Karlheinz Koppe

Januar 1995

Der unerreichbare Friede

Überlegungen zur Begrifflichkeit des Friedens und ihre forschungspolitischen Konsequenzen

Die Hoffnung auf Frieden ist ein tragender Bestandteil menschlicher Sehnsucht und dürfte wahrscheinlich noch vor der Sehnsucht nach Glück rangieren. Politiker aller Schattierungen beschwören den Frieden. Es dürfte deshalb verwundern, wenn jemand, der sich mit Friedenswissenschaft beschäftigt, die Behauptung wagt: Frieden ist ein unerreichbarer Zustand. Frieden ist lediglich eine Zielvorstellung, der wir uns annähern können, ohne sie jemals zu erreichen, der wir uns freilich im Interesse des Überlebens auch immer annähern müssen. Mit anderen Worten: Friedensschaffung ist ein gesellschaftlich gebotener immerwährender Prozeß.

Wenn wir uns im eben begonnenen Jahr daran erinnern, daß vor zweihundert Jahren Immanuel Kant sein Traktat niedergeschrieben hat, dann ist uns bewußt, daß dieser Philosoph der Friedensidee im neuzeitlichen Denken den Durchbruch verschafft hat. Aber auch er, der zwischen idealistischer Moralität und kritischer Vernunft hin und her gerissen war, hat diesen Näherungsprozeß erkannt und im letzten Satz seines Traktats wie folgt beschrieben:

    Wenn es Pflicht, wenn zugleich gegründete Hoffnung da ist, den Zustand eines öffentlichen Rechts, obgleich nur einer ins Unendlichen fortschreitenden Annäherung wirklich zu machen, so ist der ewige Friede (...) keine leere Idee, sondern eine Aufgabe, die, ihrem Ziele (weil die Zeiten, in denen gleiche Fortschritte geschehen, hoffentlich immer kürzer werden) beständig näher kommt. (1)

Wenn aber Kant schon die entscheidende Voraussetzung, nämlich den Zustand eines öffentlichen Rechts, das er sich im Blick auf den ersten Definitivartikel seines Traktats nur im Rahmen einer republikanischen Verfassung vorstellen kann, in einer "ins Unendlichen fortschreitenden Annäherung" sieht und damit ins Unerreichbare verweist, dann ist letztlich "Frieden" unerreichbar, auch wenn wir dem Ziel - mit Kants Worten - "beständig näher" kommen.

Mit dem Begriff Frieden verhält es sich dabei ähnlich wie mit den Begriffen Gerechtigkeit und - wie Johan Galtung betont - Gesundheit: Auch volle Gerechtigkeit läßt sich nicht erreichen, bestenfalls relative Gerechtigkeit. Auch sie ist eine Zielvorstellung, der wir uns nur annähern können, im Interesse einer Annäherung an den sozialen Frieden allerdings auch annähern sollten. Und was die Gesundheit betrifft, so trägt jeder Mensch Krankheitskeime in sich, manch einer bleibt gesund, aber die Volksgesundheit als solche bleibt prekär: Krebs, Aids, Infektionen, Seuchen. Dennoch resigniert die Gesundheitswissenschaft, die Medizin, nicht. Sie bleibt weiterhin bestrebt, der Zielvorstellung Gesundheit näher zu kommen.

Alle diese Begriffe gleichen - mathematisch gesehen - einer Parabel, deren Schenkel erst im Unendlichen parallel laufen, also nie.

Für die Annäherung an Frieden bestehen indessen große Chancen. Beispielsweise durch das - zumindest seit 1945 aufgrund der Existenz der Atombombe und anderer Massenvernichtungswaffen - zunehmende Bewußtsein, daß die Annäherung an Frieden, wie esCarl Friedrich von Weizsäcker ausdrückt, heute die Vorbedingung für das Überleben der Menschheit und ihrer Zivilisation ist.

Wir können uns dem Frieden auch deshalb nur nähern, weil Interessenbildung der Individuen und Gruppen nicht aufhört und stets neue Konflikte entstehen läßt und auch weil die Labilität des Menschen selbst annähernde Friedenszustände immer wieder in Frage stellt, und zwar aufgrund von Eigeninteressen und Kriminalitäten der verschiedensten Art: Eigentumsdelikte im individuellen und gesellschaftlichen Bereich, Macht- und Gewinnstreben zu Lasten anderer Individuen oder ganzer Gemeinwesen, organisiertes Verbrechen (Mafia), Tötungsdelikte, Drogendelikte internationalen Ausmaßes und vieles andere mehr.

Deshalb ist eine Abschaffung des Konfliktes nicht möglich, ja nicht einmal wünschenswert, weil sich erst im Widerstreit der Meinungen und Interessen Neues bildet, was einer Verkrustung der Gesellschaft, die ihr Tod wäre, entgegenwirkt. Heraklit hat noch immer seine Gültigkeit, der den polemos, den Streit als den "Vater aller Dinge" erkannte. Die Übersetzung ist übrigens eine Fehldeutung, die durchaus gewollt war und während des von der damaligen Geschichtswissenschaft als "heroisch" glorifizierten 19. Jahrhunderts - und auch im beginnenden 20. Jahrhundert - die Jugend vieler Völker in den Tod trieb. Denn polemos bezeichnet keineswegs nur den kriegerischen Streit, den Kampf mit Waffen, sondern generell den Streit, auch den Streit der Interessen und Meinungen. Wir spüren davon noch etwas im Begriff der "Polemik", der im Hochmittelalter keineswegs negativ besetzt war, so wie wir ihn heute gebrauchen, sondern die damals angemessene - wohlgemerkt friedliche - und geradezu verpflichtende Form wissenschaftlicher Auseinandersetzung war.

