H. J. Krysmanski

Virtuelle Welt, Computer und Gesellschaft

(Sammelbesprechung, in: Soziologische Revue 1/99)

 


 

 

BARBARA BECKER / MICHAEL PAETAU (Hg.), Virtualisierung des Sozialen. Die Informationsgesellschaft zwischen Fragmentierung und Globalisierung. Frankfurt/New York: Campus Verlag 1997, 258 S., kt. DM 58,00

ACHIM BÜHL, Die virtuelle Gesellschaft. Ökonomie, Politik und Kultur im Zeichen des Cyberspace. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1997, 398 S., kt. DM 58,00

PETER FLEISSNER / WOLFGANG HOFKIRCHNER / HARALD MÜLLER / MARGIT POHL / CHRISTIAN STARY, Der Mensch lebt nicht vom Bit allein...Information in Technik und Gesellschaft. Frankfurt am Main/Berlin/Bern/New York/Paris/Wien: Peter Lang 1997, 328 S., br. DM 49,00

LUTZ M. HAGEN (Hrsg.), Online-Medien als Quellen politischer Information. Empirische Untersuchungen zur Nutzung von Internet und Online-Diensten. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998, 202 S., kt. DM 42,00

JOCHEN HÖRISCH (Hrsg.), Mediengenerationen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1997, 152 S., kt. DM 14,80

STEVEN JOHNSON, Interface Culture. How New Technology Transforms the Way We Create and Communicate. San Francisco: HarperEdge 1997, 264 S., gb. USD 24,00

ARTHUR KROKER / MICHAEL A. WEINSTEIN, Datenmüll. Die Theorie der virtuellen Klasse. Wien: Passagen Verlag 1997, 226 S., br. DM 38,00

IRENE NEVERLA (Hrsg.), Das Netz-Medium. Kommunikationswissenschaftliche Aspekte eines Mediums in Entwicklung. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998, 334 S., kt. DM 56,00

HARTMUT WINKLER, Docuverse. Zur Medientheorie der Computer. o.O.: Klaus Boer Verlag 1997, 382 S., kt. DM 48,00

 


 

Die ‘Soziologische Revue’ hat mir einen Karton mit ‘medienwissenschaftlichen’ Büchern zur Rezension geschickt. Die Auswahl der Texte ist recht zufällig. Das wäre aber jede noch handhabbare Auswahl aus den mehreren hundert Büchern, die seit 1995 auf dem deutschen Markt zum Thema ‘Computer und neue Medien’ erschienen sind. Ich nehme die Besprechungsexemplare mit in den Urlaub, dazu ein japanisches Notebook mit Modem. Dadurch bin ich mit meinem Institut, Gesprächpartnern und vor allem mit den Anstrengungen eines Projekts verbunden, das derzeit im Auftrag des ‘Information Society Project Office’ der Europäischen Kommission Interfaces zwischen Wissenschaft und Massenmedien entwickelt. Ich befinde mich also inmitten einer Praxis, mit der auch jene Bücher in jenem Karton sich auseinandersetzen.

Wir stehen in einer Revolution der Kulturtechniken, die nur mit der Zeit der Erfindung des Buchdrucks zu vergleichen ist. Für Soziologen, die es sich weitgehend abgewöhnt haben, historisch zu denken und ihre Gegenstände als historische Phänomene zu begreifen, ist die Einstellung auf die ‘virtuelle Welt der Computer’ besonders schwierig. Zum einen können sie mit der Technikexpertise der Informatiker nicht mithalten, zum anderen ist die kulturtechnische Revolution sub specie historiae noch nicht weit genug gediehen, um gesellschaftliche Strukturen schon auf so fundamentale Weise verändert zu haben, daß jeder Positivist es begreift. Drittens ist die Soziologie - als ‘ideologische’ Wissenschaft - eine Disziplin, die mit dem zwischen Buchdeckel geschriebenen Wissen groß geworden ist und sich noch längst nicht auf die nunmehr - in der Welt der vernetzten Computer - möglichen Ausdrucksformen eingelassen hat.

Eines allerdings merkt man den hier zu besprechenden Büchern an: die Netzkultur hat sie erfaßt (oder zumindest berührt) und selbstverständlich sind sie mit Computern hergestellt. Doch so viel Mut, sich schon mit ‘Gesamtentwürfen’ an die Öffentlichkeit zu wagen, haben nur Bühl (der auch seine eigene Web-Präsenz in den Text einbaut) und Winkler - und natürlich das schon altbewährte kanadische Autorengespann Kroker und Weinstein (mit Texten aus der ersten Hälfte der neunziger Jahre). Eine Sonderstellung nimmt das Buch der Wiener Informatikergruppe um Fleissner ein, das sich trotz des essayistischen Titels als eine Einführung in das Thema ‘Information’ versteht. Die übrigen Werke sind Anthologien (Neverla, Hagen, Becker / Paetau und Hörisch) und versammeln mehr oder weniger kompetente Panels aus den beiden letzten Jahren. Dieser Auswahl habe ich aus eigenem Antrieb noch das Buch von Johnson - als einziges englischsprachiges - hinzugesellt, weil es bezüglich des Computermediums den entscheidenden Weg von der Technikexpertise zur Kulturkompetenz markiert.

 

Ansätze

Welchen ‘Ansatz’ wählt man nun, um diese heterogenen Beiträge - zumal nicht alle Autoren Soziologen sind - zu bewerten? Die Systemtheorie bietet sich an, denn sie propagiert, vor allem in Gestalt Luhmanns, in ihren Zettelträumen seit längerem ein Bild von Gesellschaft, das sich in der virtuellen Kommunikation der Netze nunmehr zu realisieren scheint. Etliche der Autoren (z.B. Paetau) operieren selbst mit der Systemtheorie; doch ist sie, wie ich noch ausführen werde, eher part of the problem. Interessant sind auch Versuche, die Welt der vernetzten Computer als Subkultur- und Randgruppenphänomen zu betrachten; doch damit bleibt, um es vorwegzunehmen, außer Acht, daß wir es mit einer industriellen Revolution zu tun haben, daß Informationstechnologie zuallererst die Produktions- und Konsumtionssphäre umgewälzt hat. Natürlich wäre es reizvoll, den historisch-materialistischen Ansatz einer erweiterten Produktivkrafttheorie hervorzuholen - im Kontext einer umfassenden ökonomischen und kulturellen Theorie des Spätkapitalismus ist er auch vielversprechend (z.B. Kroker / Weinstein, Bühl). Doch denke ich, daß die Anschließbarkeit an den soziologischen Diskurs am besten erhalten bleibt, wenn im folgenden bestimmte Fragestellungen der Wissenssoziologie aufgenommen werden - und insbesondere deren zentrale Frage: was ist Wahrheit?

Bevor ich mich mit den Vorstellungen und Begriffen von Virtualität, von Virtualisierung des Sozialen usw. auseinandersetze, die in allen Texten thematisiert und problematisiert werden, möchte ich deshalb auf die Paraphrase eines zentralen Textes von Fredric Jameson verweisen, mit der Bühl sein Buch über die ‘virtuelle Gesellschaft’ abschließt. Die subjekttheoretischen Implikationen des Aufkommens der immensen Kommunikations- und Computernetze, mit denen das globale System des gegenwärtigen multinationalen Kapitalismus inzwischen seine Kontexte steuert, münden in dem Problem, daß das heutige Individuum über keine Wahrnehmungs- und Erkenntnisapparate verfügt, um diese neuen Hyper-Räume aufnehmen zu können. Dies ist eine historisch nicht unbekannte Situation, denn Wissens- bzw. Informationsexplosionen hat es immer wieder gegeben und sie mußten immer wieder in jahrhundertelanger ‘Nacharbeit’ eingeholt werden.

