokratie. Es gab eine Diktatur: eine kommunistische Diktatur, und es gibt sie heute noch genauso. Wie früher, versuchen sie alles an sich zu reißen. Sie haben eine ungeheure Erfahrung im Menschenvernichten, eine immense Erfahrung, angefangen mit der Meuterei in Kronstadt, eine ungeheure Erfahrung. Und das, was vor dem Weißen Haus geschah, war einfach eine bolschewistische Hinrichtung von Andersdenkenden. Nicht die, die getötet wurden, waren rot-braun; sondern diejenigen, die geschossen haben. Das ist Faschismus, reinster Faschismus gegen das eigene Volk."

Junger Soldat mit Molotow-Cocktail: "Hat jemand Streichhölzer?" - Jugendliche: "Los, schnell, er lebt noch. - Da hinten liegen noch zwei andere." - Wer hier am Weißen Haus gegen wen kämpft, wird niemals ganz klar.

Am Nachmittag des 4. Oktober kündigt sich das Ende an. "Bist Du Ruzkoi?", fragen die Menschen einen flüchtenden Mann; der grinst hilflos: "Na klar, ich bin Ruzkoi." - Soldaten schreien: "Los zurück, aber schnell. Was heißt hier nein. Zurück!" - Eine Gruppe gefangener Ruzkoi-Anhänger geht in Deckung.

Eine Frau: "Sie sind Ausländer? Könnten Sie bitte aufschreiben, was ich Ihnen jetzt sage. Ich war gerade im Weißen Haus und habe mit Makaschow und Ruzkoi gesprochen. Sie haben gesagt, sie wollen sich ergeben. Aber man soll zu ihnen kommen. Ausländische und unsere Korrespondenten, damit alles friedlich abläuft, ohne Schießerei und Blutvergießen."

Frau, den Weg ins Weiße Haus bahnend: "Das sind Ausländer, Journalisten." - Ruzkoi's Leibwächter: "Wohin, wohin?" - Frau: "Ruzkoi bat darum, sie zu ihm zu bringen. Er möchte sich ergeben."

Im Niemandsland des Weißen Hauses hat sich die Macht nie festsetzen können. Einst hatte Jelzin von hier aus Gorbatschow ausmanövriert. Doch dann zog er um in den Kreml. Auch Ruzkoi bleibt jetzt nur der Auszug.

Ruzkoi: "Es gibt einen Befehl von Innenminister Jerin, alle wichtigen Personen nicht festzunehmen, sondern auf der Stelle zu erschießen. Denn er weiß, daß sie Bänder mit dem Funkverkehr besitzen und wichtige Zeugen wären. Deshalb kann ich dieses Gebäude - mit mir sind meine beiden Brüder, wenn man uns erschießt, wird meine Mutter niemanden mehr haben - nur verlassen, wenn Ihre Botschaft, die französische oder irgendeine Botschaft, uns und unseren Leibwächtern Schutz gewährt. Ich möchte, daß die ganze Welt die Wahrheit über die Ereignisse in Rußland erfährt."

Der Kampf ist vorbei. An einigen Stellen ist der Boden glitschig von Blut. Die Leichen türmen sich anderswo. Auch im unterirdischen Katakomben-Netz, das bis zum Kreml reicht. Eine nationale Tragödie mit wenigen Akteuren und vielen Zuschauern.

Die Menschen wären gekommen, sagt Ruzkoi: "Wenn die Intellektuellen, die sogenannte Intelligenzija, sich anders verhalten hätten, wäre das alles nicht passiert. An dieser Tragödie ist doch nicht Jelzin alleine schuld, nicht nur Jelzin, nicht nur Tschernomyrdin, die Regierung oder dieser Kreis. Schuld sind auch die schweigende Zustimmung und die unmoralischen Aufrufe der sogenannten russischen Intelligenz, mit dem 'roten Natterngezücht' abzurechnen."

Nach den Oktober-Ereignissen läßt der fromme Boris Jelzin innerhalb weniger Monate am Roten Platz neben dem privatisierten Kaufhaus GUM ein Kirchlein aus dem Boden stampfen. - Ein Dankopfer für die Errettung aus großer Not. Doch die Kirche ist unbestechlich, bedeutet uns Vater Maxim: "Ich glaube, es ist nicht richtig zu sagen, daß die Kirche eine bestimmte Position einnimmt - entweder für die Regierung oder für die Kräfte, die man heute als Opposition bezeichnet. Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen: die Kirche habe Ruzkoi verflucht. Wenn sie den Bannfluch meinen, der von der Synode und vom Patriarchen vor den bekannten Ereignissen ausgesprochen wurde, so hieß es da: wer als erster das Blut Unschuldiger vergießt. Ich glaube, diejenigen, die das getan haben, werden schon wissen, daß sich das auf sie bezieht."

