| junge Welt vom 07.01.2004 |
| Thema |
Blicke in die Glaskugel |
Seit Anfang Dezember wird dem deutsch-koreanischen Hochschullehrer Song Du-Yul in Seoul der Prozeß gemacht. Notizen eines Prozeßbeobachters (Teil II und Schluß) |
| Rainer Werning, Seoul |
| Was Songs vermeintlichen nordkoreanischen Politbürokandidatenstatus betrifft, stützt sich die Staatsanwaltschaft einzig auf die Behauptung des vor Jahren aus Nordkorea übergelaufenen Politikers und einstigen Mentors von Kim Jong-Il, Hwang Jang-Yop. Mit dessen Glaubwürdigkeit steht es nicht zum Besten. In Südkorea scheint er als »Mohr« seine Schuldigkeit getan zu haben, der nunmehr von der Bühne abtreten mag. Auch die kürzlich erfolgte erste Reise Hwangs in die USA, um dort als »Kronzeuge« gegen Nordkorea aufzutreten, wurde zum Flop und hinterließ selbst bei den Falken innerhalb des Pentagon einen faden Nachgeschmack. Überdies hat bereits vor Jahren das Seouler Distriktgericht der Klage Professor Songs stattgegeben und Hwang mangels Beweisen untersagt, Song als »Kim Chol-Su«, die Nummer 23 in der nordkoreanischen Nomenklatur, zu bezeichnen.
Was die fünfmal in Peking und einmal in Pjöngjang stattgefundenen Konferenzen koreanischer Wissenschaftler aus Süd und Nord zum Thema Wiedervereinigung betrifft, so wurden all diese Treffen von südkoreanischen Firmen und Zeitungen finanziell unterstützt. Song, der dafür viel Zeit und Mühe investierte, agierte als Scharnier zwischen den Akademikern aus beiden Staaten. Ganz im Sinne seines Credos, im geteilten Korea den innerkoreanischen Dialog zu fördern und die starre Abgrenzungspolitik in Nord wie Süd aufzulockern. Um solche Treffen vorzubereiten, waren mehrfache Reisen in die Volksrepublik notwendig, wo er auch mit führenden Persönlichkeiten zusammentraf. Zweifellos hätte er solche Reisen ebenfalls gern in den Süden unternommen. Das allerdings wußten technokratische Betonköpfe in Feinabstimmung mit den Hardcore-Kalten-Kriegern des Geheimdienstes zu vereiteln. Im übrigen ist Professor Song seit zehn Jahren deutscher Staatsbürger und kann als solcher reisen, wohin er will. Reisen nach Nordkorea sind nicht justiziabel.
Nachgerade grotesk ist der Anklagepunkt, Song habe in solchen Schriften wie in seiner Monographie »Wie sollte Nordkorea betrachtet werden – Zur Methodologie eines angemessenen Verständnisses von Nordkorea« und in dem im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele 1988 in Seoul im Rowohlt Verlag veröffentlichten Buch »Südkorea: Kein Land für friedliche Spiele« Propaganda für den Norden betrieben und »gegen die Veranstaltung der Olympischen Spiele in Südkorea« opponiert. Der Angeklagte hat in der Nordkoreaforschung stets einen Ansatz immanenter Kritik verfolgt und Reisen in die Volksrepublik für seine wissenschaftliche Arbeit und das Sammeln direkter Erfahrungen genutzt. Peinlich für die Staatsanwaltschaft, daß der Rowohlt-Aktuell-Band »Südkorea: Kein Land für friedliche Spiele« eine Gemeinschaftsproduktion von vier Verfassern ist – von Song Du-Yul, Rainer Werning, Michael Denis und Esther Dischereit. Song steuerte zu dem Band zwei Artikel bei, die sich den Themen Landwirtschaft und Wirtschaft widmeten, in denen er die Umwälzungen in Südkoreas Dörfern beschrieb und der Frage nachging, aufgrund welcher konstitutiven Bedingungen das Land dem »Modell Japan« nacheifert.