Typisch für die gegenwärtige Erkenntnissituation ist die Krise des geometrischen, euklidischen Raumverständnisses und der bisherigen Raumerfahrung durch das Subjekt, eine Krise, wie sie sich insbesondere im postmodernen urbanen Raum und natürlich im Umgang mit den Netzen manifestiert. Die Hauptthese von Jameson (1993) lautet, "daß es mit dieser neuesten Verwandlung von Räumlichkeit, daß es mit diesem Hyperraum gelungen ist, die Fähigkeit des Körpers zu überschreiten, sich selbst zu lokalisieren, seine unmittelbare Umgebung durch die Wahrnehmung zu strukturieren und kognitiv seine Position in einer vermeßbaren äußeren Welt durch Wahrnehmung und Erkenntnis zu bestimmen." (zit. in Bühl, 355f.) Der Hyperraum stellt für Jameson eine unvermeidliche historische und sozio-ökonomische Realität dar. Der Cyberspace ist "die dritte große neuartige und weltweite Expansion des Kapitalismus." (zit. in Bühl, 356)

‘Gesichertes’ Wissen ist unter diesen neuen Bedingungen nur erreichbar, wenn die Geistes- und Sozialwissenschaften sich auf ein Zeitalter der kultur- oder bewußtseinstechnologisch induzierten Abenteuer und Entdeckungen einlassen. Für diese Bereitschaft und Aktivität hat Jameson das Programm eines Cognitive Mapping vorgeschlagen: ein Programm der Kartierung, eine Jahrhundertanstrengung der Topologisierung und letztlich der ‘zivilisierenden Besiedlung’ jenes Hyperraums, der ja, trotz seiner Unübersichtlichkeit, ein Produkt der Geschichte, eine vom Menschen erzeugte Totalität ist. Cognitive Mapping ist also auch ein wissenssoziologisches Konzept, welches die evidente Relativierung des Wissens im Hyperraum nicht sich selbst überläßt, sondern dialektisch als gesellschaftliche Katastrophe und Fortschritt zugleich denkt. (Bühl, 356)

 

Virtualität

So taucht das globale System der vernetzten Computer, mit ungeheurer ökonomischer (und militärischer) Macht in die Welt gesetzt, nicht wie ein technologischer Schicksalsschlag in unserer Wirklichkeit auf (auch wenn in einigen Panels der Eindruck erweckt wird), sondern als Entwicklungsstufe der dominanten Wirtschaftsweise. Und zu begreifen ist die Computerwelt nur, wenn klar ist, daß im sozio-ökonomischen Prozeß der Weg von der Technologie (von den Werkzeugen, den ‘Produktivkräften’) zur Kultur (zur wissenschaftlichen und ästhetischen Erkenntnis, zur Mündigkeit im Sinne von literacy) - und zurück - immer ein Weg ist, der über ‘Medien’ verläuft, in sich historisch herausbildenden ‘Medienlandschaften’, durch gesellschaftlich objektivierte Vermittlungsstrukturen zwischen Subjekt und Objekt.

Was also ist Virtualität? Für die meisten von uns gleicht sie dem Atlantischen Ozean, wie er den Mannschaften der Santa Maria, der Pinta und Nina nach drei Wochen auf See erschienen sein muß: als endlose, unheimliche Ursuppe zwischen Himmel und Hölle, in welcher unsere braven kleinen Existenzen sich aufzulösen drohen. Wir können uns an nichts anderes klammern als an die drei Karavellen (und deren Potential, einst zu Titanics, Atom-U-Booten, Supertankern und Kreuzfahrtschiffen zu werden) und an die kruden Karten in Kolumbus’ Kajüte.

Die Computer aber sind Karavellen, die sich ihren virtuellen Okeanos selbst erzeugen. Sie sind keine, wie irrtümlicherweise geglaubt wird, Maschinen wie alle vorhergehenden, sondern Elemente eines neuen symbolischen Systems, einer universellen, abstrakten Maschinerie, die mit Bedeutungen, representations und Zeichen handelt und ihre welterschließenden Metaphern und Allegorien nicht, wie Druckmaschine oder Cinemascope-Kamera, lediglich herstellt (das natürlich auch), sondern selbst von Grund auf aus Zeichen besteht. (Johnson, 15) Da dieses symbolische System allerdings seine eigene Technik mitbringt, enthält es langfristig neue Möglichkeiten der Gestaltung von Gesellschaft durch Wissen und Wissenschaft.

Der einzige derzeit praktikable Zugang zu den Ereignissen in diesem computergenerierten Hyperraum oder Cyberspace (aus dem heraus längst die meisten ökonomischen und kulturellen Prozesse geformt und gesteuert werden) sind die ‘Benutzeroberflächen’, die Interfaces, die uns auf Millionen Monitoren entgegenleuchten. Warum sollten wir sie nicht Santa Maria, Pinta und Nina nennen? Unsere Fähigkeit, in den virtuellen Welten zu navigieren, hängt zunächst davon ab, wie wir optimale, sogar ‘investigative’ Interfaces entwerfen und organisieren. Wie einst die Romane von Charles Dickens uns durch die Welt der ersten industriellen Revolution steuerten, schreibt Johnson, so ist im Zeitalter der virtuellen Welten die ‘Benutzoberfläche’ das Medium des Cognitive Mapping. Um zu wissen, was der Hyperraum uns bringt, müssen wir, die Soziologen, auch Aspekte unserer Theorien als interfaces gestalten - und je besser uns das in den nächsten Jahrzehnten gelingt, um so genauer werden wir erfahren, was an Gesellschaft virtuell geworden ist.

 