Februar 94. Amnestierung der Oktober-Gefangenen durch das neue Parlament. Generalmajor Ruzkoi ist frei. Die neue Verfassung bereitet den Boden für einen Rechtsstaat, der auch Gestalten aus der russischen Mythologie schützt. Jelzins Versuche, Ruzkoi mit juristischen Tricks und unbewiesenen Korruptionsvorwürfen hinter Gittern zu halten, sind gescheitert. Doch auch für Ruzkoi tut sich eine Welt auf, die anders ist als noch vor sechs Monaten. Dünne Luft für Generäle. Ich bin auf eurer Seite gewesen und ich werde mit euch sein bis zum Schluß, verkündet er unsicher. Und: die Hauptsache sei jetzt, Ruhe zu bewahren. Ruzkoi selbst hat Ruhe nötig. Er will nachdenken. Sich zurechtfinden in dieser seltsamen, steilen Karriere zwischen Bürger und General.

Doch die Wahlen haben dem Bürgergeneral einen egozentrischen Konkurrenten beschert, Wladimir Schirinowski: "Wir haben unser Versprechen gehalten. Wir haben im Fernsehen gesagt: 'Wir werden sie befreien. Ihr verhaftet sie, wir werden sie befreien.' Und wir haben sie befreit. Nicht alle wollten abstimmen, aber wir haben die ganze Duma gezwungen."

'Ruzkoi, Präsident' ruft die Menge. Die Vermutung steht, daß Alexander Ruzkoi es nicht unter dem Präsidentenamt machen wird. Daß er zwar nachdenken wird, aber nicht über das Ziel, sondern nur über den Weg.

Der Politiker muß saubere Hände haben, hat er gesagt, dann bleibt auch die Politik sauber. Politik bedeutete für Ruzkoi bis jetzt: die Rettung Rußlands, nach Möglichkeit in den Grenzen der alten Sowjetunion. Doch für den lernbegierigen Generalstäbler, den autoritären Chef, den guten Freund, ist offensichtlich der dringende Wunsch hinzugekommen, in den Kreis der globalen politischen Klasse, der weltgewandten sozialen und liberalen und nicht ganz so liberalen und auch der eher christlichen Demokraten aufgenommen zu werden. Er ist ja schon ein bißchen in der Welt herumgekommen, damals, als russischer Vizepräsident. Und er schätzt Manfred Stolpe und Helmut Kohl und ein paar andere väterliche Freunde.

März 94. Ein Höhepunkt im neuen Leben des Alexander Ruzkoi. Der todkranke Richard Nixon stattet ihm einen demonstrativen Besuch ab. Jelzin tobt. Doch Amerika versteht es, seine Netze zu knüpfen. Ruzkoi: "Der Besuch von Nixon kam für mich völlig unerwartet. Man hat mich angerufen und gesagt, daß Nixon sich mit mir treffen wollte. Ich war mit diesem Menschen schon seit langem bekannt. Ja, man kann sagen, seit langem. Wir haben uns im Jahre 1991 kennengelernt. Ich habe stets Sympathie für diesen Menschen empfunden. Weil er mit mir immer aufrichtig war. Schon beim ersten Mal, als wir uns gerade kennengelernt hatten, verabredeten wir, in Kontakt zu bleiben. Er war älter und erfahrener als ich. Ich dagegen hatte damals mein politisches Leben erst begonnen. Und deswegen sagte ich ihm: ich werde aufrichtig mit Ihnen sprechen und bitte, daß Sie auch mit mir aufrichtig sind."

'Laßt uns Sibirien kaufen!' verkündet ein amerikanisches Lifestyle-Magazin. Ruzkoi reagiert souverän. Auf der Karte, die Sibirien in sieben neue US-Bundesstaaten aufteilt, habe man sich ja auch gleich die Kurilen einverleibt. Die aber seien doch japanisch. Ein peinlicher Lapsus des Yankee-Imperialismus.