Jene die Herrschenden offensichtlich noch heute nervenden politischen Passagen in diesem Buch, welche die Entwicklung nach der Verhängung des Kriegsrechts Anfang der siebziger Jahre beleuchteten, stammen alle aus meiner Feder. Der Frühling und Sommer 1987 markierten die äußerst bewegte und bewegende Phase der aufkeimenden Demokratiebewegung im Lande, als der damalige Präsident Chun Doo-Hwan kurzzeitig erwogen hatte, erneut das Kriegsrecht zu verhängen. Eine Großdemonstration folgte der nächsten, Bürger sämtlicher gesellschaftlicher Schichten setzten sich für einen demokratischen Wandel ein. Omnipräsent waren die Schnüffler, die Riot Police und andere »Sicherheitskräfte« des Staates, die mit CS- und Tränengas, mit Schlagstöcken, Rollkommandos und martialischen Greiftrupps für die Aufrechterhaltung der maroden Ordnung aufmarschierten. Südkorea war damals partout kein Land für friedliche Olympische Spiele. Ergo: Der Titel des jetzt (nach 16 Jahren!) inkriminierten Buches war nicht nur treffend. Er wurde überdies in Absprache mit mir, der ich damals die Verhandlungen mit dem Verlag führte, und dem verantwortlichen Lektor des Rowohlt Verlages mit Bedacht gewählt. Kurz vor und während dieses Großereignisses boten die Sportveranstaltungen den Militärs einen willkommenen Anlaß, unter dem Deckmantel »der Vereitelung von Sabotage- und Terrorakten« mobilzumachen, Slumbewohner zu schikanieren, Studenten zu verprügeln und den Rest der Bevölkerung botmäßig zu halten. Es war das historische Verdienst der südkoreanischen Demokratiebewegung und kritischer Medienleute aus dem Ausland, diese Zustände und Praktiken der Militärs schonungslos offengelegt zu haben. In diesem Sinne war das heute inkriminierte Buch Bestandteil einer aufklärerischen Intervention. Die Verteidigung von Song Du-Yul ist über all dies bestens informiert.
Schließlich wird der Angeklagte beschuldigt, bei der Gründung zahlreicher Auslandsorganisationen von Koreanern seit Mitte der siebziger Jahre Pate gestanden zu haben, die allesamt nordkoreafreundlich gewesen bzw. von der Volksrepublik gesteuert worden seien. Fakt ist, daß sich solche Organisationen für Demokratie und Menschenrechte in Südkorea einsetzten, wo lange Zeit ein Militärregime qua Kriegsrecht herrschte und die Regierenden mit Wissen und Duldung der USA im Mai 1980 einen Volksaufstand in der südwestlichen Stadt Kwangju brutal mit Panzern niederwalzen ließen. Wenn jemand dem Ansehen Südkoreas in der Welt Schaden zugefügt hat, dann waren es Kommißköpfe wie die Exgeneräle Park Chung-Hee, Chun Doo-Hwan und Roh Tae-Woo, die allzulange das Sagen gehabt und ihre Bevölkerung gewaltsam zum Schweigen verdammt hatten.
Bilder und Worte
Mittwoch, 3. Dezember. Das I-TV-Team begleitet mich den halben Tag. Es will wissen, welches Verhältnis ich zu dem Angeklagten habe, was uns über zig Jahre hinweg verband, und welche Aktivitäten wir gemeinsam verfolgten. Der Regisseur dieses Dokumentarfilms möchte dem Publikum die Person und Persönlichkeit Song Du-Yul nahebringen – jenseits der Schmähungen und Dämonisierungen, die er und seine Familie erdulden mußten.
Nachmittags, von 16 bis 17.15 Uhr, Gespräch mit dem deutschen Botschafter, Michael Geier, und der Ersten Sekretärin und Konsulin, Christina Beinhoff, in der deutschen Botschaft. Das Treffen kam kurzfristig zustande und verlief in freundlicher Atmosphäre. Offensichtlich wird der »Fall Song« genau verfolgt und enger Kontakt zum Auswärtigen Amt in Berlin gehalten. Ende November traf dort Bundesaußenminister Joseph Fischer mit seinem südkoreanischen Kollegen Yoon zusammen, was in den südkoreanischen Medien für einigen Wirbel sorgte. Fischer hatte im Falle Songs nämlich von »concern« der Bundesregierung gesprochen, während Yoon den Medien gegenüber in Seoul behauptete, man habe in Berlin lediglich »interest« signalisiert. Nun bedeutet im diplomatischen Sprachgebrauch »concern« – Besorgnis – weitaus mehr als nur Interesse; es insinuiert, daß Handlungsbedarf besteht und die Dinge möglichst zügig zu einem guten Abschluß gebracht werden sollten. Die Botschaft wird sich bei den südkoreanischen Behörden dafür einsetzen, daß der Inhaftierte angemessen ärztlich versorgt wird. Einigkeit herrscht in dem Punkt, für Song Du-Yul, was seine Reisen nach und Kontakte mit Nordkorea betrifft, ein Wissenschaftsprivileg zu reklamieren, was ein Gutachtergremium aus Hochschullehrern Südkoreas und Deutschlands untermauert.