Wiederum ist auch bei Kant etwas von dem Gedanken des Krieges als eines Allgemeinzustandes zu spüren, wenn er im zweiten Abschnitt seines Traktats in der Vorbemerkung zu den Defintivartikeln schreibt:

    Der Friedenszustand unter den Menschen, die nebeneinander leben, ist kein Naturzustand (status naturalis) der vielmehr ein Zustand des Krieges ist, das heißt wenn gleich nicht immer ein Ausbruch der Feindseligkeiten, doch immerwährende Bedrohung mit denselben. Er muß also gestiftet werden. (2)

Kant selbst ist sich des Widerspruchs - hier Naturzustand Krieg/Streit, dort gestifteter Zustand Frieden - sehr wohl bewußt gewesen. Er hätte wohl sonst nicht diesen ungewöhnlichen Einstieg für sein Traktat gewählt, nämlich den Titel von dem - von Kant selbst als "satirisch" bezeichneten "Schilde jenes holländischen Gastwirths, worauf ein Kirchhof gemalt war" - zu entlehnen und daran - gleich im ersten Satz - die Überlegung zu knüpfen, ob diese Überschrift für "die Menschen überhaupt, oder besonders die Staatsoberhäupter, die des Krieges nie satt werden können, oder wohl gar nur für die Philosophen gelte, die jenen süßen Traum träumen, mag dahin gestellt sein" (3) . Zu erinnern wäre auch an eine selten zitierte Nachschrift aus dem folgenden Jahr - 1796 - mit dem Titel "Verkündung des nahen Abschlusses eine Tractates zum ewigen Frieden in der Philosophie", deren letzter Absatz lautet:

    Das Gebot: du sollst (auch wenn es in der frömmsten Absicht wäre) nicht lügen, zum Grundsatz in die Philosophie als eine Weisheitslehre innigst aufgenommen, würde allein den ewigen Frieden in ihr nicht nur bewirken, sonder auch in alle Zukunft sichern können.(4)

Hier geht es Kant ganz bescheiden nur um den Frieden in der Philosophie, damals noch weitgehend synonym mit Wissenschaft überhaupt. Kant dürfte sehr wohl gewuát haben, daß die Lüge nicht aus der Philosophie, geschweige denn aus der Welt zu schaffen ist. Sein Frieden beruht auf einer Idee, auf einem Traum des Philosophen, wie er selbst eingesteht. Und doch hat er im Traktat rationale republikanisch-völkerrechtliche Begründungen und Bedingungen für die Herstellung des Friedenszustandes entwickelt, vielleicht nicht zuletzt aus der pazifistischen Überzeugung heraus, daß stehende Heere (miles perpetuus) von Übel seien, weil "zum Tödten oder getödtet werden in Sold genommen zu sein, einen Gebrauch von Menschen als bloße Maschinen und Werkzeugen in der Hand eines Andern (des Staats) zu enthalten scheint, der sich nicht wohl mit dem Rechte der Menschheit in unserer eigenen Person vereinigen läßt". Allerdings läßt Kant analog zu Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen gelten, daß es "Ganz anders (...) mit der freiwilligen periodisch vorgenommenen Übung der Staatsbürger in Waffen bewandt (sei), sich und ihr Vaterland gegen Angriffe von außen zu sichern". Dieser Vorbehalt hat für ihn allerdings nur den Charakter einer Übergangslösung so lange, bis eine republikanische Verfaßtheit aller Staaten erreicht sei, die - wie er hofft - Frieden garantiere. "Republikanisch" dürfen wir heute ohne Bedenken mit "rechtsstaatlich-demokratisch" übersetzen. Für Kant war die Trennung der Gewalten das entscheidende Merkmal einer republikanischen Verfassung. In der Demokratie hob sich aus seiner Sicht diese Gewaltenteilung wieder auf, weil alle Gewalt - die Betonung liegt auf alle - vom Volke ausgehe, weshalb er in der Demokratie einen "Despotismus" (5) zu erkennen vermeinte. In der Tat gibt es kein Beleg dafür, daß demokratische Staaten - seit wir von solchen sprechen können - untereinander Kriege geführt hätten.

Entscheidend für die Näherung an den Frieden ist es also nicht, ob es gelingt, den Konflikt abzuschaffen, was völlig irreal und illusorisch wäre, entscheidend ist vielmehr, ob es gelingt, Formen des Austrags von Konflikten ohne Gewalt zu entwickeln und die Gewaltneigung des Menschen durch vernünftige und rechtlich kontrollierte Gesetzgebung in Grenzen zu halten. Aber auch Gewaltfreiheit als Alternative zur Gewalt ist nur eine Zielvorstellung, der wir uns bestenfalls annähern können. Sonst gäbe es in äußerlich befriedeten Gesellschaften keine Gewalterscheinungen, keine offene oder versteckte, strukturelle oder auch kulturelle Gewalt (Galtung), von krimineller und pathologischer Gewalt ganz abgesehen. Hinzu kommt, daß zahlreiche angeblich gewaltfreie Interventionen, beispielsweise wirtschaftliche Sanktionen (Embargo, Boykott u.a.) durchaus Gewalt mit erheblichen Konsequenzen für die zivile Bevölkerung enthalten. Ich verwende aus diesem Grunde zusätzlich zum Begriff Gewaltfreiheit (Versöhnung und Mediation gehören zu den wenigen Formen tatsächlich gewaltfreier Konfliktbearbeitung) auch den Begriff Gewaltarmut, der darauf hinausläuft, sich in entscheidenden Situationen in jedem Fall für die gewaltärmere Option zu entscheiden.