Ruzkoi: "Mein neues Buch wird manchen ernüchtern. Es zeigt, wohin das alles führt. Ich bin nicht gegen die Amerikaner, Gott behüte. Wenn sie gute Beziehungen zu uns haben wollen - bitte sehr. Aber so eine Einstellung wie da in dem Magazin darf man ja wohl nicht haben. Solche Karten herstellen und drucken - das ist doch eine Umverschämtheit. Aber macht nichts. Ich sage Ihnen, das ist eine vorübergehende Erscheinung. Die Menschen werden das begreifen. Ich bin überzeugt, daß wir den fünfzigsten Jahrestag des Sieges bereits unter völlig anderen Umständen feiern werden. So etwas kann man einfach nicht verzeihen. Einige fragen, warum man die Jelzin-Leute nicht vor Gericht stellt. Ach nein, man soll sie einfach in ein Flugzeug setzen und dann können sie hinfliegen, wohin sie wollen."

Ruzkoi steht für den Aufruf einer 'sozial-patriotischen' Sammlungsbewegung namens 'DERSCHAWA'. Das heißt so viel wie Macht, Staatsmacht, Großmacht. Ein Appell an das Bewußtsein und an das Gefühl, noch immer eine mächtige, unbesiegbare Nation zu sein. Ziel ist die Wiedergeburt Rußlands in den Grenzen der Sowjetunion auf der Grundlage eines Volksentscheids.

Ruzkoi: "Das muß gelöst werden: das Nahrungsmittelproblem und das Wohnungsproblem. Wie wir in Rußland leben. Sie sind doch wahrscheinlich schon herumgeflogen. Riesige Gebiete voller Wald, Wald, Wald. Holz haben wir, Marmor haben wir, Granit haben wir, Glas haben wir, Ton haben wir, Zement haben wir. Alles ist da, nur Wohnraum nicht. Da fragt man doch, wieso. Also laßt uns dieses Problem in Angriff nehmen. Und es wird gelöst. Dann die Versorgung mit Medikamenten. Wir haben viele Kranke. Fünfunddreißig Prozent der Bevölkerung lebt in ökologischen Gefahrenzonen. Und dann das Wichtigste, die Ökologie. Denn die Gesellschaft braucht eine gesunde Nation, und wenn die Menschen nicht gesund sind, wie soll da die Nation gesund sein? Was kann ein kranker Mensch schon produzieren? Das sind die vier elementaren Probleme, die gelöst werden müssen, und wir haben kolossal gute Möglichkeiten, sie zu lösen. Und zwar nicht, indem wir betteln und um Kredite bitten. Wir haben ja alles. Und später, wenn die Leute sehen, daß bei uns echte Reformen durchgeführt werden, daß sich etwas verändert und daß wir zum Marktsystem übergehen, dann wird es auch Investitionen aus dem Ausland geben. Warum sollte zum Beispiel ein Unternehmer aus Deutschland bei uns nicht tätig werden können? Wenn die Lage stabil ist und er sich nicht fürchten muß, wird er gerne investieren."

Einen Steinwurf vom Kreml entfernt steht das Gosplan-Gebäude, in stalinistischer Zeit Sitz der Zentralplanungsbehörden. Hier hat die Staatsduma, das neue, demokratisch gewählte Parlament, mit Ach und Krach eine Bleibe gefunden. Jelzin hätte die Duma am liebsten in irgendwelche zaristischen Prachtbauten am Stadtrand verbannt. Am 12. Mai 94 ist Einzug. Der Papierkrieg kann beginnen.

Im weißgeschminkten Weißen Haus dagegen beginnen präsidiale Behörden zu arbeiten. Der russische Philosophieprofessor Jan Vogeler ist Sohn des Worpsweder Jugendstilmalers Heinrich Vogeler. Heinrich lief 1920 zu den Kommunisten über. Jan ist eher für Ruzkoi. Jan Vogeler: "Diesen Menschen müssen wir helfen zu der Erkenntnis zu kommen, daß ohne ein Rechtsbewußtsein und ohne einen Rechtsstaat, ohne eine Entwicklung des gesamten Zivilrechts, Öffentlichen Rechts, Arbeitsrechts, Finanzrechts und so weiter wir nicht weiterkommen. Das ist eine Diktatur, die weitermacht, so wie es hier mit dem Weißen Haus geschehen ist: was sie will, das macht sie. Das Gesetz ist der Wille des Präsidenten oder seiner Mitarbeiter zum Gesetz erhoben, und weiter nichts."