Donnerstag, 4. Dezember. Zweiter Besuch beim Häftling Nummer 65. Wiederum nur zwanzig Minuten, von 12.45 Uhr bis 13.05 Uhr. Diesmal herrscht im Gefängnis reger Besucherandrang. Unwillkürlich muß ich an Kafka denken, an Entfremdungen und Verfremdungen, wie rasch und tief jemand ahnungs- und grundlos in Mißlichkeiten gerät. Der Angeklagte wirkt angespannt. Sein Gesicht ist ein wenig aufgedunsen, möglicherweise wegen der Einnahme von Medikamenten. Asthmaanfälle haben ihn in den letzten Tagen geplagt. Nur verspätet und sporadisch läßt sich der Gefängnisarzt blicken. Es bleibt kaum Zeit für ein persönliches Gespräch. Für den zweiten Prozeßtermin, der am 16. Dezember stattfindet, benötigt er bestimmte Papiere und Unterlagen, um sich vorzubereiten. Dann ertönt ein Klingelzeichen, Häftling Nummer 65 verschwindet ebenso schnell in seine Drei-Quadratmeter-Zelle wie sich durch die Tür des Besuchszimmers ein neuer Pulk Besucher drängt.
Pressegespräche
Freitag, 5. Dezember. Zur Mittagszeit hat das südkoreanische Maßnahmenkomitee für die Freilassung von Professor Song zur Pressekonferenz geladen. Im Gegensatz zu der Impromptu-Konferenz vor dem windigen Eingang des Gerichtsgebäudes drei Tage zuvor findet dieses Gespräch in einem Café statt. Gut zwanzig Journalisten sind zugegen, von Printmedien wie von Fernsehanstalten. Auch ein Vertreter von Yonhap News, der südkoreanischen Nachrichtenagentur, ist anwesend. Ich berichte, wie die deutschen Medien den »Fall Song« beurteilen und welche Solidaritätsaktionen für ihn unternommen werden – einschließlich der Interventionen von Hochschullehrern und Vertretern der beiden großen Kirchen. Es entsteht die Chance, die südkoreanische Berichterstattung im »Fall Song« kritisch Revue passieren zu lassen. Immerhin ist nach Wochen ein bescheidener Fortschritt zu konstatieren. So benutzt man nun häufiger die Vokabel »vermeintlich« oder »mutmaßlich«, wenn von Songs »Verbrechen« die Rede ist. Ab und zu taucht die Frage nach dem Charakter des Korea Verbandes e.V. auf – mit der schnippischen Spitze, ob dieser auch Beziehungen zu Nordkorea pflege. Nachrichtenwert hat die Tatsache, daß dem Vorsitzenden Richter Lee Dae-Gyeong eine Unterschriftenliste des europäischen Maßnahmenkomitees mit 920 Unterzeichnern übergeben wurde. In Südkorea ist man darauf bedacht, sein Ansehen im Ausland zu wahren und nicht mit Negativschlagzeilen ins Gerede zu kommen.