Daß Annäherung an den Frieden möglich ist, ist empirisch nachweisbar, wenn wir die Entwicklung vom Faustrecht über den Gottes- und Landfrieden, zum Gewaltmonopol der Nationalstaaten und zur weltweiten Ächtung des Krieges erst durch den Völkerbund und schließlich durch die Vereinten Nationen verfolgen, letzteres allerdings mit der Einschränkung, daß die Anwendung von Waffengewalt zur Verteidigung gegen einen Angriff von außen zulässig bleibt (Art. 51 VN-Charta). Das hat zwar den Krieg nicht abgeschafft, aber zumindest eingehegt, vor allem den zwischenstaatlichen Krieg. Der letzte zwischenstaatliche Krieg wurde durch den Angriff des Irak auf Kuwait ausgelöst. Gewiá gibt es weiterhin latente internationale Kriegsrisiken. Die Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei gehören ohne Zweifel dazu. Ein seit über 50 Jahren schwelender Grenzstreit zwischen Ecuador und Peru hat sich in den letzten Wochen zu einem Krieg ausgeweitet. Aber nur mit Mühe kann die Gewalt in Berg-Karabach als "Krieg" zwischen Armenien und Aserbeidschan definiert werden. Auch im Falle des russischen militärischen Eimgreifens in Tschetschenien ist umstritten, ob sich um einen Krieg im völkerrechtlichen Verständnis oder um eine Sezession handelt, wobei berücksichtigt werden muß, daß die kleine Republik im Kaukasus schon vor mehreren Jahren ihre Unabhängigkeit erklärt hatte, ohne daß damals seitens der Regierung in Moskau etwas unternommen wurde.

Waffengewalt scheint heute in einem hohen Maße, wenn nicht ausschließlich innergesellschaftlich bestimmt zu sein. Ich bezeichne diese Vorgänge deshalb nicht als "Krieg", sondern als "Gewalteruptionen" (6), die sich fast ausnahmslos in politischen Umbruch- und Verelendungsregionen ereignen. Das, was wir auf dem Balkan erleben, sind solche Eruptionen, ausgelöst durch den Zerfall der kommunistischen Herrschaft, die erst dann zum "Krieg" wurden, als die Vereinten Nationen die nach Selbstbestimmung strebenden jugoslawischen Teilrepubliken als souveräne Staaten anerkannt hatten, woran weiter die Frage zu knüpfen wäre, ob die diplomatische Anerkennung der Teilrepubliken wirklich der Weisheit letzter Schluß war, zumal das Recht auf Selbstbestimmung keineswegs zwingend die Anerkennung staatlicher Souveränität bedingt. Ich fürchte, im Rückblick wird vielleicht einmal festgestellt werden, daß diese Anerkennung hunderttausenden von Menschen das Leben gekostet und weitere hunderttausende Menschen aus ihrer Heimat vertrieben hat. Der ökonomische Hintergrund spielt bei solchen elementaren Gewalteruptionen die entscheidende Rolle: Verelendung der Bevölkerung, Besitzstandsdenken der "Normenklatura", vor allem der "arbeitslos" gewordenen Militärs, die zur Soldateska pervertieren und - ähnlich den im Mittelalter herumziehenden Söldnerhaufen - unter der Führung von "warlords" sich zu "Herrschern" in den von ihnen kontrollierten und ausgebeuteten Regionen aufwerfen. Angebliche ethnische und religiöse Unvereinbarkeiten werden von skrupellosen, in der Regel an persönlicher Bereicherung und Machtausübung interessierten Akteuren "draufgesattelt", um den Konflikt zu eskalieren, Öffentlichkeit zu manipulieren und junge Menschen für den Krieg "weichzuklopfen". Daß dies nicht nur ein Phänomen in verelendeten ehemals kommunistischen Gebieten oder in Entwicklungsregionen ist, zeigt die Gewalt in Nordirland, die bislang weder durch neutrale britische Ordnungstruppen (die ähnlich der Blauhelme tätig wurden) noch durch britische Militäreinsätze beendet werden konnte - ein bislang in der öffentlichen Diskussion kaum beachteter Hinweis auf die Unwirksamkeit militärischer Interventionen gegenüber solchen gesellschaftlichen Gewaltausbrüchen. Der sich zur Zeit anbahnende Friedensprozeß (eingeleitet durch einen Gewaltverzicht der IRA) ist nicht auf die britische Polizei- und Militärintervention zurückzuführen, sondern eher auf Ermüdungserscheinungen in der Bevölkerung.

Die Überwindung des herkömmlichen Krieges ist ohne Zweifel ein erheblicher Fortschritt, auch wenn das Gewaltgeschehen - Balkan, Kaukasus, Afghanistan, Somalia, Angola, Kambodscha, Sri Lanka, Osttimor, Sudan, Rwanda - brutaler und grausamer erscheint als je zuvor, ein Rückfall in die Barbarei mittelalterlicher Kriegsführung. Auch das unterscheidet diese Gewalt von klassischen Kriegen, in deren Verlauf zumindest bestimmte Regeln (Kriegsvölkerrecht - ius in bello) gegolten hatten.

Das bedingungslose und unverzichtbare Streben nach Frieden durch gewaltarmen Konfliktaustrag darf freilich ebensowenig aufhören, wie die Medizin nicht aufhören darf, nach den Ursachen von Krankheiten und Mitteln zu ihrer Überwindung zu suchen, und die Politik bestrebt bleiben muß, sich der Gerechtigkeit auf innergesellschaftlicher und globaler Ebene gleichermaßen anzunähern.

