Liebe Freunde und Kollegen meines Vaters,

heute um 14:00 Uhr fand in Seoul der erste Verhandlungstag der Berufung
statt. Anders als im ersten Prozess scheint die Atmosphaere weitaus
sachlicher und entspannter zu sein. Anders als zuvor wurde mein Vater nach
Ende der Verhandlung wie ein Schwerverbrecher in Handschellen mit aller
Gewalt herausgezerrt, sondern anschliessender persoenlicher Kontakt war
erlaubt. Laut Aussagen der Koreaner schien auch der Richter wesentlich
offener und liberaler zu sein. Meinem Vater wurde erlaubt, in aller Laenge
seine Eingangserklaerung zu halten. Leider liegt kein Protokoll des
heutigen Tages vor. Vielleicht kann man das Protokoll der deutschen
Botschaft erhalten. Dennoch eine kleine Anekdote: Mein Vater hatte im
Plaedoyer von Affen gesprochen. Einer der Staatsanwaelte hat heute
ausdruecklich gesagt, dass dieses Gleichnis als persoenliche Beleidung
aufgefasst worden waere und dies einer der Gruende gewesen waere, in
Berufung zu gehen.

Der Richter hat den 2. Juni als naechsten Termin festgesetzt. Dabei wird
die Verhandlung im zweiwoechigen Abstand durchgefuehrt werden. Als Ende
wird von den Anwaelten Ende Juni erwartet.

In den letzten Tagen gelang es durch grossen Einsatz und Vermittlung von
Freunden meines Vaters, einen Menschenrechtsanwalt, Herrn Schultz, aus
Bremen zu gewinnen. Er hat sich bereiterklaert, den Fall zu uebernehmen
und wird auch zu den Verhandlungsterminen nach Korea fliegen. Auch wenn er
nicht als Verteidiger auftreten kann, wird seine Anwesenheit als
Beobachter sicher positiv aufgenommen werden. Zumindest sind die
koreanischen Verteidiger und der deutsche Konsul vom Einschalten eines
deutschen Anwaltes sehr angetan.

Viele Gruesse,
Dschun Song