»1 300 Kriegsdienstverweigerer«
Samstag, 6. Dezember. Erster Tiefschlaf nach einer Woche. (W)irre Gedanken schießen mir durch den Kopf. Mittags, bei der Zeitungslektüre, versuche ich, Gesehenes und Erlebtes zu ordnen. Die Tagespresse füllen Spalten über Spalten mit Skandalen und Korruptionsfällen. Riesensummen sind im Gespräch. Präsident Roh Moo-Hyun, gerademal zehn Monate im Amt, ist mit überbordenden Problemen konfrontiert. Der frühere Menschenrechtsanwalt und Champion des »Kleinen Mannes« ist, nachdem er Ende September seiner Millennium Democratic Party (MDP) den Rücken kehrte, ein parteiloser »General«, der um »Truppen« buhlt, die ihm die Treue halten. Rohs Popularität hat stark gelitten. Mehrere seiner Mitstreiter müssen sich wegen illegaler Finanzpraktiken während des Wahlkampfes vor einem Jahr vor Gericht verantworten. Inkompetenz und Ineffizienz werden vor allem jenen Getreuen des Präsidenten vorgeworfen, die in dessen Amtssitz, dem Blauen Haus, die »386er Garde« bilden. Das sind Leute in den Dreißigern, welche die Universität in den achtziger Jahren besuchten. »Nationale Sicherheitsbelange« sind ein weiteres beherrschendes Thema in den Medien. So müssen die annähernd 1 300 Kriegsdienstverweigerer mit einer zwei- bis dreijährigen Haftstrafe rechnen. Berufen sie sich auf Gewissensgründe, sind diese nach geltender Rechtsauffassung nachrangig, da dem Kalkül nationaler Sicherheit untergeordnet.
Song Du-Yul, so scheint mir, ist in dieser vertrackten Situation in eine Falle getappt, wenn nicht gar gelockt worden. Es gibt Medienberichte, in denen es als naiv dargestellt wird, zu diesem Zeitpunkt nach Seoul gereist zu sein. Doch es waren direkte Interventionen aus Seoul, die ihn und seine Familie zu dieser Entscheidung drängten. Dabei unterschätzten selbst Wohlmeinende die noch immer sämtliche Poren der Gesellschaft durchdringenden Tentakel des allmächtigen Staatssicherheitsapparates (NIS). Dessen innersten Kern beherrschen strategisch positionierte Hardliner – Demokratie hin, Demokratisierungsprozesse her –, die auf offenen Dissens mit der Volksrepublik und ein ungebrochen enges Bündnis mit der »Schutzmacht« USA setzen. Selbst der Expräsident und einstige Staatsfeind Nr. 1, Kim Dae-Jung (1998–2003), vermochte diese Zitadellen der Macht nicht zu schleifen. Diese stützen ihrerseits die konservativen und reaktionären Kräfte der Opposition, welche die Mehrheit im Parlament stellt und die Niederlage ihres Präsidentschaftskandidaten Lee Hoi-Chang am 19. Dezember 2002 nicht verwunden hat. Sie treibt einen Präsidenten vor sich her, der innere Reformen und ein Überdenken des Bündnisses mit den USA versprochen hatte, jedoch nichts dergleichen zu realisieren vermochte.
Statt dessen geriet die »Sonnenscheinpolitik« gegenüber dem Norden ins Zwielicht. Und nebst einigen hundert Zivilisten (in erster Linie Bauingenieure) will Seoul jetzt auch 3 000 Soldaten in den Irak entsenden und damit das Land neuerlich in Kriegsgeschehen verwickeln. In dieser komplizierten innenpolitischen Lage profitieren zuvörderst die Rechten von der »Affäre des Dissidenten Song«, die sie mit Blick auf die im Frühjahr 2004 anstehenden Wahlen zur Nationalversammlung für ihre Zwecke nutzen. Die Opposition verlangt eine drastische Kürzung des NIS-Etats, sollte der Staatsschutz im »Fall Song« versagen. »Ich bin«, befindet heute der Angeklagte, »zum Spielball der innerkoreanischen Machtkämpfe geworden, auch der innerhalb des NIS«. Vor diesem Hintergrund spiegelt die »Affäre des Dissidenten Song« ein tragisches Kapitel kalter Nachkriegsgeschichte wider.
