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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.2003
Wissenschaftler soll "bereuen"
Deutsch-koreanischer Soziologe in Seoul verhaftet
Die Affäre um den deutsch-koreanischen
Soziologieprofessor Song Du-yul, der Ende September nach 37 Jahren erstmals
in sein Heimatland Südkorea zurückgekehrt war und seitdem dort festgehalten
wird, hat sich in den vergangenen Tagen zugespitzt. Nach mehreren, oft
über 15 Stunden dauernden Verhören von Geheimdienst und Staatsanwaltschaft
ist Song nun am Mittwoch dem Haftrichter in Seoul vorgeführt worden.
Die Staatsanwaltschaft hatte am Dienstag Haftbefehl gegen ihn beantragt.
Begründet wurde dies mit einem "besonders schwerwiegenden Fall" sowie
mit Flucht- und Verdunklungsgefahr. Das Gericht gab am Abend dem Antrag
statt.
Song wird in einem Land, das seit sechs Jahren auf die
Entspannungspolitik und Austausch mit Nordkorea setzt, ein "Nationales
Sicherheitsgesetz" zum Verhängnis, das pronordkoreanische Aktivitäten
oder nichtgenehmigte Kontakte mit dem Norden unter hohe Strafen stellt.
Dem Münsteraner Hochschullehrer, der vor zehn Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft
erworben hat, wird vorgeworfen, seit 1991 Kandidat im Politbüro der nordkoreanischen
Arbeiterpartei zu sein. Er soll für Pjöngjang spioniert und grössere
Summen Geldes von Nordkorea angenommen haben und etwa zwanzigmal dorthin
gereist sein. Diese Vorwürfe wurden über die südkoreanischen Medien
kolportiert, die vom südkoreanischen Geheimdienst "gefüttert" werden.
Song bestreitet nicht, zu Studienzwecken mehrfach in Pjöngjang gewesen
zu sein, Geld für Forschung angenommen zu haben und 1973 Mitglied der
nordkoreanischen Partei geworden zu sein, weil dies, wie er behauptet,
mit der Einreise einherging. Unglücklich war, dass Song diese Eingeständnisse
nur scheibchenweise in Seoul servierte und sich des öfteren in Widersprüchlichkeiten
verfing.
Sein Sohn Song Rinn berichtete dieser Zeitung, sein Vater
sei von der Staatsanwaltschaft massiv unter Druck gesetzt worden, ein
"Reueschreiben" zu unterzeichnen oder die ihm vorgeworfene Mitgliedschaft
im Politbüro der nordkoreanischen Arbeiterpartei zuzugeben. Wenn er in
diesen Punkten nicht nachgebe, so habe man ihm klargemacht, drohe ihm
die Anklage, die theoretisch mit der Todesstrafe oder lebenslanger Haft
enden könne. Song Du-yul habe sich darauf nicht eingelassen.
Nicht nur für Songs Familie, auch für die deutsche Botschaft
in Seoul kam der jetzige Antrag eines Haftbefehls überraschend. Diplomatischen
Gepflogenheiten entsprechend, wurde gegenüber dem Aussenministerium Besorgnis
ausgedrückt, und der deutsche Botschafter bat um einen Termin mit der
Justizministerin.
Klar ist, dass es in der Auseinandersetzung immer weniger
um Song geht und immer mehr um die südkoreanische Innenpolitik, die alte
Auseinandersetzung zwischen links und rechts über die Richtung der Nordkorea-Politik.
Vor allem angesichts des angeschlagenen Präsidenten Roh Moo-hyun und
vor den Parlamentswahlen im Frühjahr versucht die konservative Oppositionspartei,
die im Parlament die Mehrheit hat, den Fall Song zu nutzen, um Dissidenten
zu diskreditieren und die "laxe" Sicherheitspolitik der Regierung Roh
und von dessen Vorgänger Kim Dae-jung anzugreifen. Südkorea sei von
nordkoreanischen Spionen unterwandert, wird behauptet.
Song Du-yuls Kollegen in Münster wandten sich mit einem
Brief an den deutschen Botschafter in Seoul mit der Bitte, sich für ihn
einzusetzen. "Professor Song wird letztlich nichts anderes vorgeworfen,
als mit Wissenschaftlern und Politikern Nordkoreas in aller Welt Kontakt
gehabt und diese Kontakte auch noch gepflegt und ausgebaut zu haben",
heisst es in dem Schreiben. In den Jahren vor der deutschen Wiedervereinigung
hätten die meisten seiner deutschen Kollegen Gleiches getan. "Herr Song
hat immer wieder im Kollegenkreis deutlich gemacht, wie stark der lange
deutsche Einigungsprozess sein Denken geprägt hat."
(23. 10. 2003, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Anne
Schneppen)
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