Norbert Elias (7) und Dieter Senghaas (8) haben die Voraussetzungen für die Zivilisierung von Konflikten herausgearbeitet. Das wichtigste Element ist dabei die Herausbildung eines übergeordneten Gewaltmonopols bei gleichzeitiger Herstellung von Rechtssicherheit, die wiederum die Voraussetzung für eine verstärkte Kontrolle und damit Bändigung der Affekte des Menschen durch den Menschen" selbst ist (Meyers 9 ). So wie der unaufhörliche Tarifkonflikt erst dann in "vernünftige", das heißt geregelte Bahnen gelenkt werden konnte, nach dem für diesen Bereich ein staatlich garantierter Rechtsrahmen geschaffen worden war, ist der Mensch erst dann bereit, auf Anwendung von Gewalt zu verzichten, wenn er die Gewähr hat, daß er sich auf rechtsstaatliche Regelungen verlassen kann. Erst wenn das erreicht ist, kann eine Gesellschaft für sich in Anspruch nehmen, "zuvilisiert" zu sein. Dieter Senghaas hat in Form eines Hexagons einige wechselseitig voneinander abhängige Bedingungen für die Zivilisierung der Gesellschaft und damit für eine weitere Annäherung an Frieden dargestellt, die als Kriterien für die Suche nach Antworten auf diese und andere Fragen dienen können: Vorhandensein des erwähnten Gewaltmonopols; verbürgte Rechtsstaatlichkeit; Interdependenzen und Affektkontrolle; demokratische Partizipation; soziale Gerechtigkeit; konstruktive politische Konfliktkultur (u.a. Toleranz, Dialogfähigkeit und Empathievermögen) (10). Eine so strukturierte Gesellschaft schafft Erwartungsverläßlichkeit (Senghaas) für die Partner in den zwischenstaatlichen Beziehungen ebenso wie für die BürgerInnen im Inneren. Die Zukunft der Gesellschaft hängt davon ab, ob diese Zivilisierung durch Herstellung entsprechender Rahmenbedingungen gelingt, ob der historisch erkennbare Prozeß der Annäherung an den Frieden und der Ächtung des Krieges weitergeht oder ob er durch Unvernunft sowie Individual- und Gruppenegoismen gestoppt wird.

Es mag nicht minder erstaunen, wenn ein Friedenswissenschaftler weiter zu behaupten wagt, daß Krieg nicht das Hauptübel vergangener und moderner Gesellschaften ist. Von den klassischen Geißeln der Menschheit - Naturkatastrophen, Seuchen und Krieg - ist der Krieg, an der Zahl der Opfer gemessen, die unbedeutendste, nur ist sie - im Unterschied zu Naturkatastrophen und Seuchen - vom Menschen veranlaßt. Ausnahmen bilden das 14. Jahrhundert, der 30jährige Krieg, die Ermordung von 90 % der amerikanischen Ureinwohner innerhalb von nur 80 Jahren, nachdem Europäer den Fuß auf den bis dahin unbekannten Kontinent gesetzt hatten, der Massenmord an den Armeniern in den zwanziger Jahren und schließlich der Holocaust während des zweiten Weltkriegs.

Schon lange gilt, daß sehr viel mehr Menschen, vor allem Zivilpersonen, durch Soldaten des eigenen Landes als im Verlauf klassischer Kriege getötet wurden und werden. Das gilt insbesondere für Südamerika und Afrika. Auch die Tatsache, daß die Kriege in und um Vietnam und der erste Golfkrieg zwischen dem Irak und dem Iran jeweils etwa eine Million Todesopfer gefordert haben, ändert an der relativen Bedeutung des Krieges nichts. Butros Ghali weist in seiner "Agenda für den Frieden" darauf hin, daß seit 1946 mehr als 20 Millionen Menschen durch militärische Waffengewalt zu Tode gekommen seien.(11) Aber schätzungsweise 800 Millionen Menschen im jungen Alter wurden im gleichen Zeitraum durch andere Einwirkungen getötet: Hunger, Verelendung, Umweltzerstörung. In einer Untersuchung wurde ermittelt, daß vom Beginn des 16. Jahrhunderts bis in unsere Zeit 64 Millionen unbeteiligte Zivilpersonen und 76 Millionen Soldaten getötet wurden, zusammen 140 Millionen Menschen.(12) Zur Zeit sterben jährlich allein etwa 140 Millionen Kinder und Jugendliche an Unterernährung und Unterversorgung.(13) Dagegen helfen militärische Einsätze nicht, im Gegenteil, sie verschlimmern häufig noch die Situation.

Das bedeutet keineswegs eine Verniedlichung des Krieges, wohl aber seine Relativierung, wobei zugestanden werden muß, daß Krieg häufig andere Geißeln verstärkte und noch immer verstärkt: Hungersnöte und Seuchen. Diese Relativierung ist deshalb wichtig, weil sie das Mißverhältnis verdeutlicht, das zwischen dem Aufwand zur Kriegsführung (oder auch zur Kriegsverhütung) durch Militär und Rüstung auf der einen Seite und dem sehr viel geringeren Aufwand für die wirtschaftliche Entwicklung in Elendsregionen und für ein Aufhalten der Umweltzerstörung auf der anderen Seite besteht.

Auch eine andere Beweisführung ist notwendig: wir übersehen, daß 85 bis 90 Prozent aller sozialen und internationalen Beziehungen gewaltfrei verlaufen. Und zwar sowohl im Außen- wie im Innenverhältnis. Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler, Systemanalytiker und Friedensforscher Kenneth Boulding hat vor ein paar Jahren in einer seiner letzten Untersuchungen darauf hingewiesen: Wir erkennen nur die 10 bis 15 Prozent gewaltförmigen Konfliktaustrags auf staatlicher und gesellschaftlicher Ebene, nicht aber die wichtige Tatsache, daß wir uns im Alltag eben nicht alle den Kopf einschlagen.(14) Der amerikanische Historiker Homer Lea hatte bereits 1909 berechnet, daß es in den vorangegangenen 3400 Jahren nur 234 Jahre ohne Krieg gegeben habe. Und selbst das ist zu bezweifeln, denn sicherlich hat es auch in den 234 Jahren irgendwo auf der Welt Kriege gegeben, von denen Lea nichts gewußt hat.(15) Aber es waren nicht alles Weltkriege. Meistens waren es kleine Kriege irgendwo, die einen Bruchteil der Menschheit betrafen, die anderen Teile lebten in Frieden. Die 3400 Jahre waren folglich für die übergroße Mehrheit der Menschen immer auch Friedensjahre. Das hatte bereits Augustinus erkannt: .(16) In der Tat hat es selbst während langer und grausamer Kriegszeiten immer Nischen des Friedens gegeben. Wäre dem nicht so, dann hätte der Mensch wahrscheinlich nicht überlebt, zumindest nicht seine Zivilisation, denn die ist kein Ergebnis von Gewalt, sondern die Folge friedlicher Gestaltung.

