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"Kann begrenzt werden"
Wie die Freiheit der Forschung in Südkorea vor Gericht steht
VON KARL GROBE

Das Urteil eines Distriktsgerichts in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul gegen den deutsch-koreanischen Wissenschaftler Song Du Yul verdunkelt das fröhliche Bild der Wende einer knallharten Entwicklungsdiktatur zur freiheitlichen und rechtsstaatlichen Ordnung. In einem Schlüsselsatz hat Richter Lee Dae Kyong ausgeführt: "Die Freiheit der Forschung und des Gewissens kann aus Gründen der nationalen Sicherheit und Ordnung begrenzt werden."

Freiheit der Forschung: Song Du Yul ist vorgehalten worden, er habe sich der immanenten Methode bedient, um das Funktionieren des nordkoreanischen Systems zu erforschen; das System habe er also mit seiner Selbstdarstellung konfrontiert. Das bedrohte, dem Urteilstenor zufolge, die Ruhe und Ordnung, weil es "die theoretische Grundlage" geboten habe, "Kim Il Sungs Ideologie durch wissenschaftliche Schriften und Beiträge ... im Süden zu verbreiten".

Brecht und die Schweiz
Brecht und die Schweiz hatten immer ein besonderes Verhältnis, seit Brecht dort im Exil war. Insbesondere steht dafür der "Puntila", den Brecht 1948 in Zürich inszeniert hat.
Freiheit des Gewissens: Song Du Yul hat sich, als Student und Wissenschaftler in Deutschland sowie als deutscher Staatsbürger koreanischer Abkunft, für die Demokratiebewegung in Südkorea eingesetzt. Die war, so definiert im Verständnis der Diktatoren, aber ein Fellow Traveller des Nordens, also laut Nationalem Sicherheitsgesetz (von 1948, in Kaltkriegszeiten mehrfach revidiert) strafwürdig. Ein demokratisches Gewissen, verbunden mit dem Bewusstsein nationaler Zusammengehörigkeit, kostet sieben Jahre Haft, wenn es mit "Grenzgängertum" (Song) gepaart ist.

Wurzeln des Patriotismus

Nach den Wurzeln des Patriotismus zu forschen, der Song antreibt, war nicht Thema des Gerichts. Es hätte sich dann damit auseinandersetzen müssen, wer der Militärdiktator war, der Song in den späten sechziger Jahren die Heimkehr nach Südkorea verbot: Park Chung Hee, ehemals Leutnant der japanischen Armee, Kollaborateur also der Kolonialmacht; später der Promoter einer "Gelenkte Demokratie" genannten Entwicklungsdiktatur, in der die Freiheit des Gewissens und der Forschung hinter dem Interesse des Ordnungsstaates zurückzustehen hatte. Sein blasser Wiedergänger steht im Urteil des Bezirksgerichts vom Dienstag, weil er schon im Nationalen Sicherheitsgesetz durch alle Paragrafen spukt.

Die formalen Urteilsgründe zu bewerten ist müßig. Der Anklagepunkt, Song sei unter falschemNamen Mitglied des Nord-Politbüros gewesen, stützt sich auf eine Aussage des Überläufers Hwang Jang Yop, der das vom Hörensagen gewusst haben will, und auf ein abgefangenes Chiffre-Telegramm eines nordkoreanischen Diplomaten, in beiden Fällen auf Geheimdienst-Vorgaben.

Südkoreas Justiz hat mit diesem Urteil gegen einen deutschen Staatsbürger dem Anliegen des Staates erheblich geschadet, sich auf der Frankfurter Buchmesse 2005 als moderner Kulturstaat zu präsentieren. Bis dahin ist noch Zeit zur Korrektur. Die Zusage der südkoreanischen Botschaft vom September, Song könne, da sich die Demokratie durchgesetzt habe, furchtlos nach 37 Jahren heimkehren, lässt Fragen nach Motiven und Hintergründen aufkommen; vielleicht waren die Diplomaten in Berlin naiverweise überzeugt, dass alte Verhältnisse überwunden sind, und stärkten deshalb Songs - wie sich sofort zeigte, naive - Zuversicht.

Dann aber stellt sich die Frage nach dem politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund. Der ist charakterisiert durch einen unvollendeten Wandel der politischen Kultur. Die Bürokratien, besonders der geheimen Dienste, sind noch beherrscht von den Denkmustern jener Generation, die im Süden seit 1945 herrschte. Diese - nunmehr alte - Generation sah aus Gewohnheit und aus Machtinteresse die Abhängigkeit von der Washingtoner Politik als Grundlage ihres Handelns und Garantie für den Staat an. Sie verdankte ihre Position den USA aus mehreren Gründen.

Unentbehrliche Fachkräfte

Nach der Befreiung von der japanischen Kolonialherrschaft stützten sich die US-Militärbehörden in Südkorea auf die "unentbehrlichen Fachkräfte", die vorher Japan gedient hatten, schoben die unter Links-Verdacht stehenden Volkskomitees und nationalen Widerstandskämpfer ins Abseits und ließen den Exilpolitiker Syngman Rhee eine erste Diktatur errichten. Den Krieg von 1950 bis 1953 gewannen die USA. Gegen den nordkoreanischen Feind blieben sie als Garantiemacht im Lande. Sie stützten indessen auch die Militärdiktaturen; bis zu Herrschaft von Park Chung Hee (1961 bis 1979).

Die so genannte "Generation 386", die mit dem Computer groß geworden ist und seit den achtziger Jahren den demokratischen Wandel herbeigeführt hat, ist in dieser Denkweise nicht mehr daheim. Sie ist national selbstbewusst und gerade nicht unpolitisch. Der aus politischer Hybris geborene Vorstoß der Hannara-Partei, Präsident Roh des Amtes zu entheben, mobilisiert sie. Der Mittelstand der Millionenstädte geht mit ihr auf die Straße, diszipliniert und politisch bewusst. Die - von einem anderen Gericht als ordnungswidrig verbotenen - Kerzenlicht-Demonstrationen vereinigen die Veteranen der Protest- und Demokratiebewegungen von 1974, 1980 und 1988; zu deren Inspiratoren aus der europäischen Ferne aber hat gerade Song Du Yul gehört.

Weltoffen, ans Internet gewöhnt und modern ist die junge Mehrheit der unter Vierzigjährigen. Sie geht mit der Wirtschaftsoligarchie insofern konform, als sie in den wissensintensiven Gewerbezweigen Südkoreas Zukunft sieht; sie schreibt auch Nordkorea nicht ab. Da enden die Gemeinsamkeiten des Denkens und Handelns jedoch. Die Jungen wollen jene Freiheit des Forschens und des Gewissens, die Richter Lee dem Wissenschaftler Song soeben verboten hat.



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Dokument erstellt am 30.03.2004 um 16:48:19 Uhr
Erscheinungsdatum 31.03.2004