| Quelle: Der Spiegel Datum: 27.10.2003 Autor: Wieland Wagner Reale Kälte (Südkorea: Kims Soziologe aus Münster) Verschwörungsaffäre oder Spionagefall? Song Du Yul, ein Soziologe der Universität Münster, wurde in Seoul verhaftet Die Heimkehr aus dem Exil begann als Triumph: Hunderte Verehrer bejubelten den in Münster lehrenden koreanischen Soziologen Song Du Yul, 59, als er jüngst nach 37 Jahren in Seoul eintraf. Doch was als Vortragsreise geplant war, endete vergangene Woche als Spionagefall: mit Songs Verhaftung in Handschellen. Dem angesehenen Professor - er schrieb seine Doktorarbeit bei Philosoph Habermas, veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze und besitzt seit 1993 die deutsche Staatsbürgerschaft - wird vorgeworfen, jahrelang als Agent für Nordkoreas Diktator Kim Jong Il aktiv gewesen zu sein. Im Fall einer Verurteilung droht die Todesstrafe. Die Festnahme des Akademikers löste bei Songs Kollegen in Münster Bestürzung aus. In einem Brief baten sie den deutschen Botschafter in Seoul, sich für Song einzusetzen. Diesem werde "letztlich nichts anderes vorgeworfen, als Kontakte mit Wissenschaftler und Politikern Nordkoreas" unterhalten zu haben. Tatsächlich wiegen die Vorwürfe gegen Song weit schwerer: Nach Aussagen von Überläufern aus dem kommunistischen Norden gehörte Song unter dem Decknamen Kim Chul Su als nicht ständiges Mitglied dem Politbüro in Pjöngjang an - angeblich auf Platz 23 der Partei-Hierarchie. Filmaufnahmen, die Südkoreas Fernsehen nach dessen Rückkehr sendete, zeigen diesen offenbar neben Ex-Staatschef Kim Il Sung. Bei einer anderen Szene, 1994, schüttelt er dem jetzigen Diktator Kim während der Trauerfeier für dessen Vater weinend die Hände. Zwar streitet Song eine Mitgliedschaft im Politbüro seit längerem ab; bereits vor zwei Jahren gab ihm ein südkoreanischens Gericht in dieser Frage Recht. Doch bei den Vernehmungen räumte der Professor jetzt ein, seit 1973 der nordkoreanischen Arbeiterpartie angehört zu haben. Das, so die bizarre Begründung, sei ein Teil der Einreiseformalitäten gewesen, um Kontakte mit dem Norden knüpfen zu können. Außerdem gestand Song ein, für Korea-Studien sowie für Reisen nach Pjöngjang mehrere zehntausend Dollar kassiert zu haben. Das Lebenswerk des Linksintellektuellen, der sich 1967 von Südkoreas Militärdiktatur Park Chung Hee nach Deutschland absetzte, erscheint nun in einem neuen, sehr irritierenden Licht. In Seoul rätselt man, warum der gelernte Philosoph Dollar von einem Despoten entgegennahm, der immerhin bis zu 200000 Häftlinge in seinen Konzentrationslager foltern läßt und unter dessen Regime etwa zwei Millionen Untertanen grausam verhungerten. Obendrein vertieft das Drama um Song in Südkorea den politischen Riss zwischen den liberalen Kräften, die gegenüber Nordkorea auf Versöhnung setzen, und dem konservativen Lager, das Pjöngjang nach wie vor misstraut: Ist Song nur ein patriotischer Wissenschaftler - er selbst bezeichnet sich als "Grenzgänger" -, der seinen Einsatz für eine Vereinigung der Halbinsel auf naive Weise übertrieb? Oder wurde der angebliche Spion, wie die rechte Opposition in Seoul argwöhnt von Diktator Kim gar als Bauernopfer in den Süden geschickt, damit sein Fall weltweite Proteste gegen das Nationale Sicherheitsgesetz auslöst? Nach diesem Paragraphenwerk - es stammt noch aus der Zeit der Militärdiktatur und ahndet nicht genehmigte Kontakte mit drakonischen Strafen - machte sich Song mit seinen häufigen Reisen nach Pjöngjang schuldig. Klar ist indes: Vor seiner Rückkehr war Song von Südkoreas Geheimdienst signalisiert worden, dass er unter dem liberalen Präsidenten Roh Moo Hyun keine Strafe zu erwarten habe. "Mein Vater kannte die Vorwürfe und Wollte die Anschuldigungen klären", sagt Song Rinn in Berlin. Doch aus der Wärme des deutschen Exils kam der angebliche Spion dann in die reale Kälte Südkoreas: Technisch befindet sich das Land seit dem Korea-Krieg (1950-1953) noch mit dem Norden im Krieg. Und die Furcht vor dem unberechenbaren Nachbarn lässt sich politisch stets ausschlachten. Vor allem der oppositionellen Großen Nationalpartei (GNP) kam Songs Rückkehr daher recht: Sie will den politische angeschlagenen Präsidenten Roh als nationales Sicherheitsrisiko blamieren. Ihre Mehrheit im Parlament nutzte die GNP, um den Geheimdienst zu Ermittlungen gegen Song zu drängen. Andernfalls, drohte die Partei, werde an der Behörde drastisch den Haushalt kürzen: Ein strenges Vorgehen gegen Song wurde somit zur Frage des beruflichen Überlebens. Für den unpopulären Roh wird Song nun zur Bürde. Im Dezember will sich Roh von den Wählern das Vertrauen aussprechen lassen - kein Wunder, dass er sich von dem Professor distanziert. Gegen den Rückkehrer sei nach den Grundsätzen der heimischen Gesetze zu verfahren, fordert Roh: "Was strafwürdig ist, muss bestraft werden." Noch hoffen Songs Anhänger, dass ihn sein deutscher Pass vor Strafe schützt. Doch eine glimpfliche Lösung - etwa durch Abschiebung nach Deutschland - will der Gelehrte möglicherweise selbst verhindern. Von tagelangen Verhören sichtlich ermüdet, erschreckte Song auch Freunde mit einer Ankündigung, die trotzig nach landesüblichen Märtyrertum klingt: Seine deutsche Staatsbürgerschaft, so Song, wolle er aufgeben und fortan als "gesetzestreuer Bürger" in Südkorea leben. Dazu: Leserbrief aus 'Covering Korea'
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