Pan-Kapitalismus

Noch aber gibt es fast nur wilde Vermutungen - auch wenn sie nie ganz unbegründet sind. Zu den wildesten Theoretikern des Cyberspace gehören Kroker und Weinstein, in der Montrealer Szene großgeworden, genau wie der Regisseur David Cronenberg (‘Videodrome’ usw.). Aus diesem Milieu stammt denn auch ihre appetitlichste These, die vom ‘menschlichen Fleisch, das in der Virtualität verdunstet’ (11). Die beiden entwickeln dann aber, in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Nachbarn, eine von typisch kanadischem Abscheu geprägte ‘Kritik der politischen Ökonomie virtueller Realität’, in der durchaus eine umfassende Theorie des Spätkapitalismus steckt - auch wenn deren Form, wie so oft bei Linksradikalen, zur Ohnmacht verdammt. Und für die hiesige Situation ist es bezeichnend, daß der Verlag den zweiten, wesentlichen Teil des englischen Buchtitels ‘Data Trash. The Theory of the Virtual Class’ einfach vom Umschlagblatt verbannt. Das Buch handelt aber weniger vom Datenmüll, als von dessen Erzeugern, der virtuellen Klasse: von einer "aufsteigenden Politik des liberalen Faschismus und des Retrofaschismus" (11), von "Möchtegern-Astronauten, die niemals eine Chance bekommen haben, den Mond zu betreten" (16), von "geschwätzigen Hype-Propheten des Informations-Highways - von Präsident Bill Clinton (USA) bis Präsident Bill Gates (Microsoft)" (21) und schließlich vom ‘kreativen Zerstörungswerk’ (Schumpeter) des ‘Pan-Kapitalismus’, für den die Autoren noch verschiedene andere Bezeichnungen parat haben. "Es ist eine der herausragendsten Ironien, daß es eine primitive Form von Kapitalismus, ein Retro-Kapitalismus ist, der Virtualität umsetzt. Der visionäre Cyberkapitalist ist ein hybrides Monster aus Sozialdarwinismus und techno-populistischem Individualismus." (29) Die Gates-Folklore wird um etliche Formulierungen reicher. (27f.) Zwar komme der ‘Wille zur Virtualität’ der neuen Manager-Eliten als ‘sanfte Ideologie’ daher, doch entfalte er eine Ökonomie, die es in sich hat. "Der Kapitalismus ist [zum ersten Mal in der Geschichte] auf sich selbst angewiesen und sieht sich allein mit seinem mörderischen Double konfrontiert: dem Faschismus. Hier ist Kapitalismus nicht mehr ein Modell der Produktion und Konsumtion, sondern etwas ganz anderes: Nintendo-Kapitalismus...Im Zeitalter des Pan-Kapitalismus erhebt sich der Faschismus überall wieder. Er ist jedoch kein Faschismus mehr in seiner ursprünglichen europäischen Form[, sondern ein] Bündel von politischen Symptomen wie etwa die verhaßte eigene Existenz, der Wille zum Willen, der Wille zur Virtualität und der (todbringende) Wunschtraum der Ersetzung. Virtueller Faschismus ist eine soziale Bewegung im Sinne von Talcott Parsons" (91f.) usw. usf. Kroker und Weinstein sind letztlich Literaten, haben eine literarische Form entwickelt, sogar Rockmusik komponiert, um die kulturelle Anti-Stimmung unserer Techno-Epoche einzufangen, in welcher, wie sie sagen, unsere Körper sich weigern müssen, "als von der virtuellen Klasse weggeworfenes Fleisch übrigzubleiben". Und so hoffen sie auf die Subkultur der Computer-Kids, die sich anschicken, ihre Körper auf eigensinnige Weise für die Hyper-Text Virtualität einzurichten. Dieser alternative, subversive "Hyper-Text-Körper ist somit der Vorbote einer neuen Welt der multimedialen Politik, der fraktalen Ökonomie, von Anfangspersönlichkeiten und Beziehungen, die (auf kybernetischem Wege) durch Schnittstellen entstehen. Warum sollte die virtuelle Klasse [die] digitale Realität monopolisieren?" (33)

 

Information

Während K&W auf den Bauch zielen, haben Peter Fleissner und die Seinen jenen kleinen Bereich in der linken Gehirnhälfte im Visier, wo das Expertenwissen sich ansammelt. Dieser Fleck wird reichlich mit Informationen über den Informationsbegriff, über geschichtliche Entwicklungslinien, Informationsverarbeitung in technischen und menschlichen (sic!) Systemen und über gesellschaftliche Aspekte von Informationsstrukturen versorgt. Das Buch integriert kurzweilige Vorlesungsmanuskripte (zur Technikgeschichte), eher langweilige Seminarpapiere (z.B. zur Ökonomie, zum ‘Computer Integrated Manufacturing’, zum Thema ‘Vernetzung’) und unfertige Strategiememos (‘Die Informatik - eine Informationswissenschaft’). Immerhin erfährt man, gestützt auf Zusammenfassungen, Glossar und Index, viel Interessantes und vor allem Konkretes zu der trivialen Beobachtung, daß "der Computer unser Leben verändert und buchstäblich allgegenwärtig geworden" ist. (XI) Manchen Informationen, auch im sonst recht guten Kapitel ‘Wissenschaft und Forschung’, merkt man an, daß sie schon einige Jahre alt sind: die hochreflexiven Wissenschaftsnetze machen Buchinformationen gerade über diesen Bereich allmählich prinzipiell obsolet. Ein Wort auch zur Behandlung der Ökonomie im entsprechenden Kapitel. Dem Informatiker mag Luhmanns Theorie der Wirtschaft kongenial erscheinen. In gewollter oder ungewollter Selbstironie aber wird deren Programm schon mit dem Kapitel-Motto auf den Punkt gebracht: Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles (Goethe, Faust I). Mehr ist dazu auch kaum zu sagen. Neben den technikgeschichtlichen Kapiteln ist es vor allem der Abschnitt über ‘Informationsverarbeitung in menschlichen Systemen’, der die meisten Anregungen zum Problem der Virtualität bietet. Schon der Titel allerdings ist vertrackt, weil es ja eigentlich um die Frage geht, inwieweit menschliches Denken zum Modell für ‘maschinelle informationsverarbeitende Systeme’ werden kann bzw. schon geworden ist. Die Schulen der ‘Kognitionswissenschaft’, die dann zuvörderst zu Rate gezogen werden, hatten sich aber ihrerseits schon, salopp gesprochen, auf die Computermetapher des Gehirns geeinigt. (115) Menschliches Denken wird dort also schon technologisch verkürzt begriffen. So bereitet denn all dieses ‘computational modelling of psychological theories’ (119) umgekehrt jene verarmte, kulturferne Architektonik des virtuellen Computerraums vor, auf die wiederum unsere Kultureliten nur verächtliche Blicke werfen, bevor sie zurück in die Welt der Bücher flüchten. Zwei einander bedingende Auswege aus dieser verengten Sichtweise auf menschliche Informationsverarbeitung mittels Computertechnologie werden angesprochen: Sprachtheorien wie die von Whorf, welche die Sprache (auch der Computer) nicht nur als Informationsträger betrachten, sondern als Möglichkeit, die Wirklichkeit symbolisch zu sehen (120); und die wissenssoziologische Grundeinsicht, daß Technologien immer Medien sind: Produkt der menschlichen Kreativität (und dieser dadurch prinzipiell unterlegen) und zugleich einzige Möglichkeit, uns zu ‘objektivieren’, uns auszudrücken. Deshalb sind wir gezwungen, neue Technologien und schon gar neue Kommunikationstechnologien immer wieder, ‘mit aller Macht’, gesellschaftlich und kulturell einzuholen. In einem emanzipativen Kontext gilt es geradezu, Technik durch Kultur zu kolonialisieren. Hierzu bieten insbesondere die eingestreuten Hinweise auf Bolter, ‘Writing Space’, und Febvre&Martin, ‘The Coming of the Book’, wichtige Anknüpfungspunkte. (148f.) Ein negatives Modell für die gesellschaftliche Kolonialisierung der Technik stellt die Computer Integrated Warfare dar. (205ff.) Nicht zuletzt politisch lobenswert (und überhaupt nicht selbstverständlich) ist es, daß Fleissner et al diesem Thema der faktischen Verdampfung von Fleisch durch Virtualität ein ganzes Kapitel widmen.

