H.J.Krysmanski

Wissenschaftsnetze und mediale Massenkultur
Von der informationsgesellschaftlichen Dynamik des Kapitalismus

 

Der Kapitalismus, diese elastischste und anpassungsfähigste Produktionsweise der bisherigen Geschichte, hat seine Krisen zum einen durch territoriale Expansion der Märkte, hin zu einem 'transnationalen' Kapitalismus, bearbeitet. Zum anderen konnte er mithilfe der informationellen technologischen Revolution radikal neue Typen von Waren in die globalen Märkte pressen: die kommodifizierten Träume und Kulturinhalte der Menschheit. Der Begriff Informationsgesellschaft bezeichnet insofern den Kern der ökonomischen Dynamik des Spätkapitalismus - und auch die 'kulturelle Logik’ seiner Entwicklung.(1)

Am wichtigsten aber ist, daß in der Phase des informationellen oder transnationalen Kapitalismus die politischen Bewegungen und Formen des intellektuellen Widerstands oder auch nur des ‘Mitgestaltenwollens’ sich notwendigerweise von früheren Formen unterscheiden müssen. Die gesellschaftlichen Gegenbewegungen und Interessenvertretungen werden kultureller in ihrem Charakter sein und sich fundamental mit Phänomenen wie Verdinglichung und Konsumismus beschäftigen. "Die Tatsache", schreibt Fredric Jameson, "daß Kultur heute weitgehend kommerzialisiert ist, hat zur Konsequenz, daß das meiste von dem, was man gewöhnlich als spezifisch ökonomisch und kommerziell ansah, nun auch kulturell geworden ist".(2)

Darüber hinaus hat die Globalisierung und Informatisierung weitreichende Folgen für die politischen und ideologischen Möglichkeiten der Linken (wie übrigens der Wirtschaft und der Rechten auch): sie alle werden konfrontiert mit der Unmöglichkeit, daß irgendein regionales oder nationales Gebiet seine eigene Autonomie oder gar Subsistenz erreicht und sich vom Weltmarkt abkoppelt. Die 'Rettung der Utopie', die allmähliche Antizipation neuer Möglichkeiten ist nur denkbar und vor allem nur machbar, wenn wir “den Gedanken einer globalen Totalität festhalten oder - wie Hegel gesagt hätte - 'dem Negativen folgen' und so letztlich jenen Ort lebendig erhalten, von dem das - unverhoffte - Entstehen des Neuen erwartet werden kann."(3)

In den Wissenschaftsnetzen haben wir die globale Totalität der Wissenschaften in einer unter den neuen Bedingungen ‘handhabbaren’ Gestalt - im Guten wie im Schlechten - vor uns. Wir sollten diesem ganz spezifischen Globalisierungsvorgang, dem kommunikationstechnischen Universalwerden der Wissenschaften, dann auch, auf der Suche nach Utopien, folgen.

 

Die Veränderung der medialen Massenkultur durch die Netzgestalt des Wissens

Auf dem Internet bildet sich allmählich eine Netzgestalt der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und des Wissenschaftssystems insgesamt heraus. In manchen Fächern ist die Forschungskommunikation bereits signifikant in die Netze verlagert worden. Die Vermittlung standardisierten Wissens über die Netze und Ansätze 'netzgestützten Forschens und Lernens' machen schnelle Fortschritte. Schließlich gewinnt auf den Netzen neben der Darstellung von Forschungsergebnissen und Lernprozessen auch die Selbstdarstellung von einzelnen Wissenschaftlern, 'wissenschaftlichen Schulen' und ganzen Disziplinen immer mehr an Bedeutung und beginnt das öffentliche Bild von Wissenschaft zu prägen.

Auch in der medialen Massenkultur, zum Beispiel bei den Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Mediensystems, dämmert die Einsicht, daß auf den Netzen etwas passiert - auch wenn deren ursprünglicher Charakter, eben als Wissenschaftsnetz begonnen zu haben, kaum einkalkuliert wird. Fritz Pleitgen, Intendant des WDR, stellt sich schon auf eine Zeit ein, in welcher auch in der Massenkultur nur noch ‘Cyber-TV’, die Video-Version des Internet, interessiert.(4) Und es ist fraglos ein wichtiger Meilenstein, wenn das ZDF das globale Microsoft-Netzwerk künftig mit deutschsprachigen Programmen versorgt. Allerdings besteht bei vielen Medienvertretern keine zureichende Vorstellung von den Ausmaßen und der Bedeutung der Wissenschaftsnetze für die künftige Ausgestaltung der Informationsgesellschaft.

