Aus der Region
Professor Song ist in Freiheit
Münster - Die erlösende E-Mail kam am
frühen Morgen aus Seoul. Sein Vater sei frei, schrieb
Dschun, Sohn von Song Do-Yul, an dessen münsterischen Kollegen
und Freund, Prof. Dr. Jürgen Krysmanski. In der Berufungsverhandlung
gegen den Soziologie-Professor aus Münster, der im März zu sieben
Jahren Haft wegen Spionage für das feindliche Nordkorea
verurteilt worden war, reduzierte das Gericht die Strafe auf drei
Jahre, und setzte sie zur Bewährung aus. "Damit hat niemand
mehr ernsthaft gerechnet", freut sich auch Soziologe Dr.
Bernd Hülsmann, ebenfalls Song-Freund und Unterstützer der
Kampagnen zu seiner Freilassung.
Am Morgen hatte das
Gericht in Seoul sein Urteil verkündet und Song auf
freien Fuß gesetzt. Chong-Hee, Songs Ehefrau rief später
überglücklich bei Krysmanski an: Sie könne ihren Mann nur endlich
wieder in die Arme schließen. Per E-Mail schickte die Familie zum
Beweis der glücklichen Freilassung das obige Foto nach
Münster. Ob der Professor mit deutscher
Staatsangehörigkeit, der als Wegbereiter der Annäherung zwischen den
beiden Koreas gilt und im vergangenen September nach 36 Jahren im
Exil erstmals seine Heimat besucht hatte, in den nächsten
Tagen nach Deutschland reisen kann, hängt davon ab, ob
die Staatsanwaltschaft Revision gegen das Urteil beantragt. Da
das Gericht laut Bericht der Deutschen Presseagentur die
meisten Anklagepunkte fallen ließ, wäre laut Hülsmann auch in diesem
Fall keine hohe Strafe mehr zu befürchten.
"Wir planen für das
Wintersemester jetzt wieder mit Song Do-Yul", unterstreicht
Krysmanski, der den Kollegen im Herbst in Seoul im Gefängnis
besucht hatte.
Laut amnesty international war Song der
einzige Deutsche in politischer Gefangenschaft. Die Haftbedingungen
des gesundheitlich angeschlagenen 59-Jährigen waren in der
internationalen Presse immer wieder kritisiert worden. Song musste
24 Stunden bei Licht ohne Stuhl und Tisch in einer winzigen Zelle
ausharren, erhielt kaum Bücher, nur wenige Kontakte waren
erlaubt.
Die münsterischen Bundestagsabgeordneten, die sich
allesamt für die Freilassung Songs stark gemacht hatten, reagierten
auf das Urteil mit Freude und Erleichterung. Es habe im Auswärtigen
Amt hinter den Kulissen erhebliche diplomatische Bemühungen gegeben,
weiß Winni Nachtwei.
Mittwoch, 21. Juli
2004 | Karin Völker