| Schlusswort Professor Song Du-Yul 9.3.2004 Schlusswort Professor Song Du-Yul Euer Ehren! Zuerst möchte ich dem Gericht, das bei der Durchführung dieses Prozesses so viel Mühe auf sich genommen hat, meinen tiefsten Dank zum Ausdruck bringen. Ich möchte allerdings ehrlich sein und sagen, dass mich das gesamte Prozessgeschehen bis heute zutiefst verstört hat. Einerseits habe ich den Wunsch, dass der Albtraum der vergangenen Monate endlich ein Ende haben möge. Aber andererseits frage ich mich imselben Moment: Was wird der Ausgang dieses Prozesses den Menschen sagen, deren Herzen voller Hoffnung sind, dass die Teilung unseres Landes dem Ende zu geht und die Zeit der Vereinigung gekommen ist? 1. Das wahre Gesicht des "Nationalen Sicherheitsgesetzes" Ich habe an die vierzig Jahre im Ausland gelebt und ich konnte mit dem "Nationalen Sicherheitsgesetz" gerade mal Schlagwoerter wie "staatsfeindliche Gruppierung", "Preisen und Gutheißen", "Infiltration und Flucht", "Treffen und Kommunizieren" etc. assoziieren. Seit über vier Monaten habe ich nun allerdings waehrend der Verhöre
durch den Geheimdienst und in den Vernehmungen durch die Staatsanwaltschaft
am eigenen Leibe zu spüren bekommen, was das "Nationale Sicherheitsgesetz"
ist. Am Schöneberger Ufer, im Zentrum Berlins, befindet sich die Botschaft der Republik Korea - ungefähr 10 Autominuten davon entfernt, in der Glinka Strasse, die Botschaft der DVRK (Nordkorea). Wenn Ausländer, mich eingeschlossen, nach Nordkorea reisen wollen, müssen sie die nötigen Prozedere der Einreisebestimmungen durchlaufen, wie Visumbeantragung usw. und natürlich auch die Botschaft betreten. In der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft jedoch erscheint ein solcher Besuch als Betreten eines "Gebietes, beherrscht von einer antistaatlichen Gruppierung, die sich zum Staat erklärt hat". Und mir wird vorgeworfen, eine "staatsfeindliche Gruppierung" unterstützt und mich mit ihnen "getroffen und bzw. kommuniziert" zu haben. Wenn man dies so interpretiert, bedeutet es im folgenden allerdings auch, dass alle deutschen Angestellten der deutschen Botschaft in Pyoengyang das "Nationale Sicherheitsgesetz" verletzt haben müssten. Außerdem: der Leiter des Goethe-Institutes in Seoul, der gleichzeitig auch für die Unterhaltung einer Bibliothek in Pyoengyang zuständig ist, muß deswegen häufig nach Nordkorea reisen. Wenn man nach der Logik der Staatsanwaltschaft ginge, müsste auch dies folgerichtig unter den Tatbestand der "Infiltration und Flucht" fallen. Deshalb haben sich eine Reihe von deutschen Staatsbürgern, die meinen Fall verfolgten, erschrocken und zynisch gefragt, ob Korea das "Nationale Sicherheitsgesetz" jetzt auch nach Deutschland exportieren will. Nicht nur das: Als sie gehört haben, dass die Staatsanwaltschaft
den Inhalt eines von mir vor sechzehn Jahren auf Deutsch geschriebenen
Buches problematisiert hat (Du-Yul Song et al.: Suedkorea - Kein Land
fuer friedliche Spiele, rororo aktuell 1988. Anm. d. U.), indem sie behaupteten,
dass es gegen das "Nationale Sicherheitsgesetz" verstoße,
sind sie vor Schreck ganz bleich geworden. Obgleich längst eine Zeit angebrochen ist, in der die Welt Kultur schätzt und respektiert, agiert die Staatsanwaltschaft Südkoreas in derartiger Weise feindlich gegen seine eigene Kultur, dass das Ansehen des Landes immens darunter leidet. Die Staatsanwaltschaft spricht vom "geltenden Recht", um das "Nationale Sicherheitsgesetz" zu verteidigen. Dies Gesetz jedoch ist ein (vereinigungsfeindliches) Hindernis auf dem Weg zur Vereinigung des letzten geteilten Landes der Welt. Nicht nur das: Dieses Gesetz widerspricht auch der heutigen internationalen Realität, die unter den Werten der Globalisierung eine Weltbürgergesellschaft anstrebt.