Die Korrektheit dieser Überlegung wird inzwischen auch von Verhaltensforschern bestätigt. So meint Irenäus Eibl-Eibesfeldt, ein Schüler von Konrad Lorenz: "Der Wille zum Frieden entspricht unserer biologischen Motivationsstruktur". Bei aller Aggressivität des Menschen, deren Primärzweck nicht das Töten, sondern die Existenzsicherung in einer lebensfeindlichen Natur sein dürfte, zeichne ihn auch - so Eibl-Eibesfeldt - das Bedürfnis nach friedlichem Zusammenleben aus, das als "biologischer Normenfilter" (wirkt), der zu töten verbietet" und erst durch einen "kulturellen Normenfilter überlagert (wird), der Feinde zu töten gebietet". (17) Es ist bekannt, daß Soldaten zu allen Zeiten - auch heute noch - unter Alkohol gesetzt werden, gelegentlich sogar unter Drogen, um Tötungsbefehle ausführen zu können. Die Annäherung an Frieden ist also kein so hoffnungsloses Unterfangen, wie es oft scheinen will, sondern auch eine Frage der Anderung der kulturellen Normenfilter, das heißt des Wertebewußtseins, sei es durch Erziehung, sei es unter dem Zwang katastrophaler Ereignisse.

Frieden ist längst nicht mehr die Beschreibung von Nichtkrieg, also vom Ruhen militärischer Waffen. Frieden und Sicherheit, die Frieden verbürgen soll, sind von anderen Faktoren weit mehr bedroht als durch Krieg, und zwar von Faktoren, die im Unterschied zur Vergangenheit - etwa seit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert - von Menschen gemacht sind: Zerstörung der Umwelt und damit der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit und - in engem Zusammenhang dazu - ökonomischer Raubbau, Überkonsum bei etwa 15 Prozent der Menschheit, Normalkonsum bei weiteren 15 Prozent und Unterversorgung der anderen 70 Prozent. Deshalb ist als Konfliktursache an erster Stelle der Mangel an weltweiter und innergesellschaftlicher Verteilungsgerechtigkeit zu nennen. In Deutschland hat sich allein im Laufe des vergangenen Jahrzehnts die Zahl der Armen verdoppelt. Sie hat die Grenze von 10 Prozent überschritten (Vergleichszahlen: in den USA 28 Prozent, in England 24 Prozent, im EU-Durchschnitt 15 Prozent, in Osteuropa und der Zweidrittelwelt weit über 50 Prozent, in Extremsituationen über 90 Prozent). (18)

Daraus kann geschlossen werden, daß nicht militärische Friedenssicherung angesagt ist, sondern politische Maßnahmen zur Überwindung ökologischer und ökonomischer Gefährdungen den Vorrang haben müssen. Dort ist der Schlüssel für gegenwärtige und künftige Friedensgestaltung, dort ist Annäherung an Frieden zu suchen, die immer zugleich auch Annäherung an Gerechtigkeit sein muß, wenn sie von Erfolg begleitet sein soll.

Um diese Annäherung ist es freilich schlecht bestellt. Die politischen Akteure denken nicht daran, sich an dieser Analyse zu orientieren. Sie möchten auf das Instrument der Friedenssicherung, -erzwingung und -gestaltung durch militärische Gewalt, sei es auch nur als ultima ratio, nicht verzichten. Diese kann sehr schnell zur ultima irratio werden. Sie verweisen Frieden, Gerechtigkeit und Gewaltarmut einfach in den Bereich der Utopien und Illusionen und setzen munter weiterhin auf Clausewitz, denn was anderes bedeutet Militärpolitik als eine Vorbereitung darauf, Politik mit anderen Mitteln, also mit Waffeneinsatz oder zumindest mit der Drohung solchen Einsatzes, fortzusetzen? Für diese Schieflage - so nenne ich diesen Zustand - möchte ich nur ein Beleg anführen: Es ist auffällig, daß dieselben Staaten, die bereit sind, für Friedenserzwingung durch Militäreinsatz hohe Beträge auszugeben - in Somalia 3,5 Milliarden Dollar, in Jugoslawien ebenfalls bereits mehrere Milliarden, nicht bereit waren und offensichtlich weiterhin nicht bereit sind, auch nur annähernd große Beträge für ökonomische Ursachenbekämpfung im Vorfeld eines sich anbahnenden Konflikts zur Verfügung zu stellen.

Deshalb sollte es heute vorrangig darum gehen, politische Wege der Annäherung an den Frieden systematisch und entschlossen zu suchen, zum Beispiel durch Einsparung von Militär- und Rüstungskosten die Mittel für eine größere Verteilungsgerechtigkeit und für den Schutz der Umwelt freizusetzen.

Die Frage, warum die Mehrheit der Menschen friedlich zusammenlebt, wird in diesem Zusammenhang viel zu wenig, wenn überhaupt beachtet. Warum leben Menschen trotz unterschiedlicher ethnischer Identität, trotz verschiedenartiger Glaubenszugehörigkeit und kultureller Traditionen, trotz höchst unterschiedlicher (häufig sogar als unvereinbar angesehener) Interessen dennoch friedlich zusammen, als Individuen, als Nationen? Es gibt zu dieser Fragen kaum empirisch belegbare Antworten. Allenfalls beschreibende Untersuchungen, auch diese nur unvollkommen. Kenneth Boulding hat in seinem zitierten Aufsatz zwar dieses Zusammenleben konstatiert, zugleich aber angeregt, die Ursachen für diesen offensichtlichen Tatbestand zu untersuchen, und damit das Stichwort gegeben.