 

Schriftverkehr

Der Schnitt zum nächsten Buch ist hart. Es kommt nicht oft vor, daß man die virtuelle Welt so ganz und gar aus deutscher Sicht serviert bekommt, aus verquälten Tagungsdiskussionen mit der ‘Kasseler Schule’ um Kittler, Bolz und Tholen einerseits und mit dem Ars Electronica Kreis um Weibel und Rötzer andererseits, aus dem Unbehagen über das Jahr 1989 mit seinem "teigigen Kanzler und der potentiellen Verewigung/Globalisierung der Bürgerherrlichkeit" (358) und aus den Erfahrungen eines ‘IBM-PC-Programmierers alter Prägung’, der es, nach der (längst überholten) Unterscheidung Umberto Ecos, mit den bildlosen, abstrakten, protestantischen PCs hält und nicht mit den bebilderten Schirmen für die katholische Apple-Gemeinde. (365) In seiner Habilitationsschrift mit dem Titel ‘Docuverse. Zur Medientheorie der Computer’ jedenfalls vertritt Winkler die These, daß die vernetzten Rechner eine globale Infrastruktur, ein "Universum der maschinenlesbaren Dokumente, Programme und Projekte" darstellen, das zwar "technisch, gesellschaftlich und institutionell eigenen Regeln und eigenen medialen Gesetzmäßigkeiten folgt", aber im wesentlichen eine Welt der Schrift, der Schriften bleibt, "in keiner Weise sinnlich und in keiner Weise visuell" - eben ein ‘Docuverse’. (9f.) Diese erstaunliche Verengung des Blicks, über mehrere hundert fußnotenbesäte akademische Seiten durchgehalten, führt zu vielen schönen, intelligenten Einzelbeobachtungen. Doch warum, zur Verblüffung des Lesers, ist der Autor zu allem Überfluß verblüfft darüber, daß "eine so grundsätzliche Innovation, ein so grundsätzlicher Umbau der Medienlandschaft überhaupt stattfindet"? Winkler fragt tatsächlich, in aller Unschuld, was diesen Umbau erzwingt und warum "Millionen von Privatleuten Geld, Freizeit und Lebensenergie aufwenden, um Zutritt zu dem neuen Universum zu erhalten". Und statt das Offensichtliche zu antworten, zwingt er sich - in schönstem Kulturdeutsch - zu einer Perspektive und einem methodischen Ansatz auf der Basis der These, "daß es eigentlich um Wünsche und nicht um harte Fakten geht". Kurz gesagt, um Microsoft zu verstehen, müsse man "den Blick umlenken auf die Faszination, aus der die Entwicklung ihre Kraft bezieht." (12) An dieser Stelle schon hatte ich an den Rand geschrieben: "...hätte er doch wenigstens mal in ‘Das Kapital’ geschaut". Das aber war ungerecht. Denn im Anhang - fernab des Habilitationsverfahrens - findet sich folgendes Geständnis Winklers (aus einem Gespräch mit Geert Lovink), das mich mit ihm versöhnt, nicht aber mit dem intellektuellen Betrieb, der solche Verrenkungen verlangt: "Auf einer Tagung habe ich den schüchternen Versuch gemacht, zumindest den Zusammenhang zu benennen, der zwischen der globalen Arbeitsteilung und dem Kommunikationsbedarf und damit der Entwicklung der Medien besteht. Dafür aber bin ich entsetzlich geprügelt worden, weil man der Meinung war, solch marxistischen Restbestände seien inakzeptabel, wo man doch inzwischen wisse, daß nicht die Ökonomie der Motor aller Dinge sei." (367) Wenn unser akademischer Nachwuchs auf solche Weise diszipliniert wird, darf man sich nicht wundern, daß diese deutsche Version der Virtualität als ‘Strategie im Reich der Wünsche’ (331) endet.

 

Generationenkonflikt

Gar nicht im grauen Atlantik der Virtualität verlieren wollen sich die Autoren des suhrkamp-Bändchens ‘Mediengenerationen’, herausgegeben von Hörisch. ‘Sicherer’ Bezugspunkt ihrer Essays ist die Sozialisationstheorie vom formativen (und ‘formatierenden’) Einfluß der medientechnologischen Entwicklung auf die Intellektuellengenerationen, die derzeit in den Feuilletons das Sagen haben bzw. um die ‘Macht’ kämpfen’: die 68er (‘noch rüstig’) und die 89er (‘Bocksgesänge’). Weitgehend autobiographisch - Christina von Braun und Friedrich Kittler sind Achtundsechziger, die anderen, darunter Norbert Bolz, jünger - wird das Hinübergleiten des intellektuellen Diskurses aus der Moderne in die Postmoderne beschrieben, von der kämpferischen Suche nach Wahrheit (unterstützt vom ‘Wahrheitsfernsehen’ der 60er, das Aust mit Spiegel TV einst weiterführen wollte) zur Absage an die Möglichkeit von Wahrheit (unterstützt von ‘Reality TV’). Der von keiner Kenntnis der Produktionswirklichkeit des ‘Medienkomplexes’ getrübte Luhmannsche Topos von der Mediatisierung der Gesellschaft hält das Bändchen wohl zusammen: "In der operativ aktuellen Gegenwart [können] die Welt, wie sie ist, und die Welt, wie sie beobachtet wird, nicht unterschieden werden." (zit. 54) Von solchem Schwebepunkt aus läßt sich, durch Uwe C. Steiner, die 68er-Bewegung zunächst einmal trefflich charakterisieren: als TV-Bewegung, deren Selbstverständnis, endlich die "Autorität von Eltern, Politikern, Ordinarien und Institutionen" zu demontieren, eigentlich auf der gesellschaftlichen Wirkung einer neuen Medientechnologie beruhte. "Via Bildschirm ist auf der Bühne des Sozialen die Grenze zwischen repräsentativem Vordergrund und privatem Hintergrund systematisch verwischt worden. Die Informationshierachien haben sich umgekehrt: die Führungsfiguren von heute müssen der totalen Überwachung durch die Medien gewärtig sein, während sie im vorelektronischen Zeitalter den Zugang zu ihrer Person noch systematisch abschirmen konnten." (30f.) Hinzu kam wohl auch, daß für diese Generation mit dem Fernsehen erstmals ‘die weltweite Vernetzung und das entsprechende Verbreitungstempo’ hergestellt und damit eine neue Raumwahrnehmung, ein neues Verhältnis von Nähe und Ferne, vorbereitet wurden. Das alles ist schön und plausibel, illustriert den Zusammenhang zwischen Technologieentwicklung und kultureller Sozialisation, führt dann aber auch, sobald die 89er das Sagen über sich bekommen, mitten in den affirmativen Hype der Gegenwart. Was hatte Winkler (365) noch, ganz unakademisch, zu Lovink über Bolz gesagt? "Bolz hat irgendwann kalt berechnet, daß diese Republik einen Medienfuzzi braucht, der ihr in genügend gebildeten Worten sagt, was sie hören will, und es hat funktioniert." Dessen Abrechnung mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule wird den Bossen der Deutschen Bank denn auch wie Honig über die Konten laufen. Die Fernsehredaktionen selbst seien, sagt Bolz mit Schelsky, "das ideale Biotop des ‘kritischen Bewußtseins’" geworden: "Gerade die pathetischsten Kritiker der Massenmedien sind ihre skrupellosesten Nutzer." (78f.) Die nicht unsympathischen Macher, welche einem hierzu einfallen, dürften den Machtanspruch dieser nächsten Generation - die inhaltlich nichts zu bieten hat als die Hinkelsteine Niklas Luhmann, Arnold Gehlen und Odo Marquard - zu Recht nicht gerne hören. Doch führt Bolz den Befreiungsschlag gegenüber modernistischen Mahnern der politischen Korrektheit, gegenüber ‘Entrüstungspessimisten‘ (Nietzsche) usw. nicht ungeschickt, hat auch ein Gespür für den theoretischen Fortschritt im Postmodernismus, bis er selbst in einen "neuen Pathos des planetarischen Bewußtseins" hineinstolpert: "One World, Internet, Netzwerk, Ökologie, Neue Ethik, Untergang des Kommunismus, Globalisierung, Multikulturalität" (78). ‘Pan-Kapitalismus’ nannten Kroker und Weinstein das. Wie sie erkennt Bolz einen Gegensatz von ‘Fleisch’ und ‘Virtualität’, doch macht er ihm keine Angst. "Wenn ich recht sehe," schreibt er, "verfolgen die neuen Mediengenerationen eine Doppelstrategie: Naturalisierung und Virtualisierung der Wirklichkeit." (87) Im ökologischen Diskurs, argumentiert - ‘retro-faschistischen’ Geistes? - er weiter, "nimmt die Natur genau die Stelle ein, die im revolutionären Diskurs noch das Proletariat innehatte: unterdrückt, beleidigt, ausgebeutet". So locker läßt sich Fleisch verdunsten. Um dann, komplementär dazu, "die ‘Rettung’ der wirklichen Wirklichkeit überhaupt auch nur denken zu können", müsse man sie, so Bolz, nur noch "zu einer Wirklichkeitsmöglichkeit unter anderen depotenzieren - gleichsam zur Real-Life-Option im Menü der virtuellen Realitäten." (88) Mit anderen Worten, diese Mediengeneration wird alles mit sich machen lassen.