Pleitgen beispielsweise hebt zwar zu Recht hervor, daß der öffentlich-rechtliche Mediensektor “für eine Politik wirtschaftlicher und kultureller Stärke im europäischen Interesse” gegenüber Amerikas ‘Topspielern’ eine wichtige Funktion erfüllt. Doch wenn es um die inhaltliche Beschickung dieser ‘europäischen’ Medienbesonderheit geht, fällt Pleitgen nur die traditionelle Rolle der ARD als ‘Kulturfaktor und Mäzen’ ein. Doch eines ist klar: wenn die öffentlich-rechtlichen Medien sich unter den neuen Bedingungen neue Ideenquellen erschließen wollen, was Pleitgen ausdrücklich als Zukunftsaufgabe formuliert, so müssen sie auf das im weltweiten Maßstab außerordentlich dynamische inhaltliche, kulturelle Angebot der Wissenschaftsnetze zurückgreifen. Zumal heute die gesamte Branche in einem lange nicht gekannten Ausmaß auf der Suche nach ‘Ideenquellen’ ist.

In der Alltags- und Massenkultur der USA sind die Wissenschaften, die Universitäten und ihr Einzugsbereich längst auch als Ideenproduzenten für die Welt der Massenmedien erkannt und etabliert. Nicht zuletzt dieser Tatbestand macht die enorme, auch inhaltliche, Potenz des amerikanischen Medienangebots auf dem Weltmarkt aus.

So ergibt sich für die bundesrepublikanischen und europäischen Medien in ihrem Streben, auch global players zu werden, fast zwangsläufig die Notwendigkeit, nach Kooperations- und Bündnismöglichkeiten zwischen Mediensektor und Wissenschaftssystem zu suchen - auch wenn der Weg dorthin wegen eingefahrener Gewohn- und Borniertheiten nicht leicht sein dürfte.

 

Wissenschafts-Provider als Akteure des digitalen Sparten-Fernsehens?

Denn selbst in den etablierten Hochschul- und Bildungseinrichtungen der Bundesrepublik wird die ‘Netzgestalt von Wissenschaft’ mit ihren visuellen Qualitäten noch kaum als eine neue Basis für den Wissenstransfer in die öffentliche Massenkultur zur Kenntnis genommen.

Dabei wären die riesigen und zunehmend auch digitalisiert vorliegenden Bestände gerade auch an Videomaterial, die in den Labors, Datenbanken, Netzen usw. des Wissenschaftssystems schlummern und vor allem auch ständig neu produziert werden, auf dem Markt der ‘neuen Medien’ ein interessantes Angebot. Immerhin rangiert bei allen ‘Kundenbefragungen’ und auch bei maßgeblichen Zielgruppen etwa des Spartenfernsehens das Interesse an wissenschaftlichem Wissen sehr weit oben. Bislang allerdings ließen sich hochwertige und komplexe Kulturprodukte in den Medien kurzfristig meist schlecht und erst langfristig sehr gut verwerten. Außerdem hat sich in der Welt dessen, was man das massenmediale Kulturmäzenatentum nennen könnte, ein Profitsystem herausgebildet, an dem wenige Kulturgrößen luxuriös partizipieren, die Masse der Kulturproduzenten aber nicht.

Dies dürfte sich mit der ‘Computerproduktion’ nachhaltig ändern. Es wäre in einer solchen Situation schon spannend, einmal wissenschaftliche Netzakteure - man könnte sie ‘content-orientierte Netzmeister’(5) nennen - mit den Bedürfnissen der ‘Sendungsmacher’ im öffentlich-rechtlichen und auch im privaten Fernsehen vertraut zu machen - vor allem auch in Antizipation des digitalen Spartenfernsehens, das den Bedarf an neuem und kostengünstigem Sendematerial ohnehin stark steigern wird. Solche projektorientierten Konsultationen würden sehr schnell zeigen, daß gerade auch auf dem Feld popularisierter Wissenschaft neue Sendetypen - bis hin zur Möglichkeit eines ‘Science-MTV’ - gute Zukunftschancen haben.