Was kann beispielsweise mit Blick auf laufende Friedensprozesse - in Europa der KSZE-Prozeá, in Südafrika, im Nahen und Mittleren Osten, und neuerdings in Nordirland - gesagt werden? Lassen sich solche Prozesse mit Konflikttheorien, etwa mit der Theorie der graduellen wechselseitigen Annäherung (Etzioni/Osgood: GRIT - Graduated Reciprocation in Tension Reduction 19 ) erkä„ren? Welchen Einfluß haben Bewußtseins- und Einstellungsveränderungen in Bevölkerungen, welchen Einfluß die modernen Medien und Kommunikationsprozesse, etwa die Erkenntnis, daß entscheidende Fragen nicht mehr allein national lösbar sind, usw.? Andere Fragen wären: Wieviel Wohlstand (zumindest Deckung von existentiellen Grundbedürfnissen), wieviel ökonomischer Ausgleich (Verteilungsgerechtigkeit), wieviel Demokratie sind für Aufbau und Erhalt von Friedensstrukturen tatsächlich erforderlich?

Wünschenswert scheint mir die Erarbeitung einer zeit- und raumdimensionalen Friedenskarte, wie Kenneth Boulding sie vorgeschlagen hat. (20) So könnten für jeweils einen bestimmten Zeitraum vertikal blaue Schichten übereinandergelegt werden, in denen rot Kriegszonen und gelb latente Krisengebiete eingelassen sind. Der zweite Weltkrieg würde dann Mitte der dreißiger Jahre mit ausgedehnten gelben Krisenzonen beginnen, die ab 1939 von roten Kriegsflächen abgelöst werden, die bis 1945 immer größere Flächen einnehmen. Eine solche raum-zeit-dimensionale Weltkarte ließe dennoch insgesamt sehr viel mehr Blau (Friedenszonen) erkennen, in denen zahlreiche gelbe Zonen und wahrscheinlich weniger rote Säulen (unten durch Kriegsausbrüche, oben durch Kriegsbeendigungen begrenzt) eingelassen sind. Nach Bouldings ersten Untersuchungen dürften die roten Säulen weniger als 15 Prozent - bezogen auf die blaue Substanz - ausmachen. In der Feinstruktur könnte man dann noch unterscheiden zwischen aktiven Kriegsgebieten und Friedenszonen bei den Kriegsbeteiligten und diese violett kennzeichnen. Dann würden für die Zeit des zweiten Weltkriegs die USA und sogar kleine Gebiete auf dem europäischen Kriegsschauplatz, selbst in Deutschland, als relative Friedensnischen erscheinen.

Ehe ich aus diesen Beobachtungen und Feststellungen ein paar Schlüsse für friedenswissenschaftliches Arbeiten ziehe, möchte ich zum besseren Verständnis etwas Grundsätzliches zur Rolle der Friedenswissenschaft und zum Verhältnis kritische Wissenschaft / politische Praxis sagen.

Friedenswissenschaft ist die "transdisziplinäre Verdichtung von Orientierungs - und Problemwissen". Diesen Begriff habe ich in einem Beitrag von Thomas Düllo und Jutta Greis unter dem Titel "Die Erforschung der unzugänglichen Wirklichkeit" gefunden. (21) Dieser Beitrag wurde zwar mit Blick auf die Notwendigkeit moderner Kulturwissenschaften geschrieben, könnte aber ebenso für Friedenswissenschaften gelten. Ich zitiere, wobei ich den Begriff "Kulturwissenschaften" einfach durch den Begriff "Friedenswissenschaften" ersetze:

    Der wichtigste Impuls der Debatte ist nämlich die Besinnung auf Problemorientierung als neue Bestimmung der Wissenschaften im Verhältnis zur Gesellschaft. Bezüge zu aktuellen Problemlagen kennzeichnen die fortgeschrittensten friedenswissenschaftlichen Arbeiten und Konzepte. (...) Dies verlangt nach interdisziplinärer Zusammenarbeit. Disziplinäre Forschung und Lehre der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer wird weiterhin eine wichtige Funktion haben. Aber die Spezialisierungen wiederum müssen mit Fragen von allgemeinem Interesse verbunden werden - und hier hätte Friedenswissenschaft ihre wichtige Funktion. Darüber hinaus wird der entscheidende Fortschritt in Richtung Problemorientierung davon abhängen, ob es gelingt, mit anderen Disziplinen wie Wirtschaftswissenschaft, Rechtswissenschaft, Medizin, Naturwissenschaft und Technik zu kooperieren. (...) Damit bleibt - als Nebenfach - die Friedenswissenschaft an die Disziplinarität eines Hauptfachs (wie Geschichte, Politikwissenschaft und weitere) gebunden, denn: ohne Disziplinarität keine Interdisziplinarität. (...) Im Ensemble der Module (gemeint sind Nebenfachstudiengänge in den verschiedenen Disziplinen - Koppe) übernehmen die friedenswissenschaftlichen Anteile die Funktion der Reflexions- und Ordnungsinstanz. Es geht nicht darum, wenig über vieles zu wissen, sondern diejenigen Themen und Methoden aus den geistes- und Sozialwissenschaften zu verdichten, die Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen haben und die die separierenden Einzeldiskurse in thematisch sinnvoller Reduktion verknüpfen. Interdisziplinäre Bildung meint für angehende Friedenswissenschaftlerinnen und Friedens- wissenschaftler dann: eine kommunikative Kompetenz zu entwickeln, einen Dialog zwischen den Fächern und über das Fachwissen der einzelnen Module hinaus.

Eine solche friedenswissenschaftliche Verdichtung ist notwendig, weil die Fülle der in den Einzelwissenschaften erarbeiteten friedensrelevanten Daten und Erkenntnisse in eben diesen Wissenschaften in der Regel nicht praxisrelevant werden kann. Nur so ist das häufig sinnlose Nebeneinander von Ökonomie und Ökologie, der allenthalten zu beobachtende Prioritätenstreit zu verstehen, der in der Regel zu Gunsten der klassischen Wissenschaftsbetrachtung ausgeht. "Das hat sich doch bewährt", "Die Autoindustrie ist das Rückrad der Wirtschaft", "Die NATO ist effizienter als die KSZE", "Wenn wir keine Waffen exportieren, verlieren wir auch zivile Exportmärkte", "Solange unsere Partner in der EG ihr Verhalten nicht ändern, können wir auch nichts verändern" - alles Behauptungen, die möglicherweise zutreffend sein können, aber dennoch an der gesellschaftlichen Wirklichkeit und den Herausforderungen unserer Zeit vorübergehen und beliebte Argumente gegen jede Form von Reformen und Innovationen sind.