 

Realitätsverlust

Der Ettikettenschwindel in der elektronischen Wachstumsbranche blüht. Manche erfinden das Rad sogar neu. Vom Titel des Bandes ‘Virtualisierung des Sozialen. Die Informationsgesellschaft zwischen Fragmentierung und Globalisierung’, herausgegeben von Becker und Paetau, wird fast nichts eingelöst. Wenn dann auch noch weniger als die Häfte der Artikel überhaupt diskutabel ist, fragt man sich wirklich, ob die Zahl der ‘digital Obdachlosen’ (Negroponte) nicht überhand nimmt. Mit geistlosem Soziologentags-Jargon (der Band geht auf eine Ad-hoc-Gruppe des Dresdner DGS-Kongresses 1996 zurück) wagt Reinhard Brunner sich an das Thema ‘Fragmentierung moderner Gesellschaften’: "War die Zeitdimension in der Arbeitsgesellschaft gekennzeichnet durch eine Diskrepanz der Eigenzeit (ein Verhältnis biologisch, sozialer und kultureller Erfahrungsmuster) und der abstrakt-linearen Zeit, die durch das Paradigma der mechanisierten Fließbandarbeit und theoretisch durch die modernen Naturwissenschaften gesetzt sind, so ist das vorherrschende Organisations- und Zeitmuster der globalisierten Moderne von selbstreflexiven Steuerungsprozessen und der Synchronizität verarbeitender Organisationen aller Art zu beschreiben." (27) Fast pfiffig zu nennen ist dagegen schon Paetaus Versuch, in der Virtualisierungsdebatte doch noch mit Luhmann, der immer für schöne Zitate gut ist, zu reüssieren: "Der Name ‘virtual reality’ begünstigt den Irrtum, daß es trotzdem noch eine wirkliche Realität gebe, die mit der natürlichen Ausrüstung des Menschen zu fassen sei, während es schon längst darum geht, diese natürliche Ausrüstung als nur einen Fall unter vielen möglichen zu erweisen." (zit. 119) Ja, die ‘wirkliche Realität’ und die Soziologen: daß wir Soziales durch Soziales erklären, ist gar nicht falsch. Daß Schelsky die ‘Philosophische Anthropologie’ brauchte und Luhmann kurzzeitig den Biologen Maturana und unsereins den Historischen Materialismus und die Parsonianer wenigstens das Konzept der ‘Emergenz’ - das alles aber ist ebenso wahr. So wäre Paetaus, sagen wir: bestechender, Vorschlag, "Virtualität als etwas Reales, als Vorhandenes ohne Dasein" (120) zu verstehen, schon irgendwie brauchbar, wenn wenigstens in diesen zentralen Passagen seines Aufsatzes, die immerhin den Buchtitel begründen, eine Vorstellung von Entwicklung, wie sie der Begriff ‘Virtualisierung’ nahelegt, zu erkennen wäre, etwa nach dem Schema: Jetzt sind meine Aktien vorhanden (wenn auch nicht da); meine Eltern aber hätten nicht im Traum an virtuelles Eigentum dieser Art denken können. In die Nähe einer Entwicklungsvorstellung geraten vielleicht noch Paetaus Überlegungen zum ‘Entropieverdacht der Informationsgesellschaft’; doch mit der Wärmelehre lockt man in der Soziologie schon lange keinen Hund mehr hinterm Ofen vor. Historische Entwicklung zur Virtualität, Emergenz einer neuen Dimension sozio-ökonomischer Realität: darüber wird doch nun schon seit längerem und fruchtbar nachgedacht (Bühl ist in unserer Kollektion das beste Beispiel); wie kann man dann, es sei denn aus Ahnungslosigkeit, behaupten, "daß die Prozesse auf dem Netz derart divergent sind, daß sie mit einem übergreifenden theoretischen Konzept [das man auf dem Buchumschlag noch großsprecherisch andient] wohl kaum begrifflich zu fassen sein werden." (9) Es gibt auch gute Artikel (man sollte sie sich herauskopieren): Ulrich Schmids besonnene Analyse der ‘Institutionalisierung’ einer neuen Medienkultur in der Bundesrepublik, Barbara Beckers detaillierte Darstellung ‘virtueller Identitätsbildungen’ in den Netzen, Hartmut Winklers (leider schon wieder etwas veralteter) Bericht über Suchmaschinen und vor allem Ute Hoffmanns Beschreibung von Kommunikationspanik in der Welt des Usenet.

 