Die Stellung des Parlaments ist schwach, die Stellung des Präsidenten ist stark. Kein Wunder, daß auch die Gegner des Präsidenten nach starken Männern Ausschau halten. Die Massen haben Wladimir Schirinowski wahrgenommen und ihm ein Mandat verpaßt. Ein hastiges Interview: "Ja, was gibt's?" - Halten Sie Jelzin für einen Mann, der die Interessen Rußlands gut vertritt? - "Ja, warum denn nicht? Er ist schließlich das Staatsoberhaupt, bislang jedenfalls. Da soll er doch ruhig vertreten."- Wo waren Sie am neunten Mai? - Ich war in Belgrad. Hunderttausend Serben haben sich versammelt, um mich zu hören und zu sehen." - Was halten Sie von Ruzkoi? - "Negativ!" - Gefällt Ihnen dieses Gebäude? - "Nein, überhaupt nicht." - Die Arbeitsbedingungen? - "Schlecht, ganz schlecht."

Schirinowski und Ruzkoi sind Antipoden mit ähnlicher Klientel. Doch der Soldat schreibt an seinem dritten Buch. Er will auch die Intellektuellen.

Ruzkoi: "Im meinem Buch 'Gedanken über Rußland' zeige ich klar und deutlich meine Position auf, erzähle, wieso mein Widerstand gewachsen ist, nenne Zahlen, Fakten. Und dann gibt es noch einen kurzen biographischen Abriß, könnte man sagen. Meinen Lebenslauf." - "Meine Mutter - ich war noch klein. Mein Vater, die Großmutter, der Großvater. Hier sind mein Vater mit einundzwanzig Jahren und ich mit einundzwanzig. Da war ich Soldat. Und da ist mein Vater kurz vor seinem Tod. Ein Kriegsteilnehmer, Panzeroffizier. Das ist unsere ganze Familie. Hier bin ich, der Älteste. Ich war noch klein, das war 1961. Das ist Mischa, mein jüngster Bruder, und da ist Wolodja, der mittlere - übrigens, er dient noch in Deutschland, in Wünstorf. Hier ist sozusagen mein Leben. Die Leute denken sich allen möglichen Mist über mich aus, und deshalb das hier." - "Übrigens, jetzt haben sie damit aufgehört. Früher hieß es, der Ruzkoi, der hat dies oder jenes gesagt oder geschrieben. Jetzt hört das auf. Warum? Weil es jetzt dieses Buch gibt. Da kann ich jederzeit drauf verweisen: wo ich was gesagt habe, wo was geschrieben steht. Sie entstellen doch sonst alles. Das machen sie absichtlich. Um die Gesellschaft gegen einen aufzubringen - die Weltöffentlichkeit. So haben sie aus mir einen Gegner der Marktwirtschaft gemacht, einen Anti-Reformer. Das ist doch Unsinn."

Am Abend des 12. Mai versammelt sich das Lager der Opposition zum Auftakt für einen heißen Herbst. Ruzkoi vor den Mikrophonen: "Die Opposition hat ein Ziel: den Tag des Sieges im Jahre 1995 ohne das volksfeindliche Regime zu feiern." Ruzkoi hatte erst gezögert, ob er kommen sollte, doch als Schirinowski fehlte, war er da. Auf solchen Podien kann man sich nicht aussuchen, wer neben einem sitzt oder steht. So ist auch der chauvinistische Ex-Generaloberst Albert Makaschow dabei, der die Sowjetherrschaft über Osteuropa restaurieren will. Unter den traditionellen Militär- und Industrie-Eliten, die im Hintergrund agieren, hat nur ein weltoffener Sozialpatriotismus à la Ruzkoi eine Chance. Ruzkoi mit Sjuganow und Makaschow, mit Nixon und Kohl und demnächst vielleicht mit Sozialdemokraten: wir werden uns an wechselnde Gruppenbilder auf dem westöstlichen Diwan gewöhnen müssen.

Alexander Ruzkoi ist nicht der schlechtesten einer. Wie wenige andere verkörpert er die Widersprüche seines Landes in einer Zeit der Transformationen. Bei einem Plebiszit unter regulären Bedingungen hätte Boris Jelzin gegen ihn keine Chance. Das berühmte Lied Bulat Okudjawa's vom kleinen Papiersoldaten, der sein Land vor Feuer retten will und dabei vergißt, daß er aus Papier besteht, untermalt eine der Wesensseiten dieses ungewöhnlichen Menschen. Doch der Siebenundvierzigjährige ist noch für Überraschungen gut.

 

 

SPIEGEL TV Reportage, Erstsendung am 13.9.94; die erweiterte Textfassung erschien in: Wolf R. Dombrowsky, Ursula Pasero (Hrsg.), Wissenschaft, Literatur, Katastrophe. Festschrift zum 60. Geburtstag von Lars Clausen, Opladen 1995
 
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