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Drucken 30.03.2004   19:42 Uhr

Südkorea

Der Heimweg führte in Block 11, Zelle 1

Ein Professor aus Münster, der nach 37 Jahren Exil Südkorea wiedersehen wollte, sitzt wegen seiner Sympathien für Nordkorea im Gefängnis.
Von Henrik Bork

 

» Zur Begrüßung presst Professor Song Du Yul die rechte Hand an die Glasscheibe. «

Zur Begrüßung presst Professor Song Du Yul die rechte Hand an die Glasscheibe. Die Besucher drücken ihre Rechte von außen dagegen. Kalt fühlt es sich an. Händeschütteln ist nicht erlaubt.

Im Besuchsraum 24 des Guchiso-Gefängnisses in Anyang, einem Vorort von Seoul, ist Song durch zwei Panzerglasscheiben und ein Drahtgitter von der Außenwelt getrennt, wie ein Schwerverbrecher. Auf der rechten Brustseite seiner hellblauen Häftlingsjacke steht „Block 11, Zelle 1“, links prangt die Häftlingsnummer „65“.

Promotion bei Habermas

Song, ein 59-jähriger Soziologieprofessor der Universität Münster, deutscher Staatsbürger koreanischer Herkunft, sitzt seit dem 22. Oktober hier in Haft. Unter Berufung auf das Nationale Sicherheitsgesetz wird er in einem politischen Schauprozess vorgeführt, wie man ihn so grotesk sonst nur aus Diktaturen kennt.

37 Jahre lang hat der linke Intellektuelle in Deutschland gelebt, bei Jürgen Habermas promoviert und sich in den Siebzigerjahren gegen die damalige Militärdiktatur in Südkorea engagiert. Nun legt man ihm in Seoul seine Kontakte zu Nordkorea zur Last.

Dort fahren zwar neuerdings sogar südkoreanische Präsidenten hin und schütteln dem Diktator Kim Jong Il die Hand. Dem anachronistischen Sicherheitsgesetz zufolge gilt die nordkoreanische Führung im Süden aber immer noch als „staatsfeindliche Organisation“.

40 Agenten des Geheimdienstes NIS hatten am 22. September 2003 am Flughafen auf Song gewartet, als der zum ersten Besuch aus dem Exil zurückkehrte. Zunächst wurde er tagelang vom Geheimdienst verhört. Dann übernahm die Staatsanwaltschaft.

„Meine Haftbedingungen sind miserabel“

Song musste in Handschellen und mit einem Strick gefesselt bis zu 15-stündige Befragungen erdulden, bisweilen ließ man ihn in einem eisigen Keller warten. „Meinem Mann lief die Nase, aber er konnte sie sich wegen der Handschellen nicht einmal abwischen“, sagt seine Frau Song Chong Hee. „Sie haben ihn gefoltert und gedemütigt“, sagt auch sein Sohn Rinn Song.

„Meine Haftbedingungen in der U-Haft sind miserabel“, sagt der Professor. „Die Zelle ist nur drei Quadratmeter groß.“ Rund um die Uhr brennt Neonlicht. Songs deutsche Staatsbürgerschaft wird von den südkoreanischen Justizbehörden ignoriert.

Auf die Frage, was dem Professor vorgeworfen werde, liest der leitende Staatsanwalt Park Man ausführlich aus einer zentimeterdicken Anklageschrift vor: „Im Mai 1991 ist Song Mitglied des nordkoreanischen Politbüros geworden. Zwischen 1991 und 1994 hat er jährlich 20 000 bis 30 000 US-Dollar aus Nordkorea angenommen.“

Damit habe Nordkorea die Aktivitäten Songs unterstützt, so auch die „Verbreitung der nordkoreanischen Ideologie“. Selbst wenn das alles stimmen sollte, wäre Song schlimmstenfalls ein käuflicher Sympathisant des nordkoreanischen Regimes, aber kein Terrorist oder Meisterspion.

Abwehr gegen „ideologische Attacken“

Findet der Staatsanwalt die geforderten 15 Jahre Gefängnis da nicht exzessiv? Südkorea müsse sich noch immer gegen „ideologische Attacken“ des gefährlichen Nordens schützen, antwortet Staatsanwalt Park Man.

Song streitet die angebliche Mitgliedschaft als „Kandidat des Politbüros auf Rang 23“ jedoch ab. Er gibt lediglich zu, bei einem seiner zahlreichen Besuche in Nordkorea Mitglied der KP geworden zu sein. Das empfangene Geld habe er für ein Korea-Forschungsinstitut in Göttingen verwandt.

„Mein Vater wird behandelt, als sei er ein hoch bezahlter Spion gewesen“, sagt der 27-jährige Rinn Song. „Dabei hat er sich nach dem Erlebnis der deutschen Wiedervereinigung um den Austausch zwischen Nord- und Südkorea verdient gemacht.“ Song hat sechs Seminare in Peking und Pjöngjang organisiert, an dem Wissenschaftler aus beiden Teilen Koreas teilnahmen.

Das Nationale Sicherheitsgesetz ist von Menschenrechtsorganisationen immer wieder kritisiert worden, weil es zur Verfolgung politischer Gegner missbraucht wurde. Auch die Prozessprotokolle in diesem Fall zeigen, dass die politische Gesinnung Songs zur Debatte stand – das macht ihn zu einem Gewissensgefangenen.

Sieben Jahre Haft

Doch selbst wenn man die Verfassungsmäßigkeit des Sicherheitsgesetzes anerkennen wollte, bleiben Fragen. „Sie haben eine Diskette vorgelegt, auf der Songs führende Rolle in Nordkorea dokumentiert sein soll“, sagt Songs Anwalt Song Ho Chang. „Aber jedes Detail solch einer Floppy-Disc kann manipuliert werden.“



» Zum Abschied wieder die warme Geste. Und die Kälte der Glasscheibe. «

Darüber hinaus wurde ein Überläufer aus dem Norden als Zeuge der Anklage gehört, der die angebliche Politbüromitgliedschaft Songs nur vom Hörensagen her bestätigte. Die Verteidigung hatte daher auf Freispruch plädiert.

Am Dienstag nun ist Professor Song vom Bezirksgericht in Seoul zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Der Richter folgte im Wesentlichen der Sichtweise der Staatsanwaltschaft, wie Rinn Song, der Sohn, bemerkt. Sein Vater will Berufung einlegen.

Beim Besuch im Gefängnis ist nur Zeit für eine weitere Frage. „Sind Sie zu früh nach Südkorea zurückgekommen, Herr Song?“ - „Möglicherweise wäre mir nach den Wahlen am 15. April, bei dem die Unterstützer des progressiven Präsidenten Roh Moo Hyun gewinnen könnten, nichts passiert“, sagt Song Du Yul. „Aber so etwas kann man in Südkorea nie vorhersehen.“ Zum Abschied wieder die warme Geste. Und die Kälte der Glasscheibe.

(SZ vom 31.3. 2004)



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