Netz-Kommunikation

Die ‘wirkliche Realität’ der Virtualität mit der empirischen Ausrüstung der Kommunikations- bzw. Publizistikwissenschaft fassen zu wollen, ist das erklärte Ziel der beiden von Neverla (‘Das Netz-Medium’) respektive Hagen (‘Online-Medien als Quellen politischer Information’) herausgegebenen Sammelbände. Gruppiert sind die Panels um das Institut für Journalisitik der Universität Hamburg bzw. um den Lehrstuhl für Kommunikations- und Politikwissenschaft der Universität Erlangen-Nürnberg. Die erkenntnistheoretische Problematik bleibt uns erhalten, denn gerade die erfreuliche Nüchternheit und Seriosität dieser Publikationen hängt davon ab, daß die meisten Autoren an einer wohlausgestalteten, professionellen Beobachterposition außerhalb ihres Gegenstandes, des Netz-Mediums, festhalten - und damit neben ‘Hype’ auch weitgehend ‘Beteiligung an der Entwicklung’ vermeiden. Siegfried Weischenberg beispielsweise (‘Pull, Push und Medien-Pfusch’) verteidigt einerseits, völlig zu recht, journalistische Kompetenz und einen sozialwissenschaftlichen Begriff von Medien "primär als institutionalisierte soziale Kommunikations- und Handlungskontexte - mit Zulieferbetrieben, Produktionsapparaten und differenzierten Berufsrollen -" (in Neverla, 52) gegen die voreilige Erhebung des World Wide Web zum Medium in diesem Sinne. Andererseits scheint er - entlang Kubiceks fragwürdiger Unterscheidung von Medien erster Ordnung (‘ohne Hintergrund und Organisation’, wie Telefon und Telefax) und zweiter Ordnung (im Sinne von Massenmedien) - das Internet ("trotz Net-Browsern und erheblicher Vergrößerung des Zugriffs aufs Netz") für wenig mehr als ein ‘Telefon-Netz’ zu halten. Wer aber tagtäglich mit dem Internet/WWW auch wissenschaftlich zu arbeiten begonnen hat, müßte wissen, daß hinter dem Browser-Thema nicht nur das Börsengerangel zwischen Microsoft und Netscape steht (in Neverla, 56), sondern - wie hinsichtlich ‘channels’, zwischengeschalteten Providern usw. auch - die Tatsache der massenmedialen Organisation von Zugängen zu Information und Wissen. Und wo hat es jemals im Telefonnetz (man komme nicht mit dem Anrufbeantworter) eine derart komplexe und funktionale Vermittlungsstruktur gegeben wie die Welt der websites, homepages und aller übrigen Formen von interfaces? So geht es eher um die Frage, wie diese neue Technologie sich in unsere alltägliche Kreativität und Kommunikation ‘hineinarbeitet’, eine Frage, die beispielsweise der Herausgeber des Online-Magazins Feed, Steven Johnson, mit der detaillierten Beschreibung einer emergierenden Interface Culture beantwortet hat (s.u.). Das WWW, so gesehen, hat inzwischen diese Stufe einer ‘Kultur’ auch insofern erreicht, als es nur noch wächst und wachsen kann, indem es sich auf die übrigen Massenmedien bezieht und diesen seinerseits Beziehungen zu sich aufzwingt. Die empirischen Untersuchungen der Nürnberger Forschungsgruppe bestätigen ansatzweise die Dynamik dieses neuen Elements im massenmedialen Stratum, auch wenn sie nur eine (nun schon über 2 Jahre alte) ‘Momentaufnahme’ bieten. Der Nutzertyp des ‘introvertierten Technikfans’ wird nach diesen Befunden immer mehr vom Typus des ‘kommunikativen Innovatoren’, des ‘Meinungsführers’, ergänzt und verdrängt. Die (nachwachsenden) Intellektuellen laufen also dem neuen Medium zu. Im Vordergrund steht, sieht man von der zunehmenden Kommerzialisierung ab, zwar noch immer die interpersonelle Kommunikation, doch Differenzierung und Spezialisierung schreiten voran. So war es beispielsweise schon 1996 selbstverständlich, daß die "aktuellen politischen Redaktionen in den herkömmlichen Massenmedien unterschiedlicher Art" sich der Online-Medien in beachtlichem Umfang zu Recherchezwecken bedienten (in Hagen, 15) - wobei das Konzept der ‘Recherche’ selbst, über die üblichen journalistischen und wissenschaftlichen Routinen hinaus, angesichts der netztypischen ‘nomadisierenden Sinnverknüpfungen’ in Bewegung gerät. Auch die Nürnberger Untersuchungen aber, die ja nach Online-Quellen politischer Informationen fragten, gingen kaum gesondert auf die im Netz bereits komplex verknüpften Bestände wissenschaftlichen Wissens ein. Im politikwissenschaftlichen Überblicksartikel von Theodor Zipfel (‘Online-Medien und politische Kommunikation im demokratischen System’) wird mit keinem Wort die Frage angesprochen, inwieweit Politikwissenschaft selbst auf dem Netz vermittelt ist. (in Hagen, 20ff.) Bei befragten Redakteuren rangierte die Informationsquelle Hochschulen/Forschungseinrichtungen an vorletzter Stelle. (Winfried Schulz / Daniela Leidner, in Hagen, 182) Dabei ist die steigende Repräsentation des wissenschaftlichen Universums, ob in disziplinärer oder in individueller Gestalt, insgesamt das bemerkenswerteste Phänomen des Internet. Zwar stehen diesem Angebot, dem breitesten und qualifiziertesten auf dem Netz, offenbar noch keine Massen kompetenter Nutzer gegebenüber (noch nicht einmal in den jeweiligen Disziplinen); und die dominanten kommerziellen Diffundeure von Online-Medien haben (trotz aller Lippenbekenntnisse) an der massenhaften, kostenfreien Erschließung des wissenschaftlichen Wissens überhaupt kein Interesse. Doch wäre es gerade deswegen nicht uninteressant, wenn empirische Netz-Forschungen - was natürlich mit ‘Eingreifen’ in diesen Medienprozess verbunden wäre - die Präsenz, Strukturierung und Zugänglichkeit wissenschaftlichen Wissens auf den Netzen mit vorantreiben würden. Dies könnte allein schon dadurch geschehen, daß der Forschungsprozess selbst sich, wo der Gegenstand es nahelegt, wenigstens partiell auf dem Netz abspielte und auch seinen aktuellen Progress elektronisch veröffentlichte - was wiederum mit beträchtlichen (auch technischen) Innovationen verbunden sein müßte. Aber: warum sollte sich Virtualität durch Virtualität nicht noch besser erforschen und erklären lassen?

Virtualität braucht Bandbreiten und Datenraten. Der erstaunlichste Befund ist, daß in kaum einer der bis jetzt besprochenenen Publikationen die einfachste materielle Voraussetzung für ‘Virtualisierung’ thematisiert wird: das Vorhandensein ausreichender Datenübertragungskapazitäten. Dabei wäre, aus europäischer Sicht und im Vergleich zu den USA, von einer schon skandalösen Verhinderung des Massenmediums Internet durch die europäischen und insbesondere deutschen Netzbetreiber zu berichten. Im Buch von Fleissner et al (256ff) werden zwar einige Fakten zur physischen Basis der Netze und auch zur Gefahr ihrer ‘Vergebührung’ ausgebreitet; Kleinsteuber / Hagen (in Neverla, 74f) machen auf den etatistisch-zentralistisch-monopolistischen Charakter der europäischen Telekommunikationspolitik aufmerksam; doch die reale Kostenstruktur, die großen Leistungsunterschiede zwischen öffentlichen Netzen (etwa dem Forschungsnetz) und den privaten Netzen (z.B. Banken, Lotto), das Desinteresse der Kabelbetreiber an einer billigen, interaktiven Netz-Infrastruktur usw. werden nirgendwo systematisch behandelt – obgleich das die beste Gelegenheit wäre, aus dem ‘Reich der Wünsche’ (Winkler) mit einer handfesten Strategie auf dem Boden der Virtualität zu landen.