Allerdings sind für inhaltliche Projekte dieser Art bislang relativ wenige Produzenten qualifiziert. Das liegt vor allem am Nichtvorhandensein eines Marktes für inhaltliche Transferleistungen aus den Wissenschaftsnetzen in die Massenmedien. Selbst die wenigen Produktionsstrukturen, die für eine solche Aufgabe zumindest disponiert sind, wie in der Bundesrepublik etwa Bertelsmann, machen ihr Geschäft lieber mit Dienstleistungen als mit ‘content’ - wobei der Mythos von den besonders hohen Kosten kulturvoller Produkte immer noch weiterwirkt. Aber schon Hochschulforschungsgruppen wie das CTL-Labor der Michigan State University, das sich seit längerem mit dem Transfer von populärwissenschaftlichen CD-ROM-Inhalten in die Netze usw. beschäftigt, zeigen da den Weg.(6)

Ein Problem des Wissenstransfers von den Netzen in die Massenmedien besteht - abgesehen von den gerade erst entstehenden adäquaten technischen Voraussetzungen - sicherlich darin, daß zwischen zwei Sphären transferiert wird, die dem Marktgeschehen auf unterschiedliche Weise gegenüberstehen. So gibt es wissenschaftliches Medienmaterial, dessen inhaltliche Struktur ‘marktgleichgültig’ ist, aber auch solches, das - häufig aber in recht dilettantischer Form - schon auf Vermarktung zielt. Ersteres liegt in unendlicher Vielfalt auf Datenträgern und in den Netzen, letzteres bietet sich oft schon in Gestalt von CD-ROMs dar.

Dabei muß berücksichtigt werden, daß in der medialen Kultur im wesentlichen zwei ‘Materialsorten’ kursieren, ‘Life-Material’, das typischerweise von ‘Kamerateams’ geliefert wird, und Dokumentationsmaterial, das typischerweise aus digitalisierten und nicht-digitalisierten ‘Archiven’ beschafft wird. Wissenschaftliche und kulturelle Sendungen haben im allgemeinen einen relativ hohen Anteil an derartigem Archivmaterial, das bislang oft auf sehr kostenintensive Weise beschafft werden mußte. Seit dieser Bereich einer schnellen Digitalisierung unterworfen ist, ändern sich die Dinge grundlegend. Doch in Wissenschafts- und Kulturredaktionen wird darauf noch zögerlich reagiert. Dabei wird diese Art von ‘video-on-demand’ - also das Produzieren ‘direkt’ aus vernetzten digitalen Archiven - seitens des Deutschen Forschungsnetzes durchaus vorbereitet.(7)

 

Zur Ästhetik des wissenschaftlichen Wissens in den Massenmedien

Noch einmal zusammenfassend: Die neuen Raum- und Zeitarrangements der globalen Informationssphäre legen die Frage nahe, auf welchem Terrain die Wissenschaften heute ihre Aufgabe der Orientierung des gesellschaftlichen Bewußtseins überhaupt wahrnehmen können. Manches spricht dafür, die neuen Medien als Ausdruck einer für den Kapitalismus typischen Stufe der erweiterten Reproduktion zu verstehen, welche durch die Konvergenz von Ökonomie und Kultur gekennzeichnet ist. Die mediale Massenkultur vermag heute unmittelbar in den ökonomischen Prozeß einzugreifen.

Die neuen Medien als die Handlungs-Struktur des spätkapitalistischen Raum- und Zeitarrangements sind ein wichtiges Operationsfeld aller derjenigen, die sich um das cognitive mapping dieser Welt bemühen. In den neuen Medien konvergieren Massenunterhaltungs- und Computertechnologien, die bestimmte Aspekte des reflexiven und logischen Denkens in ihren Apparaten gleichsam verdrahtet und damit ‘automatisiert’ haben. Insofern entwickeln sich die neuen Medien zu hermeneutischen Maschinen der sozialen Phantasie und der Suche nach Alternativen im globalen Zusammenhang.(8)