Diese Verdichtungsfunktion der Friedenswissenschaft, die sich in der Vergangenheit durchaus bewährt und zu öffentlichem Problembewußtsein beigetragen hat, ist es auch, die ihr die schon pathologisch zu nennende Ablehnung sowohl in den klassischen Wissenschaften als auch in der Politik der alten Parteien eingebracht hat. Die Einzeldisziplinen neigen dazu, in ihrer Isolierung zu verharren und weiterhin um Finanzzuweisungen zu konkurrieren, weil sie sonst die eingefahrenen Geleise auswechseln, die herkömmlichen Paradigmen verändern und interdisziplinär arbeiten müßten, denn solchen Veränderungen steht die Trägheit sowohl der Individuen wie auch der Institutionen entgegen. Das gilt leider auch für manche FriedenforscherInnnen, die sich von den während des Kalten Krieges erarbeiteten Paradigmen nur ungern lösen.

Was die politische Praxis anbelangt, so sind es vor allem ältere Abgeordnete der etablierten Koalitons- und Oppositionsparteien (einschließlich Teile der Grünen), die sich wenig geneigt zeigen, neue Wege zu gehen nach dem Motto: "Das, was gestern richtig war, kann heute und morgen nicht falsch sein". Von der Bundeswehrführung zu erwarten, daß sie sich selbst in Frage stellt, wie es einst Gustav Heinemann verlangt hatte, daß sie ihren Aufwand und ihre Personalstärke reduziert, ist schlechterdings illusionär - es sei denn, sie wird durch Haushaltsdefizite dazu gezwungen.

Die Angst vor Strukturwandel, vor Infragestellung jahrhundertealter patriarchalischer Privilegien ist für die Aufrechterhaltung von Militär, neben dem Selbsterhaltungstrieb des Militärs selbst, ein offensichtlich entscheidenderer Faktor als es die in der Öffentlichkeit immer wieder genannten "eigentlichen" Aufgaben sind, nämlich Verteidigung. Die Sorge, daß der Reformdruck, vor allem im Zeichen zunehmender öffentlicher und individueller Armut - bei gleichzeitig zunehmendem Reichtum einer Minderheit der Bevölkerung - sowie im Zeichen anhaltender Zerstörung der Umwelt, zu einer "anderen Republik" führen könne, ist offensichtlich für die gesellschaftlichen Akteure ein so erschreckender Gedanke, daá sie auf Militär nicht verzichten wollen. Das laute Denken von Wolfgang Schäuble, daß gegebenenfalls die Bundeswehr auch im Inneren zum Einsatz kommen sollte, ist für diese Überlegungen bezeichnend.

Auch die Liberalisierung des Rüstungsexports steht aus den gleichen Gründen und nicht nur wegen der Sicherung von Arbeitsplätzen zur Debatte. Das führt dann zu so merkwürdigen Vorgängen, daß sich der Rüstungsexport der USA (vorzugsweise in sogenannte Spannungsgebiete) im Jahr 1994 in Vergleich zu 1993 wieder verdoppelt hat oder daß die Verteidigungsminister der beiden mittelamerikanischen Staaten Salvador und Honduras (offenbar in trauter Gemeinsamkeit) Grenzzwischenfälle inszenieren, um auf diese Weise Kürzungen in den Militärhaushalten ihrer jeweiligen Regierungen zu verhindern.

Es gibt - wie ich annehme - zwischen der Nichtbereitschaft, sich von herkömmlichen Denkstrukturen und Denkgewohnheiten zu trennen, und der Neigung, aus Gründen der persönlichen Machterhaltung der Wiederwahl in den jeweils nächsten Bundestag auf den vermeintlichen Wählerwillen zu schielen, eine unheilvolle Verknüpfung, die sich dann auch in der Abwertung kritischer Wissenschaften wie der Friedensforschung - aber auch anderer Sozialwissenschaften - äußert. Dabei wird unverständlicherweise übersehen, daß diese Verknüpfung Wählerwillen überhaupt erst erzeugt, der aber nicht den etablierten Parteien zugute kommt, sondern die Politikverdrossenheit auslöst, vor der mancheiner heute fassungslos steht. Der Schuldige wird dann nicht in den eigenen Reihen gesucht (das läßt das Selbstbewußtsein eines Kohl, Kinkel oder Scharping nicht zu), sondern bei den kritischen Wissenschaften (und häufig auch bei den Medien), ein Phänomen, das sich übrigens auch hinsichtlich der (kritischen) katholischen Theologie beobachten läßt, die - und nicht etwa Papst und Bischöfe oder die kirchensteuerliche Belastung - für den massenhaften Austritt von Gläubigen aus der Kirche verantwortlich gemacht und für schuldig befunden wird. Daran ändern auch jene Klein- und Scheinreformen nichts, die - so hat es den Anschein - nach dem Motto vorgenommen werden: "Nur immer gerade soviel ändern, daß sich nichts wirklich ändert". Selbst die bislang ja nur geringe aufklärerische Funktion und Wirkung der Friedenswissenschaft hat bereits genügt, um ihr die Finanzhilfen zu entziehen, weil ins Unrecht gesetzte Akteure nun einmal nachtragend sind.

Wenn diese Überlegungen der Kritik standhalten, dann haben sie Konsequenzen für die Friedensforschung ebenso wie für die Friedenspolitik.