Abends Abschiedsfeier mit Freunden und Kollegen, die früher in Deutschland studierten und zum Freundeskreis von Song Du-Yul und seiner Familie zählen. Blicke in die Glaskugel. Was wird, was ist zu erwarten? Vielleicht kommt schon bald der Zeitpunkt, da es der Staatsanwaltschaft lieb sein dürfte, sich des grotesken Verfahrens zu entledigen. Mit einem Freispruch ist aufgrund massiven Drucks der Rechten und Konservativen im Lande kaum zu rechnen. Es sei denn, unerwartet starker externer politisch-diplomatischer Druck führte dazu, daß in diesem Falle »der Westwind den Ostwind« überflügelt. Eher ist, nicht zuletzt im Sinne des Gesichtwahrens, eine Verurteilung denkbar, bei der die Strafe auf Bewährung ausgesetzt und der Angeklagte zügig und unzeremoniell des Landes verwiesen wird. Professor Song wäre dann mindestens fünf Jahre lang als Persona non grata gebrandmarkt, ausreichend Zeit für einige (vormalige) Freunde, sich von ihm zu distanzieren. Songs Chancen, künftig auch in Südkorea leben und lehren zu können, würden damit schwinden – eine bittere Enttäuschung für den erklärten Grenzgänger. Bitter ist jedenfalls schon der Rückzieher der Universität in Kwangju, die sich dem Druck beugte und dem Hochschullehrer die bereits zuerkannte Ehrendoktorwürde wieder aberkannte. Ein Armutszeugnis für einen Wissenschaftsbetrieb.
Filmrisse
Sonntag, 7. Dezember. Ein alter Freund aus Münsteraner Tagen begleitet mich zum Flughafen. Er sieht in der aktuell chaotisch anmutenden innenpolitischen Lage dennoch die Chance, den Demokratisierungsprozeß voranzubringen und die nächsten Wahlen für die Stärkung der Zivilgesellschaft zu nutzen. Sich selbst beruhigendes Wunschdenken? Noch am selben Tag landet die Asiana (Flugnummer 451) um 15.45 Uhr Ortszeit in Frankfurt/Main. Zweiter Adventssonntag. Strahlend blauer Himmel, ruhiger Flug.
Befand ich mich in den vergangenen Tagen im falschen Kino, oder sah ich nur den falschen Film? Da erhielt fast auf den Tag genau vor drei Jahren, am 10. Dezember 2000, Südkoreas Präsident Kim Dae-Jung in Oslo den Friedensnobelpreis für seine Sonnenscheinpolitik gegenüber dem Norden. (Eine dubiose Entscheidung; zu Aussöhnung und Frieden gehören nun mal zwei Parteien. Offensichtlich wollte man einem hartnäckigen, globalisierungsresistenten Restposten des realen Sozialismus mit Kim Jong-Il als Steuermann Reverenz verwehren.) Mitte Juni 2000 war es nämlich in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang (sic!) zum ersten innerkoreanischen Gipfel gekommen, auf dem gegenseitiger Besucheraustausch, Aussöhnung und Annäherung sowie eine bilaterale wirtschaftliche Zusammenarbeit vereinbart worden waren. Selbst die seit dem Koreakrieg unterbrochenen Bahnlinien sollten gemäß beidseitiger Absprachen schnellstmöglich repariert und im April 2004 wieder in Betrieb genommen werden.
Aufbruchsstimmung herrschte noch im Juni 2003 – anläßlich des dritten Jahrestages dieser historischen Nord-Süd-Vereinbarung. Seitdem gibt es tatsächlich einen regen, wiewohl staatlich reglementierten Besucheraustausch. Und das südkoreanische Big Business stiert auf den Norden, um dort in größerem Stil Geschäfte machen zu können, ob in der grenznahen Stadt Kaesong oder anderswo. Lange bevor aber das Wort »Sonnenscheinpolitik« geprägt war, hatte sich ein Mann wie Song Du-Yul just in solchem Geiste jahrzehntelang für das friedfertige Miteinander von Koreanern in Nord wie Süd und eine Dialogkultur auf der geteilten Halbinsel eingesetzt. Um dafür heute zu büßen und hinter Gittern gesperrt zu sein?
* Die letzte Veröffentlichung Song Du-Yuls: Schattierungen der Moderne – Ost-West-Dialoge in Philosophie, Soziologie und Politik, PapyRossa Verlag, Köln 2002
Der Prozeß wurde am 6. Januar fortgesetzt, u. a. mit der Aussage von Rainer Werning als Entlastungszeuge. jW wird weiter berichten.
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