Ich möchte an dieser Stelle die Stolpersteine ins Rollen bringen und die Grundgedanken meiner Idee zur Vereinigung vorstellen, die das "Nationale Sicherheitsgesetz" nicht verstehen will und auch nicht versuchen wird, zu verstehen,. Immer wenn über die Frage der Vereinigung gesprochen wurde, habe ich stets zu aller erst das Prinzip der "Konkreszenz" (Koexistenz, Anm.d.U.) betont. Diese im buddhistischen Kontext verstandene "Konkreszenz" (sangsaeng) setzt den Begriff des "Nexus" (yeongi/Verbindung, Anm.d.U.) voraus: die Lehre des "wenn dies ist, ist auch das und wenn dies nicht ist, ist auch das nicht" lässt sich exakt auf unsere gegenwärtige Situation der Teilung in Nord und Süd anwenden. Dies bedeutet, nicht eine Entscheidung für "dies oder das" zu fordern, sondern ein gemeinsames Verständnis für die Beziehung zwischen "Nord und Süd" zu entwickeln. Symbolisch gesprochen: Es geht um das Verhältnis des großen und kleinen Bambus zueinander, die tief unter der Erde mit ihrem Rhyzom (Wurzel, Anm.d.U.) verbunden sind. Nur wenn man sich auf das Prinzip der Konkreszenz beruft, wird es ueberhaupt möglich, dass Nord- und Südkorea einander wahrnehmen, sich gegenseitig als "Fremden in sich selbst" begreifen. Wenn Nord und Süd gleich wären, wäre eine Vereinigung schon erreicht, und wenn Nord und Süd völlig verschieden wären, bräuchte man das Thema Vereinigung noch nicht einmal anzuschneiden. Deshalb muss es in dem angespannten Verhältnis von "gleich und doch auch verschieden und verschieden und doch auch gleich" zwischen Nord und Süd endlich dazu kommen, dass sich die Räume öffnen. Und das heißt: Wir sollten die Vereinigung nicht als ein punktuelles "Ereignis" begreifen, sondern uns darin einüben, sie als einen fortwährenden Prozess zu betrachten. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass beide Teile über ein halbes Jahrhundert hinweg in getrennten Erfahrungsräumen mit unterschiedlichen Erwartungshorizonten gelebt haben. Deshalb ist ein Prozess des gegenseitigen Verstehens unabdingbar. Ein solcher Prozess macht möglich, dass man sich nicht als "Herr" und "Knecht", sondern als gleichwertig anerkennt. Es wird ein rationaler "Dialog" möglich, indem man sich selbst aus der Position des jeweils anderen betrachten kann. Gerade in unserer Zeit ist es dringend notwendig, die Konfrontation nicht durch Gewalt, sondern mit friedlichen Mitteln zu lösen. Denn die gegenwärtige Situation der koreanischen Halbinsel erfordert, wenn schon keinen "positiven" Frieden im Sinne der Errichtung eines Friedenssystems durch friedliche Mittel, dann zumindest die Aussicht auf einen Frieden im "negativem" Sinne: naemlich ein Friede, dem der Krieg fehlt. Als ich feststellte, dass das Leben eines "Grenzgängers", der für die Umsetzung seiner eigenen Vereinigungsphilosophie, die "Konkreszenz", "den Fremden in einem selbst", "Prozeßhaftigkeit", "rationalen Dialog" und "Frieden", das "Etwas, das den Dritten zugleich ein- und ausschließt" zu seinen Hauptinhalten hat, als Existenz eines "Opportunisten" missverstanden wurde, erinnerte ich mich an ein Gleichnis in "Sankyuta Nikaya", in den fruehen heiligen buddhistischen Schriften. Dieses beinhaltet das folgende: wenn man eine schwarze und eine weiße Kuh aneinandergebunden sieht, würde man gewöhnlich sagen, es handele sich um eine weiße Kuh, die an einer schwarzen Kuh angebunden bzw. eine schwarze Kuh, die an einer weißen Kuh festgebunden sei. Aber eigentlich ist es nichts anderes als eine weiße und eine schwarze Kuh, die durch ein "Seil" miteinander verbunden sind. Und so sehe ich auch die Beziehung zwischen Nord- und Südkorea. Dieser Vergleich meint, dass weder der Norden an den Süden, noch der Süden an den Norden festgebunden ist, sondern dass das "Zwischen" Nord- und Südkoreas in den Mittelpunkt gerückt werden sollte. Würde sich die entmilitarisierte Zone, der "Raum des Dritten", der heute Nord- und Südkorea teilt, auf die gesamte Halbinsel erstrecken, im Sinne eines nicht ausbrechenden Krieges, könnte ein Frieden im negativem Sinne möglich werden.