Die Wissenschaft - und nicht allein die Friedensforschung - wäre herausgefordert, die vorhandenen Untersuchungen über Krieg und Krisen, über Gewalt und neue Bedrohungen mehr als bisher durch Erforschung jener Mechanismen zu ergänzen, die schon immer und auch heute die vorfindlichen gewaltfreien beziehungsweise gewaltarmen Beziehungen zwischen Staaten und auch das friedliche Zusammenleben von Menschen innerhalb der Gesellschaften ermöglichen und bedingen. Auf dieser Grundlage wäre nach neuen Erkenntnissen zu suchen, wie die ohne jeden Zweifel noch vorhandene Gewalt in den zwischenstaatlichen und innerstaatlichen Beziehungen weiter eingedämmt und schließlich auf eine wahrscheinlich nie völlig auszuschaltende Restgewalt reduziert werden kann, die mit rechtsstaatlichen Mitteln unter Kontrolle gehalten werden kann, wie dies in demokratischen Staaten der Fall ist.

Die Politik wäre herausgefordert, Konflikte, in welcher Form und an welchem Ort sie auch immer gewaltträchtig zum Ausbruch kommen können, schon im Vorfeld mit politischen zivilen Mitteln einzuhegen. Das bedeutet den Verzicht auf Streitkräfte, die - wie es nach wie vor der Fall ist - die Tötung von Menschen intendieren und sanktionieren, und ihr schrittweiser Ersatz durch internationale Polizeikräfte, die nicht dem einzelnen Staat oder Staatenbündnis, sondern den Vereinten Nationen zugeordnet und internationaler rechtsstaatlicher Kontrolle unterworfen sind.

Das alles heißt:


Die Philosophische Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität hat mir fär meine Arbeiten in dem Bereich, den ich Ihnen hiermit vorgestellt habe, sicherlich nicht ohne Kenntnis meiner Arbeiten und sicherlich auch nicht immer unter voller Zustimmung zu meinen Annahmen und Thesen, die Würde eines Ehrendoktors verliehen. Sie hat damit zugleich der Friedenswissenschaft und der Friedensforschung einen Rang zuerkannt, der ihr lange Zeit verweigert wurde und an manchen Orten, vor allem im politischen Raum, weiterhin verweigert wird. Ich möchte Ihnen hierfür ebenso danken wie für Ihre Aufmerksamkeit am heutigen Tage.

  1. Zitiert nach der Ausgabe hg. von August Messer, Berlin (nach) 1925, Band 3, S. 778.
  2. Ebenda S. 739.
  3. Ebenda S. 733.
  4. Ebenda S. 807.
  5. Ebenda S. 743.
  6. Ich befinde mich mit dieser Definition im Widerspruch zur Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) in Hamburg, deren verdienstvolle Fortführung der Kriegsliste eine unverzichtbare Hilfe ist und die an der Definition "Krieg" für alle Kampfhandlungen festhält, solange diese bestimmten Kriterien entsprechen. Ich befürchte allerdings, daß das Festhalten an dieser Definition sowohl bei Akteuren wie auch in der Öffentlichkeit der Bearbeitung solcher Konflikte mit militärischer Gewalt Vorschub leistet, während meine Definition "Gewalteruption" eher auf die Fragwürdigkeit militärischer Optionen und die Notwendigkeit sozialökonomischer Prävention und politischer ziviler Mediation verweist.
  7. Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation, Band 2, Wandlungen der Gesellschaft, Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation, Frankfurt am Main 1989.
  8. Senghaas, Dieter: Frieden als Zivilisationsprojekt, in: Vogt, Wolfgang R. Hg), Frieden als Zivilisationsprojekt - Neue Herausforderungen an die Friedens- und Konfliktforschung, Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung Band XXI, Baden-Baden 1995, S. 37 - 55.
  9. Meyers, Reinhart: Begriff und Problem des Friedens: Beiträge der Politikwissenschaft, FernUniversität Hagen, Kurseinheit 3228-1-01-6, Hagen 1991, S. 32.
  10. Senghaas, Dieter: Frieden als Zivilisationsprojekt, S. 42.
  11. Butros-Ghali, Butros: Agenda für den Frieden, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 2/92, Bonn 1992, s. 1132.
  12. Leger-Sivard, Ruth: World Military and Social Expenditures 1991, Washington DC 1991, S. 20 - 25.
  13. Ebenda S. 9.
  14. Boulding, Kenneth E.: A Proposal for a Research Programm in the History of Peace, in: Peace & Change, Vol 14 Nr. 4, New York 1989, S. 461 - 469.
  15. Lea, Homer: The Valor of Ignorance, New York/London 1942 (Erstauflage 1909), S. 9. Zitiert nach Röling, Bert V.A.: Völkerrecht und Friedenswissenschaft, DGFK-Hefte 4/1974, Bonn 1974, S. 35.
  16. Augustinus, Aurelius: Vom Gottesstaat, Band II, Herausgegeben und übersetzt von Wilhelm Thimme, Zürich 1955, S. 557.
  17. Eibl-Eibesfeldt, Irenäus: Der Wille zum Frieden entspricht unserer biologischen Motivationsstruktur, in: Beiträge zur Konfliktforschung 4/1988, Köln 1988, S. 34.
  18. Vgl. Room, Graham J. und Henningsen, Bernd: Neue Armut in der Europäischen Gemeinschaft, Frankfurt am Main 1990; Döring, Diether u.a. (Hg): Armut im Wohlstand, Frankfurt am Main 1990; Hanesch, Walter u.a. (Hg): Armut in Deutschland, Reinbek 1994.
  19. Etzioni, Amitai: Siegen ohne Krieg, Düsseldorf 1965, und Osgood, Charles E.: Wechselseitige Initiative, in: Krippendorff, Ekkehart (Hg): Friedensforschung, 2. Aufl. Köln/Berlin 1970, S. 356 - 392.
  20. Boulding, Kenneth E.: Möglichkeiten und Grenzen interdisziplinärer Friedensforschung, in: DGFK-Informationen 1/78 Bonn 1978, S. 1 - 8.
  21. Düllo, Thomas, und Greis, Jutta: Die Erforschung der unzugänglichen Wirklichkeit, Frankfurter Rundschau, 26. Juli 1994, S. 10.