Das Urteil eines
Distriktsgerichts in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul gegen den
deutsch-koreanischen Wissenschaftler Song Du Yul verdunkelt das fröhliche Bild
der Wende einer knallharten Entwicklungsdiktatur zur freiheitlichen und
rechtsstaatlichen Ordnung. In einem Schlüsselsatz hat Richter Lee Dae Kyong
ausgeführt: "Die Freiheit der Forschung und des Gewissens kann aus Gründen der
nationalen Sicherheit und Ordnung begrenzt werden."
Freiheit der
Forschung: Song Du Yul ist vorgehalten worden, er habe sich der immanenten
Methode bedient, um das Funktionieren des nordkoreanischen Systems zu
erforschen; das System habe er also mit seiner Selbstdarstellung konfrontiert.
Das bedrohte, dem Urteilstenor zufolge, die Ruhe und Ordnung, weil es "die
theoretische Grundlage" geboten habe, "Kim Il Sungs Ideologie durch
wissenschaftliche Schriften und Beiträge ... im Süden zu
verbreiten".
Freiheit des
Gewissens: Song Du Yul hat sich, als Student und Wissenschaftler in Deutschland
sowie als deutscher Staatsbürger koreanischer Abkunft, für die
Demokratiebewegung in Südkorea eingesetzt. Die war, so definiert im Verständnis
der Diktatoren, aber ein Fellow Traveller des Nordens, also laut Nationalem
Sicherheitsgesetz (von 1948, in Kaltkriegszeiten mehrfach revidiert)
strafwürdig. Ein demokratisches Gewissen, verbunden mit dem Bewusstsein
nationaler Zusammengehörigkeit, kostet sieben Jahre Haft, wenn es mit
"Grenzgängertum" (Song) gepaart ist.
Wurzeln
des Patriotismus
Nach den Wurzeln des Patriotismus zu forschen, der
Song antreibt, war nicht Thema des Gerichts. Es hätte sich dann damit
auseinandersetzen müssen, wer der Militärdiktator war, der Song in den späten
sechziger Jahren die Heimkehr nach Südkorea verbot: Park Chung Hee, ehemals
Leutnant der japanischen Armee, Kollaborateur also der Kolonialmacht; später der
Promoter einer "Gelenkte Demokratie" genannten Entwicklungsdiktatur, in der die
Freiheit des Gewissens und der Forschung hinter dem Interesse des
Ordnungsstaates zurückzustehen hatte. Sein blasser Wiedergänger steht im Urteil
des Bezirksgerichts vom Dienstag, weil er schon im Nationalen Sicherheitsgesetz
durch alle Paragrafen spukt.
Die formalen Urteilsgründe zu bewerten ist
müßig. Der Anklagepunkt, Song sei unter falschemNamen Mitglied des
Nord-Politbüros gewesen, stützt sich auf eine Aussage des Überläufers Hwang Jang
Yop, der das vom Hörensagen gewusst haben will, und auf ein abgefangenes
Chiffre-Telegramm eines nordkoreanischen Diplomaten, in beiden Fällen auf
Geheimdienst-Vorgaben.
Südkoreas Justiz hat mit diesem Urteil gegen einen
deutschen Staatsbürger dem Anliegen des Staates erheblich geschadet, sich auf
der Frankfurter Buchmesse 2005 als moderner Kulturstaat zu präsentieren. Bis
dahin ist noch Zeit zur Korrektur. Die Zusage der südkoreanischen Botschaft vom
September, Song könne, da sich die Demokratie durchgesetzt habe, furchtlos nach
37 Jahren heimkehren, lässt Fragen nach Motiven und Hintergründen aufkommen;
vielleicht waren die Diplomaten in Berlin naiverweise überzeugt, dass alte
Verhältnisse überwunden sind, und stärkten deshalb Songs - wie sich sofort
zeigte, naive - Zuversicht.
Dann aber stellt sich die Frage nach dem
politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund. Der ist
charakterisiert durch einen unvollendeten Wandel der politischen Kultur. Die
Bürokratien, besonders der geheimen Dienste, sind noch beherrscht von den
Denkmustern jener Generation, die im Süden seit 1945 herrschte. Diese - nunmehr
alte - Generation sah aus Gewohnheit und aus Machtinteresse die Abhängigkeit von
der Washingtoner Politik als Grundlage ihres Handelns und Garantie für den Staat
an. Sie verdankte ihre Position den USA aus mehreren Gründen.
Unentbehrliche
Fachkräfte
Nach der Befreiung von der japanischen Kolonialherrschaft
stützten sich die US-Militärbehörden in Südkorea auf die "unentbehrlichen
Fachkräfte", die vorher Japan gedient hatten, schoben die unter Links-Verdacht
stehenden Volkskomitees und nationalen Widerstandskämpfer ins Abseits und ließen
den Exilpolitiker Syngman Rhee eine erste Diktatur errichten. Den Krieg von 1950
bis 1953 gewannen die USA. Gegen den nordkoreanischen Feind blieben sie als
Garantiemacht im Lande. Sie stützten indessen auch die Militärdiktaturen; bis zu
Herrschaft von Park Chung Hee (1961 bis 1979).
Die so genannte
"Generation 386", die mit dem Computer groß geworden ist und seit den achtziger
Jahren den demokratischen Wandel herbeigeführt hat, ist in dieser Denkweise
nicht mehr daheim. Sie ist national selbstbewusst und gerade nicht unpolitisch.
Der aus politischer Hybris geborene Vorstoß der Hannara-Partei, Präsident Roh
des Amtes zu entheben, mobilisiert sie. Der Mittelstand der Millionenstädte geht
mit ihr auf die Straße, diszipliniert und politisch bewusst. Die - von einem
anderen Gericht als ordnungswidrig verbotenen - Kerzenlicht-Demonstrationen
vereinigen die Veteranen der Protest- und Demokratiebewegungen von 1974, 1980
und 1988; zu deren Inspiratoren aus der europäischen Ferne aber hat gerade Song
Du Yul gehört.
Weltoffen, ans Internet gewöhnt und modern ist die junge
Mehrheit der unter Vierzigjährigen. Sie geht mit der Wirtschaftsoligarchie
insofern konform, als sie in den wissensintensiven Gewerbezweigen Südkoreas
Zukunft sieht; sie schreibt auch Nordkorea nicht ab. Da enden die
Gemeinsamkeiten des Denkens und Handelns jedoch. Die Jungen wollen jene Freiheit
des Forschens und des Gewissens, die Richter Lee dem Wissenschaftler Song soeben
verboten hat.