Als ich nach 37 Jahren als "Grenzgänger" die Erde meines Heimatlandes betrat, dachte ich an die Geschichte der fünf Affen, die in der Organisationssoziologie immer wieder erwähnt wird. Ein Affendresseur hängte jeden Morgen eine frische Banane ganz oben auf einen Baum und verlegte einen unter Strom stehenden Draht darum herum. Der erste Affe klettert den Baum hinauf, um an die Banane heranzukommen, aber als er den Strom spürt, erschrickt er und gibt das Unternehmen sofort auf. Auch der zweite, dritte und vierte Affe versuchen es, aber jeder gab sofort auf, sobald er den elektrischen Schlag spürte. Nach zwei Tagen kommt ein neuer Affe in den Käfig und versucht ebenfalls, die am Baum befestigte Banane zu erreichen. Als er den Baum hinaufklettert, versuchen die anderen Affen, die bereits die schmerzliche Erfahrung gemacht haben, ihn davon abzuhalten. Aber der fünfte Affe schlägt ihre Versuche, ihn abzuhalten, in den Wind. Der Ausbilder hatte den Strom bereits abgeschaltet, nur wussten es die vier Affen nicht. Diese Parabel lehrt, dass die Rolle des Wissens, der Intellektuellen
in einer Gesellschaft, nicht unbedingt immer positiv sein muss. Anders
gesagt: "Intelligenz macht Organisation dumm". Damit soll gesagt
sein, dass für Wissen und eine Intelligenz "Andersdenkende"
erforderlich sind, die die Gesellschaft immer wieder aufwecken, Vorurteile
auflösen und neue Standpunkte einnehmen. Aber natürlich ist die Organisieren eines Intellektuellensystems, das die Gesellschaft heilt und erneuert, nicht so einfach. Je komplexer sich eine Gesellschaft entwickelt, umso schwieriger ist es, Krisen vorauszudenken und präventiv einzugreifen. Außerdem kommt es häufig vor, dass wir die Gefahren, obgleich sie uns in der sog. "Risikogesellschaft" oder "Versicherungsgesellschaft" ständig und überall auflauern, nicht bemerken, weil unsere Sinneswahrnehmung getrübt sind. Dieses Phänomen beschreibt der Ökologe Gregory Bateson sehr anschaulich mit einem Vergleich. Wenn man einen Frosch in warmes Wasser setzt und die Temperatur langsam ansteigen lässt, stirbt der Frosch wenig später im kochenden Wasser. Wenn man einen Frosch jedoch in bereits kochendes Wasser werfen würde, würde er sofort versuchen herauszuspringen und zu fliehen. Ich denke, dass dieser Vergleich auch auf uns - die wir bereits eine
lange Zeit in der Teilung leben - anwendbar ist. Und gleichzeitig hoffe ich auf den Schock, wenn deutlich wird, dass das von den vier Affen veranstaltete lärmende Affentheater schließlich nicht mehr war als ein Scherz der Trolle. Ich denke nämlich, dass ein solcher Schock eine "Ökologie des Geistes" ermöglicht, die uns unsere geistige Krisensituation aktiv bewusst macht.
Ich wünsche mir, dass ein Impuls ausgelöst wird, der die Menschen untereinander und die Menschen und die Natur in diesem zweigeteilten Land einen Schritt weiter aufeinander zugehen lässt, auf dem Weg zur Versöhnung dieses herrlichen Landes. Auch meine Soehne, deren Erwartungen beim ersten Betreten des Geburtslandes ihrer Eltern einer bitteren Enttäuschung Platz machten, setzen auf eine weise Entscheidung des Gerichts. Unsere Familie erwartet einen fairen Richterentscheid, der uns die Gewissheit geben kann, dass es sich lohnt dieses Land zu lieben, weil es aufgeweckt und gesund ist. Ich danke Euer Ehren vielmals, dass Sie es mir erlaubt haben, mein Schlusswort vorzutragen. Ich setze meine Hoffnung auf die Entscheidung dieses Gerichts, auf das dieses Land und die gesamte Welt schaut. 9. Maerz 2004, Song Du-Yul |