Folglich sind in der Maschinerie der neuen Medienwelt - in ihren ‘Programmen’, in ihren logischen Strukturen und reflexiven Praktiken (von der Dramaturgie bis zur Schnittechnik) - auch die Möglichkeiten einer orientierenden und aufklärenden Nutzung wissenschaftlichen Wissens angelegt. In einer Untersuchung über 'Cinema and Space in the World System' hat sich Fredric Jameson den Möglichkeiten einer weltmarktkongruenten Kulturproduktion, die orientierend ‘Licht in das Dunkel’ bringt, mit dem Konzept einer 'geopolitischen Ästhetik' angenähert.(9)

Der Begriff der ‘geopolitischen Ästhetik’ deutet auf den Sachverhalt, daß mediale Allegorien heute gleichsam automatisch den spätkapitalistischen Globalisierungsprozeß in immer neuen Formen und Konstellationen zur Anschauung bringen - daß aber in diesem mechanischen Zwang, Lokales mit Globalem zu verknüpfen, zugleich auch die Menschheitsutopien einer geeinten Welt der orientierungsästhetischen Aufschließung harren. Gerade die universalistischen Traditionen und Träume der Wissenschaften, bislang eingebunden in nationale hegemoniale Strategien und damit in ‘Geopolitik’, finden in den globalen Netzen (mit ihrem neuartigen Raumarrangement, in welchem territoriale Hegemonie irrelevant wird) sozusagen ihre physikalische Entsprechung.

Und noch etwas: Die universalistische Tradition der Wissenschaften war unter den Bedingungen der imperialistischen und der System-Konkurrenz dem Geheimhaltungsprinzip zum Opfer gefallen. Die andauernde Profitkonkurrenz steigert diesen Zustand. Die Netze aber treiben das Prinzip der zum Schaden des jeweils anderen eingegangenen Verschwörung ad absurdum. Einerseits sind die Medien und Netze das Inbild verschwörerischen Geschehens. Das Internet erzeugt dieses Gefühl des beobachteten Beobachters, der dabei beobachtet wird, in besonderem Maße.(10) Andererseits aber ist das Netz die durch alle conspiracies hindurchscheinende Möglichkeit einer totalen Transparenz, die sich zumindest insofern vorausscheinend auswirkt, als vertraute staatliche, soziale, rechtliche usw. Kontrollstrukturen (die immer auch geronnene Herrschaft sind) auf der Strecke bleiben und ein Fluidum von Gegenmacht entsteht.

So konnte die objektive ökonomische Realität der Datennetze zum Symbol für ein Netzwerk der Konspiration, der Unkontrollierbarkeit, der Geistesverbrechen aller Art werden - und zugleich zur Hoffnung einer fundamentaldemokratischen globalen Wissenschaftlergemeinschaft.

(1995)

 

Anmerkungen

(1) Fredric Jameson, Postmodernism or, The Cultural Logic of Late Capitalism, Durham 1991
(2) ders., Fünf Thesen zum real existierenden Marxismus, in: Das Argument, 214/1996
(3) ebenda
(4) Fritz Pleitgen, Der große Kommunikator. Kampf ums Publikum: Öffentlich-rechtliches Fernsehen im Zeitalter des 'Ich-Kanals', in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.5.96
(5) Unter ‘content-orientierten Netzmeistern’ verstehe ich sozusagen personifizierte FAQs, also Individuen oder Gruppen, die auf den Netzen initiativ geworden sind bei der Zusammenstellung und Selektion von Informationen, links etc. und es dadurch zu einer Schlüsselstellung im virtuellen Informationsraum gebracht haben.
(6) http://commtechlab.msu.edu/CTLprojects/vrweb/commtech.html
(7) vgl. z.B. die DFN-Projekte RTB-Berlin 4.1. und RTB-Nord P1: http://www.dfn.de/home.html (8) vgl. mein Referat ‘Weltsystem, neue Medien und soziologische Imagination’ auf dem 28. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Dresden, 10.Okt.1996
(9) Fredric Jameson, The Geopolitical Aesthetic, London 1992
(10) Jameson spricht vom ‘allgemeinen Verschwörungsverdacht’ in Weltfilmen. Auch die Netze sind voller ‘conspiracy-sites’.

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