 

Spiegelwelten

Um es als kulturelle Selbstverständlichkeit zu begreifen, daß Virtualität zu einem wichtigen ökonomischen Verwertungsraum geworden ist, daß sich sogar bestimmte Aspekte der Eigentumsfrage dorthin verlagern, muß man mit der Chipentwicklung der letzten fünfzehn Jahre, mit den entsprechenden Spielen, Filmen, Romanen und insbesondere Computerzeitschriften großgeworden sein - und selber aktiv Angebote auf das Netz gelegt haben. Eigentlich sind die 68er und 89er Generationen für unsere Fragestellung deshalb bereits uninteressant geworden. Auf die 486er Generation ist zu achten - und auf die Pentium-Kohorten, die gerade studieren! Die 486er wissen aus eigener Erfahrung, daß heute jede ambitiöse Berufs- und Lebensperspektive an diese neuen Entwicklungen gebunden ist. Bühls Buch ‘Die virtuelle Gesellschaft’ ist schon aus solchen biographischen Gründen ein Silberstreif am Problemhorizont. Nur bei ihm in unserem Sample wird beispielsweise die Bandbreiten- und Regulierungsfrage - unter der beruhigend traditionellen Überschrift ‘Macht und Herrschaft in globalen Netzen’ - adäquat gestellt, auch wenn mechanistische Vorstellungen darüber mitschwingen, daß sich, wie einst im Überbau, die realgesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse auch im virtuellen Raum lediglich spiegeln. (209ff.) Wenn dem so wäre, machte unter emanzipatorischen Gesichtspunkten die Beschäftigung mit den Netzen keinen Sinn: die abgestandenen Strategien der Moderne wären alles, was der Gesellschaftskritik bliebe. Erfreulicherweise bleibt Bühl aber ambivalent und entfaltet beeindruckende Vorüberlegungen zu einer Theorie der virtuellen Gesellschaft: beeindruckend, weil sie sich mit unbekümmerter Souveränität der vielen herumschwirrenden Vernetzungs-Metaphern (Datenautobahn, globales Dorf, virtuelle Gemeinschaft usw.) und ‘Gesellschaftsbegriffe im Zeitalter der Globalisierung’ (Informationsgesellschaft, Wissensgesellschaft, Multioptionsgesellschaft usw.) annehmen und den Mut haben, ein soziologisches Modell der virtuellen Gesellschaft auf den Schriften von Stanislaw Lem (insbesondere dessen Summa technologiae) aufzubauen. Ich finde, daß mit der ‘Phantomatik’ bzw. Phantomologie Lems (75) so etwas wie das Behaimsche Astrolabium für die Navigation im Hyperraum vorliegt; und die Schaubilder und Tabellen von Bühl sind ein (auch für die Lehre) nützliches, wenngleich ‘krudes’, Kartenwerk. Auch die Darstellung der technologischen Entwicklung - vom ‘soziologischen Modell’ des modernen Rechners (90) über Multimedia, Vernetzung, Techniken der Virtual Reality, Neuroinformatik und künstliche Intelligenz - ist zureichend verallgemeinert: also kein learning by writing. Und man sollte sich merken, "daß der Rechner historisch betrachtet zwar eng mit der Moderne verbunden ist, er aber Potenzen in sich birgt, welche die klassischen Strukturen der Industriegesellschaft transzendieren." (128) Der generationelle Vorsprung wird deutlich in der Verarbeitung der phantomatischen Massenkultur (SF-Literatur, Film) und in der Erarbeitung des Konzepts einer, mit Verlaub, ‘utopischen Methode’: "Die behandelten Autoren stellen Grenzgänger zwischen Science Fiction und Zukunftsforschung dar. Ihre literarischen Arbeiten sind wissenschaftliche Gedankenexperimente, die Zukunft als einen Bereich zielgerichteter Eingriffe, als ein gestaltbares Medium begreifen." (163) Die letzten rund 200 Seiten des Buches tauchen ein in Beispiele für realisierte Anwendungen der ‘virtuellen Gesellschaft’. Was dem Soziologen hier am meisten auffallen müßte, ist das Ausmaß der nicht durch kanonische Kategorien und Theoriebestände (des Faches) abgedeckten Erscheinungsfülle: Militär und Raumfahrt; Architektur, Maschinenbau, Medizin; Forschung, Ausbildung und Lehre; Unterhaltungs- und Freizeittechnologien; Verkehrswesen; Psychotherapie und Verwaltung; Kunst; virtuelle Unternehmen und Betriebsorganisation; Konsumtion, Distribution, Finanzwesen; Nationalstaat und Demokratie usw. Natürlich entgleitet dem Autoren hier oft die theoretische Kontrolle über das - meist aus dem Expertenstratum (aber auch aus bunteren Ecken) der Massenmedien herangezogene - Material. Immerhin - ohne den Begriff der Postmoderne wirklich zu entfalten (außer in der Rezeption von Jameson, 354ff.) - gibt es hier, unter der Prämisse, daß eine qualitativ neue Gesellschaftsformation heraufzieht, welche sich "von den Wesensmerkmalen der modernen Industriegesellschaft deutlich abgrenzen läßt", viel Stoff für einen lebendigen soziologischen Diskurs jenseits der Jahrtausendwende. Das Konzept der ‘virtuellen Gesellschaft’ ist sicherlich noch nicht genügend durchdacht. Die Vorstellung, daß sich "in allen Bereichen der Gesellschaft ‘Parallelwelten’ herausbilden", daß eine Dialektik von ‘Realwelt’ und ‘Spiegelwelt’, von ‘Realraum’ und ‘virtuellem Raum’ zu "qualitativ neuen Mechanismen der Vergesellschaftung in allen gesellschaftlichen Subsystemen" führt (360), wird erst durch den Rückgriff auf fundamentale theoretische Problemkonstellationen fruchtbar werden. Vor allem die ‘Schnittstellen’, die interfaces zwischen diesen Parallelwelten werden dann wohl interessant - und umkämpft. Überdies ruft die qualitative Veränderung des historischen Prozesses, welche sich möglicherweise durch die Verknüpfung von Utopie und Elektronik ergibt, viele seltsame ideologische Vögel auf den Plan, z.B. auch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Technologie: "Der Computer verstärkt nicht allein mechanische und intellektuelle Kräfte des Menschen, nun scheinen auch Einbildungskraft, Phantasie und Gefühle technisch verstärkbar und veränderbar zu sein." (zit. in Bühl, 360) Für solche Fälle hat sich in diesem Urlaub bei meinem 14jährigen Sohn ein geflügeltes Wort etabliert: "...kann doch nicht wahr sein!"

 

