Starnberg, 22. Dezember 2003

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,

gestatten Sie mir eine Stellungnahme zum Prozess gegen meinen Kollegen und früheren Schüler Prof. Du-Yul Song.

Ich habe Verhaftung, Verhör und Anklage mit Erstaunen und Unverständnis beobachtet und verfolge nun die Verhandlungen mit großer Sorge. Nach meiner Kenntnis der Person erscheinen mir die Anklagen der Staatsanwaltschaft, soweit sie nach rechtstaatlichen Maßstäben überhaupt ins Gewicht fallen dürften, ganz unwahrscheinlich.

Herr Song hat bei mir im Jahre 1972 mit einer guten philosophischen Dissertation über "Die Bedeutung der asiatischen Welt bei Hegel, Marx und Max Weber" promoviert. An dem wissenschaftlichen Charakter dieser Arbeit besteht nicht der geringste Zweifel. Andernfalls wäre Herr Song nicht promoviert worden. Später hat sich mein ursprünglicher Eindruck bei der Lektüre einiger Bücher des inzwischen zum soziologischen Kollegen avancierten Doktoranden bestätigt. Wenn man hinter den kritischen und kenntnisreichen Untersuchungen, die in Deutschland unter den Titeln "Metamorphosen der Moderne" (1990) und "Kore-Kaleidoskop" (1995) erschienen sind, eine unbedenkliche politische Motivation vermuten darf, dann allein jene eindrucksvolle Leidenschaft eines demokratischen Patriotismus, der mir während meines letzten Besuchs in Korea (1996) bei vielen Kollegen auffiel.

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, ich appelliere an Ihre berufliche Integrität und vertraue darauf, dass Ihr unparteiliches Urteil einen untadeligen Wissenschaftler und deutschen Staatsbürger davor bewahrt, zum Spielball innenpolitischer Querelen zu werden. Ich bitte Sie, auch den Schaden in Erwägung zu ziehen, der für das Ansehen der Republik Korea in der Weltöffentlichkeit daraus entstehen würde, wenn in diesem prominenten Fall ein uner heutigen Umständen längst überholtes, weil mit rechtstaatlichen Grundsätzen unvereinbares Nationales Sicherheitsgesetz noch einmal Anwendung finden würde.

Ich erlaube mir, eine Kopie dieses Schreibens an meinen Freund Joschka Fischer zu schicken, der als oberster Dienstherr für den diplomatischen Schutz deutscher Staatsbürger im Ausland Sorge trägt.

Mit verbindlichen Empfehlungen,

Ihr ergebener

Jürgen Habermas