Interfaces

Vielleicht hilft uns, abschließend, doch noch Johnsons Buch weiter. "We should", schreibt G. Fischer, "strive for ‘interfaceless systems’ in which nothing stands between users and their tasks (and in which system objects become ‘ready-at-hand’ in a Heideggerian sense). Human-computer interaction should be concerned with tasks, with shared understandings, with explanations, justifications, and argumentation about actions, and not just with interfaces." (zit. in Fleissner, 142) Das wird nicht gehen: die Entscheidung gegen Substanzdenken und für den Relations- und Vermittlungscharakter von Wissen und Information setzt sich in der Computerwelt unwiderstehlich fort. Oder praktisch formuliert: nicht nur Wahlkämpfe kommen nicht ohne Verpackungskünstler aus, nicht nur fortgeschrittene TV-Channels wie CNN oder MTV bieten inzwischen (schein)interaktive Zugangsflächen; auch die Erschließung des gesamten, wie auch immer gespeicherten Wissens- und Informationsuniversums ist eine Frage der ‘Benutzerführung’. Und die Flexibilität und Effektivität von elektronischen interfaces hat längst alle anderen Präsentations-, Selektions- und Suchmethoden (auch wenn sie, wie im Bibliothekswesen, eine jahrhundertelange Entwicklungszeit hatten) weit hinter sich gelassen bzw. in sich aufgehoben. Mit Fug und Recht kann man deshalb vom heutigen Stand der Medienentwicklung rückwärtsblickend mit Johnson sagen, daß die gesamte mediale Kultur in gewissem Sinne eine Interface Culture war und ist. Johnson, um die 30, ist mit der PC-Entwicklung und deren Software aufgewachsen. Diese Computer-Kids konnten zwei Wege gehen: den des Technik-Freaks, dem Software Teil des technischen Systems bleibt und der sie, großgeworden, als Protokollschicht auffaßt und damit den Hardware- oder Netzprotokollen in ihrer Funktion des Auf-/Abbaus von Kommunikation gleichsetzt; oder den des Culture-Freaks, der, technisch genauso versiert, als Erwachsener Softwareentwicklung als Kulturphänomen erfährt, wie Johnson Semiotik und Englische Literatur studiert und sich schließlich anschickt, "this strange new medium of interface design" in einen größeren historischen Zusammenhang zu stellen. Jenseits jeglicher ‘Kommunikationseffizienz’ beginnen dann die graphischen Benutzeroberflächen als ein Medium zu erscheinen, "as complex and vital as the novel or the cathedral or the cinema" (212). Für Johnson - "We will come to think of interface design as a kind of art form - perhaps the art form of the next century." (213) - repräsentieren die komplexen Fensterarrangements der Benutzeroberflächen den endgültigen Abschied von der Zentralperspektive der Moderne und damit die Möglichkeit der kulturellen Bearbeitung der Erfahrung nicht-euklidischer Räume. Die Erfahrungen räumlicher Tiefe und ‘Verschachteltheit’, die beispielsweise das klassische Computerspiel Myst vermittelte, stehen dann auf gleicher Stufe wie die psychologischen Tiefen von Prousts ‘Suche nach der verlorenen Zeit’. Oder: es ist zu beobachten, daß interfaces, die ursprünglich nur der individuellen Benutzerführung dienten, inzwischen virtuelle soziale Welten aufbauen, nicht nur downtowns und ‘Marktplätze’, sondern VRML worldscapes und komplexe, mehrdimensionale topologische Räume. Oder: nachdem der Trend im interface design zunächst auf Standardisierung ging (Apple, Windows), ist durch die Softwareentwicklung längst eine fast unbegrenzte Vielfalt möglich geworden; die simplistischen Simulationen (etwa eines Arbeitsplatzes oder Büros) werden durch "more limber, loose fitting metaphors" (232) abgelöst. Zugleich zeigt sich, daß allein interfaces die Bewältigung der fragmentierten Welterfahrung erlauben, wie sie uns per Modem oder Kathoden-Röhre entgegenkommt: "the interface serves largely as a corrective to the forces unleashed by the information age." (236f.) Insofern beginnt die Interface Culture, wie alle Kultur zuvor, eine verwirrende, vielfältige, ‘unendliche’ Wirklichkeit zu repräsentieren und interpretieren - und nimmt, je weiter ‘Virtualisierung’ voranschreitet, allmählich die Mitte der Bühne ein. "The interface came into the world under the cloak of efficiency and is now emerging - chrysalis-style - as a genuine art form." (242) Das Spannende an dieser Sichtweise ist natürlich noch etwas ganz anderes, was unseren Computer-Kids, so ganz und gar inmitten dieser Entwicklung aufgewachsen und von ihr mitgerissen, noch gar nicht auffällt: wenn eine solche technische Entwicklung, auf die sich heute alle ökonomische Macht konzentriert, nicht nur die sozialen und politischen Verhältnisse zu prägen beginnt, sondern sich schon auf die geheimsten Produktionsstätten epochalen Selbstverständnisses, auf die Kunst, zubewegt und damit die Utopie ästhetischer Welterkenntnis, alle Widerprüche für den Augenblick aufzuheben, für sich beansprucht, dann ist es höchste Zeit, an die Widersprüche zu erinnern, welche hier aesthetisch ruhiggestellt werden könnten. Dann wird es, beispielsweise, sinnvoll, sich mit den wirklichen Dimensionen einer heraufziehenden Geopolitical Aesthetic (Jameson) zu beschäftigen.

 

Wahrheit

Was also ist Wahrheit unter den Bedingungen der Virtualisierung? Das System der vernetzten Computer ist ein Symbolsystem der nomadisierenden Sinngebungen, es könnte virtuell alles mit allem verknüpfen - wenn man es ließe. Es dient, über interfaces, längst der Kontextsteuerung des kapitalistischen Weltsystems; ihm strömen alle relevanten Daten zu - und werden verschlüsselt. Es enthält tendenziell die Möglichkeit der Symbolisierung und des Cognitive Mapping weltgesellschaftlicher Zusammenhänge in ‘Echtzeit’: die erfüllte Utopie der Enzyklopädisten. "Today it is the instant speed of electronic information that, for the first time, permits easy recognition of the patterns and the formal contours of change and development. The entire world, past and present, now reveals itself to us like a growing plant in an enormously accelerated movie. Electric speed is synonymous with light and with the understanding of causes." (Marshall McLuhan, zit. in Johnson, 4) Für die Wissens- und Wissenschaftssoziologie war das alles wie ein Zukunftsschock. Weder die Vertreter des Theorems der Informationsgesellschaft noch führende Theoretiker der Wissensgesellschaft, schreibt Bühl, haben rechtzeitig jenen fundamentalen Paradigmenwechsel in der Computertechnologie zur Kenntnis genommen, "der die elektronische Rechenmaschine in eine Allzweckmaschine zur Produktion von Spiegelwelten verwandelt hat." (Bühl, 67)

Es gibt zum Thema dieser Sammelbesprechung eine von Rainer Rilling betreute, vielbesuchte Website mit dem Namen Wissenschaft plus Politik (http://staff-www.uni-marburg.de/~ rillingr/home.html). Dort findet sich eine hervorragend gepflegte Text- und Link-Sammlung, strukturiert nach Prinzipien, welche den nächsten Schritt zu einem interface zwischen Soziologie und Hyperraum vorbereiten könnten. Wer sich also in real time über das Thema weiter informieren will, sollte neben dem Büchermarkt diese Kommunikationsform nutzen.

Im übrigen (und das soll der letzte Kritikpunkt bezüglich der nun schon ziemlich sandigen und von der Sonne vergilbten Auswahl aus dem Karton sein) ist es unverzeihlich, wenn in computertechnisch hergestellten Büchern Indizes fehlen. Die Abwesenheit brauchbarer Register offenbart ein Unverständnis davon, wie unter den heutigen Informationsbedingungen - es muß ja nicht gerade ‘Entropie’ sein - mit Texten, auch mit hochsubjektiven Texten, gearbeitet wird. Überhaupt: wie kann man diese Annäherungsmöglichkeit an die eigenen oder betreuten Produkte so aus der Hand geben? Schon aus diesem Grunde würde ich selbst die Bücher von Winkler, Kroker / Weinstein, Hörisch, Becker / Paetau, Hagen und Neverla nicht mehr kaufen.

 

Weitere Literatur

J. D. Bolter, Writing Space. The Computer, Hypertext, and the History of Writing, London 1991

L. Febvre, H. J. Martin, The Coming of the Book. The Impact of Printing 1450-1800, London, New York 1990

G. Fischer, Beyond Human Computer Interaction: Designing Useful and Usable Computational Environments. In: J. L. Alty et al, People and Computers, VIII. Proceedings of HCI ’93, Cambridge 1993

Fredric Jameson, The Geopolitical Aesthetic. Cinema and Space in the World System, London 1992

Fredric Jameson: Postmoderne - zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus. In: Andreas Huyssen (Hrsg.), Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels, Hamburg 1993, 45-102

Marshall McLuhan, Die magischen Kanäle. Understanding Media, Basel 1995 (Neuaufl.)